Flüchtlingsheim in Annaberg: Ein Haus mit schiefem Segen

Schauplatz zahlreicher Missstände in einem Flüchtlingsheim: Annaberg in Niederösterreich.

Schauplatz zahlreicher Missstände in einem Flüchtlingsheim: Annaberg in Niederösterreich.

Seit Jahren berichten Flüchtlinge über Missstände und Gewaltausbrüche in einem Quartier in Annaberg. Folgen hat das erst, als profil und Ö1 den Vorwürfen nachgehen.

Annaberg an der Via Sacra, so stellt sich die Gemeinde online vor. Über die Jahrhunderte war sie Wallfahrern am Weg gelegen. Mariazell ist 20 Kilometer entfernt. Vor drei Jahren fügte der Amoklauf eines Wilderers der Ortschronik ein blutiges Kapitel hinzu. Die Namen seiner Opfer wurden in einen Gedenkstein graviert.

In dieser von Pilgerpfaden und Flüssen durchzogenen Gegend im niederösterreichischen Mostviertel liegt der Bauernhof von P. Bagger graben die Erde neben seinem Hof auf. Seit Anfang der 1990er-Jahre wohnen hier Flüchtlinge. In den fünf Zimmern im ersten Stock des Wohnhauses ist Platz für 20 Leute.

Glaubt man den Schilderungen von Menschen, die hier einquartiert waren, wird hier seit jeher viel geschrien und geschimpft. Es soll familiäre Gewalt und Übergriffe auf Flüchtlinge gegeben haben. Beim Land Niederösterreich aber schien das Haus unter einem rätselhaften Schutz zu stehen. Bis knapp vor Redaktionsschluss vergangene Woche.


In Annaberg gab es Verwarnungen, neuerliche Vorfälle, wieder Verwarnungen.

Donnerstagabend telefonierte profil mit dem Leiter der Grundversorgung, Peter Anerinhof. Zuvor hatte es hektische Sitzungen mit dem Büro des SPÖ-Landesrats Maurice Androsch gegeben, zuständig für Gesundheit, Soziales und Asyl. Inhaltlich hielt sich der Beamte knapp. Nur so viel wollte Anerinhof sagen: Es gebe in Niederösterreich 800 Quartiere, nicht alle seien top, das Haus P. sei lange in Diskussion gewesen: "Wir haben unsere Bediensteten verstärkt hinausgeschickt, um uns nochmals ein Bild zu machen. Nun haben wir uns entschieden, keine Fremden mehr hinzulegen.“ Mit dem Anruf habe das nichts zu tun. profil und Ö1 recherchieren seit mehr als einer Woche.

Überraschend kam die Wendung allemal. Das Quartier steht seit Langem in schlechtem Ruf. Schwere Vorwürfe wurden erhoben, dokumentiert, an das Land gemeldet. Andere Unterkünfte wurden geschlossen. In Annaberg gab es Verwarnungen, neuerliche Vorfälle, wieder Verwarnungen. Vor wenigen Wochen führte der Zufall zwei Frauen zusammen, die sich damit nicht abfinden wollten: Die eine kümmert sich um Flüchtlinge, von denen einige in Annaberg landeten, und kann nicht glauben, was sie schildern: kaputte Betten, rassistische Beschimpfungen, körperliche Gewalt. Die andere, Gerlinde Grohotolsky, Obfrau der burgenländischen Plattform Bleiberecht, beginnt, den Geschichten auf den Grund zu gehen.

Vor zwei Wochen sitzt Grohotolsky auf P.s Terrasse und trinkt Kaffee. Der Bauer hält sie für eine Ausflüglerin, die den Weg verloren hat. profil begleitet sie. "Herzbub“ steht auf P.s Kaffeehäferl. Der Mann riecht nach Alkohol. Es ist früher Nachmittag. Von den "Asylanten“, die im ersten Stock wohnen, lässt sich niemand blicken. "Sie schlafen noch, sind alle zu nichts zu gebrauchen“, sagt P. Er ist seit Jahren geschieden, sein Sohn arbeitet am Feld. Die Schwiegertochter erwartet ein Kind. P.s Vater, 89, lebt im Erdgeschoss auf der hinteren Seite des Hauses.


Das Risiko war mit der Fürsorgepflicht des Arbeitgebers nicht mehr zu vereinbaren. (Christoph Riedl)

Bereits 2013 war der Recherche-Plattform "Dossier“ das Quartier aufgefallen. Die Journalisten protokollierten einen "sanierungsbedürftigen Eindruck“, lückenhafte Lattenroste, kein Nachschlag beim Essen. Die Betreiberin P., damals noch die Frau des Bauern, äußerte sich nicht. Begründung: Das Land habe es nicht erlaubt. Die Veröffentlichung des Quartierreports fuhr der Verwaltung ins Mark. Eilig wurde ein Qualitätsbeirat geschaffen, der sich vier Mal im Jahr traf. In Niederösterreich sollten Caritas und Diakonie die Unterkünfte künftig nicht nur betreuen, sondern auch kontrollieren. Quartiere, bei denen die Ampel mehrmals rot blinkt, sollten geschlossen werden.

Für das Bauernhaus im Mostviertel ist die Diakonie zuständig. Schon vor Jahren pilgerten erboste Bewohner nach St. Pölten und verlangten ihre Verlegung. Wellen von Sozialarbeitern schauten sich alle zwei Wochen im Quartier um und rapportierten an die zuständige Abteilung. Auch Grohotolsky schickte ihre Erkenntnisse an das Land: Flüchtlinge erzählen, der Bauer sei übellaunig, sein Sohn aggressiv. Jedes Mal, wenn im Haus etwas kaputtgeht, breche die Wut aus ihm heraus. Im Vorjahr spitzt sich die Lage zu. Durch Schreie aufgeschreckt, bekommen Bewohner mit, wie P.s Sohn auf seine Lebensgefährtin losgeht.

Niederösterreich braucht damals jeden Platz. Hunderte Flüchtlinge kampieren in Traiskirchen im Freien. Es ist kein guter Zeitpunkt, um ein Haus für alleinstehende Männer zu schließen. Doch die zuständige Abteilung hält auch noch daran fest, als sich die Lage entspannt hat. Mitarbeiter der Diakonie werden beschimpft, bedroht und bekommen von P. Hausverbot. Schließlich untersagt die Diakonie ihren Sozialberatern, die Herberge weiter anzufahren. Auf profil-Anfrage rechtfertigt sich der damalige Geschäftsführer Christoph Riedl für diesen "einzigartigen Schritt, den wir noch bei keinem Quartier setzen mussten“: "Das Risiko war mit der Fürsorgepflicht des Arbeitgebers nicht mehr zu vereinbaren.“


Wir können Missstände nur melden, beheben müssen sie die zuständigen Stellen. (Christoph Riedl)

Die Flüchtlinge aber blieben. Petra Zeh ist Bürgermeisterin der 550 Einwohner-Ortschaft. Von Turbulenzen will sie nichts mitbekommen haben: "Wir versuchen die Flüchtlinge zu integrieren. Es ist befremdlich, dass die Diakonie um ihre Mitarbeiter fürchtet und gleichzeitig zulässt, dass die Flüchtlinge bleiben.“ Es habe fallweise Polizeieinsätze gegeben, "aber das sagt nichts, vielleicht ging es um Probleme unter den Bewohnern“. Riedl wehrt sich auf profil-Anfrage: "Wir können Missstände nur melden, beheben müssen sie die zuständigen Stellen.“

profil sprach mit S.*, einem Flüchtling, der in Annaberg gelebt hatte. Die Atmosphäre sei zum Zerreißen gespannt gewesen, sagt er. P. hätte seinen Sohn als "Rassisten“ bezeichnet. Oft hätten die Bewohner im Stockwerk heftige Auseinandersetzungen zwischen ihm und seiner Lebensgefährtin mitbekommen. Im Juli filmte ein Flüchtling eine Rangelei im Stiegenhaus auf seinem Handy mit. Auf dem Video ist zu sehen, wie blank die Nerven bei den Quartiergebern liegen.


Die Causa Annaberg rührt an ungelöste Probleme.

profil erreichte P. vergangene Woche telefonisch, als er Mittagessen kochte: "Bohnengulasch mit Reis, wie es die Araber gerne essen.“ Er sagt, er habe seit 1991 fast durchgängig Flüchtlinge im Haus. Die Männer, die das Land ihm schicke, seien "kaum einsetzbar. Die meisten liegen zu Mittag noch im Bett und tun absolut nichts.“ Dass sein Sohn gewalttätig sein soll, bestreitet P.: "Der steht um fünf in der Früh auf und arbeitet den ganzen Tag.“ Danach wolle er seine Ruhe haben: "Wenn dann die ganze Nacht Halligalli ist, wird er wohl etwas sagen dürfen.“ Nachsatz: "Und ich bin sowieso nicht aggressiv.“ Erfinden die Flüchtlinge diese Vorwürfe? P.: "Natürlich, es will ja keiner hier heraußen sein, in der Stadt kann man leichter etwas fladern.“ Ob die Männer stehlen, kann P. auf Nachfrage nicht sagen. Er wisse nichts von Anzeigen, habe selbst auch keine gemacht: "Die werden schon irgendwann erwischt.“

Peter Anerinhof, der Leiter der Grundversorgungstelle in Niederösterreich, sagt zu profil, die Flüchtlinge würden nun sukzessive umquartiert. Ein leidiges Kapitel ist geschlossen.

Die Causa Annaberg rührt an ungelöste Probleme. Wenn jemand wie P. für 20 Flüchtlinge im Monat 11.000 Euro an Steuermitteln bekommt (19 Euro Tagsatz pro Kopf) und geringe Fixkosten hat, weil er für das Haus keine Miete zahlt, Holz, Fleisch, Milch und Kartoffel aus der eigenen Landwirtschaft bezieht, ist das ein ordentliches Geschäft. Für Integration leisten diese Herbergen nichts. "Es wäre schlauer, den Tagsatz zu splitten und einen Teil für Betreuung zu reservieren“, sagt Christoph Riedl. Dann müssten auch Private mehr bieten als eine Absteige. Quartiergeber wie P. würden sich vermutlich nicht mehr um Flüchtlinge reißen.

*Name der Redaktion bekannt