Anschluss-Jahr 1938: Ein Balkon für den Führer

ADOLF HITLER VOR DEM RATHAUS IN WIEN: Die Inszenierung seiner Reden folgt gleichsam einer strengen Liturgie, seine Stimme ist mithilfe von riesigen Lautsprechern omnipräsent.

ADOLF HITLER VOR DEM RATHAUS IN WIEN: Die Inszenierung seiner Reden folgt gleichsam einer strengen Liturgie, seine Stimme ist mithilfe von riesigen Lautsprechern omnipräsent.

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Anhand von Zeitdokumenten schildert profil, wie das nationalsozialistische Regime das Denken der Menschen und ihren Alltag dominierte.

Die Tage vor der "Volksabstimmung" zur Eingliederung Österreichs in das Deutsche Reich stehen im Zeichen größter Anstrengung. Mit einem triumphalen Ergebnis wird gerechnet, doch das allein genügt nicht. Den neuen Machthabern geht es um das Ganze. In der gleichgeschalteten Presse ist nur noch vom "Führer" die Rede, als sei es profan, Hitlers Namen zu nennen. Die Inszenierung seiner Veranstaltungen nimmt zusehends religiöse Züge an, folgt gleichsam einer strengen Liturgie: Stille durch Unterbrechung des Verkehrslärms, gefolgt von Sirenen, einem Glockengeläute und dem Dröhnen von Flugzeuggeschwadern. Auf dem Wiener Rathausplatz - vulgo: "Adolf-Hitler-Platz" - ist am 9. April der Flügelschlag von 25.000 Täubchen zu hören, die, aus ihren Käfigen befreit, in den Himmel entweichen. Hitlers Reden sind über riesengroße Lautsprecher auf allen öffentlichen Plätzen zu hören. Seine Stimme ist omnipräsent. An Schulen sind Tausende Volksempfänger verteilt worden.

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Am 3. April spricht Hitler vor der Weizer Maschinenfabrik in Graz, am 4. April steht er auf dem Balkon des Hotels "Sandwirth" in Klagenfurt. Es folgen Veranstaltungen in Innsbruck, Salzburg, der Spatenstich für die Reichsautobahn am Walserberg sowie Auftritte in Linz und Wien. Hitler spricht nur von einem hohen Podest oder von einem Balkon zu den Massen; wenn kein Balkon verfügbar ist, muss schleunigst einer gebaut werden. So bekommt auch das Wiener Rathaus eine behelfsmäßige Holzkonstruktion, die in einem Halbrund auf den Platz hinausragt. An seiner Vorderseite wird das Provisorium mit einer schweren Hakenkreuzfahne verkleidet.

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Nach Zeitungsberichten und Pressefotos sind jedesmal Massen von Menschen unterwegs, wenn Hitler kommt: junge Mädchen und Frauen, die vor Begeisterung außer sich geraten, Hitlerjungen und gestandene Männer, denen die Glückseligkeit ins Gesicht geschrieben steht. "In einem bestürzenden Fluch" haben sich diese Bilder uns eingeprägt, schreibt der französische Schriftsteller Éric Vuillard in "Die Tagesordnung" (Verlag Matthes &Seitz Berlin), einer berückend poetischen Aufarbeitung der Tage des "Anschlusses" in Österreich und jener Salongespräche, in denen sich das tüchtige deutsche Unternehmertum - Bayer, Agfa, BASF, Opel, Siemens, I.G. Farben, Allianz, Telefunken - der Hitler-Bande ergab und sie mit Millionen Reichsmark unterstützte.

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Kurz bevor sich Hitler am 3. April zur "Ostmark"-Tour aufmacht, sind prominente Regimegegner, Politiker, Künstler, Juden ins Konzentrationslager Dachau deportiert worden. Der frühere Kanzler Kurt Schuschnigg sitzt seit 12. März unter SS-Bewachung in seiner Wohnung. Niemand weiß das. Keine Zeitung berichtet darüber, ebenso wenig wie über 1700 Selbstmorde in Wien, die es seit dem "Anschluss" gegeben hat.

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Unter einem Essay mit dem Titel "Wir sind neue Menschen geworden" wirbt ein Schneidermeister mit "maßgeschneiderten SS-Uniformen", ein Schuster bietet "handgefertigte SA-Stiefel", mehrere Papierhändler locken mit Hitler-Bildern, Hitler-Postkarten, Hakenkreuzfähnchen und Abzeichen. In allen Inseraten wird mit "arischer" Leitung und "arischer" Belegschaft geprotzt.

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Die "Agrarische Reichspost" beklagt die "Überfremdung". Ein Fünftel der Wiener sei bereits jüdisch oder ein "Mischling". Besonders schlimm sei es im Journalismus, bei den Advokaten, Ärzten, in den Banken und im Handel -"Berufe, bei denen sich schön und leicht verdienen ließ". Der Autor verwendet schon die Vergangenheitsform. Denn "ab sofort" dürfen jüdische Rechtsanwälte ihren Beruf nicht mehr ausüben.

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