Ein weinendes Kind in weißer Kleidung wird bei einem FGM-Eingriff von zwei Frauen gehalten
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3000 Mädchen in Österreich akut von Genitalverstümmelung bedroht

Für den Eingriff reisen Eltern meist in Länder wie Ägypten oder Somalia. Das ist strafbar. Darüber werden sie bei der Eltern-Kind-Pass-Untersuchung bald verpflichtend aufgeklärt. Für einige Mädchen könnte das zu spät kommen.

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Ab einem Alter von vier oder fünf Jahren kann es soweit sein: Die äußeren Geschlechtsorgane wie Schamlippen und Klitoris werden mit Messer oder Skalpell entfernt. Dann wird die Vaginalöffnung fast vollständig vernäht, sodass nur eine kleine Öffnung für Urin und Menstruationsblut bleibt. Der Eingriff soll die Jungfräulichkeit und Sauberkeit der Mädchen garantieren und beruht auf überholten Gesundheitsmythen.

Für viele Frauen hat die Beschneidung lebenslange Folgen: Massive Schmerzen bei Sex und Menstruation, erhöhtes Infektionsrisiko, psychische Traumata sowie schwere Komplikationen bei Schwangerschaft und Geburt. Schon das Wasserlassen wird wegen der schmalen Öffnung zur Geduldsprobe.

FGM ist mitten unter uns

Diese Verstümmelung von Mädchen ist für Menschen in westlichen Gesellschaften kaum vorstellbar. Doch FGM (Female Genital Mutilation) ist längst unter uns. Wie aus einer Studie der Med-Uni Wien aus dem Jahr 2024 hervorgeht, leben in Österreich rund 11.000 betroffene Frauen. Sie stammen aus Ländern wie Somalia, Ägypten, Äthiopien oder dem Sudan, wo die Mehrheit der Frauen beschnitten ist. In Somalia sind es 99 Prozent.

Entsprechend hoch ist der Druck aus der Familie und der Community, die Töchter selbst in Österreich rituell beschneiden zu lassen – aus kulturellen Gründen sowie der Angst, dass sie sonst keinen Mann finden. Das kann durch eine Beschneiderin passieren, die in Österreich lebt. Viel eher bringen die Familien ihre Töchter aber in Länder, in denen FGM offen praktiziert wird bzw. in die alte Heimat.

FGM weltweit

  • Alle 10 Sekunden wird ein Mädchen (meist unter 12) verstümmelt.
  • WHO: mindestens 230 Mio. betroffene Frauen und Mädchen; deutlicher Anstieg in den letzten Jahren. Jährlich ca. 3 Mio. weitere Betroffene (über 8.000 pro Tag). Praktiziert in mind. 30 Staaten.

Sommerzeit, Hochrisikozeit

Die Sommerferien werden für bedrohte Mädchen in Österreich dadurch zur Hochrisikozeit. Die Regierung will Eltern nun verstärkt über die möglichen Konsequenzen aufklären: „Genitalverstümmelung wird in Österreich hart bestraft, auch wenn es im Ausland durchgeführt wird. Eltern muss klar sein, dass sie und alle Beteiligten in Österreich dafür mit bis zu 15 Jahren Gefängnis bestraft werden, wenn sie ihren Mädchen das antun“, sagt Familien- und Integrationsministerin Claudia Bauer zu profil. in ihrem Haus ist die Koordinationsstelle FGM angesiedelt. Am Mittwoch nahm sie an der ersten FGM-Konferenz in Wien teil.

Eine Frau mit Ohrringen und dunklem Blazer blickt ernst in die Kamera vor blauem Hintergrund.
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„15 Jahre Haft“

„Genitalverstümmelung wird in Österreich hart bestraft, auch wenn es im Ausland durchgeführt wird“, sagt Familienministerin Claudia Bauer (ÖVP). In der Praxis kommt es zu keinen Verurteilungen, weil die Communities dicht halten.

FGM-Hakerl im Eltern-Kind-Pass

Im Rahmen einer neuen Verordnung wird die Regierung Ärztinnen und Ärzte verpflichten, Eltern aus FGM-Hochrisikoländern über die gesundheitlichen und strafrechtlichen Konsequenzen aufzuklären und zwar bei der Eltern-Kind-Pass-Untersuchung, kündigt Bauer an.

Diese Untersuchungen bis zum fünften Lebensjahr sind nicht verpflichtend, werden aber meist in Anspruch genommen. Weil sonst das Kinderbetreuungsgeld empfindlich gekürzt wird.

Neben der Informationspflicht müssen die Ärzte mit einem Hakerl dokumentieren, wenn FGM bei Mutter oder Kind vorliegt.

Schutzbrief als nächster Schritt

Doch nach dem fünften Lebensjahr sind die Eltern über diese staatliche Schiene nicht mehr erreichbar. Außerdem tritt die Verordnung über den Eltern-Kind-Pass neu erst am 1. Oktober in Kraft. Dann ist die Reisezeit schon vorbei und für manche Mädchen könnte es bereits zu spät sein.

Was es in Österreich in diesem Sommer ebenfalls noch nicht geben wird, ist ein „Schutzbrief gegen Mädchenbeschneidung“. Dieses Dokument soll Familien und Mädchen durch seinen amtlichen Charakter unterstützen, sich gegen den sozialen und familiären Druck in ihren Gemeinschaften im Herkunftsland und in der Diaspora zu stellen. In der Schweiz und in Deutschland gibt es dieses Dokument in allen notwendigen Sprachen bereits zum Download.

Auf Nachfrage meint Bauer, dass ein solcher Schutzbrief auch für Österreich wünschenswert wäre. Konkrete Verhandlungen gebe es aber noch nicht. 

Warum kein verpflichtendes FGM-Screening?

Warum werden Mädchen aus Hochrisikoländern nicht regelmäßig untersucht und die Eltern eingesperrt, falls sie ihre Töchter zwischenzeitlich verstümmeln ließen?, fragt ein Lehrer aus einer Schule mit betroffenen oder bedrohten Mädchen auf Social Media.

Das ist in Österreich und anderen westlichen Einwanderungsländern weiterhin kein Thema. Der Grund: Risiko-Körperkontrollen gewisser Menschengruppen würden verfassungsrechtlich mit hoher Wahrscheinlichkeit gegen die Gleichbehandlung und körperliche Integrität verstoßen.

Clemens Neuhold

Clemens Neuhold

ist seit 2015 Allrounder in der profil-Innenpolitik. Davor „Wiener Zeitung“, Migrantenmagazin biber, Kurier-Wirtschaft. Leidenschaftliches Interesse am Einwanderungsland Österreich.