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14-Jährige soll 64-Jährige getötet haben: Hätte man die Tat verhindern können?

Was treibt eine 14-Jährige dazu, eine fremde Frau mit einem Messer zu töten? Hätte die Tragödie am Friedhof Baumgarten verhindert werden können? Und sollte man psychiatrisch auffällige Jugendliche sicherheitshalber wegsperren?

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Um 17.24 Uhr geht am Montag ein Notruf bei der Wiener Rettung ein. Eine Frau liege blutüberströmt am Friedhof Baumgarten in Wien-Penzing, Abschnitt J1, nahe der Waidhausenstraße. Sie sei regungslos und weise im Halsbereich mehrere Stich- und Schnittverletzungen auf. Zwischen zehn und fünfzehn Minuten vergehen, bis die Einsatzkräfte eintreffen. Sie versuchen, die Frau zu reanimieren. Vergeblich. Die 64-Jährige wird noch am Fundort für tot erklärt. Daneben steht ein Mädchen. 14 Jahre alt. Laut Polizei die mutmaßliche Täterin. Was ist geschehen?

Die Ermittlungen laufen, die Fassungslosigkeit ist groß. Über allem steht die Frage: Hätte diese Tat verhindert werden können? Oder hat sich hier etwas ereignet, das trotz aller Maßnahmen nicht vorhersehbar war? 

Am Dienstag bestätigte die Polizei, dass zwischen der 14-Jährigen und der getöteten Frau kein Naheverhältnis bestand. Die Frau war demnach ein Zufallsopfer. Die Jugendliche soll mit einem Taschenmesser auf sie eingestochen, die Tat mit ihrem Handy gefilmt und das Video online geteilt haben. Polizisten nahmen das Mädchen am Montag an ihrem Wohnort fest und brachten sie wenig später zum Tatort, nachdem der Notruf eingegangen ist. Sie lebte in einer betreuten Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe (MA 11) in Penzing, nur wenige Gehminuten vom Tatort entfernt. Mehrere Zeugen berichteten, dass sie blutverschmiert in die Einrichtung zurückgekehrt sei.

Bei der ersten Einvernahme am Dienstag legte die 14-Jährige ein Geständnis ab. Am Mittwoch wurde sie in die Justizanstalt Josefstadt überstellt, am Donnerstag wurde Untersuchungshaft verhängt. Im Gefängnis werden eine Kinder- und Jugendpsychiaterin sowie ein Sozialarbeiter Gespräche mit der 14-Jährigen führen. Zudem sollen Einschätzungen zu einer möglichen Suizidgefahr vorgenommen werden. Unklar ist noch, in welchem psychischen Zustand sich das Mädchen zur Tatzeit befand und ob sie unter dem Einfluss von Drogen oder Alkohol stand. Die Ermittlungen dauern an. Auch die Obduktion der 64-Jährigen steht noch aus.

Mehrfach stationär untergebracht

Die 14-Jährige leidet unter einer schweren psychischen Erkrankung. Seit November 2025 befand sie sich in der Obsorge der MA 11. Zuvor hatte es bereits eine „ambulante Betreuung zu Hause“ gegeben, ebenso eine „regelmäßige Zusammenarbeit mit der Mutter des Mädchens“, sagt Sprecherin Ingrid Pöschmann gegenüber profil. Die 14-Jährige musste mehrfach stationär in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht werden – wegen akuter Selbstgefährdung. Sowohl vor als auch während der Obsorge durch die Kinder- und Jugendhilfe hatte sie sich mehrfach selbstverletzt. Sie war in Behandlung beim Kinder- und Jugendpsychiatrischen Ambulatorium des Psychosozialen Dienstes Wien (PSD). Zuletzt lebte sie in der betreuten Wohngemeinschaft mit drei weiteren Jugendlichen, jede und jeder mit eigenem Zimmer.

In der relativ neu eröffneten Einrichtung, diese ist im Dezember 2025 nach Penzing übersiedelt, leben Jugendliche mit schweren psychischen Erkrankungen, die meisten werden ambulant versorgt. Es sind junge Menschen mit Persönlichkeitsstörungen, affektiven Störungen, Depressionen oder Angststörungen. Sie leben in einer Wohngemeinschaft mit vier Mitbewohnerinnen – eine davon war das 14-jährige Mädchen. Sozialarbeiter arbeiten dort ebenso wie Psychiater und Pflegekräfte. „Täglich sind vier Erwachsene im Dienst“, sagt Ingrid Pöschmann. Die Kinder und Jugendlichen erhalten Physiotherapie, Ergo- und Musiktherapie, dazu Einzel- und Gruppentherapien. Dass die 14-Jährige einzelne Termine gelegentlich versäumt hat, könne laut Pöschmann vorgekommen sein, grundsätzlich habe das Mädchen jedoch die sozialpädagogische und therapeutische Betreuung sowie die fachärztlichen Gespräche angenommen. Gleichzeitig betont Pöschmann: „Man kann nicht in Kinder hineinschauen und daher nicht jede Gefährdung vorhersehen oder verhindern.“

Der Fall der 14-Jährigen wiegt besonders schwer. Experten sprechen von einer sogenannten dreifachen Belastung – sie war gleichzeitig psychisch belastet, traumatisiert und wuchs ohne stabile familiäre Unterstützung auf. Sie soll mehrere Suizidversuche, darunter auch in der Wohngemeinschaft, unternommen haben. Daraufhin wurde sie mehrfach zwangsweise stationär in einer psychiatrischen Einrichtung untergebrachtDas Unterbringungsgesetz, das in Österreich unter anderem die zwangsweise Aufnahme und Behandlung von Minderjährigen in Kinder- und Jugendpsychiatrien regelt, kommt jedoch nicht in sozialpsychiatrischen Wohngemeinschaften zur Anwendung.. „In der Einrichtung, in der die 14-Jährige lebte, gab es daher keine freiheitsbeschränkenden Maßnahmen“, sagt Pöschmann.

Suizidversuche bei Mädchen weiter hoch

Nach der Tat stellt sich die Frage, ob sie hätte verhindert werden können. Die reflexhafte Forderung, das Mädchen wegzusperren, greife zu kurz, sagt Bernhard Rappert, Patientenanwalt beim Verein VertretungsNetz. „Gefährdungsprognosen sind immer schwierig, erst recht unter Zeit- und Ressourcenmangel, wenn Diagnosen im Akkord gestellt werden müssen.“ Auffällig sei laut Rappert, wie schnell bei psychisch kranken Menschen nach Freiheitsentzug gerufen werde. Wird ein psychisch gesunder Mann gewalttätig gegenüber seiner Frau, folgt in der Regel nur eine Wegweisung. Ob jemand künftig gewalttätig wird, lasse sich grundsätzlich nur schwer vorhersagen – unabhängig davon, ob die Person psychisch krank oder gesund ist, sagt der Patientenanwalt.

Studien belegen, dass besonders Jugendliche unter psychischen Belastungen leiden. Laut einer Erhebung des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie (ÖBVP) aus dem Jahr 2023 und einer weiteren Befragung 2024 denken rund 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen über Suizid nach – rund ein Drittel davon sind Mädchen. Auch die Zahl der Beratungen bei „Rat auf Draht“ zum Thema Suizidalität bleibt seit Jahren hoch. Besonders betroffen sind Mädchen und junge Frauen. Sie ziehen sich häufiger zurück, verletzen sich selbst oder leiden unter Depressionen. Gewalt nach außen ist seltener, aber möglich. Im Fall der 14-Jährigen soll es bis zur mutmaßlichen Tat keinerlei Hinweise gegeben haben, dass sie andere gefährden könnte. „Sie hat weder Mitbewohnerinnen noch Pädagogen oder Pädagoginnen angegriffen oder attackiert, und dies gilt für die gesamte Zeit ihrer Unterbringung in der Wohngemeinschaft“, sagt MA11-Sprecherin Pöschmann. „Dass es dennoch zu dieser tragischen Tat kam, war für alle nicht absehbar.“

Daniela Breščaković

Daniela Breščaković

ist seit April 2024 Innenpolitik-Redakteurin bei profil. War davor bei der „Kleinen Zeitung“.