Bundespräsidentenwahl: Die Heimatlosen

Bundespräsidentenwahl: Die Heimatlosen

Krumpendorf am Wörthersee und Gaaden in Niederösterreich: Die Griss-Wähler aus der ersten Wahl haben das Rennen mitentschieden. Besuch in zwei Hochburgen.

„Für mich gibt es nur die Griss. Sie ist die eigentliche Gewinnerin dieser Wahl. Es war wunderschön, wie sie den politischen Raum betrat, alleine, sich aufrecht hinstellte und klar ihre Linie vertrat.“ Die ehemalige Spitalsmitarbeiterin Roswitha Fleiss (61) aus Krumpendorf am Wörthersee stand schon immer auf Frauen in der Politik. Nun ist sie vielleicht der größte Fan von Irmgard Griss. In der Stichwahl musste die Kunstliebhaberin einen Mann wählen: Alexander Van der Bellen. „Auch dieser Bursche war im TV-Duell zum Schämen. Aber das geringere Übel.“

„Bei Hofer sträubte sich alles in mir”

Die 70-jährige Gerti Opitz aus Gaaden ging bei der Wahl zum ersten Mal in ihrem Leben fremd. Sie wählte nicht wie üblich einen schwarzen Kandidaten, sondern Irmgard Griss. In der Stichwahl wollte sie Norbert Hofer unbedingt verhindern: „Bei Hofer sträubte sich alles in mir. Diese aufgesetzte Heimatliebe. Dieses einstudierte Lächeln. Und dann noch die Wurzeln der Partei mit vielen Altnazis bei der Gründung.“ Mit Naturgarten, einer WhatsApp-Gruppe zur Rettung der Kröten und einer Fluchtgeschichte im eigenen Familienstammbaum fiel ihr das Kreuz beim asylfreundlichen Öko-Professor auch deutlich leichter.

Diese Präsidentenwahl zertrümmerte nicht nur die alte rot-schwarze Machtdominanz in der Hofburg. Der erste Wahlgang hinterließ mit 19 Prozent für Irmgard Griss auch eine neue und unabhängige Mitte, der in der Stichwahl die Wunschkandidatin verlustig ging. Nun wählten rund zwei Drittel Van der Bellen, doch für einen klaren Sieg des Grünen blieben zu viele daheim. Was alle Strömungen im Griss-Lager verband: Man warf den Stimmzettel oft mit Bauchweh ein und fühlt sich nun heimatlos in einem geteilten Land.

Das Beste aus beiden Welten

Gaaden in Niederösterreich und Krumpendorf in Kärnten ziehen Akademiker aus der Nahen Metropole Wien oder Klagenfurt an wie ein Magnet. Das sind die Biotope, in denen die ehemalige Präsidentin des Obersten Gerichtshofes so erfolgreich fischte. Arbeiten und feiern in der Stadt, schlafen und aufwachen am Land. Wer es sich leisten kann, verbindet das Beste aus beiden Welten. Was entschlummert, ist das Ortsleben in den Straßendörfern. Die Tankstelle bei der Einfahrt in die 1600-Seelen-Gemeinde Gaaden war beliebter Treffpunkt für Klatsch und Tratsch. Heute leitet sie ein seelenloser Automat. Kegelbahn, Konditorei sind längst geschlossen, ein Billa und drei Wirte bilden das ökonomische, die Feuerwehr das gesellige Zentrum.

Bürgerlich-liberale Thermik

In Krumpendorf sank die Zahl von 5000 Gästebetten im Ort auf 1600. Die Urlauber gingen, die „Zua-
grasten“ kamen. Der Quadratmeterpreis für ein Grundstück stieg in beiden Orten auf 400 Euro und darüber. Politisch verleihen die Kosmopoliten dem konservativen bis freiheitlichen Klima am Land eine bürgerlich-liberale Thermik. Gaaden ist der Ort mit der stärksten unabhängigen Bürgerliste Österreichs. In Krumpendorf regiert eine schwarze Bürgermeisterin, die NEOS holten mit zehn Prozent einen Kärntner Rekordwert. Trotz der liberalen Tendenzen überraschte der Sieg von Irmgard Griss alle. In Gaaden verwies sie Van der Bellen, in Krumpendorf Hofer mit je 32 Prozent auf Platz 2. Nun bei der Stichwahl verhalfen die ehemaligen Griss-Wähler Van der Bellen in beiden Orten zum Sieg. In Gaaden holte er 64 Prozent, in Krumpendorf 53 Prozent.

Ein nicht unbeträchtlicher Teil ihrer 810.000 Fans verzichtete diesmal auf ein Kreuz am Wahlzettel und wählte bewusst weiß. „Ich bin ein Mann der Mitte. Sie waren mir beide zu extrem“, erzählt Weißwähler Franz Bürger beim Fleischhauer im Ortskern. Der umtriebige Unternehmer stand früher den Blauen nah und ist jetzt NEOS-Gemeinderat in Krumpendorf. Als sich Irmgard Griss offen zu Van der Bellen bekannte, ließ ihn das kalt. „Wahlempfehlungen sind entbehrlich.“ Gar nicht mehr zur Wahl ging die Besitzerin der Pizzeria gegenüber vom Fleischhauer, Gilda Erian: „Bei Hofer stand der Strache dahinter. Und Van der Bellen sagte, er würde die FPÖ nicht angeloben und somit ausgrenzen. Die Griss war nicht extrem und für alle offen.“

Wie von einem anderen Planeten

Die historische Kluft zwischen Stadt und Land ist seit der Stichwahl wieder evident. Besonders die Flüchtlingskrise hat die Trennlinie offengelegt. In den Speckgürtel-Gemeinden Gaaden oder Krumpendorf verschwimmt sie. Mit Pool im Garten, vielen PS in der Garage und wenig Zukunftssorgen sind die Zugezogenen resistenter gegen die Angst vor Fremden. Für den Rest an Sicherheitsbedürfnis werden die teuren Alarmanlagen jährlich gewartet. Mütter kutschieren ihre Kinder mit dem SUV direkt vor die örtliche Volksschule. Dort drohte in Gaaden aus Schülermangel die Zusammenlegung der ersten und zweiten Klasse. Dank dreier syrischer Flüchtlingskinder kratzte die Schule die Kurve. Solche Nebenwirkungen der Asylkrise fördern die Toleranz. Im Ortsbild fallen die Flüchtlingsfamilien kaum auf. Ein Syrer habe seine Frau geschlagen, erzählt man sich. Geschichten von Afghanen, die am Wiener Praterstern vergewaltigen und mit Drogen dealen, scheinen aber trotzdem wie von einem anderen Planeten. „Ich hab den Flüchtlingen beim Rasenmähen geholfen“, sagt der 17-jährige Gaadener Fabian Thaler. Nun verhalf der junge Mann, der gerne eine Frau in der Hofburg gesehen hätte, Van der Bellen zur Mehrheit im Ort. So wie auch die Familie des ehemaligen Symphonikers Horst Küblböck.

Zu Hofer tendierten jene Griss-Wähler, die in ihrer Gegend verwurzelt sind und ihre Kultur durch Massenzuwanderung gefährdet sehen. In Krumpendorf und Gaaden liefern sie sich aber keine Hassorgien mit Flüchtlingsfreunden im Internet. Man grüßt einander über den Zaun und unterscheidet sich bloß durch die Graslänge im Garten.

„Das geringere Übel“

Anton Pruntsch ist praktischer Arzt in Villach. Seine Zufahrt ist eine Freiluftwerkstätte für Oldtimer. „Ich bin froh, wenn die Flüchtlinge unser Land auffrischen. Bis auf ein paar Trottel werden sich die schon anpassen“, sagt er. Er und sein 17-jähriger Sohn wählten Van der Bellen. „Das geringere Übel“, sagt Pruntsch, der davor Griss wählte. Nun musste er, der gerne 160 km/h auf der Autobahn fahren würde, das Kreuz aber bei einem Vertreter einer Radfahrer-Partei machen, vor der kein Tempolimit sicher ist.

Der Krumpendorfer Manfred Steindl schätzt bestehende Grenzen. Der pensionierte HAK-Lehrer hat im zweiten Durchgang Hofer gewählt. Vor seiner Tür steht ein gepflegter Mercedes, im Haus blitzen die lasierten Holzschränke und Tassen in den Vitrinen, der Garten ist makellos. „Hofer hat im Wahlkampf präzise und prägnante Aussagen getätigt und nicht wie Van der Bellen spontan und diffus argumentiert. Und er ist jung. So alt wie Van der Bellen bin ich selbst“, sagt der 76-Jährige. Steindl ist überzeugt, dass die Kosten für die Flüchtlinge in die Höhe schnellen werden und „durchs Hintertürl“ weit mehr Migranten ins Land gekommen als bekannt. Der offiziellen Kriminalitätsrate traut er ebenfalls nicht.

Drastischer drückt es die 50-jährige Karin Doberauer aus: „Wir werden überrollt. In Libyen warten zwei Millionen Menschen auf die Überfahrt. Wir müssen unsere Kultur und unsere Werte doch verteidigen.“ Beim ersten Durchgang hat sie noch Van der Bellen gewählt, weil er seriös und erfahren wirkte. Doch dann wurde die Angst um die Heimat zu groß und sie schwenkte zu Hofer.

„Ich glaub, wir trennen uns.“ Pruntsch ist erstaunt über das Outing seiner Lebensgefährtin, die mit am Tisch sitzt. Die Trennlinie zwischen Stadt und Land, Bezirken, Wohnblöcken, Facebook-Gruppen und Freundeskreisen - hier verläuft sie quer durch die moderne Küche. Mit einem Kuss und einer intensiven Diskussion wird der Graben rasch wieder überwunden. Gewählt hat Doberauer dann doch Van der Bellen. So leicht wird die nationale Versöhnung nicht werden in den nächsten sechs Jahren.