Frauenberger über Radikalisierung: "Sagen, was ist."

Integrationsstadträtin Sandra Frauenberger sieht Handlungsbedard

Integrationsstadträtin Sandra Frauenberger sieht Handlungsbedard

Integrationsstadträtin Sandra Frauenberger über ihre Pläne gegen die Radikalisierung muslimischer Jugendlicher.

profil: Hat Sie das Ergebnis der Studie überrascht?
Sandra Frauenberger: Da ich aus dem Integrationsbereich komme, war mir bewusst, dass Radikalisierung eine große Herausforderung ist.

profil: Ein Drittel der Muslime im Umfeld der Jugendzentren ist radikalisierungsgefährdet. Wie entschärfen Sie diese soziale Zeitbombe?
Frauenberger: Wir werden die Jugendarbeit weiter verstärken und müssen auch in der Schule mehr über Demokratie, Offenheit, Homophobie und Antisemitismus sprechen. In der Berufsschule der Stadt Wien gibt es beispielsweise einen eigenen Unterrichtsschwerpunkt zu Diversität. Der Ausbau der Ganztagsschulen ist dafür zentral.

profil: Reicht das?
Frauenberger: Man muss sich die Gefahr von Fall zu Fall ansehen. Die Jugendzentren sind ein wichtiger Teil unseres Netzwerks für Deradikalisierung.

profil: Mit der Jugendarbeit erreichen Sie jene nicht, die ihre Abende ausschließlich im Kampfsportzentrum oder Park verbringen. Wie hoch ist die Dunkelziffer der Gefährdeten?
Frauenberger: Wir sind auch mit der mobilen Jugendarbeit in den Parks unterwegs und arbeiten direkt mit den Communities. Klar ist: Die Jugendarbeit ist nur ein Teil des Netzes, das Jugendliche auffangen muss.

profil: Tschetschenische Jugendliche sind seit zehn Jahren besonders auffällig. Warum kommt die Studie erst jetzt?
Frauenberger: Die Wiener Jugendeinrichtungen beschäftigen sich schon lange mit dem Phänomen der Radikalisierung. In dieser Hinsicht stellt die Studie der Jugendarbeit ein gutes Zeugnis aus. Das Netzwerk für Deradikalisierung arbeitet seit 2014. Aber jetzt wollen wir neue Ideen entwickeln, wie wir Jugendliche erreichen, die im Internet vor der IS-Flagge posieren.


Jetzt wollen wir neue Ideen entwickeln, wie wir Jugendliche erreichen

profil: Wirklich offen sprach die Stadt die Probleme bisher nicht an - aus Angst, dass sie von der FPÖ instrumentalisiert werden könnten?
Frauenberger: Das wäre der falsche Ansatz. Ich bin sehr dafür, zu sagen, was ist, und dann Lösungen zu finden. Ich bin allerdings dagegen, nur Stimmung zu machen, statt Integration zu ermöglichen. Diese Studie ist sicher Wasser auf die Mühlen der Populisten. Aber sie unterstreicht: Wir schauen hin, und wir sind aktiv.

profil: Bei Islam-Kindergärten entstand der Eindruck, es brauche erst eine Studie von außen, damit Sie genauer hinschauen. Sie stritten die Existenz solcher Kindergärten zunächst ab.
Frauenberger: Dagegen muss ich mich vehement wehren. Ich meinte nur in einem Interview, dass die islamische Glaubensgemeinschaft selbst keine Kindergärten betreibt. Aber das pickt jetzt wie ein Kaugummi. Religionsunterricht hat jedenfalls keinen Platz im Kindergarten, egal welcher Konfession.


Diese Studie ist sicher Wasser auf die Mühlen der Populisten

profil: 50 Prozent der Befragten sind 14 oder 15. Blieben die Eltern zu lange unbehelligt in ihren teils radikalen Lebenswelten?
Frauenberger: Gegenüber Eltern spare ich nicht mit klaren Worten. Wir werden die Ergebnisse der Studie mit den Erwachsenen aus den Communities diskutieren und sie in die Pflicht nehmen.

profil: Jugendzentren und Lehrwerkstätten sind gut und schön. Den Jugendlichen fehlt aber offenbar eine Art positive Gegenpropaganda, wenn sie sich im antiwestlichen Profan-Islam verheddern.
Frauenberger: Von Propaganda halte ich nichts. Wichtig sind sinnstiftende Aktivitäten wie Sport oder andere gemeinsame Aktivitäten - je gemischter, desto besser. Die Radikalisierungstendenzen gehen zurück, je weniger Jugendliche aus einer Gruppe unter sich bleiben. Und natürlich ist eine gute Ausbildung der beste Weg, den Fängen der Extremisten zu entkommen.

profil: Wie profil in einer Titelgeschichte vor einigen Wochen anschaulich dargelegt hat, ist ein Drittel der jungen Männer schon jetzt arbeitslos. Nun drängen auch noch Tausende Flüchtlinge auf den Wiener Arbeitsmarkt. Das ist doch aussichtslos.
Frauenberger: Aktuell präsentierte Zahlen zeigen, dass wir den Trend der Bildungsabbrecher umkehren konnten. Und die afghanischen und syrischen Flüchtlinge holen wir mit dem Jugend-College ab Tag eins ab.

profil: Das Frauenbild mancher Jugendlicher ist erschreckend. Was tun Sie für Mädchen, die unter dem Deckmantel der Familienehre von der Gesellschaft ausgesperrt werden?
Frauenberger: Da haben wir echt noch viel vor uns, wenn wir die machoiden Rollenbilder aufbrechen wollen. Das sage ich als überzeugte Feministin. Wir richten uns an die Väter in der Community. Wie diese mit ihrer Frau und Tochter umgehen, wirkt sich auf die Burschen aus.


Da haben wir echt noch viel vor uns, wenn wir die machoiden Rollenbilder aufbrechen wollen

profil: Nicht nur Frauen fallen kaum auf in der Studie. Auch die katholischen Jugendlichen bieten wenig Anlass zur Sorge. Warum?
Frauenberger: Momentan emotionalisieren die Auseinandersetzungen im Nahen Osten die muslimischen Jugendlichen stärker. Vor 15 Jahren haben wir uns in den Jugendzentren mit Rechtsradikalismus in einer ganz anderen Dimension auseinandergesetzt. Das zeigt, es kann alles besser werden, da die Arbeit mit den Jugendlichen etwas bewirkt.