Daheim bei den Pateneltern
Samstagmittag, vier Stunden vor der Tat. Mahmoud Amiri ist bei Maria H. und ihrem Lebenspartner Stephan R. zum Mittagessen geladen. Das Pensionisten-Paar war am Mittwoch von einer längeren Afrikareise zurückgekehrt. Seit zehn Jahren sind die beiden – gemeinsam mit ihrer langjährigen Freundin Gabi K. – ehrenamtliche Paten für Mahmoud und Safi Amiri. Safi ist der um ein Jahr ältere Bruder. Es gibt viel zu erzählen und zu feiern: Am Donnerstag hat Mahmoud die erste Phase eines Bewerbungsprozesses gemeistert. Es geht um die Ausbildung zur Pflegeassistenz. Stephan R. hat ihn gleich nach der Rückkehr aus Afrika dabei begleitet. Wie so oft in den vergangenen zehn Jahren.
Mahmoud bringt seinen Freund und Landsmann, Mahdi P., zum Essen mit. Ein paar Stunden später wird dieser ebenfalls um sein Leben kämpfen. Jetzt sitzen alle noch unbeschwert am Tisch mit Blick ins Grüne. Die beiden Afghanen freuen sich auf ihren Abend. Sie wollen Billiard spielen gehen und sich davor einen neuen Haarschnitt verpassen lassen. Um 14 Uhr verabschieden sie sich, steigen ins Auto und brechen in bester Laune auf.
Sie schauten nicht zu, sie griffen ein
Im Barber-Shop angekommen, treffen sie auf ihren Freund Ibrahim. Gegen 17 Uhr beobachten sie eine Szene an der Kreuzung Landstraße und Bismarckstraße. Der 34-jährige Kroate überquert die Straße und schlägt mit flacher Hand auf die Windschutzscheibe eines 57-jährigen Autofahrers ein. Der Mann steigt aus. Es kommt zu einem Schreiduell. Doch da sind die Freunde aus dem Barber-Shop bereits zur Hilfe geeilt. Sie stellen den Kroaten zur Rede. Dann beruhigt sich die Lage, der Autofahrer fährt weg, und auch der Kroate zieht sich zurück.
Doch er hat seine potenziellen Opfer gefunden. Er geht laut einer detaillierten Schilderung der „OÖ-Nachrichten“ in den nächsten Supermarkt und kauft zwei Messer mit langer Klinge. Dann wartet er vor dem Barber-Shop. Als die drei Freunde das Geschäft verlassen, stellt ihnen der Kroate nach. Dem 24-jährigen Mahdi P. sticht er in den Hals, dieser überlebt. Mahmoud Amiri versucht schockiert zu entkommen, stolpert, der Amokläufer holt ihn ein und verpasst ihm mehrere Stiche in den Oberkörper. Passanten leisten erste Hilfe. Doch Mahmoud stirbt kurz nach Einlieferung ins Kepler Universitätsklinikum Linz.
Totenwache und letzter Weg
Die Bluttat beendet das Leben eines jungen Mannes, der in seiner neuen Heimat Österreich angekommen war. Der hier Menschen pflegen und wie sein Bruder Staatsbürger werden wollte.
Als die Ärzte um sein Leben kämpfen, finden sich vor dem Krankenhaus die ersten afghanischen Freunde ein. Ein Passant meldet eine Zusammenrottung, doch die herbeieilende Polizei merkt schnell: Hier herrschen nur Trauer und Anteilnahme. Danach halten Freunde beim Bruder vier Tage lange Wache, rund um die Uhr, passen auf ihn auf, trauern und weinen gemeinsam. Niemand klagt an, niemand sinnt auf Rache. Zur Trauerfeier am Tatort, sechs Tage später, werden sich 400 Menschen einfinden.
Nach vier Tagen bricht Safi mit der Leiche seines jüngeren Bruders über Istanbul Richtung Herat in Afghanistan auf, wo der Ursprung der Familie liegt. Es ist Mahmouds letzter Wille, dort begraben zu werden.
Die Brüder sind durch ihre gemeinsame Flucht ins neue Leben eng zusammengeschweißt. Sie werden im Iran geboren. Im Nachbarland Afghanistans leben bis zu vier Millionen Afghanen, darunter auch Mahmouds Eltern. Doch sie sterben früh bei einem Autounfall, Mahmoud ist erst zwei Jahre alt. Die Brüder wachsen bei ihrer Großmutter in der Stadt Shiraz auf. Als die iranischen Revolutionsgarden Afghanen einberufen wollen, um sie als Kanonenfutter im syrischen Krieg einzusetzen, schickt sie die Großmutter auf die Flucht. Sie sind 15 und 16 Jahre alt.
Sie schließen sich dem großen Tross 2015 an, schaffen es zunächst übers Gebirge in die Türkei. Dann steigen sie auf ein Boot Richtung Griechenland, nehmen von einer Insel aus die Balkanroute. Sie schlagen sich durch bis Österreich, überqueren bei Spielfeld in der Steiermark die Grenze und haben keine Ahnung, wo sie sind. Aber die Menschen sind gut zu ihnen, geben ihnen Essen und einen Platz zum Schlafen. Sie beantragen Asyl als unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge.
Getroffen vom Kickl-Erlasses
Sie landen im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen und kommen schließlich im Wohnheim „Die Blüte“ in Linz unter. Zu dieser Zeit blüht noch die Willkommenskultur mit ihren vielen ehrenamtlichen Helfern, die Flüchtlinge besser integrieren, als es der Staat je könnte. So finden auch Maria H., ihr Partner Stephan R., Gabi K. und die Amiri-Brüder zusammen.
Dank ihnen schaffen es die Brüder leichter, die vielen Hürden der Integration zu nehmen. „Ich wollte sofort die Sprache lernen“, erzählt Safi Amiri einmal in einem Interview über seinen Weg zum angesehenen Koch. „Anfangs habe ich die Buchstaben von Werbeplakaten nachgeschrieben. Wie im Arabischen schrieb ich zuerst von rechts nach links.“ Heute ist er Sous Chef im Restaurant Anton des Linzer Musiktheaters.
Sein Bruder, Mahmoud, hat es schwerer. Er darf als Asylwerber keine Lehre mehr machen. Grund ist der „Kickl-Erlass“ aus dem Jahr 2018. FPÖ-Chef Herbert Kickl ist damals Innenminister und schränkt den Zugang zum Arbeitsmarkt massiv ein.
Als er schließlich im Februar 2021 subsidiären Schutz erhält und arbeiten darf, macht er den Staplerführerschein, betätigt sich bei mehreren Firmen im Zentralraum Linz als Lagerarbeiter und sucht nach einer Ausbildung.
Seine Patin sagt ihm: „In der Pflege brauchen sie dich. Das ist ein guter, sicherer Job.“ Doch er zögert. Als junger Mann ältere Menschen beider Geschlechter zu pflegen, auch bei der Körperhygiene behilflich zu sein, das ist ihm fremd. Als die Wirtschaftslage prekärer wird, trifft er eine Entscheidung – und meldet sich zur Pflegeausbildung an.
Weihnachten war ein Fixpunkt für Mahmoud
„Er ist immer gleich aufgestanden, wenn er hingefallen ist“, sagt Maria H. Was ihm sicher auch Halt gegeben hat: Das Wissen, dass er bei zwei Ersatzfamilien immer willkommen ist, nicht nur am Weihnachtsabend.
Mahmoud Amari ist nach Österreich geflüchtet und wurde zu einem Beispiel, wie Integration und Zusammenleben funktionieren. Das zeigte er gerade durch seine Zivilcourage, die ihm zum Verhängnis wurde. Die afghanischen Freunde standen nicht am Rand, als der Mann im Auto angegriffen wurde. Sie schritten ein.
Am Dienstag wurde der Linzer Mahmoud Amiri, in Herat, Afghanistan, begraben.