Ein Mann am Fenster, es ist Bundeskanzler Christian Stocker

Wie Stocker die ÖVP umbaut, aber nicht mit Kurz brechen will

Verzettelt sich der Kanzler in den komplizierten schwarz-türkisen Parallelwelten in der ÖVP-Parteizentrale?

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Ein ÖVP-Generalsekretär muss, auch wenn es seinem Naturell widerspricht, ein Haudrauf sein. Nico Marchetti, 35, ist ein höflicher junger Mann aus Wien, der im Allgemeinen bedächtig auftritt. Doch vergangene Woche teilte er über seinen Pressedienst ordentlich aus, obwohl in der Politik noch Sommerpause herrscht. Marchetti im Zitat: Die FPÖ sei die „faulste Partei Österreichs“. Grünen-Chefin Leonore Gewessler würde beim Klimaschutz „mit der Brechstange“ vorgehen und „durch reflexhaftes Nein-Sagen“ auffallen. Der Wiener SPÖ-Sozialstadtrat Peter Hacker würde sein Versagen bei der Integration der Regierung in die Schuhe schieben wollen und sei – so der Kalauer – „das Gegenteil von Hackler“.

Sich selbst sieht Marchetti wohl als „Hackler“, und zwar im Auftrag seines Herrn, Christian Stocker. Während der Bundeskanzler und die schwarz-rot-pinke Dreierkoalition kommende Woche bei ihrer Klausur um Wirtschaftswachstum, Stromkosten und Lebensmittelpreise ringen, lässt Stocker die ÖVP-Bundespartei umbauen. Die Wiedergeburt der schwarzen Volkspartei ist eingeleitet. Doch das türkise Gespenst geht immer noch um in der Parteizentrale in der Wiener Lichtenfelsgasse.

Nico Marchetti war ab 2015 Landesobmann der Jungen ÖVP und Bundesobmann-Stellvertreter ab 2017. Auch Sebastian Kurz startete seine Karriere bei der JVP. Insofern galt Marchetti als „Kurzianer“, soll sich vom ehemaligen Obmann und Kanzler aber deutlich entfremdet haben. Neben dem neuen Generalsekretär holte Stocker einen neuen Bundesgeschäftsführer (Dominik Ramusch) und einen neuen Chef für die wichtige Organisations- und Kampagnenabteilung (Patrik Fazekas) in die Parteizentrale.

Dort wandeln Kurz’ früherer „Kanzlerbeauftragter für Medien“, Gerald Fleischmann, und Kurz’ wichtigster Berater, Stefan Steiner, als Grenzgänger zwischen der schwarzen und der türkisen Welt. Fleischmann war mit seinem Chef 2021 aus dem Kanzleramt ausgeschieden, im November 2022 holte ihn ÖVP-Obmann Karl Nehammer als Kommunikationschef in die Partei zurück. „Fleischmann ist ein absoluter Vollprofi“, meinte der damalige Generalsekretär der Partei: Christian Stocker. 

Dualismus in der Parteizentrale

Seit März, quasi mit Antritt der Dreierkoalition, ist Fleischmann nicht mehr bei der ÖVP angestellt, sondern – wie Stefan Steiner – freier Consultant der Partei mit Gewerbeschein. An seiner Rolle habe sich nichts geändert, heißt es. Fleischmann sei nach wie vor Stockers Berater und nehme an Sitzungen der Minister und Büroleiter teil. Allerdings wird gemunkelt, dass es in der Parteizentrale mittlerweile eine Parallelstruktur gebe. Bei manchen Sitzungen sind Steiner und Fleischmann zugegen, bei anderen nicht.

Der Eindruck verfestigt sich: Die ÖVP will auch unter Stocker die türkise Ära einerseits hinter sich lassen, andererseits nicht ganz mit Kurz abschließen. Auf diese Weise verzettelte sich schon Karl Nehammer.

Gernot Bauer

Gernot Bauer

ist seit 1998 Innenpolitik-Redakteur im profil und seit 2025 Leiter des Innenpolitik-Ressorts. Co-Autor der ersten unautorisierten Biografie von FPÖ-Obmann Herbert Kickl.