Düringer-Partei: Hinterholz lacht

Neu-Politiker Roland Düringer vor dem Parlament in Wien.

Neu-Politiker Roland Düringer vor dem Parlament in Wien.

Der Kabarettist Roland Düringer überlegt den Einstieg in die Politik. Otmar Lahodynsky über einen Wutbürger, der die Politikverdrossenheit mit banalen Thesen fördert.

Seit einigen Jahren fordert er zum "Rückzug aus den Systemen" auf und meint damit seine Lieblingsgegner: politische Parteien und Konzerne. Der Schauspieler und Kabarettist Roland Düringer (Hinterholz 8, MA 2412) hat auch seinen Lebensstil radikal geändert: Der einstige "Benzinbruder" und Oldtimer-Sammler besitzt weder Auto noch Fernsehgerät, verwendet weder Mobiltelefon noch Kreditkarte, kauft nicht mehr in Supermärkten ein und haust in einem Wohnwagen gleich neben seinem Haus. Er baut Gemüse an, hat den Jagdschein gemacht und will so leben wie in den 1970er-Jahren, als könne er die Zeit anhalten.

Dass er diesen "Selbstversuch" seit 2013 in meist langatmigen Videoblogs dokumentiert, wo er doch das Internet verteufelt, oder eine eigene Talkshow in einem Privatsender hat, wo er doch riet, die TV-Geräte aus dem Fenster zu werfen, gehört zu den vielen Widersprüchen im Leben des erfolgreichen Schauspielers.

Nun hat Düringer seine eigene Partei "Meine Stimme gilt-GILT" angemeldet, wobei er dies seinen Fans wiederum über das sonst geschmähte Internet mitgeteilt hat.


Düringers politisches Experiment ist, was immer daraus wird, ärgerlich.

Seither rätseln viele, wie ernst es Düringer mit seinem Einstieg in die Politik wirklich meint. Denn er selbst hat die Parteigründung mehrfach als Kunstprojekt bezeichnet und bisher alle Interviewanfragen abgelehnt. Er wolle keine Spaßpartei gründen, witzelte er - davon gebe es schon zu viele in Österreich.

Doch sein Stellvertreter in seiner Partei heißt Walter Naderer, der als wilder Abgeordneter im niederösterreichischen Landtag sitzt, seit er sich zuerst von der ÖVP getrennt und danach von Frank Stronachs Partei gleich zweimal abgespalten hat. Eine schräge Polit-Karriere, die Stoff für Satire bieten würde.

Düringers politisches Experiment ist, was immer daraus wird, ärgerlich: Er verstärkt als Wutbürger und Guru für alternative Lebensweise die Enttäuschung vieler Protestwähler oder Wahlverweigerer, ohne ihnen eine ernsthafte Alternative anbieten zu können. Was hat die alleinerziehende Supermarkt-Kassierin davon, dass Düringer Handelsketten boykottiert?

Seine Attacken auf "das System" sind banal und populistisch zugleich: Politiker achteten nur auf Machterhalt und Geld, der Großteil von ihnen bestehe aus "A-löchern", die deshalb Ängste schürten, weil sie selber Angst hätten, falsche Entscheidungen zu treffen. Von direkter Demokratie halte er auch nichts. Was dann?

Er möchte jene 25 Prozent der Wähler, die gar nicht mehr zu den Urnen gehen, ansprechen, so der Polit- Rebell mit den wippenden Kugeln im Bart. Er sei nur der Taxifahrer, der die Menschen befördert. Wohin die Reise geht, bleibt freilich unklar. Verantwortung übernimmt Düringer keine. "I sog's gleich, I wor's net", sprach Düringer schon als Opa im Kultfilm "Muttertag".


Düringer ist kein Verstärker, sondern ein Echo. (Robert Menasse)

Sein Weg zum Polit-Aussteiger ist schnell erzählt: Er habe einst wie sein Vater im Gemeindebau SPÖ gewählt, später -wegen der Hainburg-Debatte -grün. Aber 2013 schrieb er auf den Stimmzettel nur mehr "gültige Stimme". Daraus entstand seine Idee, eine Partei dieses Namens zu gründen.

Ein Programm fehlt weitgehend oder besteht in Ratschlägen aus Esoterik oder aus recycelten Kabarett-Texten. Immerhin glaubt er nicht an absichtliche Vergiftung durch Chemtrails von Düsenjets, wie er in einem Videoblog ausführte.

Sollte seine Liste in den Nationalrat einziehen, würde er einen Antrag auf Änderung der Sitzordnung - alphabetisch statt nach Parteien -stellen, witzelte Düringer. Zudem forderte er die Verdoppelung der Parteienförderung und die Halbierung der Mindestsicherung. Seine Fans dürften auch über solche müden Scherze lachen.

"Düringer ist kein Verstärker, sondern ein Echo", spottet der Schriftsteller Robert Menasse. "Die einzige Stimme, die er einer Partei wegnimmt, ist die, die er selbst früher einer Partei gegeben hat. Im Übrigen ist er kein Kabarettist. Denn er meint es ernst, wenn er unfreiwillig komisch ist, und wenn er freiwillig komisch ist, dann ist es traurig. Er ist auch kein Wutbürger. Denn Ressentiment ist nicht Wut, und ein Aussteiger ist kein Bürger." Düringer glaubt unbeirrt daran, dass eine "Veränderung der Gesellschaft" in kleinen Schritten möglich ist, etwa dann, wenn Menschen Dinge, die sie gar nicht brauchen, nicht mehr kaufen, heißt es in seinem Buch "Leb wohl, Schlaraffenland". Aber bis es so weit ist, könnte das böse System schon vorher in Gewalt und Chaos zerfallen, orakelt Düringer. "Wir werden alle dumm aus der Wäsche schauen." Manche seiner Anhänger vielleicht schon früher.