Asyl: Kurort Gallspach als Zieladresse für Flüchtlinge

Asyl: Kurort Gallspach als Zieladresse für Flüchtlinge

Der einst berühmte Kurort Gallspach in Oberösterreich ist heute Zieladresse für Flüchtlinge. Ein Lokalaugenschein.

Die Skulptur vor dem Gemeindeamt - ein Metallmännchen spaziert anmutig auf seinem rostigen Rad - gemahnt an das Kommen und Gehen. Für den Geschmack des Gallspacher SPÖ-Bürgermeisters Siegfried Straßl, der in seiner Amtsstube auf den Zettel vom Meldeamt starrt, ist das Treiben schon zu rege: Erst vor wenigen Tagen waren 40 Asylwerberinnen angemeldet worden, nun ist die Hälfte von ihnen wieder aus dem Register zu streichen: "Ich kenne mich nicht mehr aus.“

Kurort seit jeher auf Fremde angewiesen
Gallspach wehre sich gegen Flüchtlinge, berichteten die Medien, als der Bund die Länder wieder einmal ermahnte, die Quoten bei der Unterbringung von Asylwerberinnen zu erfüllen. Die Nachricht war arg verkürzt. Der in den 1920er-Jahren durch den Begründer der Hochfrequenztherapie Valentin Zeileis bekannt gewordene Kurort im oberösterreichischen Hausruckviertel (2600 Einwohner) lebt seit jeher mit Fremden. Zunächst waren es zahlende Kurgäste. 450.000 nächtigten in den glanzvollen Jahren in den Gästehäusern und Hotels des Ortes; Einheimische ebenso wie Griechinnen, Italienerinnen, Schweizerinnen und jede Menge Deutsche.

Als sie ausblieben, kamen Bosnierinnen und Tschetscheninnen, die Krieg und Not aus ihrer Heimat vertrieben hatten, und vor zwei Jahren afghanische Jugendliche. "Wehren können wir uns nicht“, hatte Straßl den Bürgern erklärt: "Machen wir das Beste daraus!“ Das Land versprach, mehr Flüchtlinge würden es keinesfalls werden. Gallspach hätte seinen Teil geschultert.

Erna Stepanek, 88, dreht ihre Abendrunde mit dem "Trabi“, wie sie ihren Rollator nennt. Seit 50 Jahren kommt sie zur Kur nach Gallspach. Im "Mariandl“ habe sie als 30-Jährige die Mittwoch- und Samstag-Nächte durchgetanzt, "dass es wieder für ein Jahr genug war“. Wo der Saal mit seinen vornehmen Logen stand, wuchert nun eine "wilde Gstettn“. In dem Modegeschäft, von dem nur eine traurig-leere Auslage blieb, habe sie in jeder Saison ein "schönes Stück“ erstanden. Die alte Dame hat in vielen Häusern des Ortes gewohnt, auch im Parkhotel, wo jetzt die afghanischen Flüchtlinge leben: "Nur den Gallspacher Hof haben wir uns nie leisten können.“

"Die Leute regen sich doch gleich alle so auf"
Vergangene Woche drang von dessen Balkonen zum ersten Mal seit Langem wieder Stimmengewirr. In der Lobby tippte ein Afrikaner in sein Handy. Günther Wurm, der 71-jährige Besitzer des einstigen Hoteljuwels, sagt, keines seiner Kinder wollte den Betrieb weiterführen: "Wir haben 1984 umgebaut und über die Hälfte der Zimmer behindertengerecht eingerichtet. Deshalb habe ich den Zuschlag bekommen, Flüchtlinge unterzubringen.“ Warum habe man im Ort niemanden informiert? "Die Leute regen sich doch gleich alle so auf. Schauen sie wirklich lieber ein leerstehendes Hotel an?“

Man habe sich bemüht, damit das Zusammenleben funktioniert, sagt Bürgermeister Straßl: "Aber man darf uns nicht überfordern.“ Das versuchte er auch dem Beamten aus Wien begreiflich zu machen, der ihn vor eineinhalb Wochen anrief, aber am Telefon partout nicht reden wollte. Kaum stand der Abgesandte des Innenministeriums leibhaftig vor ihm, habe er ihm, dem Bürgermeister, an den Kopf geworfen: "Ich bin nicht hier, um Sie zu fragen, sondern um eine Botschaft zu überbringen.“ Im Gallspacher Hof, in dessen Vitrine das Schild "Hotel vorübergehend geschlossen“ vergilbt, würden Flüchtlinge einquartiert. Wie viele? Hundert. Wann? Sofort.

Straßl sagt, ihm sei "die Luft weggeblieben“. Nicht einmal das Land sei eingeweiht gewesen. Noch am 17. Juni war der Besitzer des Gallspacher Hofs hier mit der Begründung abgeblitzt, im Ort würden 36 junge, unbegleitete Flüchtlinge von der Volkshilfe betreut, ein weiteres Quartier "würde den sozialen Frieden voraussichtlich nachhaltig gefährden“. Das Schreiben liegt profil vor. Zu der Zeit, als es verfasst wurde, fädelte das Innenministerium bereits seine Nacht- und Nebel-Aktion ein.

Bürgermeister: "Wieso hat mir niemand etwas gesagt?
Straßl hätte am liebsten "die Gemeindearbeit hingeschmissen“. Doch die Briefe, die er im ersten Furor geschrieben hatte, blieben im Entwürfeordner: "Was können die afghanischen Flüchtlinge dafür?“ Vergangenen Dienstag meldete sich die Gemeindeärztin bei ihm: Ihre Praxis war am Nachmittag von Männern, Frauen und Kindern aus Somalia, Afghanistan, Russland, Syrien, Pakistan, Irak, Ukraine und Serbien gestürmt worden. "Wieso hat mir niemand etwas gesagt?“

Es ist nicht das erste Mal, dass das Ministerium über Gallspach "drüberfährt“. Auch 1992 hatten sich kurzfristig Busse angekündigt, denen damals Dutzende Bosnierinnen entstiegen. Sie zogen ins Parkhotel. Bald hatte sich dort ein Arbeiterstrich etabliert. Bäuerinnen fuhren mit Bussen vor, wenn im Eferdinger Becken Gurken oder Äpfel reif zum Pflücken waren. Zu dieser Zeit seien Fremde noch kein Schreckensbild gewesen, sagt Franz Kronegger, Leiter des Sozialausschusses: "Im Fernsehen lief die Aktion ‚Nachbar in Not‘ und die Hilfsbereitschaft war enorm.“

Kroneggers Familie nahm fünf bosnische Mädchen auf. Im Kaufhaus drückte man ihm eine Trommel Waschpulver in die Hand: "Ihr seid ja jetzt viel mehr.“ Als die Schwestern auszogen, fragte er, was das Schönste für sie gewesen sei. Er dachte an die Ausflüge, an Weihnachten. "Dass ihr euch überall mit uns gezeigt habt“, antworteten sie.

40 Prozent Zuwanderer
Zwei seiner Schützlinge arbeiten heute im Altenheim in Gallspach. Viele der bosnischen Flüchtlinge fanden in der Gegend Arbeit, kauften leerstehende Häuser und wurden Stützen der örtlichen Vereine. In den Gassen von Gallspach stößt man auf einen Installateur und einen Fliesenleger mit bosnischen Wurzeln. Jede vierte Bewohnerin des Ortes besitzt einen ausländischen Pass, 40 Prozent sind zugewandert. Für jede Bürgerin bekommt die Gemeinde im Zuge des Finanzausgleichs 800 Euro. Ohne Migrantinnen wäre das Budget um 800.000 Euro geringer.

Im Februar 2000 wurde Ernst Strasser als Mitglied der schwarz-blauen Regierung angelobt. In jungen Jahren hatte er in der Nähe von Gallspach seinen Zivildienst absolviert, als ÖVP-Innenminister wetteiferte er mit der FPÖ um die Hoheit am rechten politischen Rand. Asylwerberinnen wurden so lange schlechtgemacht, bis niemand mehr sie aufnehmen wollte: Lügnerinnen und Kriminelle waren nirgends willkommen. Die Bürgerstammtische, an denen für Unterkünfte geworben wurde, gingen in Hetzreden, Schreiduellen und manchmal Raufereien unter.

2004 kamen 50 Tschetscheninnen in Gallspach an. Die Caritas übernahm ihre Betreuung. Das war zwar ein "gewisser Schutz“, wie Kronegger sich erinnert. Dennoch dichtete man den Flüchtlingen alles Bedrohliche an, das man sich gemeinhin über "Russinnen“ zu erzählen pflegte. Bürgermeister Straßl rief einen Integrationsbeirat ins Leben und lud Vertreterinnen aller Fraktionen, Flüchtlingsbetreuerinnen, Anrainerinnen und den Postenkommandanten ein, die Vorkommnisse hier offen zu erörtern.

FPÖ im Vormarsch
Das beruhigte die Lage ein wenig. Gallspacher Familien spendeten wieder Kleider und Spielzeug. Dennoch ging ein hörbares Aufatmen durch den Ort, als nach drei Jahren eine Familie nach der anderen nach Schweden, Amerika oder Kanada zog. Anders als die Bosnierinnen hinterließen die Tschetscheninnen im Ort kaum Spuren. Inzwischen leben hier 33 Nationalitäten zusammen. Bei den Gemeinderatswahlen 2009 sprang die FPÖ von drei auf neun Mandate. Rot und Blau zogen in der Gemeinde gleich (ÖVP: 5 Mandate, Grüne: 2).

Die Kurgäste wurden immer weniger, dennoch kamen in den folgenden Jahren keine neuen Flüchtlinge. Erst vor zwei Jahren wurde die Quartiersnot erneut drückend. Gallspach machte sich erbötig, 36 junge Afghanen aufzunehmen, und die FPÖ versprach, keinen Wirbel zu schlagen. Straßl zog von Tür zu Tür und predigte, es müsse sich niemand fürchten, die Flüchtlinge würden rund um die Uhr betreut.

Drei Wochen vor Weihnachten 2012 standen die Jugendlichen in Plastikschlapfen und zitternd vor Kälte im Ort. Die Gallspacherinnen brachten feste Schuhe und warme Pullover, später dann Fahrräder, Fitnessgeräte und Computer. Um das gelb gestrichene Gebäude mit dem grünen Schriftzug "Parkhotel“ war es lange ruhig gewesen. Plötzlich hingen hier dunkelhäutige Burschen herum, spielten mit teuren Handys, lachten laut und fröhlich. Und sie rauchten. "Einem 15-Jährigen, der mit acht Jahren seine Familie ernähren musste, kann man das schwer verbieten“, erklärte ein Vertreter der Jugendwohlfahrt. Manche verstanden, was er meinte. Manche nicht.

"Aufnahmekapazität des Ortes begrenzt"
Freiwillige Helferinnen wurden im Parkhotel mit offenen Armen empfangen. "Ohne sie kämen wir hier nicht weit“, gesteht Daniela Polak, Leiterin der Volkshilfe-Einrichtung in Gallspach. Jeden Tag schaue hier jemand vorbei, die mit "ihren“ Burschen Englisch lernt, mit ihnen Fahrräder repariert oder ein Eis spendiert. Der Direktor des katholischen Privatgymnasiums in Dachsberg eröffnete für sie eine Klasse, in der Lehrerinnen in ihrer Freizeit Stunden halten. Die Volkshilfe fädelte Patenschaften ein. Bis jetzt haben erst 19 der 36 Flüchtlinge jemanden gefunden, der sich "speziell“ um sie kümmert. "Das zeigt doch, dass die Aufnahmekapazität eines Ortes begrenzt ist“, sagt Kronegger.

Eine der Patinnen ist die Hauptschullehrerin Margarita Kaliwoda. Von der Terrasse ihres in Holz und Glas gehaltenen Einfamilienhauses aus sieht sie auf das Grundstück, wo vor zehn Jahren die Tschetscheninnen lebten. Oft liefen die Kinder von drüben in ihren Garten herüber, um mit ihrer äthiopischen Adoptivtochter zu spielen. Das Thema Integration habe sie damals gepackt und seither nicht mehr losgelassen. Kaliwoda kandidierte für die Grünen und zog in den Gemeinderat ein. Die Geschichten unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge, von denen sie in den Medien las, rührten sie zu Tränen. "Ich wollte etwas tun“, sagt sie. Aber wie? Und wo? Als sich die Afghaninnen ankündigten, gehörte sie zu den wenigen, die sich freuten, "dass die Welt zu mir ins Dorf kommt“.

Doch auf die Phasen der Euphorie folgten die Mühen der Ebene. Manche der Burschen sind schwer traumatisiert, schaffen es morgens kaum aus dem Bett. Immerhin, ein paar schlossen die Hauptschule ab, zwei besuchen nun sogar das Gymnasium. Kaliwodas Patenkind Ali (Name von der Redaktion geändert), 17, lernt im Ort Bäcker und stellt sich so geschickt an, dass ihm sein Chef kürzlich den Mopedführerschein bezahlte. Und eine Motocross-Maschine dazu. "Gatschhupfer“, nennt Ali sie und wartet, ob alle lachen, bevor er selbst lacht. Vielleicht vergisst er in solchen Moment kurz, was hinter ihm liegt. Vor drei Jahren war er mit seiner Familie nach Pakistan geflohen und hatte sich von dort nach Österreich durchgeschlagen. Alleine. Und Gallspach? "Schön“, sagt Ali.

Bild: Monika Saulich