Emil und die Detektive. Warum halb Österreich einem Elch folgt
Ein Elch trottet gemütlich durch Felder, Dörfer, Straßen, Gärten und begeistert die Menschen. Warum weckt ausgerechnet ein nicht heimisches Wildtier das Beste im Österreicher?
Seit er sich von Polen kommend auf Wanderschaft gen Süden begab, überquerte Elch Emil die Landesgrenzen von Tschechien und Österreich, stakste im niederösterreichischen Weinviertel durch Wiesen, Felder, Gärten; trottete unbeirrt von Schaulustigen und Polizeieskorten unsere Bundesstraßen entlang; wollte sogar die Autobahn A22 elchtesten (wovon ihn die Polizei mit quergestellten Autos abhielt). Bei Klosterneuburg vor Wien demonstrierte er bei einer Abkühlung in einem Seitenarm der Donau, welch ausgezeichnete Schwimmer Elche sind.
Die Wiener rüsteten sich schon für ein „alter Schwede!“. Doch das Tier aus dem Norden entschied sich dann doch gegen die zweitlebenswerteste Stadt der Welt, weil zu laut, eng, hektisch, warm. Seine Gattung schätzt eine Durchschnittstemperatur von 14 Grad. Emils innerer Kompass adjustierte sich nach seiner erfolgreichen Donauquerung westwärts Richtung Tulln (Stand Donnerstag).
Seine Schrulligkeit zeichnet ihn aus
Mit Beinen wie Laternen, Ohren wie Satellitenschüsseln und einer Unterlippe auf halbmast wirkt der junge Bulle aus der Hirschfamilie mit seinen rund zwei Metern und geschätzt 300 Kilos ein bisschen wie die Karikatur des stolzen Rothirsches, der in unseren Breitengraden das Bild seiner Tierfamilie prägt. Für Klaus Hackländer, Leiter des Instituts für Wildbiologie und Jagdwirtschaft an der Wiener BOKU sowie Vorstand der Deutschen Wildtier-Stiftung erklären Emils Aussehen und seine scheinbar lässige Art einen Teil der Faszination. Eines Tages könnte es auch ein Wisent aus Polen nach Österreich verschlagen, meint er. „Aber das wäre für viele dann wohl nur ein größerer Ochse.“
Emil bringt dieser Tage in vielen Österreicherinnen und Österreichern das Beste hervor. Zum Beispiel einen ausgesprochenen Beschützerinstinkt in den sozialen Medien („Achtung Autofahrer bei Tulln: Passt gut auf Emil auf!“), in einem Revier, wo sonst die menschliche Jagdgesellschaft wütet. Die hat es nun auf jene abgesehen, die in Postings auch nur andeuten, man solle „Problem-Elch“ Emil zum Schutz der Autofahrer „aus dem Verkehr ziehen“.
Die Facebook-Gruppe „Emil der Elch“ zählte bis Freitag 7000 Mitglieder. Emils Fangruppen aus Polen, Tschechien und Österreich haben sich längst völkerfreundschaftlich verbunden. So erfuhr man, dass die tschechische Lauflegende Emil Zátopek Namensgeber des Elches ist. Fans tragen auf Google Maps neue Sichtungen ein, um Emils Europareise zu dokumentieren. Und selbst Qualitätsmedien posten laufend Updates über seinen Verbleib, weil er sie verlässlich mit Klicks füttert.
Emil mag auch deswegen das Sommermärchen 2025 schreiben, weil er in Zeiten von Kriegen, Inflation und innenpolitischen Grabenkämpfen (siehe ORF-„Sommergespräche“) einen medialen Eskapismus in die freie Wildbahn ermöglicht, in einem Land, das von Grenzsteinen, Hecken und ideologischen Scheuklappen eingekastelt ist. Auf diese Idee könnte man kommen, wenn man die vielen – mitunter esoterisch angehauchten – Oden auf Emil liest.
Eso-Emil beseelt das Netz
So schreibt Stefanie A. auf Facebook: „Viele Menschenseelen beginnen zu leuchten, denn etwas in ihnen erwacht. Sie erinnern sich daran, was sie nie gewagt oder nie versucht haben. Können beobachten, wie ein ganz normales Wildtier einfach seinem inneren Ruf folgt, ganz gleich, was andere darüber denken. So erinnert Emil der Elch uns an etwas, was wir vielleicht ganz vergessen haben, oder er ermuntert uns dazu, es ihm gleich zu tun. Lasst uns etwas wagen! Lasst uns lebendig sein!“
Diese archaische Sehnsucht nach dem Wilden und Ursprünglichen weckt auch der Wolf bei manchen. Doch mit ihm kehren auch Urängste zurück und blutige Spuren in der Zivilisation durch gerissene Schafe und Rehe.
Wo Isegrim auftaucht, zerreißt er die Gemeinschaft verlässlich in erbitterte Freunde und Feinde des Raubtieres, während Emil alle verbindet. Der frisst auch nur Knospen, Triebe, Blätter und besonders gerne – daher seiner schwimmerischen Qualitäten – Wasserpflanzen. Um satt zu werden, muss er dafür den ganzen Tag herumstrawanzen und nimmt so viele Menschen mit auf seine Reise. Die Scheu des Rehs wäre für ihn der Hungertod
Ein Wolf sorgt im Unterschied zum Jahrzehnte-Ereignis Elch außerdem nur noch für Schlagzeilen, wenn er sich Städten nähert. Zu groß ist die Population mit aktuell 100 bekannten Tieren (2024) geworden. „Sie verdoppelt sich alle drei Jahre“, sagt Hackländer, die Dunkelziffer sei hoch. In Kärnten durften im Vorjahr 20 Wölfe legal „entnommen“, also von Jägern abgeschossen werden.
Der Luchs, eine kleine Schar von Tieren lebt in den Kalkalpen, ist wiederum extrem scheu und nachtaktiv und taugt deswegen nicht für exotische Nah-Tier-Erfahrungen, wie sie etwa ein Lkw-Fahrer des Erdbau-Unternehmens Karner GmbH bei Greifenstein an der Donau machte. Er kam Emil zum Angreifen nahe und fotografierte ihn durchs Fenster. Das Tier sei „sehr entspannt“ gewesen. Daraus leiten Hobby-Elchologen im Internet schnell eine generelle „Gechilltheit“ ab. Doch die niedrigen Touren, auf denen Emil läuft, können laut Hackländer auch auf einen Hitze-stress zurückzuführen sein.
Warum Emil besser kein Österreicher wird
Bei aller Liebe zu Emil musste man ihm von Anfang wünschen, dass er Österreich bald wieder verlässt, um weiter nördlich eine Elchdame zu finden. So gibt es im tschechischen Südböhmen eine kleine Elchpopulation, die dringend frisches Blut benötigen könnte, sagt der Wildtier-Experte.
Umso größer war bis zu Redaktionsschluss das Zittern, dass das Sommermädchen jäh endet – durch einen Autounfall. Ein Schicksal, das in Schweden Tausende Artgenossen pro Jahr ereilt, weil Elche am liebsten entlang „linearer Bahnen“ – und das sind in der Zivilisation oft Straßen – wandern.
„Wir wünschen ihm eine gute und sichere Weiterreise!“, lässt die Firma des Lkw-Fahrers Emil ausrichten.
Seit 2015 Allrounder in der profil-Innenpolitik. Davor Wiener Zeitung, Migrantenmagazin biber, Kurier-Wirtschaft. Leidenschaftliches Interesse am Einwanderungsland Österreich.