Freda Meissner-Blau: "Ich wollte keine Hängematte"“

Freda Meissner-Blau: "Ich wollte keine Hängematte"“

Die erste Frontfrau der Grünen, Freda Meissner-Blau, über das Ausbrechen aus bürgerlicher Familie, aus der Kirche, ihre Außenseiterrolle in der Politik und anhaltenden Zorn.

(Anmerkung: Freda Meissner-Blau ist wenige Tage vor Weihnachten 2015 im Alter von 88 Jahren verstorben. Das folgende Interview ist im Oktober 2014 erschienen)

Interview: Marianne Enigl

profil: In Ihrem Vorzimmer lehnen Nordic-Walking-Stöcke, einen Fernseher scheint es in Ihrer Wohnung aber nicht zu geben.
Freda Meissner-Blau: Fernsehen habe ich mir abgewöhnt, ich beschäftige mich lieber mit Büchern. Mein Leben hat sich jetzt überhaupt geändert. Mit meinen bald 88 Jahren habe ich gedacht „now or never“ und bin nach fast vier Jahrzehnten aus der Innenstadt in eine kleine Bleibe nahe dem Wienerwald gezogen. Die geliebte Innenstadt ist mir mit ihrem Wirbel beinahe unerträglich, und Einrichtungen wie dieses Goldene Quartier, das einen ganzen Stadtteil ausschließlich für Profitzwecke okkupiert, sind ja nicht mehr für die Menschen in Wien da und viel zu aufwendig. In diesem Sinn habe ich auch eine Vierzimmerwohnung für mich allein als zu aufwendig empfunden.

profil: Sie leben jetzt in einem Seniorenhaus. War es schwer, hierher zu übersiedeln?
Meissner-Blau: Ja, der Entschluss war schwer. Es ist ein Wohnheim, in dem man Hilfe hat, wenn man sie braucht, und sonst wunderbar in Ruhe gelassen wird. Ich habe es immer als grausame Idee gefunden, dass man alte Leute zusammenpfercht. Damit nimmt man ihnen jede geistige und physische Mobilität, und vor allem die Individualität. Wir sind ja dieselben Menschen wie als 40-Jährige, auch wenn wir schlecht hören.

profil: Bei der Recherche rund um Ihre neue Autobiografie fand ich Sie als geborene Meissner von Hohenmeiss. Steht das so in Ihrem Geburtsschein?
Meissner-Blau: Die Geburtsurkunde blieb bei meiner Flucht 1945 im Elternhaus meiner Mutter in Reichenberg in Böhmen. Da ich in Dresden geboren bin und Deutschland kein Adelsaufhebungsgesetz hat, steht dort wohl Meissner von Hohenmeiss. Aufgewachsen bin ich in Österreich, den Doppelnamen habe ich nie benützt.

profil: Ihre beiden Großväter bekamen ihr „von“ knapp vor dem Ende der k. u. k. Monarchie. Diese Adelstitel standen meist mit dem Ersten Weltkrieg in Zusammenhang.
Meissner-Blau: Rudolf Meissner war ein hoher Offizier, und mein Großvater mütterlicherseits Wilhelm von Stiepel war Industrieller in Böhmen. Während des Krieges produzierte er Tornister.

profil: Wie wird man als Tochter aus bürgerlichem oder großbürgerlichem Haus zur Sozialistin, Aktivistin und schließlich Parteigründerin der Grünen?
Meissner-Blau: Das klingt widersprüchlich, ist es aber nicht. Viele Arbeiterführer kamen aus bürgerlichem Milieu, gerade dort sind wir ja sensibilisiert worden. Die sozialen Unterschiede sind mir als Kind schon schmerzlich aufgestoßen, und aufgrund meines Lebens bin ich nach links gewandert, es konnte gar nicht anders sein. Als mein Mann und ich in den 1950er-Jahren in Afrika arbeiteten, sah ich das Elend dort, und in Amerika das Märchen von der Gleichheit aller.

profil: Sind Sie jetzt, als 87-Jährige, eine Linke?
Meissner-Blau: Sozial bin ich in jeder Hinsicht links. Aber die Etiketten passen nicht. Bin ich konservativ, weil ich die Natur konservieren will?

profil: Wird man im Alter weniger politisch?
Meissner-Blau: Ich bin politischer denn je. Mich interessiert der Gang der Welt, und er bekümmert mich. Ich habe in Dresden die Bombardements und das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebt, und wir waren alle überzeugt, so etwas darf nie wieder geschehen. Und jetzt? Wohin ich schaue, leiden so viele Menschen. Ich kann mich nicht einfach abwenden, und so helfe ich Flüchtlingen.

profil: Im neuen Buch schildern Sie sehr offen Ihr Herkunftsmilieu: dass man Latein und Französisch parlierte, Kinder aber schweigend bei Tisch zu sitzen hatten; dass Sie schockierende Einschnitte wie den Selbstmord Ihres jungen Lieblingsonkels, vermutlich aufgrund seiner verpönten Homosexualität, ganz mit sich allein ausmachen mussten. Sie erzählen auch, wie der Nationalsozialismus Ihre Familie zerriss und Sie sich als Zwölfjährige beim Bund deutscher Mädchen aufgehoben fühlten.
Meissner-Blau: Dass mein Vater nach England geflüchtet war und als Gegner des NS-Regimes wegen Spionage gesucht wurde, erfuhren wir im Sommer 1939 von Gestapo-Männern, die unsere Wohnung auf der Suche nach Geheimpapieren zerlegt hatten. Meine völlig unpolitische Mutter wurde danach, wohl auch aus Enttäuschung über den Mann, der uns alleingelassen hatte, zu einer harmlosen, aber recht überzeugten Mitläuferin.

profil: Und was begeisterte Sie an den deutschen Mädchen?
Meissner-Blau: In meiner Einsamkeit war das eine Gemeinschaft. Wir spielten Räuber und Gendarm. Als Jungmädchenführerin sollte ich aber kommandieren, und da begriff ich mit meinen zwölf Jahren, welchen Reiz männliche Macht hat. Die andere Seite dieses Regimes habe ich als Kind eines „Volksverräters“ aber bald zu spüren bekommen, das führte mich früh zum Nachdenken.

profil: Als 14-Jährige traten Sie dann aus der katholischen Kirche aus.
Meissner-Blau: Ja, ich bin dahin marschiert und kam mir sehr mutig vor. Ausgetreten bin ich aufgrund meiner Erlebnisse im Austro-Faschismus, diesem Zwang zu erniedrigendem Beichten und Kirchgang. Ich empfand schon immer eine starke Abneigung gegen jede Form von Enge und Zwang.

profil: Ihren politischen Aufbruch verorten Sie in der Pariser Studentenrevolte 1968. Sie waren damals 40 und beschreiben sich als immer noch brave Tochter des Bildungsbürgertums, die vom Mut und Aktionismus der Studentinnen an der Sorbonne „einfach umgeworfen“ wurde, sich scheiden ließ und ihre drei Kinder allein durchbrachte. In Wien traten Sie dann der AUF bei, der „Aktion Unabhängiger Frauen“. War Ihre bürgerliche Herkunft da wie weggeblasen?
Meissner-Blau: Nein, ich bin immer Außenseiterin geblieben. Erica Fischer von der Frauenbewegung hat mir bitter hingeworfen: „Du, du bist ja eine Dame!“ Das war schlimmer als eine Punzierung als Urfaschistin oder Bolschewikin. Ich konnte gut mit Johanna Dohnal von der SPÖ, für sie machte ich jahrelang Frauenseminare.

profil: Selbstbewusste Frauen wie Sonja Ablinger haben es in der SPÖ bis heute schwer.
Meissner-Blau: Wie die SPÖ da eine kritische Politikerin ausgebootet hat, ist so retro und eine Schande. Es tut mir weh, denn mit Paul Blau (der frühere Chefredakteur der „Arbeiter-Zeitung“ war der dritte Ehemann von Freda Meissner-Blau, Anm.) wurden sozialistische Ideen auch meine.

profil: Ihnen hängte die SPÖ nach dem Widerstand gegen das Atomkraftwerk Zwentendorf und gegen das Donaukraftwerk Hainburg 1984 ein Parteiausschlussverfahren an. Zwei Jahre später waren Sie mit den Grünen die politische Alternative. In der Präsidentschaftswahl 1986 traten Sie gegen den rechten FPÖ-Mann Otto Scrinzi an, dann zogen Sie mit den Grünen – erstmals – ins Parlament ein. Sind Sie trotzdem eine Außenseiterin geblieben?
Meissner-Blau: Von den Grünen bin ich benützt und gebraucht worden. Wobei ich lieber sage, dass ich gebraucht wurde, um die zerstrittenen Strömungen zusammenzufügen. Mir war völlig klar, dass ich als Frontfrau nach vorne gestellt wurde. Im Interesse der Sache habe ich mir das gefallen lassen.

profil: Sie kandidierten damals im „schwarzen Kaisertum Niederösterreich“, wie Sie schreiben, um ein völlig aussichtslos scheinendes Grundmandat.
Meissner-Blau: Ich wollte keine Hängematte als Listenerste. Und ein unerreichbares Grundmandat erschien mir richtig, um die Grünen auf den Weg zu bringen. Aber eine politische Karriere wollte ich nie machen. Ich bin unten viel brauchbarer. Ich schaffte dieses Mandat dann, und so musste ich de facto ins Parlament.

profil: Die Grünen legen nun bei jeder Wahl zu. Eine Genugtuung für die erste Frontfrau?
Meissner-Blau: Mich freut das außerordentlich, und nach beinahe 30 Jahren in der Opposition verstehe ich den Drang der Grünen, zu regieren – wie auch die Notwendigkeit von Kompromissen. Aus meiner Sicht gehen sie da aber zu weit. Die Grünen fordern heute nicht das Notwendige, sondern das gerade noch Akzeptable.

profil: Sie sagten einmal, Ihre Nachrede sei Ihnen nicht wichtig. Warum dann eine Autobiografie?
Meissner-Blau: Es ist keine Autobiografie sondern ein Gespräch über ein Leben voller Brüche, aus dem ich eines weitergeben möchte: die Überzeugung, dass man sich wehren kann. Im Kleinen wie im Großen.

profil: Nicht wehren können wir uns gegen unsere Endlichkeit.
Meissner-Blau: In der Natur hat Vergänglichkeit ihre Richtigkeit, und zugleich ist sie eine ungeheure narzisstische Kränkung, denn wenn du endlich begriffen hast, was Leben ausmacht, musst du weg. Vor Kurzem sagte ein Bekannter, er habe solche Angst vor dem Sterben, und da ist mir entschlüpft: „Ach, hab keine Sorge, das hat bisher jeder zusammengebracht.“ Das versuche ich, als Haltung anzunehmen.

Zur Person

Freda Meissner-Blau, 87. Mit der Besetzung der Hainburger Au vor 30 Jahren wurde sie zum bekannten Gesicht des Widerstands gegen Naturverbauung in Österreich, 1986 wurden die Grünen mit ihr zur Parlamentspartei: Jetzt publiziert Freda Meissner-Blau eine Lebensbilanz. Sie beschreibt Emanzipation von bürgerlicher Familie und Frauenrolle, den Widerstand gegen das Atomkraftwerk Zwentendorf 1978 („Wir wurden Vaterlandsverräter und Staatsfeinde geschimpft“) und ihre erste Parlamentsrede, nach der Bundeskanzler Franz Vranitzky (SPÖ) sie fragte, ob sie Österreichs Wirtschaft ruinieren wolle. Meissner-Blau: „Zorn und Empörung sterben nicht in mir, das stirbt erst mit mir. (Anmerkung: Freda Meissner-Blau ist wenige Tage vor Weihnachten 2015 im Alter von 88 Jahren verstorben)“

Freda Meissner-Blau: Die Frage bleibt, Amalthea, 288 Seiten, EUR 24,95

Foto: Reiner Riedler