Drei Personen, es sind Stocker, Babler und Meinl-Reisinger, sitzen an einem Tisch vor österreichischen und EU-Flaggen.
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Billigere Lebensmittel, billigerer Strom: Wie will die Regierung die Goodies finanzieren?

Senkung der Mehrwertsteuer auf Lebensmittel, Milliarden für den Industriestandort, billiger Strom – die Regierung startet voller Tatendrang ins neue Jahr. Doch die leeren Staatskassen könnten der Dreierkoalition einen Strich durch die Budgetrechnung machen.

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Der heurige Opernball wird ohne den österreichischen Bundeskanzler stattfinden. Christian Stocker kann am Staatsball, dem Höhepunkt des Wiener Faschings, nicht antanzen. Dabei hatte er sogar überlegt, einen Stargast nach Wien einzuladen: Emmanuel Macron. Frankreichs Staatspräsident und Österreichs Bundeskanzler werden einander am 12. Februar zwar begegnen, allerdings nicht in der Wiener Staatsoper, sondern im Europagebäude in Brüssel. Dort tagt ein Sondergipfel der EU-Staats- und Regierungschefs, um über die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit Europas zu diskutieren. Da Stocker einer der Initiatoren der Sondersitzung war, kann er diese kaum schwänzen, um sich in Wien der Balllaune hinzugeben.

Das Thema, das auf europäischer Ebene diskutiert wird, beherrscht auch die hiesige Debatte. Der Wirtschaftsstandort Österreich steht unter Druck wie noch nie in der Zweiten Republik. Kein Grund für Trübsal an der Regierungsspitze. „Ein Jahr des Aufschwungs“, kündigte Stocker nach der Regierungsklausur vergangenen Mittwoch an. Vizekanzler Andreas Babler griff zu bewährter Hochsee-Metaphorik und sah das Regierungsschiff auf Kurs. Der Sturm würde sich legen. Und Außenministerin und Neos-Chefin Beate Meinl-Reisinger erklärte hoffnungsfroh: „Wir haben das Tal der Tränen verlassen.“ Ist der Optimismus der Staatsspitze angebracht oder handelt es sich um Realitätsverzerrung? Folgen auf die Regierungsklausur effektive Maßnahmen oder sind die Ankündigungen der Koalition flüchtig wie Neujahrsvorsätze?

Mangelnde Einsatzfreude kann man der Regierung jedenfalls nicht vorwerfen. Dienstag vergangener Woche begaben sich Stocker, Babler und Meinl-Reisinger zur Klausur ins niederösterreichische Mauerbach. Mit dabei waren die Klubobleute und Regierungskoordinatoren. Bis zwei Uhr früh in den Mittwoch hinein dauerten die Verhandlungen der Koalitionäre. Bis vier Uhr früh saßen sogar die Regierungskoordinatoren – Staatssekretär Alexander Pröll für die ÖVP, Staatssekretärin Michaela Schmidt für die SPÖ und Armin Hübner, leitender Beamter im Außenamt, für die Neos – zusammen, um die Verhandlungsergebnisse auszuformulieren.

Wenn es der Regierung darum ging, den Boulevard zu beeindrucken, war sie erfolgreich. Die „Kronen Zeitung“ titelte: „Milch, Butter und Brot endlich billiger“. Und in einem Kommentar wurde beinahe schon Lob ausgeschüttet: „Spät, aber doch: Ist die Regierung aufgewacht?“

Bablers Erfolgserlebnis

Die unbefristete Senkung der Mehrwertsteuer auf ausgewählte Grundnahrungsmittel von zehn auf (aus EU-rechtlichen Gründen) knapp unter fünf Prozent kann SPÖ-Chef Babler als Erfolg verbuchen, schließlich hat er eine solche Reduktion schon seit Langem gefordert. Allerdings: Noch lieber hätte die SPÖ wie bei den Mieten auch bei Lebensmitteln einen amtlichen Preisdeckel eingezogen. ÖVP und Neos konnten da allerdings nicht mit.

Eine Frage trieb die Koalitionäre um: Wie kann man garantieren, dass die günstigeren Preise bei den Konsumentinnen und Konsumenten auch ankommen?

Mittwoch um ein Uhr nachts führte Natalie Harsdorf-Borsch das letzte Telefonat mit dem Regierungs-Verhandlungsteam. Bei der Mehrwertsteuersenkung auf Nahrungsmittel kommt der Chefin der Bundeswettbewerbsbehörde und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine tragende Rolle zu. Sie soll möglichst lückenlos überwachen, ob diese Steuersenkung auch tatsächlich an die Konsumenten weitergegeben wird oder doch hier und da als Körberlgeld bei den Händlern bleibt.

Die Wirkung der Mehrwertsteuersenkung auf die Gesamtinflation dürfte eher bescheiden ausfallen. In der Regierung rechnet man damit, dass die Teuerung zumindest in den ersten zwei Jahren um ein paar Zehntel Prozentpunkte gedämpft werden könnte. Ökonomen wie Fiskalratspräsident Christoph Badelt oder WIFO-Chef Gabriel Felbermayr kritisieren sie als sehr breit angelegt und hegen Zweifel, was die Gegenfinanzierung angeht. Je nach Berechnung sparen sich einzelne Kundinnen und Kunden zwischen fünf und neun Euro pro Monat. Rund 400 Millionen Euro an Einnahmen verliert der Finanzminister dadurch. Diese will man sich über eine zusätzliche Abgabe auf nicht recycelbares Plastik und auf Pakete aus Drittstaaten holen – eine Temu- und Shein-Steuer also. Allerdings stellte Marterbauer intern bereits klar, dass die Senkung der Mehrwertsteuereinnahmen nur im Verhältnis zur Gegenfinanzierung erfolgen kann. Heißt: Nimmt der Fiskus aus Paket- und Plastiksteuer weniger als die geplanten 400 Millionen Euro ein, werden auch entsprechend weniger Lebensmittel steuerreduziert. Marterbauer soll etwas verwundert gewesen sein, dass die drei Koalitionsspitzen Stocker, Babler und Meinl-Reisinger Steuerreduktionen in der Höhe von Hunderten Millionen ohne ihn ausverhandelten. Im Finanzministerium soll man mit möglichen Einnahmen aus Plastik- und Paketsteuer zur weiteren Budgetsanierung bereits selbst gerechnet haben, nun muss Marterbauer neue Quellen erschließen.

Unklar ist noch, welche Grundnahrungsmittel den vergünstigten Steuersatz bekommen. Die BWB könnte aber im Windschatten dieser Steuersenkung die größte Kompetenzerweiterung seit Bestehen der Behörde erhalten. Denn sobald der vergünstigte Steuersatz im Juli dieses Jahres in Kraft tritt, soll die BWB entlang der gesamten Lieferkette prüfen, ob die Steuersenkung tatsächlich weitergegeben wird, und gegebenenfalls eingreifen dürfen, wenn das nicht der Fall ist.

Beides war bisher nur eingeschränkt möglich. Und beides soll sich laut Regierung jetzt ändern. Bisher konnte die BWB Auskunftsverlangen, zum Beispiel zur Preisgestaltung, an Unternehmen schicken. Diese waren aber streng genommen nicht zur Auskunft verpflichtet. Und bisher durfte die BWB nur Empfehlungen zur Verbesserung der Wettbewerbssituation abgeben, aber keine rechtlich bindenden Auflagen aussprechen. Auch das könnte sich nun ändern.

In einem Land, in dem die vier größten heimischen Lebensmitteleinzelhändler 90 Prozent des Marktes dominieren, könnte diese Kompetenzerweiterung tatsächlich ein Gamechanger werden, der weit über die Senkung der Mehrwertsteuer hinaus wirkt.

Gernot Bauer

Gernot Bauer

ist seit 1998 Innenpolitik-Redakteur im profil und seit 2025 Leiter des Innenpolitik-Ressorts. Co-Autor der ersten unautorisierten Biografie von FPÖ-Obmann Herbert Kickl.

Marina Delcheva

Marina Delcheva

leitet das Wirtschafts-Ressort. Davor war sie bei der „Wiener Zeitung“.