Böses Blut in Wien

Der Alltagsrassismus hat sich bei den Wienern einen festen Platz erobert. Hinter dem viel diskutierten Ausländerproblem verbergen sich Neid, Unbildung und der Wunsch nach einem nationalen Sozialprogramm.

„Wie schön wär mein Wien ohne Wiener“, sang Felix Kreissler im Jahr 1983 in ironisch-raunzendem Ton, ohne zu ahnen, dass sich einmal ein rechter Stoßtrupp an die Spitze einer Bewegung stellen würde, die mit einem einzigen Thema, der so genannten Überfremdung, jeden vierten Einwohner der Bundeshauptstadt dazu bringen würde, ihr die Stimme anzuvertrauen.

Eine Analyse von drei Dutzend Wiener Sprengeln in ehemals sozialdemokratischen Hochburgen, wo die Freiheitlichen zwischen 45 und 63 Prozent der Stimmen gewannen, zeigt, dass dieses Votum weniger in realen Problemen des Zusammenlebens von zugewanderten und einheimischen Wienern gründet, sondern in einem tiefsitzenden Gefühl von Neid und Missgunst, dass jetzt auch andere in den Genuss von sozialen Förderungen kommen, die man selbst jahrelang und selbstverständlich für sich in Anspruch genommen hat. Hinzu kommt auch ein Übermaß an geistiger Trägheit, mit der man sich aller Kalamitäten, unbequemer Konflikte und des eigenen Antriebs entledigt und sich stattdessen in euphorischer Selbstbestätigung gefällt, wie man sie am Wahlabend im Festzelt der FPÖ, in Gestalt der auf Tischen stampfenden und grölenden Mittvierziger, beobachten konnte.

Wer die österreichische Seele kennt, hätte die Karriere des rassistischen Unterschleifs vorhersagen können. Die österreichische Nation ist im Selbstverständnis der angestammten Bevölkerung ein junges Pflänzchen, zart und leicht zu vergiften. Noch 1966 war gerade einmal die Hälfte der Österreicher überzeugt, eine eigenständige Nation zu bilden. Das Selbstbewusstsein kam erst mit SPÖ-Kanzler Bruno Kreisky und machte sich später in übersteigerten patriotischen Schüben (Waldheim, EU-Sanktionen) bemerkbar.

In den achtziger Jahren sprach man von einer Verhaiderung der Gesellschaft, weil die Politik der Ausländerhetze der Freiheitlichen nichts entgegenzusetzen hatte. „Heute haben wir eine Austrifizierung des Phänomens auf europäischer Ebene, wenn man sich die Wahlerfolge rechter und rechtsextremer Parteien in ganz Europa ansieht“, sagt der Schriftsteller Doron Rabinovici. Er sieht in der nationalen Aufwallung den Wunsch nach einer „National-Sozialpartnerschaft“.

Über die Jahre hinweg haben sich Vorurteile breitgemacht, die durch Aufklärung offenbar kaum beeinflussbar sind. In einer noch unveröffentlichten Studie des Markt- und Meinungsforschungsinstituts SORA vom November 2009 waren sich 66 Prozent der ­Wiener und Wienerinnen ohne Migrationshintergrund gewiss, dass Zuwanderer das Sozialsystem missbrauchen.

Doch das Bild vom hinterwäldlerischen Anatolier, der mit seiner Sippe nach Wien zieht, entspricht nicht mehr der Realität. 60 Prozent der Neuzuwanderer sind gut ausgebildet. Quer durch alle Zuwanderergenerationen zeigt sich, dass Migranten sowohl in der niedrigsten als auch in der höchsten Bildungsschicht überproportional vertreten sind: Insgesamt haben 35 Prozent der Zuwanderer nur einen Pflichtschul- oder gar keinen Abschluss – unter den Österreichern sind das nur 15 Prozent. Aber auch der Anteil der Uni-Absolventen ist in der Bevölkerungsgruppe mit Migrationshintergrund mit 17 Prozent höher als unter den Österreichern mit 15 Prozent.

Dennoch wird nach jedem Wahlsieg der FPÖ einem Mantra gleich ausgeführt, die Probleme der Zuwanderung seien zu lange ignoriert worden. Das Gegenteil ist wahr: Nachgerade obsessiv wird auf der politischen Bühne seit Jahren nur das Ausländerstück gegeben. Das wirklich schmerzhafte Problem bleibt jedoch die mangelnde Bildung in bestimmten Bevölkerungsschichten, das Verschleudern von Talenten durch ein zu früh selektives Schulsystem. Das Problem betrifft eingesessene Österreicher ebenso wie Zuwanderer. Es hat aber den Effekt, dass viele Österreicher glauben, sich nicht anstrengen zu müssen, und für ihr Alltagselend einen Sündenbock suchen.

Im „Lindenhof“ im Bezirk Liesing
, in der beschaulichen Wiener Heurigen- und Villengegend Mauer mit einem verschwindend kleinen Migrantenanteil, feierte am Dienstag der Vorwoche eine Gruppe von FPÖ-Senioren ihren Wahlerfolg. Wer hier fragt, war­um die Älteren diesmal der FPÖ zugelaufen sind, bekommt absonderliche Begründungen präsentiert: „Wir mussten hart und für wenig Geld arbeiten, die Ausländer kommen einfach her und kriegen eine Pension und auch sonst alles“, klagt ein Mann. Was „alles“ ist, kann er nicht so genau definieren. Auf Fakten kommt es nicht an, das Gefühl der ständigen Benachteiligung herrscht vor.

Der blaue Seniorenbeauftragte Hendryk Weber meint, Pensionisten wagten sich kaum noch auf die Straße, „weil sie sich als Fremde im eigenen Land fühlen“. Für den gutbürgerlichen Bezirk Josefstadt fordern die Freiheitlichen gar einen städtischen Begleitdienst für ältere Leute, die – tagsüber, wohlgemerkt – nicht mehr alleine den Weg zur Bank wagten.

Das Raunzen und Jammern zieht sich quer durch die Stadt und mittlerweile auch tief in so genannte bürgerliche Schichten. Kleine Gewerbetreibende und Einzelhändler aus den traditionell konservativen Bezirken Wiens liefen in Scharen von der ÖVP zur FPÖ über. In der Kalvarienberggasse, einer kleinen Geschäftsstraße im noblen 18. Bezirk, sind viele Läden zur Mittagszeit und auch abends früh geschlossen. Dass damit nicht mehr das große Geschäft zu machen ist, schiebt ein Händler den „unfairen Methoden“ der Migranten-Konkurrenz in die Schuhe: „Da steht die ganze Familie im Geschäft, daher können die ganz andere Öffnungszeiten haben.“

Sogar fremdländische Geschäftsschilder sind für den angestammten Wiener eine Belastung. In Simmering, wo die Freiheitlichen auf 36 Prozent zulegen konnten, herrscht nach Aussage der sozialdemokratischen Bezirksvorsteherin Renate Angerer großer Unmut über türkische Geschäftsleute. Sie sind zwar die Einzigen, die verwaisten Geschäftsstraßen noch ein städtisches Flaniergefühl abzutrotzen vermögen. Doch auf der Simmeringer Hauptstraße trauert man dem Bäcker, dem Schuhverkäufer, Modegeschäften wie „Hasiputz“, Fleischern und Elektrikern nach. Jetzt findet sich dort ein Kebabstand, ein türkisches Brautmodengeschäft, ein Gemüsehändler, ein Handy-Geschäft, alles Türken, wie allgemein beklagt wird. Die einheimischen Ladenbetreiber gingen in Pension, ihre Kinder wollten das Geschäft nicht übernehmen. Den Rest besorgten das Einkaufszentrum Ekazent und diverse Supermärkte. „Ich finde keine eingesessenen Österreicher für frei werdende Lokale, doch Türken dürfen’s nicht sein. Soll ich vielleicht einen Arierausweis verlangen“, fragt die Bezirkschefin schon ziemlich zermürbt.

In Floridsdorf
, zwischen Gerasdorfer und Brünner Straße, haben die Freiheitlichen in einem Dutzend Sprengel 45 bis 50 Prozent der Stimmen bekommen. In einem Block gar 63,3 Prozent. ÖVP-Bezirksrat Walter Radda, der selbst in dieser Gegend in einem Gemeindebau wohnt, kann von keinem Ausländerproblem berichten, aber von Ärger über Flächenwidmungen und Neubauten, die den Ausblick verstellen, von Verkehrslärm und säumigen Instandsetzungar­beiten in den Gemeindebauten. „Wir raunzen auf sehr hohem Niveau. Das ist eine Bauchgeschichte von Menschen, die in ihrer Bildung mit ihrem geistigen Wesen eingeschränkt sind. Vom moralischen Standpunkt aus müsste einmal jemand ‚stopp‘ sagen“, sagt Radda.

In einer Kleingartenanlage in der Nähe der Nordbahnsiedlung, in der ehemalige Genossen wohnen, weil man früher ohne Parteibuch gar nicht an einen Schrebergarten herankam, erzielten die Freiheitlichen über 45 Prozent.

Selbst in Musteranlagen herrscht Unzufriedenheit.
Im Gemeindebau Franz-Koch-Hof in Floridsdorf, 5000 Bewohner, 14 Ärzte, drei Kindergärten, Supermärkte, riesige Grünanlagen, zwei Sportplätze, am Eingang eine Tafel mit der Aufschrift „Kinder erwünscht“, haben 34 Prozent die FPÖ gewählt. Mieterbeirat Günter Rech kann die Klagen über Ausländer schon nicht mehr hören: „Immer wieder geistern blödsinnige Gerüchte durch die Anlage, etwa dass die einheimischen Kinder den Fußballplatz nur benutzen dürfen, wenn sie den Ausländern Geld zahlen.“ Dagegen sei schwer anzukämpfen, weil „in jeder Zeitung seit Jahren vermittelt wird, dass es Probleme gibt“. Aber Rech weiß von den Abstiegsängsten vieler Bewohner, die erleben, dass ihre Nachbarn nach langen Jahren bei ihrer Firma gekündigt werden: „Für den Zorn sucht man Schuldige, und da hat uns ja die Politik lange genug erklärt, wer schuld sein muss.“

In Simmering entbrannte der Zorn der Mieter in einem renovierten Gemeindebau an der Frage, war­um die Allgemeinheit für die Rasensprenkler aufkommen muss, wo doch nicht jeder die Wiese benutzt. Das setzt sich beim Wasserverbrauch in den Waschküchen fort. Es fehlte noch, dass auch das Licht der untergehenden Sonne zur Verrechnung kommt, denn Ausländer gehen später zu Bett und spielen länger im Hof, sagt ein Anrainer.

„Wir haben eine Anspruchshaltung gezüchtet“
, klagt die Simmeringer Bezirkschefin Renater Angerer. Häufig empörten sich die ­Einheimischen darüber, dass Zuwandererfamilien aus moslemischen Ländern ihre Straßenschuhe vor der Wohnungstür aufreihen. Sozialarbeiter berichten vom Zorn über Kinder, die an fremden Türen klingeln und dann davonlaufen.

In Favoriten , rund um die Laxenburger Straße, Per-Albin-Hansson-Siedlung West und Nord, kam die FPÖ in die Nähe von 50 Prozent. Die Gründe könnten in den bei Regenfällen auftretenden Kellerüberflutungen, weniger Parkplätzen durch die neue Fachhochschule und einem angeblichen Zuwandererheim, das allerdings nie geplant war, liegen. Am Heidjöchl in der Donaustadt kann man vermuten, dass die frischen Hakenkreuzschmierereien an den dortigen Gemeindebauten etwas mit dem 50-Prozent-Erfolg der FPÖ zu tun haben.

In Ottakring haben die Freiheitlichen in zwei Genossenschaftsbauten abgeräumt. In der von ehemaligen Postbediensteten bewohnten Anlage erreichten sie 45 Prozent, im so genannten Polizeibau 51,9 Prozent.
Es ist eine alte Geschichte. Einst waren es die Armen aus den Reihen der Sozialdemokratie oder die mit den guten Kontakten, die vom Sektionsobmann persönlich eine Gemeindewohnung bekamen. Vor rund 15 Jahren wurde die Vergabe auf eine objektive Grundlage – Bedürftigkeit, Kinderzahl – gestellt. Auch Zuzügler haben nach fünf Jahren nun einen Anspruch darauf. Das passt vielen ehemaligen Begünstigten nicht.
Spätestens seit zwei Jahren ist Wien die am besten betreute Großstadt der Welt. In städtischen Wohnanlagen, Parks und U-Bahnen sind Kümmer-Trupps unterwegs, mobile Therapieeinheiten, die versuchen, die Konfliktparteien (Lärm, Schuhe, ­Küchendüfte, Hundstrümmerln) an einen Tisch zu bringen. Deutschkurse werden in Parkanlagen ­abgehalten, um ältere Zuwanderer zu erreichen. 90 Prozent der neuen Zuwanderer durchlaufen das Bildungsstartpaket der Gemeinde Wien. An Volkshochschulen werden sie unterwiesen, „wie der Wiener tickt“.

Der Volkertmarkt in der Leopoldstadt wird im Sommer rund um die Uhr betreut. Tagsüber schlichtet die Gebietsbetreuung etwaige Streitereien, abends das „Fair Play“-Team. Ergebnis: 34 Prozent für die FPÖ. „Wir können nicht noch eine Gruppe hinschicken“, sagt der SPÖ-Bezirksvorsteher Gerhard ­Kubik. Hannes Swoboda, der ehemalige Wiener Planungsstadtrat, meint resigniert: „Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass wir einen gewissen ­Prozentsatz der Leute nicht erreichen. Die sind ­mittlerweile Wutbürger und haben sich, angestachelt von der FPÖ, so hineingesteigert, dass wir nichts
mehr ändern können.“

Mittlerweile machen sich unter Zuwanderern Ängste breit. Den Satz „Es ist egal, wie gut ich mich an die österreichische Gesellschaft anpasse – ich werde immer als Ausländer betrachtet“ unterschreiben nicht weniger als die Hälfte der jungen Türken der zweiten Zuwanderergeneration. Bezirksvorsteher berichten von Ausländerkindern, die sich nicht mehr trauen, ihren Geburtstag zu feiern.

Ein hässliches altes Kinderlied könnte bald wieder gesungen werden: „Jeder Kongoneger hat sein’ Bettvorleger, aber unsereiner, der hat nix.“ Der Stimmung entspricht es.