Der unheimliche Einfluss des ÖSV und seines Präsidenten auf die Politik

Der unheimliche Einfluss des ÖSV und seines Präsidenten auf die Politik

Power-Lobbying, Politiker im Vorstand, Kooperationen mit Medien, Banken und Industrie: Der ÖSV ist der mächtigste Verein der Republik – und der undurchsichtigste.

Peter Schröcksnadel hat keinen Schlips und das Geld kein Mascherl: Woher und in welcher Form es kommt, ist dem Präsidenten des Österreichischen Skiverbands einerlei. Hauptsache, es fließt. Am Nachmittag des 24. März steht Schröcksnadel, seine Schar mit knappen Zurufen („Kimmts her do“) kommandierend, im Kongressaal des Bundeskanzleramts – adjustiert wie ein Skilehrer beim bunten Abend im Luxushotel: Sportsakko, Freizeithose, mäßig gebügeltes Hemd ohne Krawatte. Kanzler und Sportminister haben zum Empfang für Österreichs Skihelden geladen.

Werner Faymann ist voll des Lobs: „Ich werde oft in der ganzen Welt auf die Erfolge im Wintersport angesprochen, die bereits zu einem Markenzeichen Österreichs geworden sind. Das ist Ihr Verdienst.“ Der ÖSV-Präsident dankt seinerseits artig – ohne auf das Wesentliche zu vergessen: Bundesregierung und Bundesheer mögen den Skisport noch stärker fördern als bisher. Nach dem Wesentlichen das Wichtigste: Gruppenbild mit Bundeskanzler, Sportminister, Schröcksnadel, Marcel Hirscher und Anna Fenninger.


In einer Wintersport­nation wird der Wirbel um einen Skistar folge- richtig zur nationalen Angelegenheit

Skisport ist Showbusiness, sein größter Zampano der ÖSV-Präsident, 73, der gern alles unter seiner Kontrolle hat. Ärgerlich wird Schröcksnadel, wenn sie ihm entgleitet; noch ärgerlicher, wenn es der derzeit erfolgreichste heimische Skistar ist, der sich verselbstständigt. Seit Wochen streiten der ÖSV und Olympia-Siegerin Anna Fenninger öffentlich um einen persönlichen Fitnesstrainer und einen neuen Sponsor für die 25-jährige Salzburgerin. Sogar Sportminister Gerald Klug (SPÖ) bot sich als Mediator an – trotz verfassungsrechtlicher Unzuständigkeit. In einer „Wintersportnation“ wird der Wirbel um Skifahrer eben zur nationalen Angelegenheit.

Schröcksnadel, Fenninger

Der Österreichische Skiverband ist ohnehin ein Politikum – seit jeher und seit Schröcksnadels Antritt 1990 ganz besonders. Unter dessen Ägide entwickelte sich der ÖSV zum einflussreichsten Sportverband des Landes und zu einem der mächtigsten Vereine überhaupt mit besten Verbindungen zu Politik, Wirtschaft und Medien. So laut Schröcksnadel um öffentliche Gelder wirbt, so leise wird man im ÖSV, wenn es um die Transparenz der Finanzen (geschätztes Jahresbudget: 40 Millionen Euro) geht. Abrechnung von Förderungen werden wie ein Amtsgeheimnis gehütet.
Höchst diskret behandelt der ÖSV etwa das finanzielle Endergebnis der Ski-WM 2013 in Schladming. Vor zwei Wochen veröffentlichte die „Kleine Zeitung“ Auszüge aus einem Rohbericht des Rechnungshofs, der heftige Kritik an der mangelnden Transparenz übt. So konnten die Rechnungshofprüfer nicht eruieren, wie viel Geld der ÖSV vom Internationalen Skiverband FIS für die Skiweltmeisterschaften erhielt.

Ski-WM in Schladming: 246 Millionen Euro an öffentlichen Geldern

Streng genommen zählen die Beziehungen der beiden Skiorganisationen nicht zum Prüfungsauftrag des Rechnungshofs. Freilich sollen insgesamt 246 Millionen Euro an öffentlichen Geldern in die Ski-WM und die Infrastruktur in Schladming gesteckt worden sein – was ein erhöhtes Informationsbedürfnis rechtfertigt. Der ÖSV-Präsident erklärte, die WM sei ein wirtschaftlicher Erfolg gewesen – womit allerdings auch die Notwendigkeit mancher Förderung hinterfragbar ist.
Der grüne Sportsprecher Dieter Brosz erkundigte sich im Sportausschuss des Nationalrats bei Minister Klug nach dessen Kenntnisstand zur Endabrechnung der Ski-WM. Ergebnislos. Brosz: „Dass die Kosten der Ski-WM von der Allgemeinheit getragen und die Gewinne vom ÖSV privatisiert werden, ist nicht einzusehen.“

Über Geldflüsse aus seinem Ressort an den ÖSV gibt Gerald Klug gern Auskunft. 2015 erhält der ÖSV vom Sportministerium insgesamt 3,2 Millionen Euro Fördermittel. Dazu kommen Subventionen für Infrastruktur – wie zuletzt die Sanierung der Flugschanze am Kulm und der Ausbau des Biathlon-Zentrums in Hochfilzen.

„Vollen Respekt”

Laut Gerald Klug ist jeder Euro gerechtfertigt: „Der ÖSV ist der erfolgreichste Sportverband Österreichs. Peter Schröcksnadel hat mit seinem Team die Grundlagen für diesen Erfolg gelegt. Dafür verdient er vollen Respekt.“
Auch in seiner Hauptbeschäftigung als Verteidigungsminister hat Klug mit dem Skiverband zu tun. 52 ÖSV-Athleten sind derzeit in den Leistungssportzentren des Bundesheers angestellt. Im Gegenzug kann sich Klug medienwirksam über die Erfolge seiner scheinaktiven Soldaten freuen, wie etwa über Gold von Matthias Mayer bei der Olympia-Abfahrt 2013 in Sotchi.

Über die Gesamtkosten, die dem finanzmaroden Heer durch die Beschäftigung von ÖSV-Sportlern entstehen, vermag das Verteidigungsministerium keine Angaben zu machen. In geringerem Ausmaß betreiben auch das Innen- und das Finanzministerium Sport- und ÖSV-Förderung: So dienen etwa die Mannschaftsweltmeister der heurigen Ski-WM in Vail, Eva-Maria Brem und Christoph Nösig, als Vertragsbedienstete am Zollamt Innsbruck.

Politik bedeutet Gegengeschäfte, und diese liefert der gewiefte ÖSV-Oberbefehlshaber gerne. Im Herbst 2012 kampagnisierte Verteidigungsminister Norbert Darabos – unterstützt durch Dauerfeuer der „Kronen Zeitung“ – gegen die Wehrpflicht, über die im Jänner 2013 per Volksbefragung entschieden werden sollte.

„Man kann doch junge Menschen nicht mehr zwangsverpflichten”

In der „Krone“ positionierte sich auch Schröcksnadel eindeutig und ganz im Sinne der SPÖ: „Ja, ich bin dagegen! Man kann doch junge Menschen nicht mehr zwangsverpflichten, das ist nicht zeitgemäß.“ „Pistenarbeit“ von Soldaten bei Weltcup-Rennen sei, so Schröcksnadel, „wirklich kein Grund für eine allgemeine Wehrpflicht“. Hinter dem Bekenntnis stand wohl auch ein kaufmännisches Interesse. Die „Kronen Zeitung“ ist seit Langem Großsponsor des ÖSV und spannt dessen Athleten gern in ihre Kampagnen ein, derzeit etwa gegen das EU/US-Freihandelsabkommen TTIP.

Neben der „Krone“ findet sich die Elite der heimischen Industrie auf der Liste der ÖSV-Sponsoren: Telekom Austria, OMV, Stiegl, Iglo, Uniqa, ÖBB, Spar, Gösser. Wer sein Handynetz, Bier oder Tiefkühlgemüse rot-weiß-rot branden will, kommt an den Skistars nicht vorbei. Auch die Wirtschaftskammer setzt auf den Werbewert von Hirscher, Fenninger und Schlierenzauer. Über die Höhe des Sponsorings will man keine Auskunft erteilen.

Der Heldenstatus seiner unantastbaren Athleten – der mit dem ÖSV verpartnerte ORF wagt nur selten negative Berichte – schützt auch den Präsidenten. In der ÖVP wird Kritik nur verhalten und anonym geübt. Ein schwarzer Top-Funktionär: „Schröcksnadel wird aufgrund seiner unumstrittenen Leistungen für den ÖSV und als Unternehmer geschätzt, aber nicht wirklich geliebt. Er stößt sehr viele vor den Kopf.“ Der Propagandaeinsatz für die SPÖ in der Wehrpflichtdebatte wird Schröcksnadel ÖVP-intern teils noch immer nachgetragen. Schließlich gilt der ÖSV-Präsident aus Tirol als eingefleischter Schwarzer. Im Jahr 2006 engagierte er sich offen für die Wiederwahl von Wolfgang Schüssel zum Bundeskanzler.

Auch ein Großteil der Funktionäre in den Landesverbänden – vor allem die Hoteliers, Seilbahn- und Skischulbesitzer – sind ÖVP-affin. Der Sportdirektor des ÖSV, Hans Pum, kandidierte bei den oberösterreichischen Landtagswahlen 2009 für die Volkspartei. Die Vize-Präsidentin des ÖSV, Roswitha Stadlober – unter ihrem Mädchennamen Steiner Slalom-Vizeweltmeisterin 1987 –, saß für die ÖVP im Salzburger Landtag. Als Verbindungsmann zur roten Reichshälfte gilt Toni Leikam. Der frühere SPÖ-Nationalratsabgeordnete ist seit 1996 Vizepräsident des ÖSV. Der Vorarlberger Skiverband wird in der ÖSV-Präsidentenkonferenz ebenfalls durch einen Ex-Nationalratsabgeordneten vertreten: Patrick Ortlieb, Hotelier in Oberlech, Olympia-Sieger in der Abfahrt 1992, FPÖ-Mandatar von 1999 bis 2002.

Die Allmacht des ÖSV im österreichischen Sport beschränkt sich mittlerweile nicht mehr auf die Elemente Eis und Schnee und die Monate Dezember bis März. Als Folge der Pleite bei Olympia 2012 in London ernannte Sportminister Klug ausgerechnet Schröcksnadel zum Vorsitzenden des Sonderprojekts „Olympia Rio 2016“, der selbstbewusst drei bis fünf Medaillen als Ziel definierte.

Immerhin verfügt der ÖSV auch über Weltklasse-Athleten im Sommersport. Aber leider ist Gras-Ski noch keine olympische Disziplin.