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Österreich
06/07/2020

Fröhliche Urständ in Tirol

Auf Plakaten werben sensenschwingende Almbauern. Über dem Bartresen im Après-Ski-Dorf hängen Heugabeln aus dem Mittelalter. Zu den landesüblichen Empfängen marschieren die Schützen auf. Erkundung eines politisch verfilzten Landes, in dem die ÖVP seit 1945 regiert und Touristiker viel zu sagen haben.

von Edith Meinhart

Dieser Text erschien erstmals im profil Nr. 24/2020

Am Anfang stand das Entzücken der Fremden. Findigen Touristikern war nicht entgangen, welche Wirkung die farbenprächtigen Volkstrachten auf sie entfalteten. Viele Sommergäste verlängerten sogar ihren Aufenthalt, um an des Kaisers Geburtstag die überall im Land aufmarschierenden Schützen und Musikkapellen anzuschauen, wie der national-liberale Politiker Anton Kofler (1855-1943), der später auch dem Landesverband für Fremdenverkehr vorstand, in seinen Memoiren festhielt. Dem Zauber der Montur nachzuhelfen, konnte für das Geschäft nur gut sein. Freilich waren bloß historisch verbriefte Trachten gefragt, keine Fantasiekostüme. Im Sommer 1889 richtete man in den Innsbrucker Stadtsälen eine Trachtenschau aus. Altehrwürdige Gewänder wurden hier "genauestens auf ihre Echtheit geprüft, fotografisch aufgenommen und die Besitzer in einen vorbereiteten Kataster eingetragen". Die Marketingaktion erwies sich als voller Erfolg.

Kofler notierte: "Viele solche Bilder gingen in den Kunsthandel, gelangten so in weitere Kreise und trugen [ ] zur Propaganda für das Land Tirol bei." Die frühe Fremdenverkehrswerbung mit dem "echten Tirolertum" ist Teil einer Ausstellung im Volkskunstmuseum in Innsbruck. Sie steht unter dem Motto "Tracht. Eine Neuerkundung". Dass es sie gibt, verdankt sich einer Debatte über die Rolle der Volkskultur in der NS-Zeit, die vor zehn Jahren aufbrach, "sehr spät, aber durchaus lebhaft, kontroversiell und fruchtbar", sagt der Kulturwissenschafter Reinhard Bodner, der sie kuratierte. Die Auseinandersetzung zielt ins Herz der landestypischen Folklore, die bis heute Identität stiftet, wobei angesichts des für allerlei Zwecke überinszenierten Brauchtums nicht immer klar ist, ob dieses Herz überhaupt noch schlägt. Was ist echt, was hohles Klischee? Was "Propaganda für das Land", was ruchlose Geschäftemacherei? Antworten darauf sucht man nun weit über Tirol hinaus. Seit Ischgl, das Skigaudi-Dorf im Paznauntal, als Corona-Hotspot in die Schlagzeilen geriet, blickt die halbe Welt eher gnadenlos als entzückt auf das im Andreas-Hofer-Lied besungene "heil'ge Land". Kann man Ischgl erklären, wenn man Tirol versteht?

Fragt man den ÖVP-Politiker, früheren EU-Agrarkommissar, heutigen Forum-Alpbach-Präsidenten und Tiroler Franz Fischler, was das Besondere an diesem Bundesland ist, antwortet er, das sei "wohl nur historisch zu verstehen". Tatsächlich hallt die Geschichte sowohl in den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen als auch in Herz-Jesu-Prozessionen und ähnlich schrulligen Gepflogenheiten wider. Im Mittelalter pilgerten kaiserliche Herrscher zur Salbung in Rom über den Brennerpass und beeindruckten die Bewohner der Alpenregion auf ihren Durchreisen mit prächtigem Hofstaat. Dass die Habsburger sich in den hiesigen Fisch-und Jagdrevieren verlustierten, hinterließ ebenfalls Spuren. Kaiser Maximilian I. (1459-1519) gestand den Tirolern per Landlibell zu, im Kriegsfall keine Truppen stellen zu müssen. Im Gegenzug sollten sie sich notfalls selbst verteidigen. Daraus entstanden jene Schützenkompanien, die auch noch anno 2020 die "landesüblichen Empfänge" des Tiroler Landeshauptmanns umrahmen.
 

Nicht nur Adelige und Geistliche hatten in der verklärten alten Zeit politisch eine Stimme, sondern auch Bauern und Bürger. Darauf bezog sich Eduard Wallnöfer, der Tirol von 1963 bis 1987 regierte, wenn er sein Land als "älteste Demokratie Europas" pries - eine laut Michael Gehler, Historiker und Autor des Buchs "Tirol im 20. Jahrhundert", allzu freundliche Lesart. Weniger überliefert ist, dass im Mittelalter hier Silber abgebaut wurde, bis zu 15.000 Bergleute in den Minen schufteten und sich unter ihnen der Protestantismus verbreitete, dem der Garaus gemacht war, noch bevor er für die katholische Herrschaft zum Problem werden konnte. Das etwas boshafte Bonmot, Österreich sei das Land der misslungenen Aufklärung und der gelungenen Gegenreformation, trifft vor allem für Tirol zu. Auch Forum-Alpbach-Präsident Fischler räumt das ein: "Die Aversion gegen alles Aufklärerische war dermaßen groß, dass das vielleicht noch in den Hinterköpfen steckt."

Auch der von Andreas Hofer angeführte Freiheitskampf gegen bayerische und französische Fremdherrschaft trug reaktionäre Züge. Der im Laufe der Zeit von allen Seiten instrumentalisierte "Volksheld" ist immer noch für eindrucksvolle Aufmärsche gut. Als 2009 das 200-jährige Jubiläum zu begehen war, zogen 30.000 Schützen, Trachtenvereinsmitglieder und Musikkapellen stundenlang durch die Landeshauptstadt. 70.000 Zuschauer säumten ihren Weg. Die Dornenkrone, umstrittenes Symbol der Unterdrückung der Südtiroler durch die Italiener, war mit dabei. Nach dem Ersten Weltkrieg hatten die Siegermächte in Saint Germain am Brenner die Linie gezogen. Alles südlich davon gehörte fortan zu Italien.

Die deutschsprachigen Südtiroler litten sehr unter Mussolinis Faschismus. Als sie 1939 vor die Wahl gestellt waren, sich der brutalen Italianisierung zu beugen oder ins Deutsche Reich zu übersiedeln, verließen 86 Prozent ihre Heimat. Die Geschichte hinterließ eine schwelende Wunde, die erst verheilte, als sich die Generalversammlung der Vereinten Nationen der Südtirol-Frage annahm. 1992 wurde der Streit offiziell beigelegt, damit war auch der Weg Österreichs in die EU geebnet. Bis heute weiß in Tirol jedes Kind, dass mit der "Unrechtsgrenze" der Brennerpass nach Italien gemeint ist.

Die abgeschnittene Lage - im Westen der Arlberg, im Norden Salzburg, das nur über Deutschland zu erreichen ist - prägt die Bewohner, die ökonomische Entwicklung, die politischen Verhältnisse. Dass im alpinen Tirol nur 13 Prozent des Bodens genutzt werden können, landwirtschaftliche Flächen bereits eingerechnet, gehört ebenfalls zum topografischen Schicksal. Für ausgedehnte, industrielle Komplexe fehlt schlicht die Ebene. Ein paar Metallbetriebe, die teilweise als Zulieferer für die NS-Rüstungsindustrie florierten, Swarovski in Wattens, die Penicillinproduktion auf den ehemaligen Brauerei-Gründen in Kundl (früher Biochemie GmbH, heute Sandoz) und eine - im Vergleich zu Vorarlberg - eher überschaubare Textilindustrie, viel mehr entwickelte sich zunächst nicht.

Um 1950 ist Tirol eine zutiefst agrarische Gesellschaft. Vier von zehn Beschäftigen arbeiten in der Landwirtschaft. Ab 1960 setzt ein gravierender Wandel ein. "Die Gäste verdrängten die Kühe, viele Bauern werden zu Hoteliers", schreibt der Historiker Michael Gehler. Zwar wächst auch der Industriesektor ein wenig. Das Wirtschaftswunder aber kommt mit dem Tourismus, der mittlerweile für 17 Prozent der Tiroler Bruttowertschöpfung (Österreich: sieben Prozent) sorgt. "Was der Agrarsektor sukzessive verloren hat, wanderte in Dienstleistungen", sagt der Sozial- und Wirtschaftshistoriker Josef Nussbaumer. Der Sozialdemokratie fehlt es im katholischen, konservativen Tirol an einer politisierten Arbeiterschaft. Gegen die Dominanz der Kirche und der Bauernbündler, die bei jeder Inthronisierung eines Landeshauptmanns mitreden, kommen die Roten zu keiner Zeit an. Zwar regieren sie seit Mitte der 1950er mit Schwarz im Proporz - Tirol geht erst 1998 zur freien Koalitionsbildung über -, doch liegt die SPÖ bei fast jeder Landtagswahl 30 Prozentpunkte hinter der ÖVP.

Ihre besten Ergebnisse fahren die "Schwarzmanda" unter dem gebürtigen Südtiroler und Langzeit-Regenten Eduard Wallnöfer ein. Auch Innsbruck bleibt die längste Zeit bürgerlich. Mangels politischer Außenfeinde gehen die Schwarzen aufeinander los. Das hindert sie nicht, das Kriegsbeil zu begraben, wenn die Umstände es erfordern. Als etwa Wallnöfers Schwiegersohn, Herwig van Staa, 1994 aus dem ÖVP-Klub fliegt, folgen legendäre Scharmützel mit den Ex-Kollegen. In Innsbruck tritt van Staa mit einer eigenen Liste an, schafft auf Anhieb zehn Mandate, während seine Stammpartei abstürzt. Schon am Tag nach dem Wahlsonntag sind alle Gemeinheiten verziehen, und die ÖVP hilft mit, van Staa ins Amt zu hieven. Die Rechnung, getrennt zu marschieren, um gemeinsam Politik zu machen, geht in vielen Gemeinden auf.

Die ÖVP regiert im Land, stellt das Gros der Bürgermeister, pflegt Verbindungen zur Kirche, zur Wirtschaft, zu den Bauern, besetzt Posten, Aufsichtsräte, Disziplinarkommissionen, sie ist eine alles absorbierende Kraft. profil berichtete regelmäßig über jene Verfilzungen, die sich in Jahrzehnten politischer Übermacht beinahe zwangsläufig herausbilden. Um ein Beispiel herauszugreifen: Wendelin Weingartner, von 1993 bis 2002 Landeshauptmann, träumte von einem "Medical Valley" in Tirol. Ohne den Landtag zu befassen, gab er grünes Licht. Ein Vertrauter sollte einen Medizin-Cluster aufbauen. Beflügelt von dem Auftrag, sammelte der Mann Ämter und Titel wie Jagdtrophäen und schuf ein unübersichtliches Geflecht an Töchtern der Krankenhaus-Holding, bis selbst dem Landesrechnungshof "erhebliche Zweifel" kamen und eine ÖVP-Landesrätin ausrücken musste, um in diesem Imperium aufzuräumen.

Dass die richtigen Leute schnell und diskret zusammenfinden, Freunde von Freunden Vorhaben abnicken und einander Geschäfte zuschanzen, ist in der provinziellen Enge geübte Praxis. Nach dem Krieg hatten bäuerliche Zusammenschlüsse, sogenannte Agrargemeinschaften - nahezu unbemerkt vom Rest Österreichs - zwischen 2000 und 3000 Quadratkilometer öffentlichen Grund und Boden an sich genommen. Das entspricht der Fläche Osttirols oder fünf Mal der Fläche von Wien. Die Agrargemeinschaften setzten sich in Grundbücher, streiften Erlöse aus Baulandverkäufen, Jagdpachten, Pisten- und Liftdienstbarkeiten ein, die in kommunale Kassen fließen hätten müssen. Und sie hörten auch nicht damit auf, als der Verfassungsgerichtshof 2008 dies für "offenkundig verfassungswidrig" erklärte. Agrarbeamte des Landes halfen bei den Malversationen mit. Sich gegen ÖVP-Netzwerke zu stellen, erfordert einen hohen sozialen Preis. Mitunter auch einen ökonomischen. Man will weiter Aufträge lukrieren, der Tochter einen Job nicht vermasseln, braucht den Bürgermeister für eine Umwidmung. Die sexistische Entgleisung des Landeshauptmann-Vizes Josef Geisler (ÖVP), der eine Kraftwerksgegnerin als "widerwärtiges Luder" bezeichnete, fügt sich ins Bild. Geisler hat sich anschließend entschuldigt.

Vielleicht bringt dieses unentrinnbare Gefüge die Figur eines Außenstehenden, der besonders genau hinschaut, geradezu hervor. In Tirol fällt diese Rolle Markus Wilhelm zu. Der Ötztaler Landwirt und Publizist lebt in Sölden, wo man in der Wintersaison zwei Millionen Übernachtungen zählt, mehr noch als in der Après-Ski-Metropole Ischgl. Als Wilhelm begann, die Exzesse des Massentourismus zu geißeln, tippte er seine spitz formulierten Pamphlete noch mit der Schreibmaschine. Vor 15 Jahren veröffentlichte er im Internet Kraftwerkspläne und hochgeheime Leasingverträge der Tiroler Wasserkraft AG (Tiwag) und handelte sich eine Flut von Gerichtsprozessen ein, die er alle gewann. Die Tiwag-Führung setzte Detektive auf den "Maulwurf" an, der die Dokumente hinausgespielt hatte. 150.000 Euro kostete ihr Abschlussbericht. Wilhelm begehrte Auskunft nach dem Datenschutzgesetz, ob auch er ausgekundschaftet wurde. Er hat es offiziell nie erfahren, "weil die Diskette angeblich kaputt war und das Dossier aus Papier angeblich vernichtet wurde" (Wilhelm).

Mundtot war er danach nicht. Im Gegenteil. Spätestens seit der Söldener im September 2007 den Mitschnitt einer gepfefferten Hüttenrede online stellte, in der Altlandeshauptmann Herwig van Staa den ehemaligen deutschen Außenminister Joschka Fischer angeblich ein Schwein nannte, was van Staa bis in die höchsten Instanzen bestritt, kennt man ihn auch außerhalb Tirols. Seine Website dietiwag.at, ursprünglich ein Internet-Basislager für Kraftwerksgegner, wurde zur Plattform für Whistleblower. Wer etwas aufzudecken oder anzuprangern hat, wendet sich hierher und nicht etwa an die "Tiroler Tageszeitung", die jeder im Land nur "die Tageszeitung" nennt.

Wilhelm war maßgeblich beteiligt, die braunen Flecken von Blasmusik-Komponisten, Schützenverbänden und Trachtenvereinen sichtbar zu machen, die an der Universität in Innsbruck oder in der erwähnten Trachten-Ausstellung nun aufgearbeitet werden. Er stellte sich auf die Seite der Haiminger Bauern, die nach dem Einmarsch Hitlers enteignet wurden und immer noch darum kämpfen, ihre Äcker vom landeseigenen Stromkonzern zurückzubekommen. Er machte öffentlich, dass Ex-Landesrat Konrad Streiter (ÖVP) mit einem 18.500 Euro schweren Konsulentenjob getröstet wurde, als er 2008 seiner Nachfolgerin weichen musste. Die Liste ließe sich fortsetzen. "Tirol ist ein Dorf, man kennt die Netzwerke und sieht den Filz. Unser Bürgermeister heißt Günther Platter. Für jemanden wie mich ist es hier scheußlich und gleichzeitig ideal", sagt Markus Wilhelm.

In dem 1500-Seelen-Dorf Erl an der Grenze zu Bayern schuf sich der Festspielintendant und Opern-Dirigent Gustav Kuhn eine Art Mini-Bayreuth, hofiert von wirtschaftlicher und politischer Macht im Land Tirol. Als Wilhelm im Februar 2018 anonyme Vorwürfe gegen Kuhn veröffentlichte, begann profil zu recherchieren. Es dauerte Monate, bis Opernsängerinnen bereit waren, über Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe zu reden. Sie bezeugten ihre Erlebnisse vor Gericht, vier von ihnen machten sie in profil öffentlich. Noch länger dauerte es, bis die politisch Verantwortlichen im Land sich der Causa annahmen. Wie vieles, das in Tirol Rang und Geltung hat, sind die Festspiele in Erl ein Faktor für den Tourismus. Bereits im 19. Jahrhundert war die Sommerfrische in Mode gekommen.

Im Osttiroler Kals lebte eine Hundertschaft von Bergführern davon, Gäste auf den Großglockner oder den Großvenediger zu lotsen. Massentauglich wurde das alpine Vergnügen im ökonomischen Aufschwung der 1950er- bis 1970er-Jahre. Der Skitourismus hinkte lange hinterher. "In Gebieten wie dem Paznauntal gab es außer Wald nichts, und das war Schutzwald, den man nicht bewirtschaften konnte", sagt Nussbaumer. Lifte wurden gebaut. Von gerade einmal einem Dutzend stieg die Zahl der Aufstiegshilfen bis Mitte der 1980er-Jahre auf 1200. Hänge wurden lawinensicher. Der Flugverkehr, der nach dem Absturz zweier Maschinen (1964 und 1970) zum Erliegen gekommen war, nahm zu, nachdem ein neues Leitsystem Landungen am berüchtigten Innsbrucker Flughafen sicherer gemacht hatte. 2019 zählt man hier 1,1 Millionen Passagiere.

Anfang der 1990er-Jahre liegen Sommer- und Winter-Tourismus gleichauf. Zum Boom gesellt sich bald die Gier. In einigen Regionen ist Bettenvermieten wie Goldschürfen. Wer kann, verschuldet sich bis über beide Ohren und macht eine Pension auf. Ischgl, Kitzbühel, St. Anton und Seefeld avancieren zu internationalen Top-Destinationen. Anders als in Ortschaften, wo es auch Gewerbe oder Industrie gibt, haben hier Hoteliers, Seilbahnunternehmer und Immobilienentwickler das Sagen. Alle anderen Interessen müssen zurücktreten. "Der Tourismus, weniger euphemistisch: der Massentourismus, ist ein Bulldozer, der über alles drüberbrettert: Gletscher, Berggrate und auch Menschen", sagt Markus Wilhelm. Auf einen Bewohner kommen in Tirol jährlich über 60 Übernachtungen. In Wien sind es keine zehn.

Noch in den 1960er-Jahren sorgte sich die Handelskammer in Innsbruck, dass Tirol "umfahren" wird. Langzeitregent Wallnöfer sprach vom "Segen des Verkehrs", ließ die Brenner-Autobahn und die Europabrücke bauen, ein auch international registriertes Monument der Modernität. Inzwischen würde die verkehrsgeplagte Bevölkerung auf das ausgebaute Straßennetz gerne verzichten. Das Gros der jährlich zwölf Millionen Urlauber reist mit dem Auto an, jedes Jahr donnern 2,3 Millionen LKW durch Tirol (Stand 2017). Das Thema Transit erwies sich bei den Schlussverhandlungen zum EU-Beitritt im März 1994 als größter Hemmschuh und befeuert seither alle Tiroler Wahlkämpfe. "Man hat die längste Zeit unterschätzt, welche Dynamik in der Globalisierung steckt", konstatiert der frühere EU-Kommissar Fischler. Aus Tiroler Sicht ist an der Verkehrslawine die EU schuld. Auch Anti-Brüssel-Reflexe gehören -wie der seit Urzeiten gepflegte Grant auf das liberale, rote Wien - zur politischen Folklore.

Es ist ein Tirol-Paradoxon, dass es seine heile, glorreiche Vergangenheit umso stärker beschwört, je offensichtlicher die neuen sozialen Gegebenheiten werden. Im vergangenen Jahrzehnt wuchs Tirol nach Wien am stärksten. Der Fremdenverkehr wirbt mit sensenschwingenden Almbauern und Sennerinnen im Dirndl. Über jedem zweiten Bartresen hängt eine alte Mistgabel. Der Tourismus gilt als Jobmotor. Dass Tirol bei den mittleren Bruttoeinkommen österreichweit auf dem letzten Platz liegt, Frauen besonders schlecht bezahlt werden, es wenig Vollzeitbeschäftigung gibt, die das ganze Jahr durchgeht, und der Fremdenverkehr ohne ausländische Arbeitskräfte in der Sekunde einbräche, kommt seltener zur Sprache. Um 1960 gab es in Tirol keine Gastarbeiter. Nach zaghaften Anwerbungen waren es 1964 gerade einmal 2300. Heute zählt man 78.000 Arbeitskräfte aus dem Ausland. "Sie kommen vor allem aus Deutschland, Ungarn, der Türkei, Italien und der Slowakei und machen im Tourismus inzwischen 60 Prozent der Beschäftigten aus", so Wirtschaftshistoriker Nussbaumer. Auch die Landwirte wollen auf Feldarbeiter aus Rumänien nicht mehr verzichten.

Die Grüne Gabriele Fischer ist Landesrätin, zuständig für Soziales, Frauen, Integration und Staatsbürgerschaften. Im Vorjahr beauftragte sie eine Studie zum Zusammenleben in Tirol. Dabei zeigte sich, dass jeder fünfte Bewohner, jede fünfte Bewohnerin (20,6 Prozent) im Ausland auf die Welt kam oder keinen österreichischen Pass besitzt. Die Herkunft bestimmt immer noch die Zugehörigkeit. "Einen Farbigen in den Reihen der Schützen können sich die wenigsten vorstellen", sagt Fischer. In den Köpfen sind die Grenzen eng gezogen. Die gebürtige Lienzerin, die im Alter von zehn Jahren mit ihren Eltern in ein Haus knapp hinter der Stadtgrenze gezogen war, bekam vor nicht allzu langer Zeit von einem Lienzer Politiker zu hören: "Ihr seid ja auch Zugereiste."

Auch der Mythos von der eigenen Scholle lebt. Dabei ist das Häuschen im Grünen für normale Bürger mittlerweile unerschwinglich. Die Grundpreise sind jenseits von Gut und Böse. In Absam, der Heimatgemeinde von Franz Fischler, kosten selbst landwirtschaftliche Flächen, bei denen keinerlei Chance besteht, darauf bauen zu können, 60 Euro pro Quadratmeter. Zum Vergleich: Im oberösterreichischen Mühlviertel liegt der Preis unter einem Euro. Fischler: "Baugründe kosten zehn Mal so viel. Das fördert natürlich den Ausverkauf. Wenn jemand Geld braucht, ist das eine attraktive Möglichkeit, dazu zu kommen." In Kitzbühel werden für Gunstlagen bis zu 10.000 Euro bezahlt. Pro Quadratmeter.

Dem Kult um das Tirolertum tut das keinen Abbruch. Trachten sind auch bei jungen Städtern en vogue. Der Beantwortung von Anfragen zufolge, welche die Liste Fritz regelmäßig an den Tiroler Landtag stellt, rücken die Schützen mehr denn je zu "landesüblichen Empfängen" aus. Und dass anno 2020 keine prächtigen Fronleichnamsprozessionen durch Städte und Dörfer ziehen, ist auch nur der Pandemie geschuldet. Und doch mischen sich in die fröhlichen Urständ inzwischen ungewohnt kritische Töne. Als vor wenigen Jahren Alt-Landeshauptmann Herwig van Staa vor dem Landhaus ein drei Meter hohes Denkmal des Tiroler Übervaters Eduard Wallnöfer aufstellen lassen wollte, regte sich Widerstand. Entzündet hatte er sich an Wallnöfers NSDAP-Mitgliedschaft. Die Büste wurde verräumt. Sie steht nun im Kreuzgang der Franziskaner, wo Ende der 1980er-Jahre schon einmal ein empörend nackter Christus Unterschlupf gefunden hatte. Wallnöfer ist hier durchaus würdig abgestellt. In der Hofkirche nebenan ruhen immerhin die Gebeine des Freiheitshelden Andreas Hofer. So viel Tirol muss sein.

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