100 Jahre Erster Weltkrieg: Die gigantische Rüstungsmaschinerie der Habsburger

100 Jahre Erster Weltkrieg: Die gigantische Rüstungsmaschinerie der Habsburger

Die gigantische Rüstungsmaschinerie der Habsburger im Ersten Weltkrieg funktionierte durch radikale Militarisierung: Tausende Betriebe unterstanden direkt dem Kriegsministerium, hunderttausende Menschen wurden zur Arbeit zwangsverpflichtet.

Ein General des Habsburgerheeres konnte sich zwecks standesgemäßer Erscheinung sieben bis zehn Pferde halten. Doch ab 1914 war auch das anders: Generälen wurden nur noch zwei Pferde zugestanden, denn die Tiere mussten die ungeheuren Rüstungsmengen zu den unwegsamen Fronten schleppen. Österreich-Ungarn setzte im Ersten Weltkrieg mindestens 1,8 Millionen Pferde ein, die meisten waren bei Bauern requiriert worden.

Die Zwangsablieferung der Pferde zeigt im Kleinen, wie radikal die Habsburgermonarchie in das Alltagsleben ihrer mehr als 50 Millionen Einwohner eingriff. Für die gigantische Aufrüstung (bei Kriegsbeginn waren nicht mehr als 2761 Maschinengewehre und knapp 2500 Geschütze vorhanden) wurden Gesellschaft und Wirtschaft in einem Maß militarisiert wie in keinem anderen westlichen Staat. Grundlage dafür waren das außerhalb jeder politischen Kontrolle stehende Notverordnungswesen und das sogenannte Kriegsleistungsgesetz, das dem Militär Zugriff auf alles ermöglichte, was als kriegswichtig galt. Es erlaubte der Armee Beschlagnahmungen nicht nur im Kriegs-, sondern im gesamten Staatsgebiet. Kriegswichtige Betriebe wurden damit militärischer Führung unterstellt. Alle Arbeitsfähigen bis zum 50. Lebensjahr konnten für Rüstungsbetriebe zwangsverpflichtet werden und unterstanden militärischem Recht bis hin zur Todesstrafe. In dem Buch "14 - der große Krieg“ schreibt der deutsche Historiker Oliver Janz, das Militär in Österreich-Ungarn habe auf die Wirtschaft größeren Einfluss gehabt als das deutsche Militär auf die deutsche Kriegswirtschaft. Das österreichische System des Arbeitszwangs rief sogar den Neid deutscher Industrieführer hervor, so Manfried Rauchensteiner in seinem Standardwerk. *)

"Maximal slaughter at minimum expense"
In den Rüstungsbetrieben wurde täglich bis zu 16 Stunden gearbeitet, die Löhne entsprachen dem niedrigen militärischen Niveau. Der britische Pazifist Bertrand Russel nannte die maximale Steigerung der Rüstungsproduktion zu möglichst geringen Kosten "maximal slaughter at minimum expense“. Am Ende des zweiten Kriegsjahres hatte allein Wien 1600 Kriegsleistungsbetriebe, 40 Prozent der 700.000 Arbeitskräfte waren Frauen.

"Gehen S’ halt nach Serbien"
Als Franz Joseph am 28. Juli 1914 in der Bad Ischler Kaiservilla die Kriegserklärung an Serbien unterschrieb, war das Kriegsleistungsgesetz bereits seit zwei Tagen wirksam. Es zählte zu jenen Maßnahmen, welche die Kriegswirtschaft einleiteten. Der Gouverneur der Notenbank war bereits vier Tage vor der Absendung des Ultimatums an Serbien vertraulich informiert worden. Die Großbanken wurden am Tag der Übergabe des Ultimatums, am 23. Juli, aufgefordert, an die Notenbank keine größeren Ansprüche mehr zu stellen. Eine Woche später ermächtigte der Kaiser die Regierung in einer lakonischen Verordnung, alle Geldmittel für den Krieg "durch Kreditoperationen zu beschaffen“. Zugleich wurde die Notenpresse angeworfen. Nun gab es Geld für den Krieg, im Alltag konnte man immer weniger kaufen. 50.000 Soldaten brauchten täglich 130 Tonnen Lebensmittel und Futter für die Pferde, und nach der Mobilisierung im Sommer 1914 hatte die Habsburgerarmee mehr als drei Millionen Soldaten zu versorgen. Einer Wienerin, die den exorbitanten Preis der Innereien für die Hausmannskost Beuschel beklagte, antwortete ein Fleischhauer sarkastisch: "Gehen S’ halt nach Serbien, da kriagn S’ jetzt Beuscheln gnua.“

Tatsächlich waren die ersten Kriegsmonate für das k. u. k. Heer die blutigsten: Fast eine Million Soldaten war bis Weihnachten 1914 tot, vermisst oder verwundet.

"Ansätze eines totalen Krieges“ (Rauchensteiner) hatten bald auch die Arbeits- und Lebensverhältnisse abseits des direkten Kampfgeschehens. Das Kriegsüberwachungsamt zensurierte Briefe und Zeitungen, überwachte Einfuhr und Ausfuhr von Autos bis hin zu Aspirin. Da es für den Ernstfall keinen allgemeinen Wirtschaftsplan gab, unterschrieb der Kaiser im Oktober 1914 das Ermächtigungsgesetz als Basis für die Kriegswirtschaft. Damit wurden, unter anderem, 91 Zentralen zur Verteilung von Rohstoffen und Waren aller Art geschaffen. Sie reichten von der Metall- über eine Öl- und Brauzentrale bis zur Kriegskaffeezentrale und sollten den Bedarf des Heeres garantieren.

Für die Rüstungsproduktion wurden Rohstoffe beschlagnahmt, stillgelegte Bergwerke reaktiviert, das Kriegsministerium entschied über die Zuteilung von Arbeitern und Geld - und es wandelte viele Fabriken unter militärischer Führung in Rüstungsbetriebe um. Im größten Elek-trotechnik-Unternehmen der Monarchie, dem Siemens-Schuckert Werk in Wien, wurde nunmehr Munition erzeugt. "Austro-Fiat“, die Österreichische Automobil-Fabriks AG in Wien-Floridsdorf, lieferte dem Heer schwere Lkws und Flugzeugmotoren.

Die finanziellen Erfordernisse der Militärs stiegen ins Enorme. Die ungarische Reichshälfte forderte im Juni 1915 in einer Krisensitzung Sparsamkeit. Der einzige Vorschlag des Kriegsministers Alexander von Krobatin zeugte von der Abgehobenheit der Militärs: Krobatin meinte, allein in Wien gebe es 3000 "Luxusautos“, die könne man fürs Militär requirieren und so auch Benzin und Gummi sparen.

Der Wettlauf um immer mehr und immer modernere Waffen wird an den Rüstungszahlen deutlich. 1914 waren in Österreich-Ungarn 150.000 Gewehre erzeugt worden, zwei Jahre später waren es 1,2 Millionen. Die Produktion von Maschinengewehren wurde von 1000 auf jährlich 15.000 erhöht. Dazu kamen vier Millionen Stück Gewehrmunition täglich.

An Geschützen, so Christian Ortner, Direktor des Heeresgeschichtlichen Museums Wien, hatte man 1914 alles aktiviert, "was in den Depots noch aufgefunden werden konnte. Die Artillerie trug im ersten Kriegsjahr den Nimbus des ‚letzten Aufgebots‘.“ Bald bekam die k. u. k. Armee jedoch schwere Artillerie, die eben so zerstörerisch war wie die "dicke Bertha“, das berühmte von den deutschen Krupp-Werken hergestellte Kriegsgerät. Die Vorzeigewaffe Österreich-Ungarns war ein 42-Zentimeter-Mörser, dessen tonnenschwere Munition eine Reichweite von 15 Kilometern erreichte. Das Gerät kam auf einen Stückpreis von weit über einer Million Kronen, gesamt ließ die Habsburgermonarchie acht Stück davon bauen.

Hauptlieferant der schweren Waffen waren die Skoda-Werke im tschechischen Pilsen, mit einer Auftragssumme von einer halben Milliarde Kronen der zweitgrößte Heereslieferant (größter war mit 1,2 Milliarden Kronen der Konservenproduzent und Lebensmittelgroßhändler Wetzler & Co. in Wien). Für die in Pilsen eilends entwickelte Belagerungshaubitze konstruierte Ferdinand Porsche in den Daimler-Werken Wiener Neustadt das aufwendige Schleppgerät für das 80 Tonnen-Geschütz.

In den tschechischen Industriegebieten wurden Streiks in Rüstungsfabriken dem Militärdelikt der "Meuterei“ gleichgesetzt. Streikführer wurden wegen Meuterei zu Kerkerstrafen verurteilt.

Militärische Disziplinargewalt
In Österreich streikten nach dem Hungerwinter 1916/17 mehr als 15.000 Arbeiter und Arbeiterinnen im Wiener Arsenal, der großen staatlichen Rüstungsschmiede. Sie erreichten, dass die Arbeitszeit wenigstens an Samstagen auf acht Stunden beschränkt wurde. Die im Eisenwirtschaftsrat vertretenen Rüstungsindustriellen kritisierten das scharf als "Beschwichtigungskurs der kaiserlichen Regierung“. Einer forderte, streikende Arbeiter "wie Fahnenflüchtige“ zu behandeln, also vor Standgerichte zu stellen. Zu diesem Zeitpunkt war bei den Arbeitern aufgrund des Hungers und in der Rüstungsproduktion aufgrund Rohstoffmangels bereits Erschöpfung eingetreten. Die Heeresverwaltung forderte täglich die Produktion von 70.000 Stück Artilleriemunition, geschafft wurde ein Drittel. Als letztes Druckmittel wurden in den kriegswichtigen Betrieben Landsturmabteilungen aufgestellt und Arbeiter militärisch vereidigt. Damit waren sie direkt militärischer Disziplinargewalt unterworfen.

Dem alten Kaiser, heißt es, sei die Politik der harten Hand ganz willkommen gewesen. Zu den Milliardenkosten des Krieges steuerte Franz Joseph über Kriegsanleihen 44 Millionen Kronen bei. Sein Nachfolger Karl I. ließ plakatieren, dass er für die beiden letzten Kriegsanleihen je zwölf Millionen Kronen lockergemacht habe. Das Hofprotokoll sorgte für Zeitungsnotizen, wonach die Kinder des am Vorabend des Krieges in Sarajevo ermordeten Thronfolgerpaares "einen namhaften Betrag“ gegeben hatten.

* Manfried Rauchensteiner: Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburgermonarchie, Böhlau-Verlag, 2013

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