Morgenpost

Das bunte Böse?

FPÖ, Identitäre und christliche Fundamentalisten wollen gegen eine Drag-Veranstaltung für Kinder aufmarschieren - und treten die Toleranz damit mit Füßen.

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Ungustiöse Sexualisierung, Transgenderpropaganda, Perversität. Klingt nach Orban, ja gar Putin - ist aber Nepp. Es ist das aktuelle Narrativ des Wiener FPÖ-Chefs und seiner Partei gegen ihr jüngstes, farbenfrohes Feindbild: Drag-Lesungen für Kinder. 

Die Wiener Blauen wollen derartige Veranstaltungen verbieten und springen somit auf den lauten Anti-Drag-Zug der US-Republikaner auf. In den Vereinigten Staaten hat bereits der Bundesstaat Tennessee Dragshows aus der Öffentlichkeit verbannt und fälschlicherweise mit Pornografie gleichgestellt, 13 weitere sollen bald folgen. Die aktuell von der FPÖ losgelöste Debatte um jene Lesungen lässt den Kulturkampf aus den USA nach Österreich überschwappen; eine weitere Facette eines gesellschaftlichen Streits über sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität, mit der die Blauen auf rechten Stimmenfang gehen. 

Ein Bündnis von Freiheitlichen, Identitären, Neonazis und christlichen Fundamentalisten will am Sonntag vor der Türkis-Rosa-Lila-Villa, wo eine Drag-Kinder-Lesung stattfinden soll, aufmarschieren. Die Ankündigung der Gegendemo folgte prompt.

SPÖ und Grüne fordern jetzt eine Schutzzone rund um das seit 40 Jahren bestehende Beratungs- und Veranstaltungszentrum der LGBTIQ-Community in Wien. Erst vor kurzem war es Angriffsziel, als mutmaßliche Rechtsextreme Ende März auf ein Baugerüst kletterten, ein Plakat mit einer homo- und transphoben Parole befestigten und Flugblätter verteilten. Drei Tatverdächtige wurden wegen Verhetzung angezeigt. 

Ob das der FPÖ auch droht, bleibt offen. Immerhin wettert der Wiener Blauen-Chef Dominik Nepp in Aussendungen und Interviews gegen Drag-Veranstaltungen, spricht von Propaganda und Sexualisierung.

Um Sex geht es bei diesen Veranstaltungen aber ganz und gar nicht. Drag ist eine Kunstform und Performance, bei der auf oft überzogene Weise von den Künstlerinnen und Künstlern ein anderes Geschlecht eingenommen und meist parodiert wird. Es wird (Playback) gesungen, getanzt und auf die Schaufel genommen. Bei Drag-Lesungen für Kinder passiert dies aber nicht. Es wird vorgelesen. Aus Kinderbüchern. Es geht um Meerjungfrauen, Prinzen oder Hochzeiten. 

Es ist auch keine Propaganda für Homosexualität oder Transidentität. Hier muss ich die FPÖ enttäuschen: Man sucht sich nämlich nicht aus, mit welcher sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität man geboren wird. Kinder werden durch die Teilnahme weder homosexuell noch trans. Sofern derartige Veranstaltungen wie Drag-Lesungen kindertauglich durchgeführt werden, haben sie vielmehr das Potential, den Toleranzhorizont der Jüngsten (und deren Eltern) gegenüber dem Anderssein zu erweitern. Denn nur offene, akzeptierende und respektvolle Gesellschaften haben das Potential, friedlich zu koexistieren - und bieten jenen Kindern, die sich in jungen Jahren tatsächlich “anders” fühlen, einen sicheren Hafen. 

Oder wie eine Userin auf Facebook einen aktuellen profil-Artikel über die Anti-Drag-Demo diese Woche kommentierte: “Den Kindern ist es völlig egal, wer ihnen vorliest. Die Eltern sind das Problem.” 

Ein angenehmes Wochenende wünscht

Maximilian Mayerhofer 

Maximilian Mayerhofer

Maximilian Mayerhofer

war bis Mai 2023 Online-Redakteur bei profil. Davor war er beim TV-Sender PULS 4 tätig.