Flucht aus Syrien: Auszug aus einem Privatalbum

SYRISCHE ASYLWERBER: Die Flucht mit der Handy-Kamera aufgezeichnet

SYRISCHE ASYLWERBER: Die Flucht mit der Handy-Kamera aufgezeichnet

In einem Vereinshaus in Horn zeigte ein Syrer Fotos, die man fast nie zu sehen bekommt. profil veröffentlicht einen Auszug aus dem privaten Album seiner Flucht.

Eine seltsame Magie geht von diesen Bildern aus. Murat Mohammed im Anorak vor dem elterlichen Anwesen. 2008, Schnee ist gefallen. Auf dem nächsten Bild steigen Rauchschwaden über Khan al-Shih auf. 2013, die Stadt seiner Kindheit, südwestlich von Damaskus, von Bomben zerstört. Und dann die handgezeichnete Route nach Europa: Tripolis, Izmir, Samos, Thessaloniki, Skopje, Belgrad, Traiskirchen.

Das Album von Mohammeds Flucht enthält Bilder, die man fast nie zu sehen bekommt. Der 29-jährige Syrer zeichnete seine Flucht mit der Handykamera auf, vielleicht, um die Erinnerung für seine Kinder zu bewahren. Er hatte nicht damit gerechnet, seine Fotos in einer Stadt im Waldviertel 400 fremden Menschen zu zeigen.

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Murat Mohammed vor der elterlichen Villa in Khan al-Shih südwestlich von Damaskus. Zu dem Anwesen gehörte Land, auf dem Obst und Gemüse wuchs.

Fünf Jahre später wird die Villa seiner Eltern von Granaten beschädigt. Inzwischen ist von dem Haus nichts mehr übrig.

Es war Pater Albert, der den Syrer ermunterte, "den Flüchtlingen im Ort ein Gesicht zu geben“. Mit flatterndem Talar durchmisst der Stadtpfarrer den Innenhof seines Pfarrhauses. 13 Syrer hat er bei sich aufgenommen. Im ersten Stock wurde die ehemalige Kapelle zu einem Ein-Zimmer-Refugium. Hier wohnt nun Murat Mohammed mit seiner Familie.

"Willkommen Mensch" gegen Hetze

Noch steht das Stephansheim leer, ein aufgelassenes Pflegeheim, in das Ende Juni weitere 100 Flüchtlinge kommen. Die Stimmung in Horn ist gespannt. Als ruchbar wurde, dass statt Grundwehrdienern Asylwerber in die Kaserne kommen, fielen in den sozialen Medien alle Hemmungen. Eine Initiative "Willkommen Mensch in Horn“ stellte sich der Hetze entgegen.

Von all dem bekam Mohammed bloß einen Widerhall mit: "Es ist normal, dass sich nicht alle freuen. Aber zu uns sind die Leute nett.“ Als er vor zwei Wochen mit seinem Schwager Eslam Hassan ins Vereinshaus spazierte, sah er Männer, Frauen und Kinder herbeiströmen. Hunderte waren gekommen, um etwas über Fremde wie ihn zu erfahren.

Am Eingang verteilten wütende Bürger Flugblätter, auf denen stand, dass Asylantenfamilien Unsummen abkassieren.

Klaus Schwertner, Generalsekretär der Caritas Wien, stand mit einem "mulmigen Gefühl“ im Saal. "Ich habe Angst“, sagte er, als er als Redner auf die Bühne trat: "Und vermutlich geht es Ihnen auch so. Sie wissen ja aus der Zeitung, dass die Flüchtlinge Smartphones haben und keine richtigen Flüchtlinge sind. Wissen Sie, was? Den Flüchtlingen geht es vielleicht genauso: Sie haben auch Angst.“

Versteck im Kornfeld

Im Publikum erhoben sich Mohammed und Hassan. Sie zitterten vor Aufregung, als der kurze Film startete, den Hassan aus Mohammeds Bildern zusammengefügt hatte. Die Bürger von Horn konnten den Syrer aus ihrem Pfarrhaus sehen, wie er mit einem Dutzend Männer über Eisenbahnschienen nach Mazedonien wanderte, sich in einem Kornfeld vor der Polizei versteckte, erschöpft im Gras saß, ein Flussbett durchquerte und in einem ausrangierten Waggon schlief, eingewickelt in die Schlafsäcke mit dem UN-Logo, den er in einem Camp bekommen hatte.

Die jüngsten Bilder zeigen Mohammed in einem Wald in Ungarn, und, im selben Gewand, vor Traiskirchen. In der Hand hielt er einen Becher: "Es war mein erster Kaffee nach einem Monat“, sagt er.

Es war nicht so, dass sämtliche Wut danach verflogen gewesen wäre. Schwertner erinnert sich an "superkritische Fragen“ aus dem Publikum. Der Caritas-Vertreter aber fuhr mit dem Gefühl nach Wien zurück, dass 80 Prozent der Menschen nach der Versammlung freundlich gestimmt waren. Wenn Mohammed und Hassan durch Horn schlendern, deuten neuerdings Unbekannte mit erhobenem Daumen "Super gemacht!"

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