Warum die Ost-Mafia nach Österreich zurückkehren könnte
In den 1990er-Jahren war das postsowjetische
Kriminellen-Netzwerk der „Diebe im Gesetz“ auch in Österreich aktiv. Heute, drei Jahrzehnte später, taucht der Name wieder häufiger in den Lageberichten der Ermittler auf. Was der Ukraine-Krieg damit zu tun hat.
Als Sergej Hodscha-Achmedow an diesem Abend nach Hause fährt, ahnt er nicht, dass ihm nur noch wenige Minuten zu leben bleiben. Es ist 21 Uhr am 19. September 1994. Hodscha-Achmedow lenkt seinen BMW 316 in eine Parklücke vor seinem Haus in der Peter-Jordan-Straße 121 im 18. Wiener Gemeindebezirk. Die noble Wohngegend wirkt in dieser Nacht so ruhig wie immer. Draußen ist kaum jemand unterwegs und nichts deutet darauf hin, dass hier wenige Sekunden später ein Auftragsmord verübt werden könnte. Hodscha-Achmedow dürfte seinen Mörder noch gesehen haben, jedenfalls versucht er im letzten Moment noch zu fliehen. Er steigt aufs Gas, sein BMW schießt nach vorne, rammt zwei geparkte Fahrzeuge, durchbricht eine Hecke und kommt erst an einem Baum zum Stillstand. Als die Rettungskräfte eintreffen, sieht zunächst alles nach einem Verkehrsunfall aus.
Erst die Obduktion offenbart, was in dieser Nacht vorgefallen ist. Der 36-jährige Kaufmann aus dem ehemaligen Leningrad starb nicht an den Folgen des Aufpralls. Zwölf Schüsse wurden auf ihn abgefeuert. Eines der Projektile wurde vom Schulterknochen abgelenkt und durchschlug seinen Schädel. Zehn weitere Kugeln trafen den Brustkorb. Sein Tod war geplant. profil berichtete damals über die kaltblütige Tat.
Der Auftragsmord an Sergej Hodscha-Achmedow gilt als der erste Fall in Österreich, der den sogenannten „Dieben im Gesetz“ zugerechnet wird. Jener schwer fassbaren Elite der postsowjetischen Unterwelt, deren Netzwerke bis heute Ermittlungsbehörden in ganz Europa beschäftigen. Drei Jahrzehnte später taucht ihr Name nun wieder häufiger in den Lageberichten der heimischen Sicherheitsbehörden auf. Der Grund dafür ist der Krieg in der Ukraine.
Rekrutierung von Kriegsrückkehrern
Im Bundeskriminalamt beobachtet man neue Entwicklungen innerhalb postsowjetischer krimineller Netzwerke. Der Ukraine-Krieg habe die Lage verschärft und bringe kriminelle Aktivitäten auch nach Österreich, sagen die Ermittler. Im Fokus stehen dabei Tätergruppen aus der Ukraine, die in Österreich unter anderem mit Erpressungen und Entführungen in Verbindung gebracht werden. Immer häufiger fällt dabei der Name „Diebe im Gesetz“. Ermittler befürchten, kriminelle Organisationen in der Ukraine könnten versuchen, Kriegsrückkehrer für ihre Zwecke zu rekrutieren.
Über die historischen Wurzeln der „Diebe im Gesetz“, „Vory v Zakone“, gibt es unterschiedliche Theorien. Unbestritten ist jedoch, dass ihre Ursprünge in die Straflager der Sowjetunion zurückreichen, ins System des Gulag. Die Oberkörper der „Diebe“ waren übersät mit Tätowierungen, die jeweils eine bestimmte Bedeutung hatten. Sterne auf Schultern oder Knien trugen nur die Ranghöchsten. Totenköpfe markierten Mörder, Adler standen für Vergewaltiger, und wer einen Drachen trug, zeigte damit, dass er Staatseigentum gestohlen hatte. Nachts, wenn die Wächter in den Lagern nicht im Dienst waren, hatten die „Diebe“ das Sagen. So entstand eine parallele Ordnungsmacht, die von der Lagerleitung gezielt für ihre eigenen Zwecke eingesetzt wurde.
Der ursprüngliche Bezug zum Gulag spielt bei den „Dieben“ kaum mehr eine Rolle. Heute handelt es sich eher um einen Titel für besonders mächtige Verbrecher. Wer in der Hierarchie der postsowjetischen Unterwelt ganz oben steht, kann zum „Dieb im Gesetz“ aufsteigen, ähnlich wie ein „Pate“ – ein Titel, der Macht, Ansehen und Einfluss weit über einzelne Banden hinaus verspricht.
Über Jahrzehnte entwickelte sich auf diese Weise ein Netzwerk, das den Zerfall der Sowjetunion nicht nur überstand, sondern von ihm profitierte. Als Anfang der 1990er-Jahre staatliche Kontrollen wegfielen, Institutionen zusammenbrachen und gewaltige Vermögen die Besitzer wechselten, waren die „Diebe im Gesetz“ längst etabliert und verfügten über Kontakte und internationale Verbindungen.
Rückzugsort Wien
Auch Österreich rückte damals in ihr Blickfeld. Wien wurde zu einem Ort, an dem man sich traf. Nicht unbedingt, um Verbrechen zu begehen, sondern um Geschäfte zu machen. Die österreichische Hauptstadt bot Rechtssicherheit und Diskretion – Eigenschaften, die nicht nur ehrliche Geschäftsleute schätzen. Schon damals war den Behörden bewusst, dass sich führende Akteure aus der Unterwelt des postsowjetischen Raumes regelmäßig in Österreich aufhielten. Wie groß ihr Einfluss tatsächlich war, blieb oft im Verborgenen.
Der Mord an Hodscha-Achmedow war einer jener Momente, in denen sich der Vorhang kurz öffnete. Nach Erkenntnissen der Ermittler wollte Hodscha-Achmedow damals in das Wiener Rotlichtmilieu einsteigen. Er plante, Frauen aus seiner Heimat nach Österreich zu locken und sie hier in die Prostitution zu zwingen. Damit geriet er offenbar in Konflikt mit jenen, die das Geschäft bereits kontrollierten. Der ebenfalls aus Russland stammende Alexandr P., 36, galt damals als einflussreiche Figur der Wiener Rotlichtszene. Er gab den Mord an Hodscha-Achmedow in Auftrag. Ermittler konnten ihn und drei weitere Täter festnehmen. Zwei Jahre später, am 1. Februar 1996, einen Tag nach der Verurteilung von P. und seinen Komplizen, wurde ein Anschlag auf ein Polizeiauto am Hernalser Gürtel in Wien verübt. Unter dem Fahrzeug wurden später Überreste eine Handgranate aus dem ehemaligen Jugoslawien entdeckt. Der Täter wurde nie gefasst. „Das war wohl ganz eindeutig eine Einschüchterung gegen uns“, sagt Johann Schaffer, der damals als Ermittler im Mordfall Hodscha-Achmedow im Einsatz war. Die Beamten befanden sich in der Dienststelle, als die Granate explodierte, verletzt wurde niemand. P. wurde zu lebenslanger Haft verurteilt.
Sergej Hodscha-Achmedow gilt als der erste Fall in Österreich, der den sogenannten „Dieben im Gesetz“ zugerechnet wird
Heute beschäftigt sich das Bundeskriminalamt erneut mit postsowjetischen Täternetzwerken. In den 1990er-Jahren waren es vor allem russische Gruppen, die ihre Schattenwirtschaft und kriminellen Aktivitäten nach Österreich verlagerten, Anfang der 2000er-Jahre folgten georgische und armenische Netzwerke. Heute liegt der Fokus zunehmend auf ukrainischen Tätergruppen.
Zwei Auslieferungen
Diese Gruppen, nicht alle mit Verbindungen zu den „Dieben“, nutzen Österreich als Rückzugsort, um „beträchtliches Vermögen“ zu waschen und sich Strafverfahren in der Ukraine zu entziehen, da ihnen aufgrund der aktuellen Rechtslage – im Unterschied zu anderen europäischen Staaten – keine Auslieferung droht.
ie ukrainische Justiz hat seit Beginn des russischen Angriffskrieges im Februar 2022 insgesamt 48 Auslieferungsanträge an Österreich gestellt, davon 21 allein innerhalb des letzten Jahres. Österreich bewilligte bislang aber nur zwei Auslieferungen, wie das Justizministerium auf profil-Anfrage mitteilte. Zu Einzelfällen will man Angaben machen.
Ukrainische Tätergruppen sind laut Sicherheitsbehörden auch im Drogen- und Waffenhandel aktiv und werden als „äußerst gewalttätig“ beschrieben. Diese Entwicklungen wurden bereits im Sicherheitsbericht 2024 des Innenministeriums thematisiert und hätten sich mit dem Fortgang des Krieges weiter verstärkt.
Nach dem Krieg
Mit Sorge blickt man auch auf die Zeit nach einem möglichen Kriegsende. Der aktuelle Globale Index für Organisierte Kriminalität weist darauf hin, dass Waffenstillstände und Friedensabkommen neue Möglichkeiten für kriminelle Netzwerke in der Ukraine schaffen können. Auch ein Anstieg des Waffenschmuggels ist möglich. Als warnendes Beispiel gilt der Zerfall Jugoslawiens: Mehr als drei Jahrzehnte nach den Balkankriegen werden in Österreich noch immer Waffen sichergestellt, die damals in Umlauf gelangten. Zwar sind viele der in der Ukraine verwendeten Waffen wie Drohnen oder Maschinengewehre für die organisierte Kriminalität ungeeignet, heißt es im Verfassungsschutzbericht, die Lage stelle sich aber „im Hinblick auf extremistisch oder terroristisch motivierte Tathandlungen anders dar“.
Im Bundeskriminalamt setzt man daher auf Beobachtung und Monitoring von Verdächtigen. Die Möglichkeiten der Behörden sind jedoch begrenzt. Die Messenger-Überwachung wurde zwar im vergangenen Juli im Nationalrat beschlossen, soll jedoch ausschließlich bei terroristischen und verfassungsgefährdenden Aktivitäten zum Einsatz kommen.
Noch dauert der Krieg in der Ukraine an. Mit seinen möglichen Spätfolgen beschäftigen sich die österreichischen Behörden aber schon jetzt.
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(profil.at)
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Stand:
Daniela Breščaković
ist seit April 2024 Innenpolitik-Redakteurin bei profil. War davor bei der „Kleinen Zeitung“.
Verschlüsselte Krypto-Chats zeigen die brutalen Methoden der serbisch-montenegrinischen Drogen-Clans. Die Nachrichten sind Basis der „Operation Achilles“, die größte Ermittlung gegen Organisierte Kriminalität in Europa. Wien ist Drehscheibe.