Die Ukrainer in Wien fühlen sich ebenfalls als Revolutionäre

Die Ukrainer in Wien fühlen sich ebenfalls als Revolutionäre

Die Ukrainer in Wien fühlen sich als Subjekte der Geschichte, die am Sturz der Mächtigen beteiligt waren. Die Enttäuschung folgt auf dem Fuß.

Hierzulande kennt man Revolutionen nur aus dem Geschichtsbuch oder aus dem Fernsehen. Das scheint alles weit weg und läßt das Blut nicht kochen. Dabei leben einige der Beteiligten unter uns. Zum Beispiel junge Ukrainer, die in den vergangenen zehn Jahren nach Wien zogen. Für sie sind es die aufregendsten Tage ihrer Biografie und werden es bleiben.
Wie ein antiker Trauerchor scharte sich die ukrainische Gemeinde am vergangenen Dienstag um das Reiterstandbild am Wiener Heldenplatz. Scharfer Wind rüttelte an Schals und Daunenjacken und trug den klagenden Singsang eines griechisch-orthodoxen Priesters in die Nacht hinaus, als ein Kreuz aus hunderten Grablichtern aufflackerte und ein mitgebrachter Stromgenerator zu surren begann. Porträts der ermordeten Maidan-Besetzer wurden auf eine Leinwand geworfen. Fotografien in Schwarz-Weiß. Blutjunge Burschen, durchgeistigte Tschechow-Figuren, Geschorene in Kampfmontur. Die meisten von ihnen waren innerhalb von 48 Stunden von der berüchtigten Sondereinheit „Berkut“ erschossen worden, am 19. und am 20. Februar.

Ganz anders die TV-Bilder aus Kiew: Müde Gestalten in abgerissenen Jacken standen ungelenk auf der Bühne des Maidan. Mit Holzlatten, Stahlketten und Molotowcocktails hatten sie noch wenige Tage zuvor die Barrikaden geschützt. Wie Hasen waren sie um ihr Leben gelaufen. Und nun wurden sie von einer tausendköpfigen brodelnden Menge als Minister einer Übergangsregierung akklamiert.

Enttäuscht von der EU
Die jungen, frischen Gesichter vom Wiener Verein Demokratische Ukraine passen so gar nicht zum vergangenen Schrecken: Yevhen Lozhkin (35), Kateryna Gomenyuk (29), Kateryna Heleta (29) und Anna Iarotska (30), die man schon aus dem Fernsehen kennt. Um zu überleben, hätten im Ernstfall auch sie sich bewaffnet, sagen sie. Sie haben die vergangenen Wochen in Kiew oder vor dem Computer verbracht. Auch am 30. November 2013, als friedliche Studenten niedergeknüppelt wurden, sagt Heleta. „Schon im Blut liegend, wurde noch brutal auf sie eingedroschen“, sagt Gomenyuk. Und als schließlich am 16. Jänner die „Diktatorengesetze“, wie sie sagen, beschlossen wurden, die jede NGO-Tätigkeit, öffentliche Kritik an Staatsangelegenheiten, Demonstrationen und Protestkorsos mit Autos verboten, hielten sie in Wien Mahnwachen und gaben Informationen über ukrainische Oligarchen, die in Wien Geschäfte treiben, an österreichische Behörden weiter.

Als vor zwei Wochen in Kiew das Gerücht umging, einige Politiker wollten sich in den Westen absetzen, fanden Iarotska und Gomenyuk über die Website „Flightradar“ heraus, dass dutzende ukrainische Privatjets in der Luft waren und auf Wien und Bratislava Kurs nahmen. Sie alarmierten den Zoll in Schwechat, man möge auf Koffer mit Bargeld achten. „Reger Luftverkehr aus der Ukraine wurde uns von der Polizei bestätigt, sonst haben wir nichts mehr gehört“, sagt Iarotska.
Heute weiß man, dass irgendwann in diesen Tagen der ukrainische Oligarch Rinat Achmetow in seinem exklusiven Londoner Domizil One Hyde Park eingetroffen war und Sergej Klujew seine Familie nach Wien gebracht hatte.

Die jungen Ukrainer sind enttäuscht über das zögerliche Handeln der Europäischen Union. Sei meinen, jeder müsse stutzig werden, wenn bei Geschäften mit dem Staat Einzelne solche Reichtümer anhäufen können wie die Familie von Ex-Premier Mikolay Asarow, Dmitri Firtasch oder die Klujew-Brüder Andrej und Sergej, die allesamt in Wien Firmensitze, Villen oder Stiftungen haben (siehe Kasten am Ende).

Die jungen Ukrainer gehören einer Generation an, die als Kleinkinder den Sowjetkommunismus in seinen letzten Zuckungen erlebten. Ihre Eltern waren meist aus Karrieregründen in der KPdSU gewesen, doch tüchtig genug, um auch nach dem Zusammenbruch in ihren Berufen zu bestehen. An der Schwelle zum Erwachsenwerden, als 19- bis 20-Jährige, unterstützten sie 2004 die Orange Revolution und wurden damals schon maßlos enttäuscht. Sie mussten mitansehen, wie eine korrupte Clique die andere ablöste, zeitweise Allianzen einging, dann wieder gegeneinander intrigierte. Doch da waren sie schon in Wien angekommen, als Wirtschafts- oder Informatikstudenten, ausgesucht wegen ihrer besonderen Leistungen, in einem Austauschprogramm, das osteuropäische Studenten auf Führungsaufgaben vorbereiten sollte. Sie hatten bald lukrative Jobangebote und blieben in Wien.

Ihre Familie, ihre Freunde klagten in den vergangenen Jahren stärker als jemals zuvor über die Korruption im Alltag, wo jede staatliche Dienstleistung, jeder Abschluss, jeder Job und jedes Gerichtsurteil mit einem Schmattes verbunden war, wo Staatsbeamte so wenig verdienten, dass sie auf Schmiergeld nicht verzichten wollten. Für jedes Geschäft, von den größten Deals bis zu den kleinsten, soll zudem Alexander Janukowitsch, der Sohn des Präsidenten, die Hälfte verlangt haben. So wurde der Präsidentensohn in wenigen Jahren zu einem der Reichsten im Lande.

„Guter Oligarch“
Nirgendwo in Europa gibt es so wenige Superreiche und so viele Bitterarme. Rund 100 Personen aus der Oligarchie kontrollieren 85 Prozent der Wirtschaft. Und diese Reichen haben es durchwegs aus einfachsten, oft halbseidenen Berufen in den Klub der Milliardäre geschafft.
Von der Politik halten die jungen Ukrainer generell nicht mehr allzu viel. Von der neuen Übergangsregierung sind sie enttäuscht: zu viele Altpolitiker, die schon in diversen anderen Konstellationen nichts zusammenbrachten. Ihre Eltern sind noch skeptischer. Und es gibt keine gemeinsame, allen einsichtige Führungsfigur. Umso überraschender ist ihr unbeugsames Engagement.

„Wir werden nie wieder akzeptieren, dass es Korruption gibt, weder im Kleinen noch im Großen“, sagen sie mit einer Stimme. Darüber hinaus herrschen unterschiedliche Vorstellungen über die Zukunft.
Die einen erachten den ehemaligen Boxer Vitali Klitschko als politisch unerfahren, gestehen ihm aber zu, dass er sein Vermögen auf redliche Weise erworben habe. Das frühere Regierungsmitglied Petro Poroschenko, dem der Schokoladekonzern Roshen und einige Fernsehkanäle gehören, ist nach Ansicht des Vereinsvorsitzenden Lozhkin ein „guter Oligarch“. Poroschenko unterstützte die Demostranten finanziell und war selbst am Maidan. Eine seiner Fernsehstationen, Kanal 5, habe als einziger Sender die Wahrheit gezeigt, sagen sie. Und immerhin habe Poroschenko sogar versprochen, das in den Kämpfen demolierte Zentrum von Kiew auf eigene Kosten wieder aufzubauen.

Mit Julia Timoschenko haben die meisten Ukrainer in Wien keine rechte Freude. Man gesteht ihr zu, dass sie aus politischen Gründen in Haft kam, doch man erinnert sich auch an die Gashandelsgeschäfte, durch die sie in den 1990er-Jahren ihren Reichtum anhäufte. Mit den anderen Oligarchen, Dmitri Firtasch und Achmetow, denen die Maidan-Bewegung vermutlich ihren Sieg verdankt, wollen die jungen Leute eher nichts zu tun haben. Firtasch und Achmetow, die etwa 40 Prozent der Abgeordneten der Janukowitsch-Partei durch finanzielle Abhängigkeiten kontrollieren, zogen ihre Unterstützung des Regimes zurück, als die Proteste eskalierten und das Regime scharf schießen ließ.

Ein heikler Punkt für alle Maidan-Bewegten ist die rechtsnationalistische, teils antisemitische Partei Swoboda und andere rechtsradikale Gruppen, die als „Rechter Sektor“ zusammengefasst werden. Diese Gruppen haben sich im Laufe der Maidan-Besetzung als Organisatoren und furchtlose Kämpfer einen Namen gemacht. Wie stark ihr Einfluss gewachsen ist und was das für die Zukunft bedeutet, darüber herrscht auch ein Propaganda-krieg. Die Janukowitsch-Parteigänger taten alles, um den Protest als neofaschistische Machtübernahme zu denunzieren. Andererseits konnte sich die Swoboda mit ihrem brandgefährlichen Ukraine-Nationalismus als gleichberechtigte Oppositions- und Verhandlungspartei etablieren. Dazu kommt, dass es in der Ukraine kein Bewusstsein für den eigenen Anteil am Holocaust gibt. Kaum jemand hat in der Schule gelernt, dass die ukrainischen Hilfstruppen im Zweiten Weltrieg im Verein mit der SS gemordet hatten.

Sogar bei den aufgeklärten Ukrainern in Wien findet man für Swoboda und Konsorten nur entschuldigende Worte: Das sei keine rechte Partei nach westlichen Maßstäben, es handle sich um Patrioten. Man könne und wolle sie nicht aus der Bewegung ausschließen, nach allem, was sie getan haben. Sie seien die einzige derzeit im Parlament vertretene Partei, deren Abgeordnete sich noch nie hätten kaufen lassen, die nach ihrer Überzeugung abgestimmt hätten. Dieses Argument wiegt am schwersten.

Infobox

Flucht nach Wien
Ukrainische Oligarchen treiben seit vielen Jahren in Österreich Geschäfte.
Einige Konten wurden schon vor Tagen gesperrt.

Als Sergej Klujew vorvergangene Woche in einem Privatjet seine Verwandten nach Wien brachte, tat er dies nach eigenen Angaben, „um die Familie in Sicherheit zu bringen“. In der Tat geht man als Klujew in diesen Tagen in Kiew besser nicht auf die Straße. Vor seinem Domizil hatten sich wütende Maidan-Besetzer versammelt.

Sergej Klujew ist Abgeordneter der Partei des gestürzten Präsidenten Janukowitsch und sollte eigentlich in Kiew im Parlamentsplenum sitzen, das derzeit permanent tagt. Er könne leider nicht, er habe „39,5 Grad Fieber“, erklärte Klujew am vergangenen Freitag in einem „Presse“-Interview. Sein älterer Bruder Andrej, mit dem er seit 20 Jahren in Wien Geschäfte treibt – ein verschachteltes Unternehmensimperium, zu dem auch das weitläufige Janukowitsch-Anwesen Meschigorje gehörte, in dem die Ukrainer jetzt den goldenen Pomp bestaunen –, war zuletzt sogar Stabschef von Janukowitsch gewesen, mit ihm in den Südosten des Landes geflüchtet und dabei angeschossen worden. Andrej Klujew soll sich derzeit noch in der Ukraine aufhalten.

Vor einem Jahr schon hatte die Anti-Korruptionsstaatsanwalt in Wien Ermittlungen wegen des Verdachts der Geldwäsche aufgenommen und ohne Ergebnisse wieder eingestellt. Seit mehr als zehn Tagen sind die Klujew-Konten in Österreich eingefroren. Außenminister Sebastian Kurz ist damit EU-weit vorgeprescht.

Die Klujews sind freilich nicht die einzigen Janukowitsch-Unterstützer, die sich nebst Briefkas-tenfirmen in Liechtenstein und auf den British Virgin Islands auch in Wien ein Standbein geschaffen und Villen gekauft haben.
Mit Hilfe des Salzburger Rechtsanwalts Reinhard Proksch, der kürzlich in einem ORF-Interview wie das personifizierte schlechte Gewissen wirkte, hatte auch der Sohn des im Jänner zurückgetretenen Ex-Premiers Mikolay Asarow hier eine Bleibe erworben und eine Stiftung eingerichtet.
Auch der durch Gaszwischenhandel zum mehrfachen Milliardär gewordene Dmitri Firtasch hat in Wien einen Unternehmenssitz. Er betreibt Fernsehkanäle und andere Medien und gehörte zu den wichtigsten Hintermännern von Janukowitsch, ehe er ihm zuletzt die Unterstützung entzog.

Nach Angaben des neuen Übergangspremiers Arseni Jazenjuk wurden in den vergangenen drei Jahren 51,2 Milliarden Euro aus der Ukraine auf Offshore-Konten verschoben. Ein Drittel des gesamten Auslandskapitals gelangte im Jahr 2012 über Briefkastenfirmen in Zypern in die Ukraine. Auch ukrainische Investitionen flossen zu 88 Prozent über Zypern.

Foto: Monika Saulich für profil