Spice ist Hauptdroge im Gefängnis
Man muss wohl von einer deutlich höheren Dunkelziffer ausgehen. Denn „Spice“ sieht man nicht, riecht man nicht, schmeckt man nicht. Deswegen kann die Substanz in flüssiger Form viel einfacher ins Gefängnis geschmuggelt werden als andere Drogen, die per Paket, Besucher oder durch simple Überwürfe über die Gefängnismauern in Haftanstalten gelangen. „Wurden bei uns heuer illegale Substanzen gefunden, handelte es sich in den meisten Fällen um neue psychotrope Substanzen“, sagt Penz.
Was ist „Spice“? Es ist der Straßenname für eine Gruppe synthetischer Cannabinoide, die im Labor hergestellt werden. Es handelt sich um synthetische Nachbauten des psychoaktiven Cannabis-Wirkstoffs THC, der beim Kiffen high macht.
Als „Spice“ in den 2000er Jahren aufkam, wurden diese Cannabinoide auf Kräutermischungen aufgesprüht, die wie Cannabisblüten geraucht werden können. Zunächst als „Legal High“ vertrieben, sind einige synthetische Cannabinoide mittlerweile als Suchtmittel verboten.
„Mit dem Konsum von Cannabis lässt sich die Wirkung meist kaum vergleichen, da synthetische Cannabinoide um ein Vielfaches stärker wirken“, sagt Bettina Hölblinger. Sie leitet checkit! in der Suchthilfe Wien. Die Dosierung sei aber nicht erkennbar „Das kann zu massiven Nebenwirkungen wie akuten Psychosen, Aggressionsschüben, Panikattacken, Krampfanfällen bis hin zu Herz-Kreislauf-Störungen führen“, sagt Hölblinger. Eine Überdosierung kann lebensgefährlich sein. In britischen Gefängnissen waren synthetische Cannabinoide in den Jahren 2015 bis 2020 für die Hälfte der nicht-natürlichen Todesfälle verantwortlich.
Briefpapier im geruchlosen Joint
Am Münnichplatz lassen sich junge Häftlinge offenbar auf dieses Hochrisikospiel ein. Aber wie kommt die Droge zu ihnen in die Haftanstalt? Und wie wird sie dort konsumiert?
Der Wirkstoff kann unsichtbar und hoch dosiert auf Papier, Karten, Briefe oder Umschläge aufgetragen werden. Häftlinge dürfen Briefe erhalten. Das kann auch getarnte Post vom Dealer sein oder eine gefälschte Kinderzeichnung von der kleinen Schwester; für die Justizwache-Beamten ist der eigentliche Inhalt nicht erkennbar. Das unterscheidet „Spice“ von den klassischen Paket-Drogen. Die Papierstücke werden dann dem Zigarettentabak beigemischt und geraucht, zerkleinert gegessen oder in Wasser extrahiert und getrunken. Rauchen ist in Haftanstalten nicht verboten und „Spice“ grundsätzlich geruchlos.
Doch nicht nur Papier fungiert als „Spice“-Träger. Schmuggler nutzen auch Kleidung, Stoffe, Hygieneartikel oder Verpackungen, die sie mit der Substanz tränken. Auch diese Materialien werden im Gefängnis meist stark zerkleinert mitgeraucht, gegessen oder extrahiert und getrunken.
Extra-Waschgang, um clean zu bleiben
Die vielen Formen, die synthetische Cannabinoide annehmen können, vom Brief übers Pulver bis zur Flüssigkeit, erleichtern auch die direkte Übergabe durch Besucher oder das Einschmuggeln nach Haftausgängen.
„Justizanstalten sind keine hermetisch abgeschlossenen Einrichtungen, sonst wären Besuche oder Ausgänge zur Berufsausbildung und Berufsausübung zwecks besserer Resozialisierung nicht möglich“, sagt der stellvertretende Anstaltsleiter Mario Penz. Deswegen könne „das unerlaubte Eindringen von illegalen Substanzen, die zum Teil sehr gut getarnt sind, bedauerlicherweise nie zu 100 Prozent ausgeschlossen werden.“
Was tut die Anstalt nun gegen die „Spice“-Schwemme? Sie hat in einem ersten Schritt verstärkt angeordnet, dass einlangende Schriftstücke kopiert und externe Kleidungsstücke gereinigt werden müssen, um den Schmugglern ein Schnippchen zu schlagen.
Neben den laufenden Kontrollen der Hafträume werden „suchtgiftaffine“ Personen außerdem verstärkt kontrolliert und überwacht. Tatsächlich landen nicht wenige Jugendliche wegen Drogendelikten oder Raubüberfällen, die im Zusammenhang mit Drogen stehen, am Münnichplatz. Jene, die ihre Haft bereits mit einem Suchtproblem antreten, werden therapiert. Doch die Wirkung ist begrenzt. Außerdem herrscht gerade in Jugendgefängnissen ein ständiges Kommen und Gehen, weil Haftstrafen oft nur wenige Monate dauern. Wer erneut straffällig wird, kehrt zurück – und kann vor dem erneuten Haftantritt seine Dealer-Freunde für Nachschub instruieren.
Häfn-Spice in ganz Europa ein Problem
Die Drogenagentur der EU sieht den „zunehmenden Konsum synthetischer Cannabinoide in Justizvollzugsanstalten“ als „besonderes Problem“ an. Es sei darauf zurückzuführen, „dass diese Substanzen durch die stichprobenartigen Drogentests in Justizvollzugsanstalten in einigen Ländern nicht nachweisbar sind, oder, dass sie billiger als andere Drogen und leichter in die Justizvollzugsanstalten zu schmuggeln sind“, heißt es im europäischen Drogenbericht 2025.
Die heimische Justiz setzt auch auf neue Methoden zur Drogenabwehr. So wurde jüngst ein sogenannter Ionenmobilitätsspektrometer beschafft, mit dem es möglich ist, durch Wischproben bereits kleinste Spuren von Suchtmitteln zu erkennen.
Trotzdem wird den Justizwachebeamten in Simmering die klassische Kontrolle nicht erspart bleiben – insbesondere auch der Blick nach oben. Denn nach wie vor kommt es in heimischen Gefängnissen zu „Überwürfen“ über die Mauer. Neu sind Abwürfe per Drohne. Auch so kann „Spice“ bei der Hofrunde vor den Füßen landen – als Pulver oder gar in Form von Gummibärchen. Synthetische Cannabinoide werden längst auch der Gelatine oder dem Zucker von Süßigkeiten beigemengt. Ein Zuckerschock ist nichts dagegen.