Kirchenglocken läuten gegen Hunger (Salzburger Glockenturm, Archiv)

© APA - Austria Presse Agentur

profil-Morgenpost
07/31/2021

Ding-Dong für das Klima

Bei einem ist die katholische Kirche der ÖVP voraus: Sie hängen Klimaschutz an die große Glocke.

von Franziska Tschinderle

Können Kirchenglocken das Klima retten? Wohl kaum. Die katholische Kirche in Österreich probiert es trotzdem. Tausende Glocken haben am Wochenende fünf Minuten lang durchgebimmelt, darunter auch die „Liesl“ am Grazer Schlossberg, eine der größten Glocken der Steiermark. Die Aktion ist mit Sicherheit gut gemeint. Ob Glocken im 21. Jahrhundert das richtige „Medium“ sind, um Nachrichten zu verbreiten? Eine andere Frage.

Früher einmal verkündete das Glockenläuten die Uhrzeit oder erinnerte daran, rechtzeitig seine Steuern zu zahlen. Sie warnten vor Pest, Unwetter oder Krieg. Glockenläuten diente zur Begrüßung angesehener Gäste oder wies verirrten Wanderern in der Dämmerung den Weg. Glocken waren also so etwas wie ein tonnenschweres, kollektives Smartphone. Heute, wo die katholische Kirche moralische und (zum Glück auch) politische Autorität eingebüßt hat, ist das anders. Aber ganz so übel fand ich das Gebimmel am Freitagnachmittag dann doch nicht. Hinkt die katholische Kirche sonst bei so gut wie allem hinterher (Aufarbeitung ihrer über Jahrzehnte vertuschten Missbrauchsfälle, Abschaffung des Zölibats, Anerkennung von Homo-Ehen, Integration von Frauen) zeigt sie sich zumindest in punkto Klima fortschrittlich. Zumindest fortschrittlicher als die ÖVP.

Die Türkisen hängen den Klimaschutz nicht groß an dich Glocke. Dabei gäbe es reihenweise Anlässe dafür: Hochwasser, Hagel und andere Wetterextreme. Kollege Michael Nikbakhsh rechnet im neuen profil vor, wie viele Millionen Euro Schäden dadurch in wenigen Wochen für die heimische Landwirtschaft entstanden sind. Die Bauernpartei ÖVP sollte das in Alarmbereitschaft setzen. Tut es aber nicht. „Uns erwartet ein Sommer der Lebensfreude“, erklärte Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger kürzlich. „Die Sehnsucht ist menschlich nur allzu verständlich. Das Problem ist bloß: Sie passt überhaupt nicht zur Realität“, schreibt dazu meine Kollegin Eva Linsinger im aktuellen Leitartikel. Die ÖVP betreibe Klimapolitik nach dem „Trallala-Prinzip“.

Das „Ding Dong“ der Kirche ertönt freilich nicht minder inhaltlos. Aber in einem sind Österreichs Geistliche der ÖVP voraus: Sie tun wenigstens nicht so, als wäre diese Welt aus Hitzedürre, steigenden Hungertoten und Klimaflüchtlingen heil. Wer weckt den Kanzler aus seinen Sommerträumen auf? Wenn nicht die Glocken, dann vielleicht ja der eigene Koalitionspartner.

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