SYRISCHE ASYLWERBER: Die Flucht mit der Handy-Kamera aufgezeichnet
SYRISCHE ASYLWERBER: Die Flucht mit der Handy-Kamera aufgezeichnet

© Monika Saulich

Österreich
06/23/2015

Flucht aus Syrien: Auszug aus einem Privatalbum

In einem Vereinshaus in Horn zeigte ein Syrer Fotos, die man fast nie zu sehen bekommt. profil veröffentlicht einen Auszug aus dem privaten Album seiner Flucht.

von Edith Meinhart

Eine seltsame Magie geht von diesen Bildern aus. Murat Mohammed im Anorak vor dem elterlichen Anwesen. 2008, Schnee ist gefallen. Auf dem nächsten Bild steigen Rauchschwaden über Khan al-Shih auf. 2013, die Stadt seiner Kindheit, südwestlich von Damaskus, von Bomben zerstört. Und dann die handgezeichnete Route nach Europa: Tripolis, Izmir, Samos, Thessaloniki, Skopje, Belgrad, Traiskirchen.

Das Album von Mohammeds Flucht enthält Bilder, die man fast nie zu sehen bekommt. Der 29-jährige Syrer zeichnete seine Flucht mit der Handykamera auf, vielleicht, um die Erinnerung für seine Kinder zu bewahren. Er hatte nicht damit gerechnet, seine Fotos in einer Stadt im Waldviertel 400 fremden Menschen zu zeigen.

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Murat Mohammed, hier mit seiner Frau und seiner Tochter, nimmt ein übervolles Boot nach Mersin, eine Hafenstadt an der türkischen Mittelmeerküste, von dort geht es nach Istanbul weiter.

Nächste Station, Athen: Im Dezember 2013 fuhr Murat Mohammed nach Izmir, stieg dort in ein Schlauchboot nach Samos. 25 Tage saß er auf der griechischen Insel fest, bevor ihn die Polizei nach Athen weiter schickte.

Rast nach mehreren Stunden Wandern.

Schlafen auf dem Weg durch Mazedonien.

In der Nähe des mazedonischen Hauptstadt Skopje geraten die Schlepper in Streit mit Vertretern der örtlichen Mafia. Die Männer werden zu einem Feld gebracht.

Murat Mohammed vor der elterlichen Villa in Khan al-Shih südwestlich von Damaskus. Zu dem Anwesen gehörte Land, auf dem Obst und Gemüse wuchs.

Die Männer marschieren auf eigene Faust weiter.

Danach heißt es, weiter gehen. Einige der Männer leiden unter wunden Füssen.

Einmal erwischte die Polizei die Flüchtlinge und brachte sie in ein Camp in Serbien, wo sie unbemerkt wieder wegkommen.

Murat Mohammed, fotografiert von seinem Onkel, der mit ihm gemeinsam aufgebrochen ist.

Fünf Jahre später wird die Villa seiner Eltern von Granaten beschädigt. Inzwischen ist von dem Haus nichts mehr übrig.

Von Traiskirchen kommt er nach wenigen Tagen in eine Unterkunft in Wiener Neustadt, von dort in ein Haus in Wien, wo er für ein Bett in einem Zweierzimmer 300 Euro zahlen muss. Inzwischen hat er Asyl erhalten, er konnte seine Frau und seine beiden Töchter nachholen. Der Pfarrer von Horn in Niederösterreich nahm die syrische Familie im Pfarramt auf und richtete für die Tochter eine Geburtsfeier aus.

Nachtquartier in einem abgestellten Güterwaggon, eingewickelt in die Schlafsäcke mit dem blauen UN-Logo, die sie in einem Flüchtlingscamp bekommen haben.

Murat Mohammed, frierend im Wald in Ungarn.

In Mazedonien marschiert die Gruppe Richtung Serbien und überquert unterwegs einen Fluss.

Der Gruppe wurde aufgetragen zu warten, bis sie abgeholt werden. Doch zur vereinbarten nächtlichen Stunde taucht niemand auf.

Die Erschöpfung zwingt immer wieder zu Pausen.

Die Wasserflaschen werden aufgefüllt.

Murat Mohammed mit seinen Fluchtgefährten und zwei Schleppern.

Die Männer sind bereits ziemlich erschöpft.

Murat Mohammed vor dem Flüchtlingslager in Traiskirchen, in der Hand einen Becher, sein erster Kaffee seit Wochen.

Die handgezeichnete Route von Mohammeds Reise von Libyen über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien und Ungarn bis nach Österreich. Sie dauert eineinhalb Jahre.

Ausruhen an einem Fluss ohne Namen.

Zwei Wochen dauert der Fussmarsch, immer wieder finden die Männer einen leeren Waggon zum Schlafen.

Endlich in Ungarn, irgendwo in einem Wald: Es ist bitterkalt.

Murat Mohammed sagt, er habe sich schon damit abgefunden, die Strapazen nicht zu überstehen.

Sie schlafen untertags im Wald und gehen in der Nacht die Eisenbahnschienen entlang.

An der Grenze zu Mazedonien müssen sich die Männer in einem Kornfeld verstecken. Sie hören griechische Polizisten nach ihnen suchen.

Fast ein Jahr lang bleibt Murat Mohammed in Istanbul, arbeitet bis zum Umfallen in einem Café, um die Familie durchzubringen. Seine zweite Tochter kommt hier auf die Welt.

Murat Mohammeds Frau, am Arm die erstgeborene Tochter, und sein Schwager Eslam Hassan in Tripolis. Die Familie möchte Flugtickets in die Türkei kaufen, doch sie sind zu teuer.

Ein Hotelzimmer in Athen wird für mehrere Monate seine Bleibe. Murat Mohammed versucht immer wieder, Richtung Italien zu gelangen, wird aber jedes Mal von der Polizei gefasst.

Auf dem Weg nach Mazedonien, die Männer schlafen in einem aufgelassenen Bahnhof.

Irgendwann gelingt es ihm, mit einem Auto nach Thessaloniki zu kommen. Von dort macht er sich mit 12 weiteren Männern auf den Weg nach Mazedonien.

Murat Mohammed in einem leeren Zugwaggon, seine Familie wartet in Istanbul auf Nachricht.

Es war Pater Albert, der den Syrer ermunterte, "den Flüchtlingen im Ort ein Gesicht zu geben“. Mit flatterndem Talar durchmisst der Stadtpfarrer den Innenhof seines Pfarrhauses. 13 Syrer hat er bei sich aufgenommen. Im ersten Stock wurde die ehemalige Kapelle zu einem Ein-Zimmer-Refugium. Hier wohnt nun Murat Mohammed mit seiner Familie.

"Willkommen Mensch" gegen Hetze

Noch steht das Stephansheim leer, ein aufgelassenes Pflegeheim, in das Ende Juni weitere 100 Flüchtlinge kommen. Die Stimmung in Horn ist gespannt. Als ruchbar wurde, dass statt Grundwehrdienern Asylwerber in die Kaserne kommen, fielen in den sozialen Medien alle Hemmungen. Eine Initiative "Willkommen Mensch in Horn“ stellte sich der Hetze entgegen.

Von all dem bekam Mohammed bloß einen Widerhall mit: "Es ist normal, dass sich nicht alle freuen. Aber zu uns sind die Leute nett.“ Als er vor zwei Wochen mit seinem Schwager Eslam Hassan ins Vereinshaus spazierte, sah er Männer, Frauen und Kinder herbeiströmen. Hunderte waren gekommen, um etwas über Fremde wie ihn zu erfahren.

Am Eingang verteilten wütende Bürger Flugblätter, auf denen stand, dass Asylantenfamilien Unsummen abkassieren.

Klaus Schwertner, Generalsekretär der Caritas Wien, stand mit einem "mulmigen Gefühl“ im Saal. "Ich habe Angst“, sagte er, als er als Redner auf die Bühne trat: "Und vermutlich geht es Ihnen auch so. Sie wissen ja aus der Zeitung, dass die Flüchtlinge Smartphones haben und keine richtigen Flüchtlinge sind. Wissen Sie, was? Den Flüchtlingen geht es vielleicht genauso: Sie haben auch Angst.“

Versteck im Kornfeld

Im Publikum erhoben sich Mohammed und Hassan. Sie zitterten vor Aufregung, als der kurze Film startete, den Hassan aus Mohammeds Bildern zusammengefügt hatte. Die Bürger von Horn konnten den Syrer aus ihrem Pfarrhaus sehen, wie er mit einem Dutzend Männer über Eisenbahnschienen nach Mazedonien wanderte, sich in einem Kornfeld vor der Polizei versteckte, erschöpft im Gras saß, ein Flussbett durchquerte und in einem ausrangierten Waggon schlief, eingewickelt in die Schlafsäcke mit dem UN-Logo, den er in einem Camp bekommen hatte.

Die jüngsten Bilder zeigen Mohammed in einem Wald in Ungarn, und, im selben Gewand, vor Traiskirchen. In der Hand hielt er einen Becher: "Es war mein erster Kaffee nach einem Monat“, sagt er.

Es war nicht so, dass sämtliche Wut danach verflogen gewesen wäre. Schwertner erinnert sich an "superkritische Fragen“ aus dem Publikum. Der Caritas-Vertreter aber fuhr mit dem Gefühl nach Wien zurück, dass 80 Prozent der Menschen nach der Versammlung freundlich gestimmt waren. Wenn Mohammed und Hassan durch Horn schlendern, deuten neuerdings Unbekannte mit erhobenem Daumen "Super gemacht!"

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