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Club 3
03/05/2022

Club 3: „Entladung der Geschichte von tausend Jahren“

Der Historiker Stefan Karner hat sein Leben lang in russischen Archiven geforscht. Jetzt ist er ratlos.

von Christa Zöchling

Stefan Karner sitzt in diesen Tagen häufig am Telefon und spricht mit seinen Freunden in Moskau oder der Ukraine. „So lang es noch möglich ist“, sagt der Historiker, der am Freitag in der von profil, „Krone“ und „Kurier“ veranstalteten Gesprächsreihe Club 3 zu Gast war. Keiner der ihm bekannten Studenten, Professoren, Archivare, Akademiemitglieder in Russland unterstütze den Krieg.

Jeder fürchte sich vor den nächsten Nachrichten. Karner kennt Land und Leute. 1974, in den langen Jahren der Breschnew-Ära, war er das erste Mal dort. Und seitdem immer wieder, mehrmals im Jahr. In der ersten Woche des Krieges hat er sich die Kriegserklärung Putins im Originalton angehört, die sogenannte „Begründung“ für den Angriff, in der Putin bis auf die Kiewer Rus im 9./10. Jahrhundert zurückging, das erste Reich, das sich in dieser Region bildete. Putins historischer Exkurs ist „die Entladung von tausend Jahren“, meint Karner, manches sei nicht ganz falsch, aber es „gibt keine Begründung für diesen Krieg“. 

Karner hat im Laufe seines Forscherlebens auch Putin selbst kennengelernt. Er sprach mit ihm bei Festbanketten, bei Historikerabkommen – Karner ist Mitglied der russisch-ukrainischen Historikerkommission. „Putin hat sich verändert. Immer mehr verengt.“  Der Westen habe auch Fehler gemacht bei der Einbindung des russischen Präsidenten in die Sicherheitsarchitektur, aber das alles rechtfertige nicht, was jetzt geschieht.

Habe er eine Idee, wie Putin zu stoppen sei? Seine Freunde und Bekannten sitzen in wichtigen gesellschaftlichen Positionen, warum ist es nicht möglich, der Sache ein Ende zu bereiten?

„Putin kann den Krieg militärisch gewinnen, aber politisch hat er ihn schon verloren.“ Wenn es einen Ausweg gäbe, wie Putin gesichtswahrend aus der Sache aussteigen kann, dann hätte man einen Hoffnungsschimmer, meint Karner. Das könnte etwa ein Moratorium sein, in dem sich der Westen verpflichtet, die Ukraine für 30 Jahre nicht in die NATO aufzunehmen. Aber hier winkt Karner ab. Das seien Überlegungen eines Politikers und nicht eines Historikers. Das Vertrauen zwischen Ukraine und Russland sei bis in die Grundfesten erschüttert. Erst die nächste Generation könne wieder von vorn anfangen.

Im Grunde hofft Karner auf die Zeit nach Putin. Theoretisch könnte dieser bis 2036 Präsident bleiben. Aber er glaube nicht, dass es so lang bis zu Putins Abgang dauert.