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profil-Morgenpost
05/31/2022

Es lebe der Zank!

Lieber heftig debattieren als gar nicht miteinander reden. profil streitet für die Streitlust.

von Wolfgang Paterno

Als die Welt noch ruppiger und rauer war als heute, hielt man es mit der hübschen Regel, sich vor Kampfgetümmel und Keule-auf-den-Kopf mittig auf dem Schlachtfeld zu treffen und einander ergiebig zu beschimpfen: „Ihr Söhne räudiger Hunde!“, keppelte der eine Feldherr in Richtung der Feindarmee. „Ihr Tölpel und Tunichtgute!“, entgegnete sein Gegenüber: „Haderlumpe und Tagediebe, das seid ihr!“ Was man halt so redet, ehe man Schwerter und Streitäxte, Florett und Dreschflegel zückt. Im Idealfall folgte auf den Widerstreit der Worte ein völkerverbindendes Besäufnis samt In-den-Armen-Liegen zu mitternächtlicher Stunde.

Staub, Steine und Scherben

Längst sind solche Rituale ausgestorben, das zwischenmenschliche Hauen und Töten jedoch nicht, wie man bedauerlicherweise anmerken muss. Jede Kioskschlägerei bietet den Beteiligten die Gelegenheit, ohne wesentlichen Vorab-Dialog in der Notaufnahme zu landen. Das Leben im Internet spielt sich unverkennbar in den Untiefen der ordinären Beschimpfungs- und Beleidigungskultur ab. Apropos Manieren und Miteinander-Reden: Russlands Außenminister Sergej Lawrow, bekanntermaßen ein pitbulliger Mann zum Fürchten, scheint weder Kooperation noch Agreement zu kennen: „Wir werden keine anderen Länder attackieren, haben auch die Ukraine nicht attackiert“, äußerte Lawrow zwei Wochen nach dem Kriegsbeginn in der Ukraine. Und was bleibt am Ende von Lawrows Entgleisung? Nichts als Staub, Steine und Scherben.

Schweigen ist nicht Gold. Guter Rat ist nicht teuer

Wir hier denken, dass das so nicht weitergehen kann. Wir bei profil lieben den Streit, das verbale Scharmützel, Rede und Gegenrede, Pro und Contra, auch das Gemecker und Geflüster, Zoff und Zank. Schweigen ist nicht Gold. Guter Rat ist nicht teuer, man folge dem rhetorischen Dreischritt gehobener Streitkultur: Nimm dieses Wort! Und diesen Satz! Und dieses Argument! Im kommenden Heft, das feiertagsbedingt bereits am Freitag erscheinen wird, ziehen wir den Vorhang auf für ein neues Format: „Streiten wir!“ Soviel sei verraten: Die Bühne als Debattenraum werden neben vielen anderen der Schriftsteller Michael Köhlmeier, der Philosoph Konrad Paul Liessmann und die Publizistin Lisz Hirn betreten. Das und noch viel mehr zum Streiten und Versöhnen im kommenden profil.

Einen Dienstag mit allerlei Zu- und Widerspruch wünscht

Wolfgang Paterno