Wie Herbert Kickl die Jörg-Haider-Verehrung in der FPÖ ausnützt
„Kickl kommt heim“ lautete ein Motto auf dem Neujahrstreffen der FPÖ am Samstag in der Klagenfurter Messe. Wer nun hoffte, der FPÖ-Obmann würde 2028 als blauer Spitzenkandidat bei der Landtagswahl in Kärnten antreten, unterlag einem Irrtum. Das Motto sollte nur ausdrücken, dass Kickl aus Radenthein im Bezirk Spittal an der Drau stammt. Und auch der FPÖ-Bundesparteichef stellte in seiner Rede klar, dass er nicht beabsichtige, Spitzenkandidat und Landeshauptmann in Kärnten zu werden. Sein Ziel bleibt die „Volkskanzlerschaft“.
Der langjährige FPÖ-Obmann Jörg Haider war ursprünglich Oberösterreicher, den es zum Jusstudium nach Wien verschlug. Von dort wechselte er im Jahr 1976 nach Klagenfurt, wo er Parteisekretär, FPÖ-Landesparteiobmann und Landesrat wurde. Zweimal war Haider Kärntner Landeshauptmann: von 1989 bis 1991 und von 1999 bis zu seinem Unfalltod im Oktober 2008.
Im September 1986 hatte Haider die FPÖ am Innsbrucker Parteitag als neuer Bundesparteiobmann übernommen. An das anstehende 40-Jahres-Jubiläum erinnerte Kickl in seiner Rede in Klagenfurt am Samstag; und sparte dabei nicht mit Lob für Haider, der bei Freiheitlichen in Kärnten – und auch im restlichen Österreich – noch immer als Parteiheiliger verehrt wird. Haider sei der „Schutzpatron der Österreicher“, so Kickl. Der soeben eröffnete Koralmtunnel solle in „Jörg-Haider-Tunnel“ umbenannt werden.
Heuchlerische Haider-Nostalgie
Wenn Kickl derart in heuchlerischer Haider-Nostalgie schwelgt, betreibt er Geschichtsklitterung. Im April 2005 hatte Haider nach monatelangen Querelen mit dem rechten Rand der FPÖ um den damaligen Wiener Landeschef Heinz-Christian Strache einen Teil der Partei abgespalten und das BZÖ („Bündnis Zukunft Österreich“) gegründet. Haider folgten fast der gesamte Parlamentsklub sowie alle Mitglieder der damaligen FPÖ-Regierungsmannschaft unter Vizekanzler Hubert Gorbach. Jörg Haider ging davon aus, dass auch Kickl ihm folgen würde. Immerhin hatte dieser als sein Adlatus und Gagschreiber in der Kärntner Landespartei gearbeitet und war 2002 von Haider mit dem Job des Geschäftsführers der FPÖ-Parteiakademie in Wien bedacht worden.
Doch im entscheidenden Moment dieses Jahres 2005 versagte Kickl Haider die Gefolgschaft und blieb bei der FPÖ und ihrem neuen Obmann Strache, wohl auch mit dem Kalkül, bei diesem schneller Karriere machen zu können. Und so kam es auch: Strache beförderte Kickl zu seinem Generalsekretär, inklusive hohem Salär. Bei den Haider-Vertrauten galt Kickl fortan als Verräter. Der BZÖ-Geschäftsführer in Kärnten, Manfred Stromberger, nannte Kickl damals „eine lächerliche und völlig unglaubwürdige Person“.
Kickl als neuer FPÖ-Generalsekretär arbeitete sich nach der Spaltung seinerseits an seinem früheren Idol Jörg Haider ab. In den ersten Wochen in seiner neuen Funktion bezeichnete er das BZÖ als „Lachnummer“ und hielt Haider „wirre Rochaden“ und „peinliche Larmoyanz“ vor. Haider sei der wahre Verräter, ein Mann „ohne Rückgrat und Charakter“, der in einer „Traumwelt“ lebe und sich in einem „Amoklauf in den Abgrund“ befinde.
Jörg Haider äußerte sich nicht mehr über Kickl, nur einmal gegenüber dem Magazin „Datum“. Kickl sei nicht wie kolportiert sein Redenschreiber gewesen, so Haider, sondern habe bloß Stichworte geliefert. O-Ton Haider: „Er kann ganz gut formulieren. Herausragend war er nicht. Die besseren Sager fielen immer mir ein. Er kann ganz lustig sein, aber wir hatten nie ein besonders enges Verhältnis.“
Nach Haiders tödlichem Autounfall am 11. Oktober 2008 nahe Klagenfurt zeigte sich Kickl in einer Aussendung „persönlich tief erschüttert“: „Ich habe Jörg Haider während der Zeit unserer Zusammenarbeit als einen unglaublich intelligenten, wachen und zugleich sehr empfindsamen Politiker und als einen Freund der Menschen kennen gelernt. In gewisser Weise war es seine Tragik, damit leben zu müssen, meist anders dargestellt zu werden, als er war. Ich habe ihm viel zu verdanken. Und dafür möchte ich mich nochmals bedanken.“
Als Kickl 2021 FPÖ-Obmann wurde, begann er, Haiders Heiligenstatus für sich zu monetarisieren. Er stellte sich als dessen legitimer Erbe dar, denn wie Haider kämpfe auch er „gegen das System“. Und Kickl scheut nicht davor zurück, bei Auftritten vor Anhängern Verschwörungstheorien zu Haiders Unfall zu verbreiten, wie etwa im Herbst 2023 in einem überfüllten Gasthaus in Seekirchen bei Salzburg. Dort raunte Kickl mit gesenkter Stimme: „Viele Leute kommen jetzt zu mir und sagen: ,Passen Sie auf sich auf, Herr Kickl!‘. Und manche sagen dann noch: ,Sonst geht es Ihnen wie dem Jörg Haider.‘“ Im Saal rief daraufhin ein Mann lautstark: „Den Haider hat der Mossad umgebracht!“
Das BZÖ erlebte nach Haiders Tod 2008 seinen Niedergang. 2013 flog es aus dem Nationalrat. In Kärnten waren BZÖ und FPÖ ein Jahr nach Haiders Tod de facto bereits wieder eine Partei.