Einbruchsserie in Wien: Syrischer Friseur sechsmal Opfer – auch Landsleute unter Tätern
Sie tauchen in Gruppen auf, zu Fuß oder auf E-Scootern. Sie tragen Hoodies, Kappen, Umhängetaschen, manche sind vermummt, andere nicht. Sie haben Hämmer oder Schraubenschlüssel dabei. Damit versuchen sie, das Türschloss des Friseursalons zu knacken oder das Glas der Eingangstüre einzuschlagen, bis es bricht.
Friseur Khaled Fayad (52) hat sie auf Video. Seine aus der Not heraus installierte Überwachungskamera war zum nächtlichen Tatzeitpunkt schräg auf den Eingangsbereich gerichtet.
Meist blieb es beim Versuch. Wenn sie tatsächlich eindrangen, plünderten sie die Kasse, sammelten Schneidegeräte und Parfums ein, schleppten auch schon einen E-Scooter aus dem Geschäft und machten sogar vor einer Spendenbox für notleidende Kinder in Palästina nicht halt. Bevor sie weiterzogen, stärkten sie sich mit Energy Drinks aus dem Kühlschrank.
2015 flüchtete der dreifache Vater (52) mit seiner Familie vor dem Krieg in Syrien nach Österreich. 2021 eröffnete er einen Friseurladen für Herren in Wien Döbling auf der Heiligenstädter Straße. Der Salon liegt in einem Gassenlokal des Karl-Max-Hofes. Fayad fühlte sich angekommen in der neuen Heimat. Doch dann erschütterte eine Einbruchsserie das Leben des Geschäftsmannes. Sechs Mal versuchten Kriminelle bereits bei ihm einzubrechen, drei Mal allein in den vergangenen Monaten. Fayad ist im Zentrum einer Raub- und Einbruchsserie gelandet, deren Hintergründe wir in unserer aktuellen Coverstory beleuchten.
In Damaskus erlebte er das in 25 Jahren Berufsleben – bis zu seiner Flucht – nie.
Bruchsicheres Glas, Anzeigen an die Polizei, Meldungen an die Versicherungen. All das kostet Zeit, Geld und Nerven. „Wie lange zahlt die Versicherung die Schäden noch?“, fragt sich der Unternehmer bange. Und es raubt den Schlaf. Denn er begann, an Wochenenden im Geschäft zu übernachten – oder besser gesagt, Wache zu halten.
Teenie-Gang
Anrainer haben eine Gruppe fotografiert, bevor sie versucht haben soll, bei Fayad einzubrechen.
Landsleute als Täter: „Schäme mich für sie“
Über seine Überwachungskamera hat Fayad zur nächtlichen Tatzeit Stimmen eingefangen. Manche Wortfetzen versteht Fayad, weil sie auf Arabisch sind. Er ordnet die Dialekte Syrien oder dem Irak zu. Eigene Landsleute, die ihn in der neuen Heimat ausrauben – ein weiterer Schock. „Ich schäme mich für sie.“
Laut Wiener Polizei stellen „syrische Staatsangehörige einen großen Teil der mündigen oder unmündigen Intensivtäter in Wien dar“. Bei Fayad haben auch Jugendliche mit türkischem, ex-jugoslawischem oder afghanischem Hintergrund eingebrochen, weiß der Friseur aus Gerichtsakten. Er hat jeden Einbruch angezeigt und erfährt dadurch, ob es zu einem Strafverfahren kommt oder nicht. Im Unterschied zu seiner alten Heimat werden Kinder unter 14 in Österreich nicht gerichtlich belangt.
Die Fayads sind nicht allein
Seit Anfang Mai führt seine Frau das Nachbarlokal als Damen-Friseur. Die Auslage ist noch vom Kunstblumenschmuck der Eröffnung umrahmt. Doch am Schloss finden sich bereits Kratzspuren. Auch bei ihr gab es bereits zwei Einbruchsversuche. Das vorsorglich installierte Spezialglas hielt.
Die Fayads sind nicht alleine. Laut Polizei sind „im Bereich der Heiligenstädter Straße mehrere Einbruchsdelikte in den vergangenen Monaten aktenkundig“. Fayad weiß von einem Schneider, einem Café und einem weiteren Friseur, die betroffen sein sollen. Auch am Sonnbergmarkt in Oberdöbling versuchten Teenager vor zwei Wochen erneut beim Markt-Friseur einzubrechen – nach ähnlichem Muster wie bei Fayad. Im November wurden fünf Geschäfte am Markt Ziel von Einbruch und Vandalismus.
Festnahmewelle nach Raubserie
Was ist sonst über die Tatverdächtigen bekannt? Ein Großteil von ihnen wohnt im 19. Bezirk. Es schließen sich aber auch Jugendliche aus anderen Bezirken an.
Die Polizei reagierte mittlerweile mit Schwerpunktaktionen und überführte im Bezirk in den vergangenen Wochen fast 20 junge Verdächtige. Sie wurden mit mehreren Raubüberfällen auf junge Schüler in Verbindung gebracht und könnten auch hinter der Einbruchsserie stecken, vermutet die Polizei. Sie stammen aus Afghanistan oder Syrien, ein kleinerer Teil hat die österreichische Staatsbürgerschaft. Jeder Dritte ist strafunmündig und bleibt deshalb auf freiem Fuß.
Fayad wartet derzeit auf seine Staatsbürgerschaft. Alle dafür notwendigen Dokumente hat er eingereicht. Er hofft, dass die Aktion scharf der Polizei fruchtet. Damit er spätestens als Österreicher in Sicherheit seinen Geschäften nachgehen kann.