Doskozil nach Entfernung des Kehlkopfes: „Ich weiß, dass es weitergeht“
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April 2024: Bei einer Veranstaltung in Mattersburg macht Hans Peter Doskozil eine Begegnung der besonderen Art. Er kämpft zu dem Zeitpunkt gerade, nach seiner bis dahin siebten Operation am Hals, mit einem Luftröhrenschnitt, der noch nicht vollständig zugewachsen ist. Ein Mann spricht ihn an und fragt, warum er sich so oft am Kehlkopf operieren lasse, anstatt sich diesen gleich entfernen zu lassen. Er selbst habe keinen Kehlkopf mehr und könne mit einer Stimmmembran ausgezeichnet sprechen.
„Ich war überrascht und irgendwie positiv konsterniert, denn ich hatte am Beginn des Gesprächs nichts davon bemerkt. Ich werde mich mit ihm sicher treffen, und insgeheim jubelte ich: Auch wenn der Kehlkopf irgendwann vielleicht raus muss, bedeutet das nicht das Ende als Politiker. Das sei den politischen Gegnern gesagt – und ganz besonders manchem lieben Parteigenossen, Freundschaft!“
Mit diesen Zeilen beendet Hans Peter Doskozil in seiner Autobiografie „Hausverstand“ das Kapitel über seine Gesundheit.
April 2026: Doskozils Kehlkopf ist draußen.
Der Kehlkopf wurde am Mittwoch vor Ostern in Leipzig entfernt, von Professor Andreas Dietz, der Doskozil schon seit Jahren behandelt. Ersetzt wurde das komplexe Organ aus Knorpeln, Muskeln und Stimmbändern durch eine Stimmprothese. Es ist jenes kleine Kunststoffventil, das der Mann in Mattersburg „Stimmmembran“ nannte.
„Comeback“ bis zum Sommer
Doskozils Team informiert die Öffentlichkeit am Dienstag nach Ostern. „Landeshauptmann Doskozil erfolgreich operiert: Aussicht auf vollständige Heilung und verbesserte Sprechfunktion“, heißt es in einer Aussendung.
„Der Landeshauptmann wird nach einer entsprechenden Regenerations- und Trainingsphase wieder gut und voraussichtlich sogar besser sprechen können als zuvor“, wird Professor Dietz darin zitiert. Zusatz: Der Landeshauptmann werde deutlich belastbarer sein und dränge schon auf sein „Comeback“.
Das klingt fast zu gut, um wahr zu sein. Die Tragweite des Entschlusses, sich dieses zentrale Organ entfernen zu lassen (siehe „das Leben ohne Kehlkopf ist ein anderes“); die zehn Operationen, die bis dahin nötig waren; der innere und äußere Kampf über neun Jahre, mit einer brüchigen Stimme in der Spitzenpolitik zu bestehen; und schließlich der Aufwand, die neue „Prothesenstimme“ zu beherrschen, all das könnte dabei fast in Vergessenheit geraten.
„Sind Sie zu krank für die Nummer 1, Herr Doskozil?“, fragte profil in einer Cover-Story im Jahr 2023. Der Burgenländer setzte damals zum Sprung an die Spitze der Bundes-SPÖ an – trotz seiner chronischen Erkrankung. „Ich weiß, dass es geht“, ließ er keinen Zweifel an seinen Ambitionen aufkommen.
Und auch heute richtet er profil in einer SMS aus dem Uniklinikum Leipzig aus: „Ich sehe diesen Eingriff als Befreiungsschlag. Entscheidend ist: Ich weiß, dass es weiter geht. Und solange ich diese Überzeugung habe, werde ich meine Arbeit weiterführen.“
Nachdem die operierte Stelle abgeheilt ist, will er sich in den nächsten Wochen voll dem Aufbau und dem Training der neuen Stimmfunktion widmen.
Ganz ohne Eingriffe wird es auch künftig nicht gehen. Das Stimmventil muss alle vier bis acht Monate ausgetauscht werden, weil das Material verschleißt und Infektionsherde drohen. Dafür muss er aber nicht mehr nach Leipzig pendeln. Der Eingriff, der wenige Minuten dauert, kann in einer HNO-Praxis in Österreich durchgeführt werden.
„Ordnet Politik alles unter“
Warum hat er bis heute gewartet? Weil ihm die Ärzte gesagt hätten, dass es dann vorbei sei mit dem gewohnten Sprechen und er sich einen anderen Job suchen solle, begründet er es in seiner Autobiografie. Für ihn ist ein jähes Ende seiner noch frischen Karriere keine Option. Dafür sieht er ein zu großes Momentum für seine Vorstellung von sozialdemokratischer Politik. „Doskozil ist ein Politiker, der seiner politischen Verantwortung alles unterordnet“, charakterisiert ihn sein Büroleiter.
Er will eine zweite Meinung, landet über Empfehlungen bei Andreas Dietz in Leipzig. Der Professor versucht daraufhin, Doskozils Kehlkopf zu erhalten, in der Hoffnung, dass die fortschreitende Verknöcherung stoppt, wie es bei anderen Patienten schon eingetreten sei.
Es stellt sich eine Art Operationsroutine ein. Die Eingriffe in Deutschland lässt Doskozil offiziell vermelden. Nach den ersten Operationen wartet er noch die Zeit ab, bis die Luftröhrenschnitte verheilt sind, und spricht erst dann in der Öffentlichkeit. Später geht er dazu über, die noch frische Wunde mit den Fingern abzudichten, um Töne zu erzeugen. Die Öffentlichkeit soll an das Bild gewöhnt werden.
An der Parteispitze folgt im Herbst 2018 Pamela Rendi-Wagner auf Kern. Doskozil macht bald kein Hehl mehr daraus: Er hielte sich für den besseren Parteichef. Am Anfang fordert er die Parteichefin nur hinter den Kulissen heraus. Mit dem mächtigsten Sozialdemokraten, Wiens Bürgermeister Michael Ludwig, ist er im guten Einvernehmen. Beides wird sich bald drastisch ändern.
Doskozils Wendejahre
Damals wie heute fragt man sich: Was tut sich dieser Mann alles an? Wie muss ein Mensch gestrickt sein, um so eisern an Macht und Politik festzuhalten? Um ihr so viel unterzuordnen?
Für eine Antwort muss man die Persönlichkeitsstruktur Doskozils genauso betrachten wie die politischen Wendejahre, in die sein steiler Aufstieg fällt: vom Polizisten zum Landeshauptmann des Burgenlandes und Fast-SPÖ-Chef.
Mit 19 Jahren geht der in einer 260-Seelen-Gemeinde im Südburgenland aufgewachsene Doskozil nach Wien, wird Polizist, schließt ein Jus-Studium ab, wird Beamter im Innenministerium und arbeitet sich fachlich ins politische Schlüsselthema unserer Zeit ein: Migration.
Zurück im Burgenland, wird er im Jahr 2010 Büroleiter von Landeshauptmann Hans Niessl, zwei Jahre später avanciert er zum Landespolizeidirektor des Burgenlandes.
Die politische Stunde des Hans Peter Doskozil schlägt im Jahr der Flüchtlingskrise 2015. Als oberster Polizist des Burgenlandes bekommt er es ganz praktisch mit einer Migrationsbewegung historischen Ausmaßes zu tun. Besonnen managt er die Menschenströme Tausender Syrer und Afghanen, die von Ungarn kommend quer durch sein Bundesland ziehen. Auf das Rampenlicht in den Hauptnachrichten folgt die Blitzkarriere in der Politik. Anfang 2016 wird er Verteidigungsminister unter dem roten Bundeskanzler Werner Faymann. Dessen Nachfolger, Christian Kern, hält an Doskozil fest.
In dieser Zeit verfestigt sich Doskozils Überzeugung, dass die Sozialdemokratie nur mit einer restriktiven Asyl- und Migrationspolitik zukunftsfähig sei. Er wird ein glühender Verfechter dessen, was man heute den dänischen Weg nennt, in Anspielung auf die Sozialdemokratin Mette Frederiksen, die mit diesem Kurs seit 2019 ihr Land regiert.
Als Minister hat Doskozil hohe Beliebtheitswerte. Sein Machtanspruch wächst – auch innerparteilich. Sein Körper zeigt ihm aber schon damals Grenzen auf. Hohe Töne werden im Klangbild seiner Stimme immer schriller. Er macht aber kein Aufhebens darum. Kollegen hätten ihm davon abgeraten, als Politiker Schwäche zu zeigen.
Nach dem Regierungswechsel zu Schwarz-Blau Ende 2017 geht Doskozil als Landesrat zurück ins Burgenland und wird 2019 Nachfolger Niessls als Landeshauptmann. Nach Wien führt ihn die Gesundheit. Schon im März 2018 lässt er sich im AKH erstmals am Kehlkopf operieren. Alles geht gut. Doch bald danach bekommt er Atemnot, muss ein zweites Mal operiert werden. Erstmals ist auch ein Luftröhrenschnitt zur Intubierung nötig. Die ersten beiden Tage sind ein Horror für ihn. Er kann nicht sprechen und bekommt nur durch eine künstliche Öffnung am Hals Luft. „Ich weiß nicht, wie oft ich Julia auf einen Zettel geschrieben habe: ,Ich ersticke!‘“, erinnert er sich in seinem Buch. Julia ist seine zweite Frau, mit der er seit 2019 liiert ist. Zwei Kinder hat Doskozil aus erster Ehe.
Doch dann kommt der eigentliche Hammer: Beim ersten Kontrolltermin erklären ihm die Ärzte, dass es am besten wäre, den Kehlkopf zu entfernen. Stimmprothesen werden auch damals schon eingesetzt.
SONDERSITZUNG DES BURGENLÄNDISCHEN LANDTAGS: LH DOSKOZIL (SPÖ)
© APA/HANS KLAUS TECHT
SONDERSITZUNG DES BURGENLÄNDISCHEN LANDTAGS: LH DOSKOZIL (SPÖ)
Sie nennen es Doskonomics
Das Burgenland baut der Landeshauptmann nach seinen Vorstellungen um. Er führt im öffentlichen Dienst einen Mindestlohn von 2000 Euro netto ein, zentralisiert Pflegeeinrichtungen, stellt pflegende Angehörige beim Land an, macht den Kindergarten gratis. Immer mehr Bereiche laufen beim Land – und damit bei ihm – zusammen.
Das Land steigt in den Wohnbau ein, gründet ein Busunternehmen, betreibt Hochschulmensen und Schulbuffets, eine Ausbildungsstätte für Berufs- und Linienpiloten, Thermen, ein Golfresort, die Neusiedler Seebahn sowie ein Kompetenzzentrum für Fliesen, Keramik und Ofenbau. Die Landesholding Burgenland wächst auf 78 Gesellschaften an.
Die einen schwärmen von seinem Tatendrang und einer echten Politik zum Angreifen. Die anderen nennen es Allmachtstreben und pannonische Planwirtschaft auf Pump. Der Schuldenstand steigt in der Ära Doskozil von einer Milliarde Euro (2019) auf 1,65 Milliarden Euro im Jahr 2024.
Für sein Wirtschafts- und Sozialmodell etabliert sich ein eigener Begriff: „Doskonomics“. Die Wähler statten ihn bei der Landtagswahl 2020 mit einer absoluten Mehrheit aus. Danach werden seine Stimmprobleme immer hörbarer und sichtbarer, etwa durch Pflaster an der Operationsstelle. Das kostet ihn kaum Wählerstimmen. Bei der Wahl 2025 verliert er die Absolute, wird mit 46,3 Prozent der Stimmen aber doch klar im Amt bestätigt.
Er spricht immer offener über seine Krankheit, nimmt eine Vorbildrolle ein. „Es müssen viele Menschen mit Einschränkungen und Behinderungen leben – viele mit weitaus schwereren Erkrankungen“, textet er profil.
FPÖ-PRÄSIDIUMSSITZUNG: HOFER
© APA/GEORG HOCHMUTH
FPÖ-PRÄSIDIUMSSITZUNG: HOFER
„Motivation für Menschen mit Behinderung“
Der frühere FPÖ-Verkehrsminister, Bundespräsidentschaftskandidat und Obmann der FPÖ Burgenland Norbert Hofer begrüßt diese Offenheit. Er ist selbst nach einem Paragleiter-Unfall gehbehindert. „Ich habe großen Respekt für die Art und Weise, wie Doskozil mit seiner Erkrankung umgeht. Jede Persönlichkeit mit einer Einschränkung, die in der Öffentlichkeit sichtbar ist, ist eine wichtige Motivation für Menschen, denen es ähnlich geht.“ Denn insgesamt seien Menschen mit Behinderungen auf allen Ebenen der Politik – vom Parlament, über die Landespolitik bis zu den Gemeinderäten – „in den vergangenen Jahren weniger sichtbar geworden“, sieht Hofer einen für ihn bedenklichen Trend.
Dennoch: Die Stimme gilt als wichtigstes Instrument eines Politikers. Ist sie beschädigt, bietet das Angriffsflächen für politische Gegner. Das weiß Doskozil längst, als er seine Macht im Burgenland ausbaut und ungestüm an die Spitze der Bundespartei drängt. Im Burgenland macht das Gerücht die Runde, es sei Krebs. Doskozils Arzt dementiert das immer wieder, zuletzt auch wieder nach der Entfernung des Kehlkopfes. „Das muss man aushalten“, will sich Doskozil nicht beirren lassen.
PK SPÖ "ROTES FOYER" ZUM THEMA JUSTIZ UND AKTUELLEN ENTWICKLUNGEN IN DER CAUSA EUROFIGHTER: RENDI-WAGNER / DOSKOZIL
© APA/HELMUT FOHRINGER
PK SPÖ "ROTES FOYER" ZUM THEMA JUSTIZ UND AKTUELLEN ENTWICKLUNGEN IN DER CAUSA EUROFIGHTER: RENDI-WAGNER / DOSKOZIL
Doskozil gegen Rendi-Wagner – und Ludwig
Mit dem Burgenland als sozialdemokratischem Testlabor für Österreich gewinnt Doskozil immer mehr Verbündete in den Bundesländern. Mit seinem rechten Migrationskurs wird er zum Gegenspieler der zwei stärksten Machtblöcke in der Partei, der Wiener SPÖ und der Gewerkschaft.
Medien rechnen die SPÖ-Landesparteichefs bald entweder dem linken oder dem „Doskozil-Lager“ zu. Doskozil spaltet bewusst, weil er seine Politik in ganz Österreich durchsetzen will. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die zwei Alpha-Tiere in der Partei, Hans Peter Doskozil und der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig, zusammenkrachen. Es beginnt zu Ostern 2021 mit einem früheren Lockdown-Ende im Burgenland, geht weiter mit dem Streit um burgenländische Zweitwohnsitzer oder Gastpatienten in Wien, bis hin zum Anspruch Doskozils, Landeswohnungen auch irgendwann ins Eigentum übergehen zu lassen – ein Frontalangriff aufs rote Wien mit seinen Gemeindewohnungen.
Das Doskozil-Lager wirft den Wienern vor, aus seiner Stimme ein Politikum zu machen, bei gemeinsamen Sitzungen demonstrativ zu signalisieren, sie würden ihn nicht verstehen. „Auch Michael Ludwig hat mein Stimmproblem einmal angesprochen – da war seine Intention sofort klar“, schreibt Doskozil in seinem Buch. Für die Wiener handelt es sich um eine bewusste Unterstellung.
2023 scheitert Doskozil am linken Parteiflügel. Zwar gewinnt er im mittlerweile offenen Kampf um die Parteispitze die Mitgliederbefragung vor Andreas Babler und Pamela Rendi-Wagner. Doch am entscheidenden Parteitag setzt sich Babler gegen Doskozil durch, unterstützt von Wien und der Gewerkschaft, die den renitenten Burgenländer an der Parteispitze verhindern wollen.
Im Burgenland selbst wird seine Gesundheit nach der jüngsten Operation nur indirekt thematisiert. „Bei Doskozil laufen alle Fäden zusammen, ohne ihn funktioniert das System nicht. Selbst Landesräte haben wenig zu sagen“, kritisiert ÖVP-Klubobmann Bernd Strobl. In den letzten Jahren sei Doskozil aber sehr eingeschränkt im Einsatz gewesen und hätte viele Aufgaben an einen Mitarbeiter seines Politbüros und seinen Anwalt delegiert. „Ich finde es mehr als bedenklich, wenn de facto zwei Vertraute das Bundesland in seiner Abwesenheit führen.“ Man wünsche ihm gesundheitlich jedenfalls „beste Genesung“.
Ab wann ist ein Politiker im Einsatz? Ab wann gilt er als abwesend? Wenn er gerade keine Reden halten kann? Wenn er nur vom Schreibtisch aus arbeitet? Wenn er Vertraute vorschickt?
Wenn alles so aufgeht, wie Doskozil und sein Arzt es erwarten, wird sich diese Frage in Zukunft seltener stellen. „Im Sommer werden Sie einen sehr aktiven Landeshauptmann sehen“, sagt sein Arzt Andreas Dietz.
Es ist Doskozil zu wünschen.
Clemens Neuhold
ist seit 2015 Allrounder in der profil-Innenpolitik. Davor „Wiener Zeitung“, Migrantenmagazin biber, Kurier-Wirtschaft. Leidenschaftliches Interesse am Einwanderungsland Österreich.