1. Weltkrieg: Leben und Sterben des Sarajevo-Attentäters Gavrilo Princip

1. Weltkrieg: Leben und Sterben des Sarajevo-Attentäters Gavrilo Princip

Das Attentat auf den öster­reichischen Thronfolger war der Zündfunke für den Ersten Weltkrieg. Der Todesschütze von Sarajevo war ein junger Gymnasiast. Was trieb ihn an?

Als die hochschwangere Bäuerin Nana Princip am 25. Juli 1894 von der harten Feldarbeit in ihr karges Haus im bosnischen Weiler Gornji Obljaj zurückkehrte, setzten bei ihr die Wehen ein. Es ging schnell. Das Baby fiel auf den nackten Boden aus gestampfter Erde. Der Junge war schwächlich. Er würde nicht lange leben, glaubte die Familie. Von neun Kindern, die Pepo und Nana Princip hatten, starben sechs.

Doch Gavrilo, der an diesem heißen Julitag das Licht der Welt erblickte, war zäh, wie sein Vater Pepo, der sich als Postbote ein wenig Geld dazuverdiente. Im Winter bahnte er sich im meterhohen Schnee zu Fuß den Weg ins 30 Kilometer entfernte Knin.

Die ehemaligen osmanischen Provinzen Bosnien und Herzegowina standen damals unter österreichisch-ungarischer Verwaltung. Die Doppelmonarchie war 1878 vom Berliner Kongress damit beauftragt worden, sie zu okkupieren und zu „zivilisieren“. Heute würde man sagen: an europäische Standards heranzuführen. Das gelang nur bedingt. Zivilisatorische Fortschritte wie eine moderne Verwaltung, höhere Schulen und die Eisenbahn hielten Einzug. Doch die Agrarfrage blieb ungelöst. Die serbischen Zinsbauern, die Kmeten, blieben unter dem schweren Joch der Begs, der muslimischen Landeigentümer.

Die Princips waren bitterarm, aber stolz. Auch sie mussten ihre Pacht abführen. Ihre Vorfahren waren unter den Osmanen besser gestellte Wehrbauern an der Grenze zum österreichischen Kronland Dalmatien gewesen. Mit der Übernahme Bosniens durch Österreich-Ungarn fiel die Militärgrenze weg. Die Wehrbauern wurden überflüssig.

Der kleine Gavro Princip war scheu und introvertiert. Gern zog er sich zurück, lief in die Grahovo Polje hinaus, eine weite Hochebene im Dinarischen Gebirge. Das Lesen wurde zu seiner Leidenschaft.
Das Haus der Princips in Gornji Obljaj ist heute eine Ruine. Im Jugoslawien-Krieg der 1990er-Jahre wurde es von kroatischen Truppen zerstört, die aus Knin herübergekommen waren. Sie zerstörten fast alles, was serbisch war, auch in der nahen Kreisstadt Grahovo – so wie serbische Milizen anderswo alles zerstörten, was nicht serbisch war. Die Serben in Grahovo bilden im heutigen Bosnien eine Enklave im bosnisch-kroatischen Kanton Livno. Deshalb wird hier kaum etwas wiederaufgebaut. Die österreichische Besatzungszeit erscheint ihnen fast wie ein Idyll. Der 74-jährige Zdravko Arezina ist ein Neffe zweiten Grades von Gavrilo Princip, seine Mutter Jelena war Gavrilos Cousine und wuchs als Waise bei dessen Eltern auf. Die Frage nach den Motiven seines berühmten Onkels für den Thronfolger-Mord versetzt ihn ins Grübeln: „Man kann sich schwer einen Reim darauf machen, denn die Alten erzählen, dass es eigentlich gut war unter der österreichischen Verwaltung. Aber es gab eben auch solche, die das als Unterdrückung empfanden.“

Gavros Bruder Jovo war bedeutend älter und hatte sich eine Existenz als Händlergehilfe und Sägewerksbesitzer in Hadzici bei Sarajevo aufgebaut. Er holte den kleinen Bruder in die Landeshauptstadt, als er 13 Jahre alt war. Zuerst wollte er ihn auf die österreichische Kadettenschule schicken, dort wären Kost und Logis frei gewesen. Ein serbischer Freund brachte ihn davon ab. Das Kind möge doch nicht „entwurzelt und zum Feind seines eigenen Volkes gemacht“ werden. Gavro ging auf die Handelssschule, dann aufs Gymnasium.

Der südslawische Nationalismus wurde für die Donaumonarchie zunehmend zum Problem. Ein selbstbewusstes Serbien betrachtete sich als „Piemont der Südslawen“: Nach italienischem Vorbild wollte Serbien die Südslawen unter seiner Ägide vereinigen. Das kaiserliche Wien sah sich durch die irredentistische Agitation Belgrads unter „seinen“ Slowenen, Kroaten und Serben irritiert und bedroht. In Kroatien, das unter den ungarischen Statthaltern besonders litt, in Dalmatien und in der Herzegowina entstanden Protestbewegungen unter den Schülern, Studenten und Intellektuellen.

„Nichts als leere Worte ohne Taten“
Das anti-österreichische revolutionäre Gefühl erfasste bald auch die Schüler in Sarajevo und den anderen bosnischen Städten. Im Juni 1910 versuchte der Student Bogdan Zerajic aus dem herzegowinischen Mostar ein Attentat auf den österreichischen Statthalter Marijan Varesanin. Als seine Schüsse das Ziel verfehlten, jagte sich Zerajic die letzte Kugel selbst in den Kopf. Gavrilo Princip bezeichnete das Zerajic-Martyrium später als das Schlüsselerlebnis seiner Politisierung. Immer wieder pilgerten er und seine Kampfgenossen zum anonymen Grab des gescheiterten Attentäters auf dem Friedhof von Sarajevo. Der Schüler engagierte sich zunächst im Sinne des großserbischen Nationalismus. Doch als kroatische Studenten Attentate auf die ungarischen Statthalter in Zagreb verübten und sich die Unterdrückung dort verschärfte, nahm Princip mehr und mehr pro-jugoslawische Positionen ein. Die Jung-Bosnier verschlangen die Literatur der russischen Sozialrevolutionäre, die Schriften von Bakunin, Tschernyschewski, Stepnjak und des britischen Kommunarden William Morris. Ihre Ideen waren unausgegoren und utopisch, ihr Wunsch nach grundlegender Veränderung aller Verhältnisse wurde immer unbändiger.
Ende 1911 war Princip eines der ersten Mitglieder der Serbisch-Kroatischen Fortschrittsorganisation. Ihr erster Präsident war der spätere Literaturnobelpreisträger Ivo Andric, ein kroatisch-stämmiger Bosnier. In den folgenden Monaten mobilisierten die „Fortschrittler“ gegen den Widerstand der Nationalisten unter den serbischen Schülern in Sarajevo große Demonstrationen aus Solidarität mit dem unterdrückten Kroatien. Die österreichische Polizei trieb sie mit Gewalt auseinander, Princip wurde verletzt.

Die Bewegung geriet in die Krise, fand zu keinen neuen Aktionsformen. Princip war frustriert: „Nichts als leere Worte ohne Taten.“ „Nichts“ passiere, schrieb er an einen Freund. In ihm wuchs die feste Absicht heran, ein Attentat auf irgendeinen hohen Würdenträger der Monarchie zu verüben. In erster Linie dachte er an den Landeschef in Sarajevo, den österreichischen General Oskar Potiorek.
Zur Zeit der Schülerdemonstrationen brach Princip den Schulbesuch in Sarajevo ab. Wie viele andere bosnische Serben ging er nach Belgrad, um die Matura als Externist zu machen. Die Stadt fieberte gerade dem Ersten Balkankrieg entgegen, in dem die jungen Balkanstaaten der angeschlagenen Türkei die letzten europäischen Besitzungen abnehmen wollten, darunter Mazedonien und der Kosovo. Statt für die Schule zu lernen, fuhr der 18-jährige Princip mit einem Freund nach Prokuplje an die Kosovo-Front, um sich als als Komitatschi, Freiwilliger, zu melden. Doch der legendäre Komitatschi-Führer Vojin Tankosic schüttelte ihm nur die Hand und sagte zu ihm: „Du bist zu schwach.“ Die Demütigung festigte seine Attentatsabsicht nun vollends.

Die bosnischen Studenten lebten auch in Belgrad bitterarm. Sie taten sich zu Wohngemeinschaften in billigsten Quartieren zusammen. Doch sie sogen die nationalistische Atmosphäre in sich auf wie eine halluzinogene Droge. In den rauchverqualmten Cafés und Beiseln um den Zeleni Venac und den Save-Hafen lauschten sie den Erzählungen der aus den Balkankriegen zurückgekehrten Komitatschi. Im März 1914 erhielt Princips bester Freund, der Drucksetzer Nedeljko Cabrinovic, von Kampfgenossen aus Sarajevo einen Zeitungsausschnitt zugeschickt. Darin stand, dass der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand im Sommer Militärmanöver in Bosnien inspizieren und die Landeshauptstadt Sarajevo besuchen werde.
Als Cabrinovic den Zeitungsausschnitt Princip zeigte, hatte dieser nur noch einen Gedanken: ein Attentat auf Franz Ferdinand zu verüben. Aber woher die Waffen nehmen? Ihre Kontakte aus der Belgrader Komitatschi-Szene führten die beiden zu jenem Major Tankosic, der Princip knapp zwei Jahre zuvor an der Kosovo-Front abgewiesen hatte. Princip schickte deshalb einen dritten Verschwörer, seinen Freund Trifko Grabez, zum „Vojvoden“. Dieser war zugleich auch ein Vertrauensmann des mächtigen – und eigenmächtigen – Militärgeheimdienstchefs Dragutin Dimitrijevic, genannt Apis (Stier). Tankosic wusste mit der Idee der attentatsfiebrigen Schüler nichts Rechtes anzufangen. Doch Apis, der die großserbische Geheimorganisation „Schwarze Hand“ anführte, fand sie gut. Die Ermordung des Thronfolgers würde den verhassten großen Nachbarn im Norden in seinen Grundfesten erschüttern, glaubte er. Die serbische Regierung weihte er in seinen Plan nicht ein.

So erhielten Princip und seine Freunde die Tatwaffen: vier Revolver der Marke Browning und sechs Handgranaten aus dem Arsenal von Kragujevac. Im Wald von Topcider übten sie das Schießen. Tankosic organisierte auch den Weg des Trios über die Grenze ins bosnische Österreich. Auf beiden Seiten der Grenze wurden sie an Konfidenten der „Schwarzen Hand“ verwiesen. In Serbien waren das Grenz- und Zolloffiziere, in Bosnien Schmuggler, Bauern, ein Volksschullehrer und ein Kinobesitzer.
Beim Attentat am 28. Juni 1914 hatte Princip die stärksten Nerven. Cabrinovic verfehlte mit seiner Handgranate das Fahrzeug des Thronfolger-Paares nur knapp. An Grabez fuhren die Fahrzeuge infolgedessen zu schnell vorbei. Drei weitere, in Sarajevo rekrutierte Attentäter taten nichts. Aber auch Princip kam erst zum Zug, als der Konvoi des Thronfolgers in die falsche Gasse einbog. Als der offene Wagen wendete, stand Princip unmittelbar neben ihm. Mit zwei Schüssen tötete er Franz Ferdinand und dessen Frau Sophie.

Im anschließenden Prozess konnten die jungen Attentäter nicht zum Tode verurteilt werden, weil sie das damalige Volljährigkeitsalter von 20 Jahren noch nicht erreicht hatten. Einige erwachsene Helfer wurden gehängt. Die jungen Angeklagten verteidigten sich in dem Verfahren mit politischen Argumenten. „Ich bin ein jugoslawischer Nationalist“, erklärte Princip. „Das Volk wird behandelt wie Vieh. Die Menschen in den Dörfern sind verarmt, man hat sie völlig ruiniert. Dafür wollte ich Rache nehmen.“

Princip, Cabrinovic und Grabez verurteilte das Gericht wegen Hochverrats und Mordes zu je 20 Jahren Festungshaft. Die unmenschlichen Bedingungen im Militärgefängnis von Theresienstadt (heute: Terezin, siehe Artikel hier ) überlebten sie nicht. Princip starb am 28. April 1918 an Knochentuberkulose, ein halbes Jahr vor dem Ende des Weltkrieges, den er mit seiner Tat auf den Weg gebracht hatte.

Gregor Mayer: Verschwörung in Sarajevo. Triumph und Tod des Attentäters Gavrilo Princip
Residenz Verlag,160 S.; EUR 19,90; ISBN: 9783701732944; Präsentation: 11.3.2014, 19:30 Uhr, Aktionsradius Augarten, Gaussplatz 11, 1200 Wien, Moderation: Herbert Lackner (profil)