Der Fall Aliyev: Der Tod des kasachischen Ex-Diplomaten in U-Haft bleibt rätselhaft

Rakhat Aliyev im Jahr 2008 in Wien

Rakhat Aliyev im Jahr 2008 in Wien

Der kasachische Ex-Diplomat Rakhat Aliyev starb, wie er gelebt hatte: geheimnisvoll. Der Fall beschäftigt Nachrichtendienste, Justiz, Politik, Anwälte und Medien über seinen Tod hinaus.

Es ist das letzte Mysterium eines Falles, der ohnehin schon voller Rätsel war. Wie starb Rakhat Aliyev? Einst einer der mächtigsten Männer Kasachstans, Schwiegersohn des autokratisch regierenden Präsidenten Nursultan Nasarbajew, Vize- Geheimdienstchef, Botschafter in Österreich. Zuletzt U-Häftling unter Mordverdacht. Dienstag vergangener Woche wurde Aliyev tot in seiner Zelle auf der Krankenstation der Justizanstalt Wien-Josefstadt aufgefunden, erhängt an einem Garderobenhaken. Das vorläufige Ermittlungsergebnis lautet: Suizid.

Seither wird spekuliert: Hat der kasachische Geheimdienst den 52-Jährigen umgebracht und es wie einen Selbstmord aussehen lassen? Hat Aliyev den Suizid so inszeniert, dass dieser wie ein Mord wirken musste?

Hinterließ er auch deshalb keinen Abschiedsbrief?

Wenn es Selbstmord war – was könnte das Motiv gewesen sein: die Verzweiflung eines Verstoßenen, der im Gefängnis von Kleinkriminellen erpresst wurde? Die Panik vor einem Urteil im bevorstehenden Prozess? Drohungen gegen seine Frau und die beiden kleinen Kinder, sollte er im Verfahren auspacken? War der Familienvater so sehr unter Druck gesetzt worden, dass er keinen anderen Ausweg mehr sah? Wollte er mit der Art und Weise, wie er Schluss machte, die Botschaft senden, dass es keineswegs Freitod war, sondern Auftragsselbstmord? Und gleichzeitig ein letztes Rätsel in die Welt setzen, das seine Gegner in den Verdacht der Täterschaft bringt? Hinterließ er auch deshalb keinen Abschiedsbrief?

Als gesichert gilt: Montag Nachmittag verbrachte Aliyev drei Stunden mit seinen Anwälten. Manfred Ainedter sagt, er habe keinerlei Anzeichen eines geplanten Selbstmordes wahrgenommen – im Gegenteil: Aliyev habe entschlossen und fokussiert gewirkt. Er habe sich auf seine Frau und seine Kinder gefreut, die er tags darauf im Rahmen eines Prozesses, zu dem er als Zeuge geladen war, nach langer Zeit wiedergesehen hätte. Aliyev habe, so Ainedter weiter, für die kommenden Tage einen Friseurtermin in der Haftanstalt vereinbart gehabt und „eine neue Brille“ bestellt. Auch seitens der Justiz heißt es: Aliyev galt nicht als suizidgefährdet.

Am Abend des 23. Februar, „zwischen 21.30 und 22.00 Uhr“, sei Aliyev von der Justizwache „im Rahmen der Medikamentenausgabe“ das letzte Mal lebend gesehen worden, so Peter Prechtl, Leiter der Vollzugsdirektion Josefstadt. Welche Medikamente Aliyev einnahm, sagt Prechtl nicht.

Stranguliert mittels Mullbinden

Der Todeszeitpunkt wurde später auf ungefähr vier Uhr morgens datiert. Um 7.20 Uhr wurde Aliyev tot aufgefunden. Stranguliert mittels Mullbinden, die er „offensichtlich bei seinen privaten Gegenständen verwahrt hatte“ (Prechtl). Der Raum stand nicht unter Videoüberwachung, wohl aber der Gang davor. Laut Prechtl gibt es auch keine Hinweise auf Zutritte in der Nacht. „Die Schließ- und Öffnungsvorgänge lassen sich für jede Haftraumtür nachvollziehen und werden zentral erfasst.“ Könnte das Überwachungsvideo getürkt worden sein? Prechtl: „Es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, dass das Videosystem manipuliert wurde.“
So weit die Fakten. Bisher.

Alles andere bewegt sich im Ungefähren. Aliyevs Anwälte erzählen, ihr Mandant habe regelmäßig starke Schlafmittel zu sich genommen. Bei einem Schnelltest im Rahmen der Obduktion wurden Spuren eines Barbiturats im Blut nachgewiesen, das in Österreich aber legal nicht ohne Weiteres erhältlich sein soll. Ein exaktes toxikologisches Gutachten wird demnächst vorliegen. Justizminister Wolfgang Brandstetter richtete eine eigene Expertengruppe ein; der Grüne Peter Pilz fordert bereits einen U-Ausschuss.

Prozess hätte demnächst anlaufen sollen

Die Causa Aliyev beschäftigte Österreich acht Jahre lang. 2007 war der damalige Schwiegersohn von Nasarbajew in Ungnade gefallen. Ihm wurden die Entführung und Ermordung zweier Banker angelastet. Und der Diebstahl eines dreistelligen Millionenbetrages. Aliyev tauchte ab. Erst in Österreich, dann in Malta. Das Nasarbajew-Regime begehrte zwei Mal die Auslieferung, die hiesige Justiz verweigerte dies mit Hinweis auf die problematische Menschenrechtssituation. Um den Fall entspann sich ein Geheimdienstkrimi mit allen Versatzstücken: Entführungsversuche, politische Intrigen, Unterwanderung des österreichischen Justiz- und Sicherheitsapparats – ganz zu schweigen von Anwaltsfehden. Kasachstan machte enormen Druck auf Österreich, Aliyev strafrechtlich zu verfolgen – was schließlich auch geschah. Im Juni 2014 stellte er sich freiwillig den Behörden, sein Prozess hätte demnächst anlaufen sollen.

profil-Redakteure haben den Fall Aliyev über Jahre beleuchtet. Und dabei immer wieder eigenwillige Erfahrungen gemacht. Wie schon gesagt: Es ist eine Geschichte voller Rätsel.

Lesen Sie die Berichte von Ulla Kramar-Schmid, Michael Nikbakhsh und Martin Staudinger in der aktuellen Printausgabe oder als E-Paper (www.profil.at/epaper)!