CORONAVIRUS: PK "PRO UND CONTRA ZUR ÖFFNUNGSSTRATEGIE": DRUML

Christiane Druml, Leiterin der Bioethikkommission

© APA/GEORG HOCHMUTH / GEORG HOCHMUTH

Interview
02/01/2022

"Mit berufsspezifischer Impfpflicht wäre Österreich besser gefahren"

Die Leiterin der Bioethikkommission, Christiane Druml, stand mit ihrer Forderung nach einer Covid-19-Impfpflicht lange allein da. Was sie von der aktuellen Lösung hält.

von Clemens Neuhold

profil: Bereits im Mai 2020 forderten Sie in einem profil-Interview die Impfpflicht, sobald Impfstoffe gegen Covid-19 zugelassen sind. Warum diese Pionierinnen-Rolle?

Druml: Das hatte eine Vorgeschichte. Die Bioethikkommission kam 2018 zum Standpunkt, dass allgemeine Impfpflichten gegen schwere Krankheiten, die sich von Mensch zu Mensch übertragen, unter gewissen Bedingungen vertretbar sind. Damals dachten wir eher an Masern oder die Kinderlähmung. Polio grassiert ja in Reiseländern wie Kenia oder Herkunftsländern von Flüchtlingen wie Afghanistan.

profil: Wie reagierte die Politik auf Ihren Vorstoß einer Covid-19-Impfpflicht?

Druml: Sie zuckte beim bloßen Gedanken an eine Verpflichtung zusammen und betonte die Freiwilligkeit. Dieses reflexartige Mantra stärkt aber nur die Impfgegner, und man gibt die Themenführerschaft in der Pandemie aus der Hand. In der Klarheit einer Pflichtimpfung schwingt auch die feste Überzeugung ihrer Wirksamkeit mit. Das hätte mir von Beginn an besser gefallen-begleitet mit Transparenz über die aktuellen Zahlen über den Fortschritt der Impfungen, gegenübergestellt der Anzahl der Ungeimpften im Spital, mit Lichtstrahlern auf öffentliche Plätze und Gebäude projiziert.
profil: Die Gesundheitsminister Rudolf Anschober und Wolfgang Mückstein wollten sich nicht einmal zu einer Impfpflicht im Gesundheitswesen durchringen.

Druml: Die Impfung als Berufsvoraussetzung für die Arbeit im Spital und Pflegeheim forderten wir generell seit Langem und gegen Corona erstmals im November 2020. Auch weil uns Spitals-und Pflegeheimbetreiber zu diesem Schritt geradezu drängten. Sie fürchteten, ungeimpftes Personal an die Konkurrenz zu verlieren, wenn sie einseitig eine Impfpflicht einführen. Der Personalmangel in der Gesundheitsbranche ist ja extrem. Gerade im Gesundheitswesen müssen die anvertrauten Menschen nach dem Nichtschadensprinzip vor vermeidbarer Ansteckung geschützt werden.
 
profil: Trotz allgemeiner Impfpflicht darf das Personal im Altersheim oder Spital theoretisch auch weiterhin ungeimpft arbeiten. Ein Test genügt. 
 
Druml: Eine berufsspezifische Impfpflicht gibt es in vielen Ländern. Ich denke, Österreich wäre damit besser gefahren als mit der allgemeinen Impfpflicht. Man hätte diese Form der Impfpflicht, wenn notwendig, sukzessive auf Lehrer, die kritische Infrastruktur und auf körpernahe Dienstleistungen wie Friseure oder Masseure ausweiten können. Und in einem weiteren Schritt dann auch auf Risikogruppen und Menschen über 55 Jahre. Das hätte uns viel Aufwand, Emotion und Polarisierung erspart. Dieser Zug ist abgefahren.

profil: Braucht es jetzt noch immer die allgemeine Impfpflicht? Im Deutschen Ethikrat wachsen die Zweifel wegen Omikron.

Druml: Ja, es braucht die Impfpflicht, für eine Grundimmunisierung in Vorbereitung auf den nächsten Herbst. Die deutschen Kolleginnen und Kollegen sind traditionell vorsichtiger. Andererseits gibt es in Deutschland ab März 2022 eine Covid-19-Impfpflicht für das medizinische Personal und seit einiger Zeit eine Masern-Impfpflicht. Bei uns nicht.
profil: Ein nächster logischer Schritt auch in Österreich?

Druml: Masern sind derzeit kein Thema, weil die Ausbreitung durch die Masken stark eingedämmt ist. Aber das kann sich ändern. Auch weil viele Impfungen gegen andere Krankheiten pandemiebedingt ausgelassen wurden. Ich denke schon, dass die Covid-Impfpflicht der Startschuss für einen neuen Anlauf sein könnte, Menschen besser gegen überflüssige Krankheiten wie Masern, Keuchhusten oder Influenza zu schützen-auch mittels Impfpflichten. Die Sanktionen sind ja nicht immer gleich. Die Masernimpfung ist in Deutschland für den Besuch eines Kindergartens oder einer Schule obligatorisch.

profil: In unserem Gespräch vor eineinhalb Jahren hielten Sie auch eine Grippe-Impfpflicht für ethisch vertretbar.

Druml: Weil es geholfen hätte, zwischen Covid-19 und Grippe zu unterscheiden. Die Pharmaindustrie arbeitet meines Wissens bereits an Kombinationsimpfstoffen gegen beide Krankheiten. Ob der Gesundheitsminister die Impfpläne entsprechend anpasst, muss er entscheiden. Ein gesellschaftliches Interesse, unnötige Grippewellen zu vermeiden, besteht definitiv.

profil: Stellt die Covid-19-Impfpflicht eine Zäsur dar?

Druml: Die Pandemie ist eine Zäsur. Vielleicht sehen Menschen Verpflichtungen zur Immunisierung bald nicht mehr so eng, weil sie begreifen, welch fantastische Erfindungen Impfungen sind. Sie garantieren das Leben, wie wir es führen. Oder wer kann sich noch an die schweren Behinderungen erinnern, die uns Polio bescherte?