Sadistischer Schlussakkord: Endkriegsverbrechen des Jahres 1945

Sadistischer Schlussakkord: Endkriegsverbrechen des Jahres 1945

Die Befreier sind schon ganz nah, doch in den letzten Tagen und Stunden kommt es noch einmal zur Entladung: US-Bomberbesatzungen wurden gelyncht, Deserteure gehängt, Juden ermordet. Eine Ausstellung auf dem Wiener Heldenplatz spricht das Tabu der Endkriegsverbrechen an – die unter den Augen der Zivilbevölkerung stattfanden.

Man kennt die Verbrechen des Nationalsozialismus. Doch es gibt Exzesse der Gewalt, die treiben noch heute Tränen in die Augen, wenn man in Gerichtsakten davon liest. Sie sind besonders grausam, weil sie zu einem Zeitpunkt stattfanden, da selbst in der Logik des nationalsozialistischen Verbrecherregimes alles schon verloren war: In den letzten Augenblicken vor Kriegsende, kurz bevor die Rote Armee, amerikanische GIs, britische oder französische Soldaten anrückten, wurde besonders sadistisch gequält, gemordet – oder stumpf weggeschaut.

Der Kampf um Wien war am 11. April 1945 entschieden. Es waren die ersten Stunden des Friedens und der Plünderungen. Im Palais Auersperg trafen sich Vertreter des Widerstands. Spätere Minister und Staatssekretäre brachten sich in Stellung. Damen im Pelz stiegen über Scherben in die Geschäfte der Innenstadt ein und rafften an sich, was sie tragen konnten. Die Rote Armee hatte Wien bis zum Donaukanal befreit, und am Abend dieses denkwürdigen Tages nahm sie die Leopoldstadt ein. Zu spät. Ein SS-Kommando hatte dort wenige Stunden zuvor Jagd auf versteckte Juden gemacht und sie in letzter Sekunde ermordet.

Die Gleichzeitigkeit von Frieden und Terror macht wütend. Während sich am 28. April auf dem Wiener Rathausplatz die Wienerinnen mit Sowjetsoldaten im Walzertakt drehten und Karl Renner die Regierungsgeschäfte aufnahm, sah der Hauptplatz in Amstetten aus wie eine von IS-Terror-Milizen eroberte Stadt. An Dutzenden Laternenpfählen baumelten in den letzten Apriltagen die Leichname junger Wehrmachtssoldaten, die ohne Marschpapiere erwischt und von fliegenden Standgerichten zum Tode verurteilt worden waren. Abgeschossene US-Bomberbesatzungen, die mit ihren Fallschirmen im Raum Linz zu Boden schwebten, wurden noch in der Luft erschossen, zu Tode geprügelt, gesteinigt oder aufgehängt. Am 28. April 1945 kamen 42 oberösterreichische Widerstandskämpfer in der Gaskammer im KZ-Mauthausen um. Gauleiter August Eigruber hatte das angeordnet: „Damit die Alliierten keine aufbauwilligen Kräfte vorfinden.“

Ein monströses Verbrechen aber geschah unter den Augen, auch unter Beteiligung der Zivilbevölkerung. Es wurde an den ungarischen Juden verübt, die zu Zigtausenden durch das Burgenland, die Steiermark und Oberösterreich nach Mauthausen getrieben wurden, halb verhungert, ohne Essen und Wasser, der Mordlust ihrer Eskorte ausgeliefert. Mehr als 20.000 Juden kamen so im April 1945 noch ums Leben.

Woher kam diese Mordlust am Ende aller Tage? Warum wurde nicht Opportunismus zum Kalkül? Glaubten die Mörder denn, straflos davonzukommen? Vor allem: Die Morde fanden nicht allein hinter den Mauern von Konzentrationslagern statt, sondern in aller Öffentlichkeit.

Bei den Todesmärschen der Juden genügten ein paar Fanatiker im Volkssturm, um Exzesse auszulösen. Der Antisemitismus in der Bevölkerung war so tief verankert, dass die Taten selten Abscheu auslösten. In den letzten Kriegswochen hatten sich die Strukturen aufgelöst, lokale Machthaber, niedrige Dienstgrade hatten plötzlich das Sagen und führten die Gewalt des NS-Regimes auf ihre letzten rauschhaften Höhepunkte.

Untersuchungen über die „Lynchjustiz“ an jungen amerikanischen Soldaten zeigen, dass die ­Nationalsozialisten die Bevölkerung darauf eingeschworen hatten, sich an den amerikanischen und britischen „Terror“-Bombern, wie es in NS-Diktion hieß, zu rächen. Es war gewünscht, dass der Mob die zu Boden kommenden Soldaten steinigt, zu Tode prügelt oder erschießt. Frauen, selbst Rot-Kreuz-Schwestern, waren dabei ebenso aktiv wie SS-Männer und lokale Parteifunktionäre. Besonders wenn sich herausstellte, dass einer der US-Soldaten ein Jude war (sie hatten ein H für Hebrew auf der Erkennungsmarke) oder wenn es sich um einen Schwarzafrikaner handelte.

Der Luftkrieg war die Heimatfront, die „Avantgarde der Rache“ in den Worten von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels. In seiner Abteilung wurde analysiert, wie „der Depression der kriegsmüden Deutschen und Ostmärker ein Ventil geöffnet werden“ könne, indem man die Stimmung in Hass und Gewaltaktionen kanalisierte. Das traf besonders auf das Kriegsende zu.

„Die Bombardements galten als das Verbrechen der Alliierten schlechthin. Das NS-Propagandabild von den alliierten Terrorbombern ist bis heute in den Köpfen der Menschen verankert“, sagt der Grazer Zeithistoriker Georg Hoffmann. Er hat anhand von Gerichtsakten erstmals die Fliegermorde in Österreich untersucht. 91 Morde sind durch Akten belegt, die Dunkelziffer ist jedoch weit höher. 114 US-Air-Force-Soldaten sind auf österreichischem Gebiet verschollen. Sie wurden nie gefunden. Sein Buch „Fliegerlynchjustiz. NS-Gewaltverbrechen im Bombenkrieg“ erscheint demnächst im Ferdinand-Schöningh-Verlag.

Die bisher unbekannten Fliegermorde sind Teil der Ausstellung „Kriegsende 1945. Verdichtung der Gewalt“ die ab 16. April unter freiem Himmel auf dem Wiener Heldenplatz gezeigt wird. Auf Litfaßsäulen werden zwölf Orte des Grauens präsentiert, an denen sich in den letzten Kriegstagen Ungeheuerliches ereignet hat.

„Denkt man an die Befreiung im April 1945, fallen einem gelernten Österreicher sofort Bombenopfer und Vergewaltigungen ein. Wir wollen die traditionelle Erinnerung brechen und die verschwiegenen Geschichten erzählen“, sagt die Historikern Heidemarie Uhl von der Akademie der Wissenschaften.

Die Taten wurden selten fotografisch dokumentiert. Was man von den Verbrechen weiß, stammt aus einigen wenigen Gerichtsakten. Bei Fliegermorden ermittelten US-Behörden. Schuldige wurden selten gefunden. Die britische Militärverwaltung strengte in der Steiermark mehrere Verfahren wegen der Todesmärsche an. Es gab 16 Schuldsprüche, davon drei Todesurteile, die in Haftstrafen umgewandelt wurden.

Die Historikerin Monika Sommer hatte die Idee, mit großformatigen Bildern der Tatorte aus der Jetztzeit zu irritieren: eine Waldlichtung in Gunskirchen auf der einen, Leichenberge, die man bei der Befreiung dort vorfand, auf der anderen Seite der Litfaßsäule.

„Es gibt Orte, die erklären sich von selbst. Der Stollen in Ebensee etwa, in dem KZ-Insassen zu Tode geschunden wurden“, sagt der Fotograf Stefan Olah, der tagelang mit den Historikern unterwegs war, um den richtigen Blickwinkel zu finden. „Doch der Wald in Gunskirchen ist trügerisch. Leute gehen hier mit ihren Hunden spazieren, es laufen Jogger vorbei. Da stockt einem der Atem, wenn man erfährt, was da war."

„Lynchjustiz“

Spätestens im Dezember 1944 war der US-Armee klar geworden, welchen Gefahren ihre Flieger ausgesetzt waren, wenn sie zu Notabsprüngen mit Fallschirmen gezwungen waren. Aus einem Brief, der bei einem Waffen-SS-Mann in der Nähe von Wien gefunden wurde, ging hervor, dass US-Fliegersoldaten von der Zivilbevölkerung „wie Hunde abgeschlachtet würden“. Schon davor war es immer wieder zu Erniedrigungen gefangener US-Flieger gekommen. Sie mussten sich bis auf die Unterhose ausziehen, wurden unter Gejohle der Bevölkerung vorgeführt. Sie wurden angespuckt, verhöhnt und mit Holzlatten verprügelt. Im letzten Kriegsjahr aber wurden sie durchgehend gelyncht. Das war ein Verstoß gegen die Genfer Konvention, aber so war der Krieg auf deutscher Seite von allem Anfang an geführt worden.

Wenn ein Fliegersoldat nicht sofort der Luftwaffe übergeben wurde, sondern der SS, dem Volkssturm oder einem Suchtrupp in die Hände fiel, war die Chance, zu überleben, nicht besonders groß. Die NS-Propaganda hatte in dieser Hinsicht ganze Arbeit geleistet. Der Hass der Bevölkerung auf die sogenannten „Terror“-Flieger war systematisch eingepflanzt worden. Bis heute ist der Bombenkrieg eine Sache, die man den Alliierten nicht verzeiht.

Es war kaum spontan entfesselte Wut, die Zivilisten, darunter auch viele Frauen, zu Mördern werden ließ. In der Regel lief es so ab, dass fanatische Nationalsozialisten eine neugierige Menge aufforderten, zuzuschlagen, Rache zu nehmen, und wenn einmal der erste Stein geworfen war, folgte ein kollektiver Ausbruch von Hass und Gewalt. Das Team Georg Hoffmann und Nicole-Melanie Goll identifizierte unter den Tätern jeweils ein Drittel NSDAP-Funktionäre und SS, sechs Prozent Wehrmachtssoldaten, 18 Prozent Suchtrupp-Angehörige, 14 Prozent Männer und Frauen ohne irgendeine Funktion.

Am 22. März wurden in Wien 31 Fliegersoldaten durch die Innenstadt getrieben, drei überlebten die Tortur nicht. Besonders brutal ging die Bevölkerung mit US-Fliegern im Raum Linz um. Von 91 dokumentierten Morden fanden 70 in dieser Region, im toten Winkel zwischen Roter Armee und Westalliierten statt. In Perg, wo ein Bürgermeister ein Begräbnis für einen erschossenen US-Flieger zugelassen hatte, wurde der Politiker daraufhin selbst zum Tode verurteilt. Er konnte flüchten. In einer SS-Kaserne in Graz wurden US-Flieger Scheinhinrichtungen unterzogen. Kurz zuvor waren in Graz vier US-Soldaten vor 100 Schaulustigen gelyncht worden.

Besonderes Unglück hatte der 24-jährige Walter P. Manning. Er war am 1. April 1945 von einem US-Stützpunkt in Italien gestartet. Seine Maschine kam in der Nähe von Kematen an der Krems ins Trudeln. Als Manning am frühen Nachmittag mit seinem Fallschirm zu Boden kam, wurde er sofort von einer aufgebrachten Menge belagert. An diesem Tag war in der „Oberdonau-Zeitung“ ein Artikel über einen anderen US-Flieger erschienen: „Ein Mischling mit wulstigen Negerlippen, brutalem Gesichtsausdruck und stumpfen Mienen.“ Auch Manning war dunkel. Einige Wehrmachtssoldaten wollten ihn sofort erschießen. Ein Oberzahlmeister der Wehrmacht rettete den Kriegsgefangenen, indem er ihn in sein Auto lud und in den Fliegerhorst Linz-Hörsching brachte. Den lokalen Nazis war das gar nicht recht. Der NSDAP-Ortsgruppenleiter beharrte auf der Herausgabe der Trophäe und informierte höhere Stellen.

In der Nacht zum 4. April gegen drei Uhr morgens erschienen zwei NS-Führungsoffiziere in der Wachstube, unterstützt von fanatisierten Nazis, die sich vor dem Kasernentor versammelt hatten, und erzwangen die Herausgabe von Manning. Manning wurde herausgezerrt und schwer misshandelt, bevor man ihm die Hände am Rücken zusammenband und ihn an einem Telegrafenmast unmittelbar neben der Kommandantur erhängte. Der Kommandant der Kaserne versuchte, den Vorfall zu vertuschen. Er sprach von einem „Scherz“. Gerüchte seien wegen einer „Strohpuppe“ entstanden. Die Ermittlungen 1945 verliefen ergebnislos.

„Vor aller Augen“

Die Todesmärsche der ungarischen Juden führten durch halb Österreich, durch das Burgenland, Niederösterreich, die Oststeiermark, Graz, Leoben, über die alte Eisenstraße nach Mauthausen. Das war die Hauptroute. Rund 40.000 ungarische Juden, die zu Schanzarbeiten am Süd-Ost-Wall gezwungen worden waren, wurden in Marsch gesetzt, als die Rote Armee näherrückte.

Das Verbrechen geschah in aller Öffentlichkeit. Kolonnen halb verhungerter, kranker Menschen bewegten sich durch Dörfer und Städtchen, eskortiert von Volkssturm, SS, Hitler-Jugend. Leichen säumten den Weg. Wer nicht mitkam, wurde erschossen, wer an einem Brunnen haltmachte, um Wasser zu trinken, wer um ein Stück Brot bettelte, wurde niedergeknallt. Es wurde auch aus reiner Mordlust in den Menschenzug geballert. Die wenigen Anrainer, die den Juden helfen wollten, wurden beschimpft. Wachen, die sich weigerten, zu schießen, wurden bedroht. Doch sonst geschah ihnen nichts. Die Juden aßen Gras und labten sich an stehenden Lacken.

Als die Rote Armee am 29. März 1945 die burgenländische Grenze überschritt, stießen die Soldaten auf Spuren eines Massakers, das in einer alkoholgeschwängerten Nacht von Gästen der Gräfin Batthyany verübt worden war. 180 nicht mehr gehfähige Juden waren in Rechnitz unweit des Schlosses erschossen worden. Nördlich davon, im Römersteinbruch St. Margarethen waren die, die nicht mehr konnten, von Felsbrocken erschlagen worden, die von der SS von der Kante heruntergerollt worden waren.

Ein Blutbad richtete in der ersten Aprilwoche eine Volkssturmeinheit aus Eisenerz ein, besonders gesinnungstreue SA-Männer, teils Kriegsversehrte mit nur einem Arm. Trotz mehrmaliger Mahnung der Polizei, nicht grundlos auf die Menschen zu schießen, wurde wahllos in die Kolonne geknallt. „Die Hunde und Schweine verdienen alle, erschossen zu werden“, hatte der lokale Anführer der Volkssturmeinheit ausgegeben und einen Preis ausgesetzt, für den, der die meisten „schafft“. Manche wollten nicht mittun, hatten aber Angst vor den anderen und verweigerten sich „heimlich“, wenn niemand hinsah. Ein Zeuge sagte 1946 vor einem britischen Militärgericht: „Die meisten der Juden waren barfüßig, obwohl es zehn Zentimeter Neuschnee hatte. Auf der einen Seite gingen die Wächter, die immer wieder in die ganz langsam dahinschleichenden Juden hineingeschossen haben. Manche zielten derart, dass die Schüsse in der Bauchgegend trafen. Man ließ sie einfach liegen.“ Wer das überlebte, konnte später kaum darüber sprechen.

Mitte April war das KZ-Mauthausen bereits so überfüllt, dass die ungarischen Juden weiter getrieben wurden, in das 50 Kilometer entfernte Lager Gunskirchen. Ein paar Baracken im Wald. 20.000 Menschen waren hier zusammengepfercht worden. Die meisten lagerten im Freien. Mehr als 3000 Menschen starben allein in den letzten Kriegstagen. Als die US-Armee am 4. Mai die Absperrung des Lagers durchbrach, sah sie Gestalten, mehr tot als lebendig, die ihnen entgegenschwankten und nach ein paar Schritten auf die Knie fielen und starben.

In der Nacht vom 2. auf den 3. Mai wurden mehr als 200 Juden bei Hofamt Priel erschossen, kranke, geschwächte Nachzügler, die es niemals nach Mauthausen geschafft hätten. Man kennt einige Opfer, weil ein Gendarm den Tatort fotografiert, persönliche Dokumente sichergestellt hatte.

Im KZ-Ebensee wurden die Menschen bis zum Eintreffen der Amerikaner rücksichtslos geschunden. Am 4. Mai versuchte der Kommandant des Lagers, Anton Ganz, die Überlebenden in die Stollenanlagen zu treiben und sie in die Luft zu sprengen. Die Häftlinge widersetzen sich. 24 Stunden später waren die Amerikaner da.

„Mord in Stein“

Am 6. April war die Rote Armee schon in Wien eingetroffen, und selbst in der Gefängnisanstalt Stein hörte man den Kampflärm der nahen Front. Die Order, wie mit Gefängnisinsassen zu verfahren sei, wenn die Front näherrückte, war unklar und vage. Gefängnisdirektor Franz Kodre entschied, dass die 1900 vorwiegend politischen und ausländischen Häftlinge gruppenweise in die Kleiderkammer geführt werden und frei gelassen werden sollten. Fanatische Nationalsozialisten unter den Aufsehern boykottierten die Weisung, verständigten die Kreisleitung der NSDAP und drängten mithilfe von Waffen-SS, Wehrmacht und Volkssturm die Leute wieder in den Gefängnishof zurück und eröffneten das Feuer. Die Gefängnisleitung wurde festgenommen und im Hof an die Wand gestellt. Ihre Leichen sollten zur Abschreckung auf den Bäumen vor der Anstalt aufgehängt werden. Das tat man dann aber doch nicht. Geflüchtete Gefangene wurden noch Tage später in der Umgebung von Stein gejagt und erschossen. In und um Krems starben in diesen Tagen etwa 400 Menschen. Der spätere Bundeskanzler Leopold Figl und der Schauspieler Paul Hörbiger hatten Glück gehabt. Sie waren am 6. April im Wiener Landesgericht freigelassen worden.

„Nero“-Befehl

„Ich habe mit den Bolschwiken paktiert!“ stand auf den Schildern, die den öffentlich zur Schau gestellten Leichnamen der Wehrmachtsoffiziere Karl Biedermann, Alfred Huth und Rudolf Raschke um den Hals gehängt worden waren. Die Gruppe um Major Carl Szokoll hatte versucht, Wien kampflos zu übergeben und dafür Kontakt zur Roten Armee aufgenommen. Es war der Versuch, eine Zerstörung wie in Budapest zu vermeiden, wo Straße für Straße und Haus ums Haus gekämpft worden war und mehr als 100.000 Menschen um Leben kamen. Adolf Hitler hatte auch für Wien den sogenannten „Nero“-Befehl ausgegeben: Kämpfen bis zuletzt, alles zerstören.

Doch die Gruppe war verraten worden. Szokoll und andere Widerständler konnten flüchten. Die drei Offiziere wurden am 8. April am Floridsdorfer Spitz an Laternenpfählen aufgehängt.

In letzter Sekunde

Der Bund sozialdemokratischer Freiheitskämpfer und Hunderte Wiener Berufsschüler werden heuer erstmals einen Gedenkmarsch von der Förstergasse Nummer 7 in der Leopoldstadt zum Rathaus machen. Der Anlass macht wütend und traurig. In buchstäblich letzter Sekunde waren hier neun versteckte Juden und Jüdinnen umgebracht worden.

Rechts vom Donaukanal war Wien bereits befreit. In den Abendstunden des 11. April setzen Einheiten der Roten Armee über den Kanal und nahmen den 2. Bezirk ein. Doch ein paar Stunden zuvor waren noch Angehörige des SS-Jagdverbandes Süd-Ost in den Straßen des 2. Bezirks unterwegs gewesen. Die Gruppe des berüchtigten Otto Skorzeny, der sich nach dem Krieg jeder Verantwortung für seine Verbrechen entzog, machte dort Jagd auf versteckte Juden. Vermutlich auf eine Denunziation hin drangen die SSler in den Nachmittagsstunden in den Keller des Wohnhauses Förstergasse 7 ein und schrien: „Juden hervortreten!“ Sie zerrten neun Menschen aus dem Keller, erschossen sie in der Hauseinfahrt und verscharrten sie im nächstgelegenen Bombenkrater. Kurz nach Mitternacht fuhren Soldaten der Rote Armee durch die Förstergasse.

Die erste Ausgabe der Zeitung „Neues Österreich“ (der Kommunist Ernst Fischer wie der Schauspieler Paul Hörbiger gehörten zur Herausgeberschaft) berichtete am 23. April 1945 über den Vorfall: „Da stürzt nachmittags, so gegen halb vier, ein Oberscharführer mit zwei SS-Männern in den Flur des Hauses Nr. 7, stellt sich vorm Eingang zum Keller auf und schreit: ‚Ausweisleistung: Juden und Jüdinnen vortreten.‘ (...) Nun spielt sich ein erschütternder Auftritt ab. Frau Pfeiffer, die wohl ahnt, welches Schicksal ihres Mannes harrt, wirft sich vor dem Oberscharführer auf die Knie und fleht ihn mit erhobenen Händen an, ihr den Mann zurückzugeben. Eine alte Frau wird ohnmächtig. Doch das alles rührt den Herrn Oberscharführer nicht. Als Erstes wird der 20-jährige Kurt Mezei auf die Straße gestoßen. (…) Ein paar Stunden später sind russische Panzer über die Augartenbrücke in den 2. Bezirk eingedrungen. Da liegen die Leichen der Förstergasse schon in einem nahen Bombentrichter, verstümmelt.“

Gehenkte Deserteure

Am Hauptplatz von Amstetten baumelten in den letzten Apriltagen 1945 täglich mehrere Dutzend Wehrmachtssoldaten von den Laternenmasten. Zur Abschreckung wurden ihre Leichname zur Schau gestellt. Soldaten, die ohne Marschpapiere aufgegriffen wurden, die verdächtige Wunden und Bandagen hatten oder mit defätistischen Aussagen auffielen, wurden von so genannten fliegenden Standgerichten wegen „Fahnenflucht und Selbstverstümmelung“ verurteilt und hingerichtet. Der spätere Justizminister Christian Broda, der damals dem Reserve-Lazarett im Amstetten zugeteilt war, hielt in seinem Tagebuch fest: „Meine letzten Erinnerungen an Amstetten. Gehenkte Deserteure am Hauptplatz.“

Amstetten war ein Zentrum der Deserteurshinrichtungen. Mehr als 200 Soldaten wurden allein im April 1945 in Amstetten ermordet.

Rache am Persmanhof

Am 25. April 1945 stürmten Angehörige des SS-Polizeibataillons 13 das Anwesen einer kärntner-slowenischen Großfamilie, den sogenannten Persmanhof bei Bad Eisenkappel. Die Partisanen, die dort übernachtet und einen Stützpunkt eingerichtet hatten, konnten in die umliegenden Wälder flüchten. Die SS kehrte ein paar Stunden später wieder an den Hof zurück und ermordete alle Mitglieder der Bauernfamilien Sadovnik und Kogoj, die sie fanden: vier Erwachsene und sieben Kinder. Vier Kinder konnten sich verstecken und überlebten das Massaker. Noch immer hält sich in revanchistischen Zirkeln das gemeine Gerücht, die Partisanen selbst hätten das Blutbad angerichtet. Auch der FPÖ-Abgeordnete Wendelin Mölzer behauptet dies in dem Buch „Als wir befreit wurden“ aus dem Jahr 2005: „Ob es nicht doch von den Partisanen selbst verübt wurde, ist bis heute nicht letztgültig geklärt.“