Bandenkrieg: „In unserer Kultur wendet man sich nicht an die Polizei“
Da kommt er den langen Gang entlang. Bedächtig, mit vorsichtigem Schritt. Nicht nur die Hände sind in Handschellen gelegt, auch die Füße sind aneinander gekettet. Schwarze Hose, Lacoste-Pullover, Haare und Bart akkurat geschnitten, Brille. Der 25-jährige A. D. würde auch als Intellektueller durchgehen. Und als solcher versucht sich der gebürtige Tschetschene zu präsentieren, im sogenannten „Bandenkrieg-Prozess“.
Doch erst muss er noch die Stiegen hoch trippeln zum großen Verhandlungssaal 401 im Wiener Landesgericht. Oben darf nicht mehr fotografiert werden, hier unten schon. „Wie die Geier“, wirft er uns knipsenden Journalisten verächtlich zu. Und man will ihm erklären, dass er die Schar durch sein Verhalten erst aufgescheucht hat.
Im Saal angekommen sitzen aufgereiht acht von insgesamt 24 Angeklagten im Alter zwischen 18 und 22 quer zur Richterbank. A.D. ist der einzige Platz mit Blick zur vorsitzenden Richterin zugewiesen. Nicht nur dadurch ist seine Sonderrolle im Prozess augenscheinlich.
Tschetschenen gegen Syrer: Der Showdown
Der „Bandenkrieg“ kurz zusammengefasst: Im Frühjahr 2024 schaukelt sich die Stimmung zwischen eingesessenen Tschetschenen und neu zugewanderten Syrern, die sich den Gruppennamen „505“ geben, gefährlich auf. Auf Telegram und WhatsApp sprießen Gruppen voller Berichte über Drohungen, Körperverletzungen und Belästigungen „unserer Frauen“. Am Abend des 7. Juli 2024 kommt es schließlich zum Showdown am Meidlinger Bahnhof. Der Racheakt von Tschetschenen auf Syrer erwischt die Falschen. Vier Afghanen, die man fälschlicherweise für Mitglieder von „505“ hält, werden teils schwer verletzt.
Im Saal 401 übernimmt keiner direkt Verantwortung für Verletzungen und Messerstiche. Sechs Angeklagte bekennen sich lediglich schuldig, die Tat durch ihre Anwesenheit unterstützt zu haben. Der mutmaßliche Rädelsführer schert aus: „Frau Rat, ich bekenne mich zu allen Anklagepunkten nicht schuldig.“
Laut Staatsanwalt hat sich A.D. als Sprecher der tschetschenischen Community geriert (sein Instagram-Account lautete „Stellvertreter_1“). Für den 7. Juli berief er eine „Konferenz" in Wien Floridsdorf ein, auf der er darlegte, „wie wir die 505 ausschalten, bevor noch mehr von uns verletzt oder getötet werden“, zitiert die Anklage aus einer Instagram-Story des Tschetschenen.
Es ist nur einer von mehreren Chats, mit denen der Staatsanwalt die aktive Rolle von A.D. unterstreichen will. In anderen soll von „Totschlägern“, „Schlagstöcken“ und „vernichten“ die Rede sein.
A.D. bestreitet weder das Treffen in Floridsdorf, noch seine Anwesenheit am Meidlinger Bahnhof. Zur zentralen Figur in der Causa sei er geworden, weil er die Taten der Syrer im Vorfeld auf Social Media publik gemachte habe (auf einem anderen Account mit dem Namen „Kriminaldienst“).
Warum ging er nicht stattdessen zur Polizei?, will die Richterin wissen. „In meiner Kultur gilt es als nicht schön, wenn man sich an die Polizei wendet."
Das „Narrativ“ über die Tschetschenen
Am Meidlinger Bahnhof will er seine Landsleute aber nicht aufgehusst und angeleitet, sondern zurückgerufen haben, um sie zu schützen. Das Image des besonnen Community-Vertreters bekommt nicht nur durch die zahlreichen Chats starke Risse, sondern auch durch die Tatsache, dass der Tschetschene in einem separaten Verfahren Ende September 2025 wegen schweren Raubes und Geldwäsche nicht rechtskräftig zu einer zehnjährigen Freiheitsstrafe verurteilt wurde.
Doch A.D. verteidigt seinen Einsatz in Meidling weiterhin eloquent. „Wir kennen alle das Narrativ, dass Tschetschenen automatisch schuld sind, wenn etwas passiert.“ So erklärt er auch den Aufruf im Gruppen-Chat nach der Keilerei, alle Spuren am Handy zu löschen.
Angesichts seiner Wortwahl muss nicht nur er schmunzeln, als die Richterin gegen Ende seiner Aussage pro forma fragt, ob er eigentlich einen Dolmetscher gebraucht hätte. Er verneint und sagt: „20 Jahre Österreich.“
Wie es zu Bandenkriegen kommt
20 Jahre Österreich. Das zeigt: Die Sprache ist nicht alles bei der Integration. Sogenannte Ehrkultur, Selbstjustiz, Sittenwächterei, ethnischer Nationalismus – es gibt kulturelle Hürden, die auch nach langer Zeit kaum zu überwinden sind. Diesen Eindruck könnte man bei solchen Bandenkrieg-Prozessen bekommen. Warum schlagen Gruppen entlang ethnischer Grenzen aufeinander ein in einer Gesellschaft, in der individuelle Freiheit und Leistung mehr zählen sollte, als archaisches Gruppendenken? Wie soll die Bevölkerung auf breitflächige Integration vertrauen, wenn solche Kräfte in neu zugewanderten Communities wirken? Wenn der Staat Asyl gewährt, aber diese Kräfte, als Bedingung dafür, nicht von Beginn an unterbindet?
Eine Flüchtlingsgruppe kommt, junge Männer besetzen Parks und Plätze, dann folgt die nächste, wird größer, überschreitet Reviergrenzen, und es kracht: So geschah es bereits 2016, als sich Tschetschenen und Afghanen einen blutigen Bandenkrieg in Wien lieferten. Schon damals wurde betont, dass man das unter sich ausmacht – ohne Polizei.
Schon damals betonten beide, die besseren Muslime zu sein und ihre Gruppe (und Frauen) nur zu schützen, schon damals brauchte es ältere Friedensrichter aus den beiden Communities, um eine totale Eskalation zu unterbinden. Und schon damals hielt der Pakt, weil die Jungen wussten, dass sie Schande über die ganze Familie bringen, wenn sie ihn brechen. Man könnte es auch Scharia nennen.
Die ethnischen Grenzen werden gesprengt
Und doch zeigt der Prozess auch eine neue Dynamik auf. Denn die Mehrheit der Angeklagten an diesem Tag sind keine Österreicher mit tschetschenischen Wurzeln, sondern Österreicher mit Migrationshintergrund am Balkan oder in anderen europäischen Ländern. A.D. nennt „es eine bunte Mischung aus vielen Kulturkreisen“.
Keiner von ihnen ist vorbestraft, die Mehrheit hat eine Lehre abgeschlossen oder arbeitet. Alle sprechen passables oder sehr gutes Deutsch. Sie wirken nicht wie Schwerkriminelle auf dem Sprung in die Organisierte Kriminalität. Hier sitzen Jugendliche, die großteils noch im Hotel Mama wohnen, offenbar so unausgelastet sind und so wenig Grenzen kennen gelernt haben, dass sie sich an Randalen zwischen zwei ethnischen Gruppen beteiligen, wenn auf Social Media dazu aufgerufen wird.
Ihre Reue wirkt teils glaubhaft. Sie haben noch etwas zu verlieren. Ihnen das so früh als möglich aufzuzeigen, bevor sie losrennen zum nächsten Bandenkrieg, daran sind ihre Eltern und die Autoritäten des Einwanderungslandes Österreich gescheitert.