Roma in Oberwart: "Wir sind nach wie vor nicht erwünscht"

Roma in Oberwart: "Wir sind nach wie vor nicht erwünscht"

20 Jahre nach dem Attentat von Oberwart hat sich das Leben der Roma nicht viel verändert.

Die knapp 30 Häuser stellen die größte zusammenhängende Roma-Siedlung in Österreich dar: Am Stadtrand von Oberwart im südlichen Burgenland leben rund 60 Personen. Wer hier nahe dem Wasserwerk an der Adresse Am Anger wohnt, hat wenig Chancen auf einen Job in der Stadt. Auch mit den unter Roma geläufigen Familiennamen wie Horvath, Sarközi oder Baranyai fällt man bei Ämtern und Unternehmen auf.

Fackelzug zu Mahnmal
Doch am 4. Februar werden hier wieder Politiker - allen voran Bundespräsident Heinz Fischer, Landeshauptmann Hans Niessl - kirchliche Würdenträger, Mitbürger und Nachbarn ihre Solidarität mit der in Österreich erst spät anerkannten Volksgruppe bekunden. Ein Fackelzug wird zum Mahnmal an das blutigste politische Attentat in der Geschichte der Zweiten Republik führen: In der Nacht auf den 5. Februar 1995 wurden hier vier junge Roma-Männer aus der nahen Siedlung durch eine Sprengfalle ermordet, errichtet von dem zwei Jahre später gefassten Bombenleger Franz Fuchs. "Roma zurück nach Indien“, stand auf der Tafel, welche die vier Männer auf der Straße fanden.

Als die Bombe detonierte, schliefen viele in der Siedlung schon oder dachten an ein Feuerwerk beim nahen Messezentrum. Erst am nächsten Morgen wurden die vier schrecklich entstellten Leichen im Schnee gefunden. Die Polizei ging - den üblichen Vorurteilen folgend
- zunächst von einer "Fehde“ unter Roma aus und durchsuchte die Häuser nach Sprengstoff und Waffen.

Julius Berger (48) ist der um ein Jahr ältere Bruder von Peter Sarközi, einem der vier Opfer. Der im Moment - wie meist im Winter - arbeitslose Bauarbeiter freut sich im Gespräch mit profil darüber, dass "grobe Beschimpfungen seltener zu hören“ sind. Auch der Zugang zu Ämtern sei leichter geworden. "Aber wir sind bei den meisten nach wie vor nicht erwünscht. Uns haben sie halt schon vor 100 Jahren nicht gemocht. Das ändert sich nicht so schnell.“

Neidvolle Blicke im Supermarkt
Berger spricht aus Erfahrung. Sein Sohn kam vor 15 Jahren in die Volksschule in Oberwart. Da er von seiner Mutter, einer Halb-Romni, blonde Haare hat, wurde er am ersten Schultag weiter nach vorne gesetzt. Dann fiel er als Roma-Kind auf und musste den Platz wechseln. Es gibt auch unbedeutend erscheinende Zwischenfälle, die Berger als Diskriminierung im Alltag erlebt. Die neidvollen Blicke im Supermarkt, wenn das Wagerl vollgefüllt ist. Oder wenn ein Bewohner der Siedlung ein teureres Auto fährt oder einen großen Flachbild-Fernseher besitzt. "Dann heißt es gleich, was wir uns nicht alles leisten können. Dass jemand wie ich sein Geld hart am Bau verdient, normal Steuern bezahlt und nicht anders lebt als sie, kümmert diese Neidhammeln nicht.“

Wer kann, zieht ohnedies nach Wien oder in eine andere größere Stadt. So haben inzwischen fast alle Angehörigen der vier Bombenopfer die Siedlung verlassen. Nach dem Attentat von Politikern gegebene Versprechungen wurden nur teilweise gehalten. Immerhin wurden die kleinen Häuser im Besitz der Gemeinde renoviert. Aus den Kaminen steigt Holzrauch, weil die oft zugesagte Gasleitung bis heute nicht gebaut wurde. Die Stadtgemeinde sei schwer verschuldet, heißt es. Die Straße zur Siedlung wurde mit dünnem Spritzasphalt überzogen. Das kurze Stück bis zum Ort des Attentats blieb ein Feldweg mit tiefen Schlaglöchern.

Im Bezirk Oberwart leben rund 1500 Roma. 1987 kam es hier zu einer Protestbewegung. Junge Angehörige der Volksgruppe ließen sich die Behandlung durch Lokalbesitzer, die sie aus Discos und Cafés aussperrten oder nicht bedienen wollten, nicht länger gefallen. Sie sammelten Unterschriften und schrieben einen Brief an Bundespräsident Kurt Waldheim. "Wir fühlen uns von der Gesellschaft ausgestoßen“, hieß es darin: "Wir möchten die gleichen Rechte wie jeder Staatsbürger in Österreich.“ In einer ORF-TV-Debatte machte die Verfasserin des Briefs, Susanne Horvath-Baranyai, auf die Probleme der Minderheit aufmerksam. 1989 gründete sie den "Verein zur Förderung von Roma“ in Oberwart, den ersten derartigen in Österreich. Viele Nicht-Roma unterstützten das Projekt. Das Klima in der Stadt verbesserte sich. "Wir werden jetzt bei Ämtern oder bei der Polizei besser behandelt“, erzählt Mario Baranyai vom Roma-Verein: "Früher wurden Roma-Kinder sofort in die Sonderschule abgeschoben. Dadurch konnten sie später meist nur Hilfsarbeiter werden.“

Heute gibt es eigene Beratungsstellen, Förderkurse und Gratis-Nachhilfe im neuen Roma-Zentrum im ehemaligen Bauhof der Stadt. Kinder beherrschen aber nur noch wenige Wörter auf Romanes. Für einen eigenen Sprachunterricht gab es zu wenige Anmeldungen.

Kein Platz bei Freiwilliger Feuerwehr
Die zuletzt amtierenden Bürgermeister von Oberwart werteten die Minderheit nicht mehr bloß als Belastung. Das derzeit amtierende Stadtoberhaupt Georg Rosner (ÖVP) zeigt sich stolz darauf, dass die Volksgruppe trotz noch immer bestehender Vorurteile "ein Teil der Stadt“ sei. Es gibt einen Roma-Fußballclub und eine Roma-Band. Bei der Freiwilligen Feuerwehr sind Roma aber nach wie vor nicht willkommen.

Ein erfolgreiches Job-Programm der Caritas, "Mri Buti - Meine Arbeit“, wurde vor sechs Jahren beendet. Männer wurden jahrelang für Garten- und Forstarbeit vermittelt, Frauen für Wäsche- und Bügelarbeiten in nahe gelegenen Kurhotels. Rund 20 Roma verfügten so zumindest zeitweilig über ein Einkommen. "Dieses Projekt sollte möglichst bald wiederbelebt werden“, fordert Sozialberater Rainer Klien von SOS-Mitmensch. Bis heute komme es leider immer wieder zu Behördenwillkür, berichtet Klien. Vor zwei Jahren drohte einer Romni aus Rumänien die Abschiebung, obwohl sie EU-Bürgerin ist und einen Oberwarter Rom geheiratet hat. "Man wollte ihrem Kind nicht einmal eine Geburtsurkunde ausstellen, obwohl es im Oberwarter Spital zur Welt kam“, erzählt Klien, der immerhin erfolgreich intervenierte.

"Zuerst kamen im Zuge der EU-Erweiterung auch Roma aus Ost- und Südosteuropa“, so der Flüchtlingsbetreuer: "Und jetzt stehlen als neue Feindbilder Asylwerber aus Syrien oder Pakistan den Burgenländer Roma die Show.“

Roma als Verlierer der Ostöffnung
Die Wirtschaftsflaute traf die Minderheit hart. Nach einer WIFO-Studie zählen die Roma im Südburgenland zu den größten Verlierern des EU-Beitritts und der Ostöffnung. Denn schlecht ausgebildete Hilfskräfte gibt es nun billiger jenseits der Grenze, in Ungarn. Ein großer Teil der EU-Förderungen für das Burgenland floss in den neuen Dienstleistungsbereich, für den Roma oft nicht genug qualifiziert waren.

Auch die Situation für die Volksgruppe in Ungarn habe sich nicht spürbar gebessert, weiß die ungarische Roma-Aktivistin Lívia Járóka, die zehn Jahre lang, bis 2014, als erste Roma-Abgeordnete im Europäischen Parlament tätig war. "Der wichtigste Faktor ist Bildung. Nur so kommen Roma aus der Armutsfalle heraus.“

In Österreich leben nach Angaben von Rudolf Sarközi, dem Vorsitzenden des Volksgruppenbeirates, mit den aus Ost- und Südosteuropa zugewanderten Roma und Sinti "zwischen 20.000 und 30.000 Personen“, mehr als zwei Drittel davon in Wien. Vorfahren in Österreich haben davon höchstens 7000.

Mühsamer Weg zur Anerkennung
Sarközi, der im NS-Lager Lackenbach im Burgenland geboren wurde, gehört als 70-Jähriger zu den letzten Überlebenden des Holocaust unter den Roma. Vor 1938 lebten rund 11.000 Roma in Österreich; sie waren schon im Ständestaat schweren Diskriminierungen ausgesetzt gewesen. Nach 1945 hatten von ihnen nur 1500 bis 2000 Personen überlebt. Dennoch setzten sich Benachteiligung und Verfolgung in der Zweiten Republik fort. Für Roma gab es auch lange keine Entschädigung wie für andere NS-Opfer. "Wir mussten uns in den Nationalfonds zur Entschädigung von NS-Opfern mühsam hineinreklamieren“, berichtet Sarközi. 1991 gründete er in Wien den "Kulturverein österreichischer Roma“. Zwei Jahre später erreichte Sarközi die Anerkennung der Roma und Sinti als sechste Volksgruppe in Österreich. Damit gab es auch Fördermittel, die in einen eigenen Fonds flossen. Daraus werden Bildungsprogramme und Nachhilfekurse finanziert, aber auch soziale Hilfsprojekte. Sarközi arbeitet im Verein gemeinsam mit seiner Gattin und einem Sohn ehrenamtlich.

Bis zu seiner Pensionierung war er LKW-Fahrer bei der Wiener Müllabfuhr und wurde für seine Verdienste um die Volksgruppe mehrfach ausgezeichnet. Stolz ist Sarközi darauf, dass auf Initiative seines Vereins inzwischen mehrere Mahnmale in Österreich für die unter der NS-Herrschaft ermordeten Roma und Sinti errichtet wurden. In Wien wurden auch einige Straßen und Plätze nach ihnen benannt. Anders als in Deutschland gibt es in Österreich noch keinen Zentralrat der Roma und Sinti. Sarközi will das der neuen Generation seiner Volksgruppe überlassen. "Das sollen ruhig andere tun. Bisher hieß es immer:, Rudi, mach du das!‘ Aber ich bin alt. Ich kann mich nicht mehr um alles kümmern.“

Chronologie

1993: Erste Briefbomben. Unter den Opfern: Wiens Alt-Bürgermeister Helmut Zilk

1994: Rohrbombe in Klagenfurt verletzt Polizisten.

5.2.1995: Bei Sprengattentat sterben vier Roma in Oberwart. Tags darauf verletzt Bombe in Stinnatz Arbeiter.

Juni 1995 bis Dezember 1996: Weitere Briefbomben und Pamphlete der "Bajuwarischen Befreiungsarmee“

1.10.1997: Bei einer Polizeikontrolle in Gralla (Steiermark) zündet Franz Fuchs eine Bombe und verliert beide Hände. 1999 wird er zu lebenslanger Haft verurteilt. Ein Jahr später Selbstmord in seiner Zelle in Graz/Karlau.