100 Jahre Erster Weltkrieg: Das Nationalitätenproblem der Habsburgermonarchie

100 Jahre Erster Weltkrieg: Das Nationalitätenproblem der Habsburgermonarchie

Nach allgemeiner Ansicht ist die Donaumonarchie am Nationalitätenstreit zugrunde gegangen. Doch in ihren Grundsätzen war sie supranational, minderheitenfreundlich und ein Modell für das heutige Europa.

Die Frage der Kriegsschuld hat in diesen Wochen das Feuilleton erobert, doch was ist eigentlich mit dem multikulturellen Experiment der Doppelmonarchie, die immerhin elf Nationalitäten und fast ebenso viele Landessprachen beherbergte und in seiner österreichischen Reichshälfte – offiziell hieß das Gebilde: „die im Reichsrat vertretenen Länder und Königreiche“ – sogar ohne Amtssprache auskam.

Das einzigartige Staatswesen bestand aus Ländern im Osten Europas, die dem Herrscherhaus im Laufe der Jahrhunderte durch Erbschaft, Heirat oder Eroberung zugefallen waren. Nach der Verfassung von 1867, der Geburt der Doppelmonarchie, besaßen die in ihm lebenden Völker ein „unverletzliches Recht auf Wahrung und Pflege von Nationalität und Sprache“. Alle Landessprachen waren gleichberechtigt, nur im ungarischen Königreich war – trotz seiner Kroaten und Rumänen – die Amtssprache Ungarisch.

Österreich und Ungarn hatten jeweils eigene Parlamente, doch Angelegenheiten des Äußeren, der Armee und die Finanzen wurden in gemeinsamen Ministerien geregelt, die direkt dem Kaiser unterstanden. Diese Amtsträger trugen die Bezeichnung kaiserlich und königlich (k. u. k.), während die zur österreichischen Reichshälfte gehörenden kaiserlich-königlich (k. k.) waren.

„Es bedurfte einer Geheimwissenschaft, um immer sicher unterscheiden zu können, welche Einrichtungen und Menschen k. k. und welche k. u. k. zu rufen waren. Es wurde klerikal regiert, aber man lebte freisinnig. Man hatte ein Parlament, welches so gewaltigen Gebrauch von seiner Freiheit machte, dass man es gewöhnlich geschlossen hielt; aber man hatte auch einen Notstandsparagrafen, mit dessen Hilfe man ohne das Parlament auskam. Die nationalen Kämpfe waren so heftig, dass ihretwegen die Staatsmaschine mehrmals im Jahr stockte und stillstand, aber in den Zwischenzeiten und Staatspausen kam man ausgezeichnet miteinander aus und tat, als ob nichts gewesen wäre“, charakterisierte der Schriftsteller Robert Musil in seinem „Mann ohne Eigenschaften“ die Realverfassung „Kakaniens“.

Auch die in seinem Roman ironisierte patriotische Aktion (bei Musil heißt sie „Parallelaktion“) hatte wirklich stattgefunden. Es handelte sich um den „Kaiserhuldigungsfestzug“ vom 12. Juni 1908, der von einem privaten Komitee aus liberalen Schöngeistern, höheren Beamten und Adeligen ein Jahr lang vorbereitet worden war, um dem Kaiser zu seinem 60. Regierungsjubiläum neuen Mut einzupflanzen. Das Volk war über die Zeitungen der Monarchie aufgerufen worden mitzutun. Unterschriften wurden gesammelt. Denn der Kaiser war anfangs von der Idee wenig begeistert gewesen.

Am Ende war es ein Massenspektakel geworden, in dem die verschiedenen Nationalitäten auftrumpften. 12.000 Mitwirkende – die am weitesten entfernten Kronländer hatten die meisten Teilnehmer entsandt – defilierten Stunde um Stunde über die Wiener Ringstraße, und eine halbe Million Zuschauer drängte sich am Straßenrand und auf Tribünen. Auf der Höhe des Burgtors machten die Nationalitätengruppen in ihren traditionellen Festtagskleidern jeweils kurz halt, um sich vor dem 78-jährigen Franz Joseph zu verneigen. „Möge der Festzug von neuem dem Kaiser sagen, dass die Völker der Monarchie mit ihrem Herrscherhaus zusammengehören für immer und immerdar“, so stand es im Programmheft.

„Eine Völkerparade, die kein anderer Staat der Welt aufzuweisen hat“, schwärmten ausländische Journalisten. „In der ganzen Welt gibt es kein Land, wo die Dynastie so feststeht wie hier und wo man so etwas zustande brächte“, jubelte die „Neue Freie Presse“.

Eine schöne Illusion.

Die Ungarn hatten sich von vornherein distanziert. Die Tschechen waren ferngeblieben, nachdem sie im Vorfeld von Rechtsradikalen und dem christlich-sozialen Bürgermeister Karl Lueger schwer beleidigt worden waren. Die Bosnier hätten ursprünglich an einem der Wagen „hinten dran“ sitzen sollen, wurden dann aber gar nicht eingeladen. Auch Kroaten, Dalmatiner und Ruthenen fühlten sich schlecht behandelt.
Dabei hatte die Monarchie im Jahr 1908 die blutigen Konflikte um Gymnasien und Universitäten in der Minderheitensprache schon hinter sich, und wirtschaftlich ging es aufwärts. Ein Jahrzehnt zuvor war noch ein Ministerpräsident gestürzt worden, weil er das Tschechische im Amtsverkehr etablieren wollte, was Deutsche aller Lager wütend bekämpften, weil sie um den Lebensunterhalt Deutscher Beamter fürchteten, die nicht tschechisch konnten. Mittlerweile hatten die Tschechen eine tschechische Universität in Prag und – gemessen an ihrer Zahl – fast ebenso viele Volksschulen und Gymnasien wie die Deutschtschechen durchgesetzt.

Die habsburgische Verwaltung dachte seit jeher supranational und die Gerichtshöfe urteilten minderheitenfreundlich. Durch den Paragrafen 19 des Grundrechtskatalogs wurde „jedem Volksstamm“ sein Recht auf Nationalität und Sprache garantiert. Dieses Recht konnte in den Institutionen des Reichs- und Verwaltungsgerichts eingeklagt werden. Auch die Einbürgerung wurde erstaunlich liberal gehandhabt und ging mehr oder weniger ohne Ansehen von Vermögen und Konfession vonstatten. Nur der Adel wurde bevorzugt behandelt und politische Gegner der Monarchie wurden durchwegs abgelehnt.

Und doch herrschte in der Gesellschaft eine Selbsterhebung der Deutschen quer durch alle politischen Lager und Schichten, die sich auf deutschen Geist, deutsche Kultur und deutsche Literatur bezog und ein rassistisches Ranking als kulturellen Unterschied in Gang setzte.

Folgt man den Historikern Heidemarie Uhl und Johannes Feichtinger von der Akademie der Wissenschaften könnte man sogar sagen, die Monarchie sei an einem Formular zugrunde gegangen: an der Volkszählung, in der sich jeder Untertan für eine Sprache entscheiden musste. Das Selbstverständnis von Mehrsprachigkeit ging dadurch verloren. Aus der Statistik wurden dann wieder kollektive Ansprüche abgeleitet und Tauschhandel geführt. Das einzige, das treueste Staatsvolk der Monarchie blieben die Juden. Alle anderen liebäugelten mit Stammesbrüdern jenseits der Grenzen.

Zum Nationalismus gesellten sich die Anfänge der Demokratie. Mit jeder Wahlreform, in der der Zensus in den Kronländern auf neue Wählerschichten ausgeweitet wurde, nahm der nationalistische Eifer zu.
1907 wurde der Reichstag in der österreichischen Reichshälfte das erste Mal nach dem allgemeinen und geheimen Männerwahlrecht beschickt. Die ethnische Zusammensetzung änderte sich dadurch kaum, doch die radikalen Nationalisten waren viel stärker geworden. Auch die Sozialdemokratie, die einzige übernationale Partei, die oftmals wegen ihrer Loyalität zur Monarchie auch als „k. u. k. Sozialdemokratie“ verspottet wurde, war zusehends dem nationalistischen Sog ausgeliefert und musste nationale Abspaltungen hinnehmen. In ihrem Brünner Nationalitätenprogramm von 1899 hatte die Sozialdemokratie die Forderung nach einer (deutschen) Staatssprache verworfen und einen demokratischen Bundesstaat autonomer Völker gefordert, in dem „die Pflege und Entwicklung nationaler Eigenarten auf der Grundlage gleichen Rechtes und unter Vermeidung jeder Unterdrückung“ geschehen soll.

Das Wiener Parlament war 1907 mit 526 Abgeordneten, die gut 30 Parteien repräsentierten, das größte in ganz Europa. Eine Touristenattraktion. Aber auch die Wiener fanden sich in der kalten Jahreszeit gern auf der beheizten Besuchergalerie ein, um sich an dem kostenlosen, babylonischen Schauspiel zu ergötzen. Unter ihnen der junge, arbeitslose Adolf Hitler.
Die Reden im Wiener Parlament konnten auf Deutsch, Tschechisch, Polnisch, Ukrainisch, Kroatisch, Serbisch, Slowenisch, Italienisch, Rumänisch und Russisch gehalten werden. Einen Dolmetscherdienst gab es nicht. Wenn ein Abgeordneter durch stundenlanges Dauerreden obstruieren wollte, konnte er auch Gedichte in seiner Muttersprache vortragen. Verstanden wurde er ohnehin nur von seinesgleichen.

In der Julikrise 1914 war das Parlament längst lahmgelegt. In der Gesellschaft, selbst unter Intellektuellen und Künstlern hatte sich eine Stimmung breitgemacht, dass es so nicht weitergehen könne. Und als der Krieg ausbrach, taumelte man anfangs kriegstrunken hinein. Jeder sprach von „Erlösung“. Der Krieg brachte die Völker der Monarchie noch weiter auseinander. Schon in den ersten beiden Monaten waren auf dem Vormarsch gegen die Russen tausende ruthenische Zivilisten, harmlose Bauern, von Offizieren gehenkt worden: wegen des Verdachts russophiler Sympathien, ohne Gerichtsverfahren. Diese Kriegsverbrechen wurden im wieder einberufenen Reichsrat im März 1917 hitzig debattiert. Das Habsburgerheer in Galizien war der „Einzug des Galgens und des Mordens“, sagte ein sozialdemokratischer polnischer Abgeordneter. Und ein radikaler Deutscher konterte: Es seien noch „zu wenig gehenkt worden.“ Danach gab es kein Zurück mehr.