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Terror in Wien
11/12/2020

Extremismusforscherin Julia Ebner: "Erhöhte Alarmstufe zu Weihnachten"

Extremismusforscherin Julia Ebner über ihren Einblick in digitale Netzwerke der Islamisten, deren wichtigste Feindbilder und darüber, warum die Dschihadisten ausgerechnet die Corona-Krise für ihren Terror nutzen wollen.

von Jakob Winter

profil: Sie haben sich undercover in Chatgruppen von Islamisten eingeschleust. Wir wissen inzwischen, dass sich der Wiener Attentäter mit Gleichgesinnten über den Messenger-Dienst Telegram ausgetauscht hat. Was spielt sich auf diesen Kanälen ab?

Ebner: Nach den Anschlägen in Frankreich war deutlich ein Trend zu sehen: Da gab es viele Aufrufe, jetzt Copycat-Anschläge durchzuführen - also die Taten nachzuahmen. Das ging so in die Richtung, man müsse jetzt diese Welle der Gewalt ausnutzen und weiterführen. Und das ist in Wien leider passiert. Die französischen Attentäter wurden stark glorifiziert. Und wir wissen aus der Forschung, dass so etwas dann inspirativen Terrorismus auslösen kann. Da spielt auch die Corona-Krise eine Rolle.

profil: Inwiefern?

Ebner: In die Richtung gehend: "Jetzt ist der Zeitpunkt, an dem wir mehrere Anschläge durchführen und das Chaos ausnutzen sollten." Seit Corona wurde in dschihadistischen Kanälen immer mehr zu Anschlägen aufgerufen. Denn die Bevölkerung ist bereits verunsichert, die sozialen Spannungen sind hoch und die emotionale Lage ist aufgeladen. Sie sehen, die Gesellschaft ist schon im Wanken, und wollen sie weiter destabilisieren.



profil: Was treibt diese Extremisten an, wie sehen sie die Welt?

Ebner: Sie glauben, der Westen will alle Muslime vernichten und sie müssen sich nun wehren. Die westliche Welt wird richtig dämonisiert, muslimische Gemeinden sind immer in der Opferrolle. In den islamistischen Gruppen wird sehr oft auf die geopolitische Lage Bezug genommen. Der Palästina-Konflikt, die Vertreibung der Uiguren oder auch die Reaktion der Franzosen auf die Anschläge-das wird genutzt, um sich selbst in die Opferrolle zu bringen und Wut zu schüren. Dabei verallgemeinern sie so stark, dass sie die gesamte nichtmuslimische Bevölkerung als Feind darstellen. Sie glauben, sie sind im Krieg.

profil: Die Mitglieder dieser Gruppen sind alle anonym. Haben Sie trotzdem einen Eindruck, wer die Menschen hinter den Pseudonymen sind?

Ebner: Ein Aspekt der Lebensgeschichte wird besonders oft geteilt. Viele haben antimuslimischen Hass erlebt und waren dadurch offenbar für eine Radikalisierung empfänglich. Die Kanäle sind oft sehr international. Es gibt Kanäle, in denen gleichzeitig auf Französisch, Deutsch und Arabisch geschrieben wird-die Szene ist also europaweit vernetzt. Das macht sie ja so gefährlich: Denn die Eskalationsspirale kann sich schnell ausweiten.

profil: Wie geraten die Jugendlichen in diese geheimen Gruppen-danach kann man ja nicht einfach googeln?

Ebner: Das läuft über private Kontakte. Es gibt eine zentrale Plattform, wo man die Links für die Gruppen bekommt-aber die möchte ich öffentlich nicht nennen. Wenn man die Plattform kennt, kriegt man Updates und wird informiert, wo die neuesten Chat-Kanäle sind und wie man in Kontakt bleiben kann.

profil: Warum gelingt es den Behörden nicht, diese Gruppen besser zu observieren?

Ebner: Für Dschihadisten war Telegram lange eine Radikalisierungshochburg. Aber sie sind wirklich extrem vorsichtig geworden. Die Islamisten wissen, dass da Sicherheitsbehörden unterwegs sind. Sie achten darauf, keine persönlichen Details preiszugeben. Ab zehn Leuten in der Gruppe verwenden sie alle technische Hilfsmittel, um ihre Identität zu verschlüsseln-etwa einen Tor-Browser. Deshalb kann man sie nicht ausforschen. Dazu kommt: Viele dieser dschihadistischen Gruppen, in denen ich drinnen war und bin, sind sehr kurzlebig. Das liegt zum einen daran, dass die Islamisten ihre Kanäle oft wechseln, um unerkannt zu bleiben. Teilweise werden die Gruppen aber auch von Providern abgedreht. Das ist zwar gut. Aber das macht es auch schwieriger, sie nachzuverfolgen.


profil: Aber die islamistische Radikalisierung läuft nicht nur über das Internet. In Österreich gab es immer wieder Berichte über Anwerbungen in Gefängnissen.

Ebner: Die Online-Dimension allein reicht meistens nicht aus, dass man auch ein Attentat durchführt. Da gibt's fast immer auch eine Offline-Dimension. Auch wenn die Behörden jetzt davon ausgehen, dass er ein Einzeltäter war, würde es mich nicht wundern, wenn er in ein Netzwerk von IS-Sympathisanten eingebettet war. Bei dem Wiener Täter kommt dazu: Der wurde ja erst vor Kurzem aus der Haft entlassen. Und üblicherweise ist nach dem Deradikalisierungsprogramm der zweite Schritt die Reintegration. Doch das ist während Corona unmöglich-das könnte ein Mitauslöser sein.

profil: Vor seiner Tat soll der Attentäter ein Bild mit Waffen auf Instagram gepostet haben. Warum sind die Plattformen noch nicht so weit, das automatisch zu erkennen?

Ebner: Es ist enorm schwierig. Facebook, Instagram, YouTube und Twitter arbeiten an Software, um genau solche Bilder zu identifizieren. Denn vor Anschlägen werden oft Bilder von den Waffen gepostet, auch beim Christchurch-Attentäter war das der Fall. Die Tools sind noch nicht so ausgereift, dass es reicht, um einen Attentäter aufzuspüren. Bei Texten-also bei der Identifikation von Keywords-kann man schon viel machen. Bilder sind aber enorm schwierig.

profil: Wie groß schätzen Sie die Gefahr von Nachahmungstätern ein?

Ebner: Es war ein symbolischer Tag, den er ausgenutzt hat. Der letzte Tag vor dem Lockdown, der letzte Tag, den man noch einmal draußen genießen konnte. Das war ein klares Zeichen gegen das soziale Leben. So etwas machen sie grundsätzlich gerne. Zur weiteren Gefahr: Zu Weihnachten werden wir wieder erhöhte Alarmstufe haben, wenn das gesellschaftliche Leben wieder draußen stattfindet.


JULIA EBNER, 29

Die Wienerin forscht am Londoner Institute for Strategic Dialogue zu Rechtsextremismus und Islamismus.

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