„Ich wähle den Konservativen“: Eine Wahltagsbefragung auf eigene Faust

"So habe ich das geringere Übel gewählt“ Unterwegs in Wien.

"So habe ich das geringere Übel gewählt“ Unterwegs in Wien.

"So habe ich das geringere Übel gewählt“ Unterwegs in Wien.

"So habe ich das geringere Übel gewählt“ Unterwegs in Wien.

Reportage: Christa Zöchling unterwegs mit ihrer Kollegin und Freundin Adelheid Wölfl am Wahltag.

In der Lounge der Nationalbibliothek

Es ist gerade erst zehn Uhr geworden, doch alle Spinde im ebenerdig gelegenen Trakt der Garderobe sind bereits besetzt. Sogar sonntags entfliehen viele Studenten ihren Zimmern in Wohngemeinschaften und Heimen und kommen hierher, um zu lesen, zu lernen, zu exzerpieren. Oder in der Lounge zwischen den beiden Lesesälen einen Automaten-Kaffee zu trinken. Wir wollen wissen, ob sie auch wählen waren und was sie gewählt haben. Wir - meine Freundin und Journalistin Adelheid Wölfl und ich. Zu zweit fällt es leichter, wildfremde Menschen anzusprechen.

Die meisten der jungen Leute hier waren nicht wählen, sie dürfen nämlich gar nicht. Sie kommen aus Deutschland, oder auch aus entfernteren Weltgegenden wie Tansania und hoffen, dass Alexander Van der Bellen gewinnt. Da, endlich, zwei Wahlberechtigte, Studentinnen, Schwestern: „Van der Bellen“, klar. Nicht ganz überzeugt sind sie von diesem Politiker, doch sei er allemal besser als Norbert Hofer und die gesamte Strache-Partie. Das Radikale mögen sie nicht so. Im ersten Wahlgang haben sie Irmgard Griss gewählt, so wie auch ihre Familie in Eferding, der alte Vater - auch er hat Griss gewählt, sagt die 27jährige stolz, und jetzt wählen alle van der Bellen.


Sie schüttelt den Kopf. Sie hatte nie Angst, doch jetzt krieche die Angst schon langsam in ihr hoch.

Neugierig verfolgt eine Frau vom Nebentisch das Gespräch. Sie hat gestern selbst in einem Kaffeehaus erkundet, was die Wiener und Wienerinnen so wählen und hat das Unternehmen schnell abgebrochen, als man ihr entgegenschmetterte „den Jungen“. Die Dame ist höchst besorgt, um nicht zu sagen, schwer beunruhigt. „Österreich hat eine Geschichte, die lebt jetzt vielleicht wieder auf. Ich bin die Tochter von Holocaust-Überlebenden. Ich schau genau hin und ich habe im Fernsehen ein Poker-Face gesehen: dieses Gesicht, diese Hartherzigkeit, diese Respektlosigkeit gegenüber Van der Bellen, der doch schon ein älterer Mann ist.“ Sie schüttelt den Kopf. Sie hatte nie Angst, doch jetzt krieche die Angst schon langsam in ihr hoch. Van der Bellen sei ein feiner Mann, zu fein für den ruppigen Ton, der von der Gegenseite gepflogen wurde. Sie sei nur froh, sagt die zarte, zerbrechlich wirkende Dame, dass die Israelitische Kultusgemeinde – „spät, aber doch“ - sich eindeutig für Van der Bellen positioniert habe, und dankbar, dass Ariel Muzikant, der frühere IKG-Vorsitzende, noch einen Massenbrief ausgeschickt und gespendet hatte.

Simmeringer Hauptstraße, 12.00

Das Amtshaus, in dem seit den vergangenen Wien-Wahlen die Freiheitlichen den Ton angeben, ist nicht weit entfernt von der U-Bahn-Station. Hier kreuzen sich die Wege. Grüppchen und Einzelne kommen vom Wahllokal oder sind auf dem Weg dorthin. Schnellen Schritts und nicht gerade auskunftsfreudig. Nein danke, das sag ich nicht. Nein. Nein. Nein. Doch ein Mann bleibt stehen und hebt zu einer Suada an. „Wir sind ja in euren Augen die Proleten und ungebildet. Keiner hat Recht, der Hofer auch nicht. Ich pfeif auf alle. Schauen Sie sich um. Überall die Eselsalamifresser. Die Österreicher werden auch immer hässlicher. Wenn ich im Sommer ein enges Leiberl trage, schaut man mich auch schon schief an. Ach, „Sie werden sich wundern“- das sag ich dreimal am Tag, und der Van der Bellen ist so von oben herab. Diese Hipsters nerven mich, die glauben, ihnen gehört die Welt und alles. Ich hab früher einmal rot, dann immer grün gewählt, aber jetzt wähl ich Protest – KPÖ oder noch weiter links. Der Journalismus, das ist kein Journalismus mehr. Man darf ja nicht mehr sagen, was man denkt.


Er meint, man nehme Leute wie ihn nicht ernst, er sei kein Rassist, aber man müsse schon verlangen, dass einer Deutsch lerne, Respekt und Höflichkeit zeige.

In meiner Firma ist es so: Alle schleimen. Ich schleime auch. Keiner will einen Nachteil haben. Die Willkommenskultur – jaja - keiner soll ein Wort sagen, der nicht selbst Flüchtlinge aufgenommen hat. Ich sage euch: es wird das Land zerfetzen. Der Bürgerkrieg ist schon da. Der Österreicher ist hinterfotzig, bigott und verblödet. Ich würde, wenn ich könnte, die Regierung entlassen und alles neu machen: mit Experten und ein paar anständigen Politikern“. Der Herr im blitzblauen Anorak holt jetzt tief Luft und sieht nun viel freundlicher aus als am Beginn seiner Wutrede. Er meint, man nehme Leute wie ihn nicht ernst, er sei kein Rassist, aber man müsse schon verlangen, dass einer Deutsch lerne, Respekt und Höflichkeit zeige. Herr Christian S. war wählen, aber er hat keinen der beiden Kandidaten gewählt.

Vor dem Backwerk in der Simmeringer Hauptstraße, 13.00

Eine junge Österreicherin, die einst im Bosnien-Krieg aus Sarajevo nach Österreich geflüchtet war: „Ich bin Hauskrankenpflegerin. Ich fand es unmöglich, als er sagte, dass Muslime diesen Beruf nicht ausüben wollten. Das war ein Punkt, der mir schon sehr zu denken gegeben hat.“ Sie und ihr Sohn haben Van der Bellen gewählt.


Ich will mich nicht wundern müssen. Der hat gesagt, er werde die Regierung entlassen!

Eine ältere Dame bleibt nun ebenfalls stehen. Sie erzählt von den Jahren nach dem Krieg, als niemand eine E-Card hatte und niemand eine Mindestsicherung. Nach längerem Hin und Her gesteht sie, dass sie „doch den Jüngeren“ gewählt hat, obwohl Van der Bellen ein sehr gebildeter, feiner Herr sei. Sie habe Hofer gewählt wegen der Ausländerfrage, die allerdings eine „sehr verzwickte Angelegenheit“ sei. Die Aggression in diesem Wahlkampf hat der kleinen weißlockigen 84jährigen, die in schlichter Eleganz gekleidet, vom Wahllokal nach Hause trippelt, nicht gefallen. „Aber der Hofer steht doch in Saft und Kraft und kann die großen Dinge schultern“.

U-Bahn-Station Enkplatz 14.30

Wieder bleibt ein Herr stehen, ein Van der Bellen-Wähler. Doch das stellt sich erst nach längerem Nachfragen heraus. Es scheint so, als seien in Simmering die Verhältnisse auf den Kopf gestellt. Nicht mehr die Hofer-Wähler scheuen sich, zu gestehen, wen sie gewählt haben, sondern umgekehrt, die Van der Bellen-Wähler drucksen herum. „Eine unnötige Wahl. Beide Kandidaten sind nicht wirklich große Persönlichkeiten. So habe ich das geringere Übel gewählt“.

U-Bahn-Station Karlsplatz

Ein fein angezogenes, älteres Paar kommt auf uns zu. Ganz offensichtlich auf dem Weg in den Musikverein. Sie sehen so freundlich aus, dass es keine Überwindung kostet, sie anzusprechen.
„Wir sind beide Arbeiterkinder und gehen zu jeder Wahl. Zur Nationalratswahl mit einer großen Portion Frust. Aber den Hofer, den muss man unbedingt verhindern. Ich will mich nicht wundern müssen. Der hat gesagt, er werde die Regierung entlassen!“, sagt der Mann und die Frau fügt hinzu: „Der will die Frauen wieder an den Herd schicken.“
Die Ausländer - die seien allerdings schon ein echtes Thema. Der Lärm, den sie machten in ihren Wohnungen bis auf die Straße hinaus, die jungen Männer, die dauernd Frauen belästigten. „Die werden nie Europäer werden“, aber deshalb könne man auch nicht den Hofer wählen.

Zwei Damen im Nerzmantel eilen ebenfalls in Richtung Musikverein. Norbert Hofer? – „Da müsste man auswandern, wenn der das wird. Wir wählen konservativ! – Van der Bellen!“