Einbrecher werden selten erwischt und häufig rückfällig

Einbrecher werden selten erwischt und häufig rückfällig

Einbrecher werden selten erwischt, kennen weder Reue noch Mitleid mit ihren Opfern und werden besonders oft rückfällig. Sie nur wegzusperren, bringt wenig.

Nie wieder, habe er sich geschworen. Mario Vastic* wäre nicht hier, hätte er sich bloß daran gehalten. Eine Justizwachebeamtin führt den schmächtigen jungen Mann in Plastikschlapfen und quietschblauer Kapuzenjacke in den kahlen Raum, der sonst für Therapiegespräche genützt wird.
Bis zum Herbst 2017 muss Mario Vastic im Gefängnis bleiben. Er ist Anfang 20 und schon Wiederholungstäter, „weil die Gier letztlich größer war, als die Angst, wieder erwischt zu werden“, sagt er. Eine Überwachungskamera hatte mitgefilmt, als er mit zwei Komplizen einen Motorradhändler ausräumte. Davor waren sie in viele Gasthäuser und Geschäfte eingebrochen.

Jetzt müsse er „halt schauen, dass die Zeit vergeht“, am Vormittag putzen, am Nachmittag Karten spielen, vielleicht die Malerlehre fertig machen. In drei Jahren und zehn Monaten wird er frei sein und auf 50.000 Euro Schulden für Wiedergutmachung und Anwälte sitzen: „Und dann? Darüber zerbricht sich niemand den Kopf.“

Bei besonders gefährlichen Verbrechern steht die Frage immer im Raum. Mörder, Totschläger und Vergewaltiger müssen sich ihren Taten stellen, Mitgefühl für ihre Opfer entwickeln und bereuen, bevor sie wieder unter die Leute gelassen werden. Denn an jedem Rückfalltäter entzündet sich ein erbitterter Streit, ob „Bestien“ für immer weggesperrt gehören oder es mehr Therapie und Resozialisierung braucht.

„Eine Resozialisierungs-Initiative wäre dringend notwendig“
Einbrecher und Diebe hingegen fristen das Schattendasein von Allerweltsgaunern, die nur dann von sich reden machen, wenn sie besonders dreist oder auffallend dumm zu Werk gehen. In den Chronikspalten ist über Blitzeinbrecher zu lesen, die im Nu Computergeschäfte leer räumen und verschwinden, bevor die Funkwägen der Polizei um die Ecke biegen; über mobile kriminelle Gruppen, die an einem Nachmittag über mehrere Straßenzüge herfallen; über Pensionisten, die dutzende Male hintereinander den Opferstock einer Kapelle plündern, oder Jugendliche, die des bloßen Kicks wegen Türen aufbrechen.
Nun macht eine Doktorarbeit die Einbrecher erstmals zum Gegenstand einer justizpolitischen Debatte. Der Verfasser Martin Kitzberger hat als Leiter des Maßnahmenvollzugs in Linz-Asten einen profunden Einblick in den Strafvollzug: „Diese Tätergruppe stellt einen Großteil der Häftlinge. Sie nicht zu beachten, können wir uns nicht leisten.“

Die Belagszahlen im Strafvollzug gehen nach oben, obwohl die Kriminalitätsbelastung insgesamt keineswegs steigt, sagt der Strafrechtsprofessor Richard Soyer: „Bei Gewaltkriminalität und Sexualstraftaten gehen die Fallzahlen sogar zurück.“ Mehr als die Hälfte der österreichweit rund 6000 Strafgefangenen sitzt wegen eines Vermögensdelikts: „Eine Resozialisierungs-Initiative wäre dringend notwendig, auch und gerade im Sinne der Opfer.“

Die spröde betitelte Dissertation „Einbruchsdiebstahl und Legalbewährung“ widmet sich den Tätern, die „nicht expressiv-gewalttätig“ sind. Damit sind Einbruchsdiebe wie Mario Vastic gemeint. Ihr Modus Operandi wirkt neben Verbrechen gegen Leib und Leben fast nobel. Doch der gesellschaftliche und finanzielle Schaden und das Leid, das sie ihren Opfern zufügen, sind enorm.
Nicht einmal jeder zehnte Einbruch wird aufgeklärt, bei Wohnungseinbrüchen sind es gar nur 5,4 Prozent. Werden die Täter gefasst, beendet das noch nicht ihre kriminelle Laufbahn. Jeder zweite schlägt wieder zu, was mitunter daran liegt, dass sich ihre Schwierigkeiten in der Haft nicht aufgelöst haben.

Studienautor Kitzberger wertete die statistischen Aufzeichnungen des Justizressorts aus, sprach mit Anstaltsleitern, Sozialarbeiterinnen, Bewährungshelfern und verurteilten Einbrechern. Sein Befund: Das Gros der Delinquenten kämpft mit persönlichen und gesundheitlichen Problemen, viele ruinieren sich mit Alkohol, Drogen oder Spielwetten: „So gut wie alle sind überschuldet.“

Gegen dieses Bündel an Übeln ist Gefängnis ein schlechtes Mittel, zumal die heimischen Strafanstalten mit 8900 Häftlingen mehr als ausgelastet sind. „Rechnet man die 1000 ausländischen Verurteilten dazu, die ihre Strafen teilweise oder zur Gänze im Heimatland verbüßen, haben wir einen neuen Rekord“, sagt Christian Timm, Sprecher der Vollzugsdirektion im Justizministerium. Dabei hatte SPÖ-Ministerin Maria Berger 2008 ein Haftentlastungspaket geschnürt, um die Gefängnisse zu leeren. Im Herbst 2010 wurde die Fußfessel eingeführt. 242 Menschen werden derzeit im Hausarrest elektronisch überwacht, das entspricht dem Belag einer mittleren Justizstrafanstalt.

Trotz dieser Lockerungen stieg die Rückfallquote nicht an. Das beweist für Timm, „dass weniger Haft nicht weniger Sicherheit bedeuten muss“. Nun sollen bedingte Entlassungen und kürzere Haftstrafen forciert werden. Denn mit 105 Gefangenen pro 100.000 Einwohner liegt die heimische Haftquote im EU-Vergleich immer noch im oberen Drittel. 80 beträgt sie in Deutschland und der Schweiz, 60 in Finnland und Schweden. Timm: „Je weniger Häftlinge im Gefängnis sitzen, umso besser können wir uns um die kümmern, die uns bleiben.“

Für diese Ansicht findet der frühere Anstaltsleiter in Stein durchaus Mitstreiter. Klaus Priechenfried, Leiter der Haftentlassenenhilfe in Wien, kennt viele Fälle, die in Wohngruppen oder halboffenen Einrichtungen besser aufgehoben sind als hinter Gefängnismauern: Da wäre etwa der Bosnier, der für seine beiden Töchter Häuser in seiner alten Heimat baute. Sie wurden im Krieg zerstört. Der Mann verzweifelte an dem offenen Kredit, brach bei einem Juwelier ein. „Die Haft macht ihn sicher nicht besser.“

In den Gefängnissen gelten die knapp bemessenen Ressourcen – aus nachvollziehbaren Gründen – zuerst den Mördern und Vergewaltigern. Einbrecher, die sich wie Robin Hoods gerieren, die bloß jenen etwas nehmen, die genug haben, müssen sich hinten anstellen. Resozialisierung? Null.

Die evangelische Pfarrerin Christine Hubka lernte bei ihren seelsorgerischen Visiten im Grauen Haus den ganzen schillernden Kosmos der Einbrecher kennen. Dazu gehört etwa der 38-jährige Junkie, der zum 20. Mal im Gefängnis sitzt, weil er, wenn er nichts mehr zum Einwerfen hat, jede angelehnte Tür, jedes gekippte Fenster als Einladung versteht, sich zu beschaffen, was er braucht. Bisher hat ihm kein Richter eine Therapie bewilligt. „Vielleicht hält man ihn für einen hoffnungslosen Fall.“

Darin tummelt sich aber auch der Chef eines gut gehenden Unternehmens, der ohne Not, bloß weil ihm „fad im Schädel“ gewesen sei, mit Freunden zum Einbrechen losgezogen sei und sich bis heute zugutehalte, „nie jemanden erschreckt zu haben“. Daneben gibt es jede Menge „arme Kerle“ aus Rumänien, Ungarn oder der Slowakei, die meinten, sich bloß genommen zu haben, was ihnen zustehe, und organisierte Kriminelle, die wenig reden, bloß nicht auffallen wollen und ihre Strafe mit zusammengebissenen Zähnen absitzen. Im Vorjahr erschienen Hubkas Erfahrungen als Gefängnisseelsorgerin in der edition steinbauer als Buch („Die Haftfalle“).

Zu Besuch in der Justizanstalt Hirtenberg: 423 Männer sind hier eingesperrt, die Hälfte wegen Delikten gegen fremdes Vermögen. Walter Posch-Fahrnleitner, Leiter des Vollzugsbereichs, wundert sich schon lange nicht mehr, wenn der Arrestantenwagen einen alten Bekannten bringt: „Einen Einbrecher kenne ich seit 30 Jahren. Er wird jedes Mal rückfällig, wenn er wieder zu trinken anfängt.“

Draht zur Welt draußen
Waltraud Murlasits soll als Sozialarbeiterin in Hirtenberg darauf schauen, dass die, die nach verbüßter Strafe beim schweren Eisentor hinausgehen, nicht wieder hereinkommen. Es hängt an der Persönlichkeit, am sozialen Umfeld und einer sinnvollen Beschäftigung, ob der Neuanfang gelingt. Oft bräuchte es eben nicht einfach mehr Haft, sondern Therapieplätze, betreute Wohngruppen, Beziehungsarbeit, Schuldnerberatung. „Ehrlich, manchmal weiß man nicht, wo man als Erstes ansetzen soll, weil es an so vielem gleichzeitig hapert.“

Robert Zahnder* hat keine Freunde, nur gute Vorsätze. Seine Mutter lebt im Ausland. Der Einzige, der zu ihm hält und ihn regelmäßig besucht, ist sein Vater. Er ist der Draht zur Welt draußen, in die er zurückfinden muss. Sieben Jahre muss er dafür büßen, dass er Drogendealern eine Schreckschusspistole an den Kopf setzte und ihnen Koks und Heroin raubte. 2010 hatte Zahnder begonnen, sich mit Drogen zuzudröhnen. Ein Gramm um 30 Euro jeden Tag, 1000 Euro im Monat, bald konnte er sich seine Sucht nicht mehr leisten. Im Gefängnis kam er davon los, er bildet sich sogar zum Werkmeister weiter und hofft auf eine bedingte Entlassung, damit er die Abschlussprüfung in Freiheit ablegen kann: „Man zerbricht, wenn man sich jeden Tag nur sagt, dass man eingesperrt ist.“

Es ist eine alltägliche, bittere Erfahrung, dass selbst die besten Absichten manchmal nicht aufgehen. Selcuk Süleyman* sitzt in Hirtenberg im Gefängnis, weil ihm genau diese Lektion zuteil wurde: „Es war mein Fehler, dass ich alles zu schnell wollte.“ Er sage sich, dass er nur „Stufe für Stufe weiterkommen kann“, wäre da nicht eine innere Unruhe, die ihn anpeitscht: „Ich bin 31 und bekomme schon weiße Haare. Ich habe nicht mehr viel Zeit.“ Er hätte ein Spitzensportler werden können, ein herausragender Verkäufer.

Süleyman wirkt wie ein Kartenspieler, der ein gutes Blatt verlegte und nicht weiß, ob er so ein gutes noch einmal kriegt. Sein Vater, ein Kurde aus Ostanatolien, war 1987 nach Österreich ausgewandert. Als die Familie ihm nachzog, war Selcuk Süleyman elf. Trotzdem schaffte er mühelos die Hauptschule. Er lernte Zuckerbäcker und verliebte sich in ein Mädchen. An Hochzeit dachte er nicht. „Aber die Familien haben Druck gemacht.“ Mit 21 war er verheiratet, doch er lebte in einer zweiten Welt, von der nicht einmal seine Frau etwas ahnte. „Mein Lügenleben“, sagt er dazu.

Er hatte einige Jahre zuvor seinen Onkel in London besucht, dort auf einem Spielautomat herumgedrückt und auf Anhieb 50 Pfund gewonnen. Zurück in Wien sah er „nur noch Automaten“ und fing an, in Wettbüros und Spiellokalen herumzuhängen. Alles, was er als Zuckerbäcker, Kellner, Verkäufer und mit seinen vielen Extrajobs verdiente, trug er dorthin. Irgendwann flog seine Doppelexistenz auf. Er ging in Therapie, fühlte sich geheilt, wurde rückfällig, seine Ehe zerbrach, er begann zu koksen: „Von da an war mir alles egal.“

Mit Kreditkartenbetrügereien brachte er sich ins Kriminal. Ein halbes Jahr lang saß er in Wien-Josefstadt im Gefängnis. Danach verpasste er die Chance auf einen Neuanfang. Er geriet in eine Clique, die in Arztpraxen, Büros und Kanzleien einbrach. Die ersten Male wartete er im Auto, bald legte er selbst Hand an. Als ihm das Koks zu teuer wurde, zog er sich billigeres Mephedron in die Nase. Er brauchte immer mehr, schlief kaum noch, verlegte sich auf Wohnungen, kannte weder Angst noch Zweifel: „Unter Drogen war ich der Größte und Beste.“

Er läutete an Türen, gingen sie auf, stellte er eine harmlose Frage und trollte sich, blieben sie zu, knackte er die Schlösser. Beim fünften Mal wurde er geschnappt, weil Bewohner nach Hause gekommen waren, ihn rumoren gehört und die Polizei gerufen hatten. „Meine Eltern haben die ganze Zeit geweint. Nach zwei Wochen in U-Haft habe ich allmählich realisiert, was ich angerichtet habe.“

Beim ersten Mal in Haft hatte er sich als Hausarbeiter verdient gemacht. Beim nächsten Mal arbeitete er sich zum Kellner in der Beamtenkantine hoch und wurde mit „Herr Ober“ angesprochen. In Hirtenberg passt er als „Zuhörer“ auf einen labilen Zellenkollegen auf. Dass Menschen wie Süleyman sich im Gefängnis bewähren, sagt über seine Fähigkeiten im richtigen Leben freilich wenig aus.

„Hier arbeiten doch alle mit. Ob echt oder zum Schein, das ist die Frage“, sagt Josef Schmoll. Seit September leitet er die Justizanstalt in Wien-Simmering. Jeder Insasse könne ihm schreiben, seine Geschichte erzählen. Der Einbrecher, der als „Marder“ durch die Medien ging, weil bei seinen Touren weder Alarmanlagen noch Wachhunde anschlugen, sei rückfällig geworden, weil ihm der Nervenkitzel gefehlt habe: „Seine größte Sorge ist es, dass seine Söhne nach ihm geraten könnten. Da weiß man wenigstens, wo man ihn packen kann.“

Einige dutzend Häftlinge qualifizieren sich in Wien-Simmering als Facharbeiter. Wer im gelockerten Vollzug reüssiert, bekommt schneller Freigang. Schmoll arbeitet mit Anreizen. Auf seinem Schreibtisch liegt die Karte eines Ex-Insassen, der nun als Autolackierer arbeitet: „Danke für den Freigang“, hat er geschrieben. So etwas freut den Kommandanten, weil er weiß, was alles zusammenspielen muss, dass aus Einbrechern wieder rechtschaffene Bürger werden.

Es klingt wehmütig, wenn er konstatiert, dass neben Junkies und Gelegenheitseinbrechern immer öfter international operierende Serientäter bei ihm landen. „Mobile organised crime groups“, wie sie im Polizeijargon heißen, verüben bis zu zehn Einbrüche am Tag, schlagen diese Woche in Österreich zu, nächste Woche in Deutschland oder England. Ernst Geiger, im Bundeskriminalamt zuständig für organisierte und allgemeine Kriminalität, machen sie sehr zu schaffen: Viele Täter stammen aus Rumänien oder Serbien und werden zur Strafverbüßung in ihre Heimat geschickt: „Oft werden sie schnell amnestiert und kehren zurück.“
Manfred Heschberger* gehört zur aussterbenden Spezies der Profieinbrecher vom alten Schlag, für die es als Ehrensache galt, allein zu arbeiten. Im September 2012 war der gebürtige Wiener aus dem Gefängnis entlassen worden. Zwei Millionen Euro habe er im Laufe des Lebens schon an Roulettetischen und Automaten verspielt. Als er finanziell ausgeblutet war und die Delogierung drohte, setzte der Schlossermeister seine fachlichen Kenntnisse dafür ein, einen Juwelier am Neuen Markt zu plündern. Er schlenderte mit einer Sporttasche voller Juwelen zur U-Bahn, als ihn eine Funkstreife anhielt: „Dürfen wir hineinschauen?“

273.000 Euro habe er erbeutet, sein Lebensabend wäre gesichert gewesen, den Schaden hätte die Versicherung bezahlt. „Ich bin ein normaler Mensch, der sich selbst helfen wollte, als mir niemand geholfen hat.“ Nun muss er sich mit einer Pension von 811 Euro bescheiden. Casinobesuche sind nicht mehr drin. „Ich mache jetzt Online-Poker.“ Richtig geläutert klingt das nicht.

*Namen von der Redaktion geändert

Foto: Sebastian Reich für profil