Erstwähler mit 40 aus Ruanda: "Ich werde nie wieder nicht wählen"

Pascal Ndabalinze hat sich zeit seines Lebens für demokratische Verhältnisse eingesetzt. Am Sonntag durfte er zum ersten Mal selbst wählen.

Pascal Ndabalinze war Anfang zwanzig, als er in den neunziger Jahren in Wien-Schwechat von Bord ging. Visum hatte er keines. Nur einen Zettel, auf dem stand, der junge Mann aus Ruanda komme zum Studieren. Er gab das Blatt den Grenzbeamten, und sie stempelten es ab.

In seiner Heimat herrschte seit zwei Jahren Krieg. Die Nachrichten, die von dort kamen, waren grauenhaft. Pascal Ndabalinze hatte zwei Geschwister und seinen Vater verloren.

Am nächsten Tag war der gebürtige Ruander bereits auf der Uni. Seine Nase einfach brav in die Bücher zu stecken – das schaffte er, noch gezeichnet vom Schrecken in Ruanda, nicht. Immer gab es etwas, für oder gegen das er seine Stimme erhob. „Warum mischst du dich ein?“, fragten Freunde. „Ich kann nicht anders“, sagte Pascal Ndabalinze. Er hielt Mahnwache für den bei der Abschiebung erstickten Schubhäftling Marcus Omofuma, stritt auf Podien, engagierte sich in Migrantenorganisationen.
Seine Diplomarbeit drehte sich um FPÖ-Chef Jörg Haider. Das war 2002. Die schwarz-blaue Wende war zwei Jahre alt und Pascal Ndabalinze inzwischen ein anerkannter Flüchtling. Es sollte noch Jahre dauern, bis er ein wahlberechtigter Bürger des Landes wurde.

Am vergangenen Sonntag machte er bei den Wiener Landtagswahlen zum ersten Mal ein Kreuzerl neben eine Partei. Im Unterschied zum Gros der insgesamt 76.292 Erstwähler musste er dafür fast 40 Jahre alt werden.

Pascal Ndabalinze wurde 1971 in Ruanda geboren, besuchte dort das Priesterseminar, ein Gymnasium für Kinder aus der Bildungsschicht. Als er 19 Jahre alt war, brach der Krieg aus. Der junge Ruander hatte unwahrscheinliches Glück. Er bekam ein aus Entwicklungshilfegeldern finanziertes Stipendium der österreichischen Regierung.

1994 begann in Ruanda der Genozid.
Vom Exil aus arbeitete Pascal Ndabalinze an der Versöhnung der politischen Kräfte. Zurück in seine Heimat wollte er nicht. Er fürchtete um sein Leben. 1998 suchte er um Asyl an und hielt innerhalb eines Monats einen positiven Bescheid in Händen. Fünf Jahre später flog er mit einem Flüchtlingspass und in halboffizieller Mission nach Ruanda, um die Präsidentschaftswahlen vor Ort zu beobachten. „Der gesamte politische Prozess war von Angst bestimmt“, sagt er.

Er wurde österreichischer Staatsbürger.
Bei den Gemeinderatswahlen 2005 in Wien hätte er zur Urne gehen dürfen, doch am Wahlsonntag war Pascal Ndabalinze wieder in seiner alten Heimat. Fünf Jahre lang arbeitete er dort für die deutsche Entwicklungshilfe, zuerst als Demokratieexperte, danach als Koordinator für ein „rural electrification“-Programm. Bei den Wahlen in Ruanda 2009 blieb ihm wieder nur die Rolle des Beobachters. Pascal Ndabalinze hatte inzwischen ja einen österreichischen Pass und war selbst nicht wahlberechtigt.

Anfang des heurigen Jahres kam er nach Wien zurück, wurde Obmann von ENARA, einem europäischen Netzwerk gegen Rassismus, und trommelt seither für die Kampagne „www.wahlwechsel.at“. Die Idee: Wahlberechtigte treten ihre Stimme an Menschen ab, die kein Stimmrecht haben. „Man darf Menschen, die später gekommen sind, nicht wie Bürger zweiter Klasse behandeln. Alle Menschen, die legal im Land leben, sollen mitbestimmen“, sagt Pascal Ndabalinze. Für ihn selbst war der Wahlsonntag in Wien eine „persönliche historische Chance“: „Es hat lange gedauert, bis ich mich auf einem Stimmzettel ausdrücken konnte. Ich werde nie wieder nicht wählen.“

Foto: Monika Saulich für profil