Schützenfest

Warschauer Ghetto - Schützenfest

70 Jahre nach Auslöschung des Warschauer Ghettos zeigen Forschungen die verbrecherische Rolle von Österreichern: Ein Wiener überwachte als „König des Ghettos“ den Raubzug, ein Adeliger befehligte die SS und die mordende Polizei.

Der Ort, an dem in Warschau nun das Museum der Geschichte der polnischen Juden eröffnet wurde, hat eine historische Dimension wie wenige andere. Er war das Herz der größten jüdischen Gemeinde Europas und wurde unter dem NS-Vernichtungsregime zum größten Ghetto. Vor sieben Jahrzehnten, am 19. April 1943 begann an diesem Ort der bewaffnete Aufstand, der zum Symbol des jüdischen Widerstandes werden sollte. Der deutsche Kanzler Willy Brandt sah sich hier „am Abgrund der deutschen Geschichte“ und kniete bei seinem Besuch 1970 nieder.

Grausamste Details
Wie sehr sich auch Österreicher in die dramatische Geschichte des Warschauer Ghettos eingeschrieben haben, ist wenig geläufig. Neue Forschungen zeigen ihre verbrecherische Rolle bis ins grausamste Detail.
Ein hierzulande weithin unbekannter SS-Obersturmführer aus Wien-Liesing war eine der schillerndsten Figuren im Ghetto. Der Mann hieß Franz Konrad und leitete die „Werterfassungsstelle“ – den gigantischen Raub an „Altgold jüdischer Herkunft“, an Devisen, Pelzen und Kunst bis hin zum letzten Hausrat. Sein Mentor war Hermann Fegelein, der spätere Schwager Adolf Hitlers. Konrads Geschäfte trugen ihm den Ruf „König des Ghettos“ ein, SS-Chef Heinrich Himmler lobte seine Effizienz. Die Rolle des Wieners aus kleinen Verhältnissen ist international zum ersten Mal von US-amerikanischen Autoren unter dem reißerischen Buchtitel „Nazi-Millionaires“ (Alford & Savas, 2002) veröffentlicht worden. Konrad hatte nach dem Einsatz im Osten 1944 die Aufsicht über jene Werte, welche die SS in ihrem Rückzugsort auf Schloss Fischhorn bei Zell am See hortete.
In diesem Schloss stellte sich im Mai 1945 Hermann Göring den US-Truppen. SS-Mann Konrad fiel ihnen bald darauf in die Hände. Im US-Verhör gab er sich als Beschützer Tausender Juden die für ihn arbeiten hatten müssen und zur Rettung des eigenen Lebens soll er einen „big deal“ angeboten haben: geheime Unterlagen Hitlers und Himmlers. Nachweisbar ist, dass Konrad Aufzeichnungen und Fotos übergab, die er während der finalen Menschenjagd im Warschauer Ghetto gemacht hatte. Zu den Fotos habe ihn Entsetzen motiviert. Die Aufnahmen wurden im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess vorgelegt. Franz Konrad überstellten die USA 1946 an die Behörden in Polen. Vor Gericht sagte er dort: „Ich wollte das, was damals in Warschau stattgefunden hat, der Gerechtigkeit übergeben.“

Konrad wurde wegen Mordes und seiner zentralen Rolle in der Beraubung zum Tod verurteilt und 1952 gehenkt. Seine Fotos sind bis heute zentrale Dokumente. Zur fotografischen Ikone der Vernichtung ist vor allem ein Bild geworden: das Foto des kleinen Buben mit dem angsterfüllten Blick und erhobenen Armen. Die Beschriftung lautete: „Mit Gewalt aus Bunkern hervorgeholt“. Im großen Band „Das Jahrhundert der Bilder“ (Hg. Gerhard Paul, Göttingen 2011) würdigt Wissenschafter Christoph Hamann die letzten Aufnahmen aus dem Ghetto als eigenen Kanon. Dass auch das Bild des Buben von SS-Mann Konrad stammen könnte, bezeichnet Hamann gegenüber profil als möglich.

Jener Österreicher, der vor dem Aufstand an die 350.000 Menschen aus dem Ghetto in die Vernichtung schaffen ließ, arbeitete zuletzt an der Vertuschung. Ferdinand Sammern-Frankenegg plante im Frühjahr 1943 Parks und Wiesen für das jüdische Viertel. Der aus altem erbländisch-österreichischem Adel stammende SS-Oberführer (die Tiroler Familie wurde 1729 geadelt) wollte damit wohl auch seine eigene verbrecherische Rolle ausradieren. Er war seit dem Sommer 1942 SS- und Polizeiführer in der polnischen Hauptstadt. Über Monate ließ er im Ghetto täglich 6.000 Menschen zum Abtransport zusammentreiben. Am Spitzentag schaffte man 15.000.

Am Morgen des 19. April 1943 ging Sammern-Frankenegg an die Ausführung von Heinrich Himmlers „Abfahrbefehl“ für die letzten der mehr als 50.000 verzweifelten Eingeschlossenen. Dass sie seine Einsatzkräfte mit Gewehrfeuer empfingen – in der NS-Doktrin wurde dies zum „Feuerüberfall der Juden und Banditen“ umgedeutet – überraschte den 45-jährigen SS-Oberführer völlig. Er musste seine Trupps zurückziehen und flüchtete sich in seinen Kommandoraum ins Hotel Bristol, um Sturzkampfbomber (Stukas) anzufordern. Dem kamen die NS-Granden zuvor, der SS- und Polizeiführer wurde seiner Funktion enthoben, das Kommando übernahm der im Partisanenkampf gestählte SS-General Jürgen Stroop. Er brach den Widerstand durch brutalstes Vorgehen und erklärte die „Großaktion“ nach 28 Tagen mit einem zynischen Fanal als beendet: Am 16. Mai 1943 ließ er die Warschauer Synagoge sprengen.

Stroop wurde in Polen gemeinsam mit dem Österreicher Konrad zum Tod verurteilt. Die Verbrechen seines Vorgängers kamen nie vor Gericht: Ferdinand Sammern-Frankenegg starb 1944 bei Kämpfen in Kroatien. Das grausame Regime unter der Ägide des Österreichers wird nun in einem Buch minutiös aufgelistet, das in diesen Tagen erscheint. 1)

Tägliche Praxis
Nach den Forschungen des deutschen Historikers Stefan Klemp war das Morden im Ghetto tägliche Praxis. Nicht durch SS-Männer, sondern durch ganz normale Polizisten in grüner Uniform. Im NS-Regime hießen sie Schutzpolizisten, in Warschau stellten sie die Ghetto-Bewachung. Dass auch Österreicher hier im Einsatz waren ist nachgewiesen.
Der spätere Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki war im Warschauer Ghetto. In seinen Memoiren beschrieb er Tragödien hinter den Ghettomauern: „Eine dreißig Jahre alte Frau, die vor Hunger dem Wahnsinn verfallen war, hat aus der Leiche ihres zwölfjährigen Sohnes einen Gesäßteil herausgeschnitten und zu verspeisen versucht.“ Und er beschrieb die Bewachung an den Toren: „Was sich an den Ghettoeingängen ereignete, war unvorhersehbar … Es wurde bei diesen Kontrollen auch viel geschossen, an blutigen Opfern mangelte es nicht.“ Einer der Torpolizisten war als „Frankenstein“ gefürchtet, zum Nachweis seiner „Erfolge“ forderte er vom jüdischen Notdienst Totenscheine.

Tatsächlich etablierte sich unter den Augen des SS- und Polizeiführers Sammern-Frankenegg in Polizeibataillons ein Wettbewerb um Judenerschießungen. Historiker Stefan Klemp: „Der Wettbewerb hatte Schützenfestcharakter, obwohl auf Menschen geschossen wurde, und das täglich.“ Eine Einheit nannte sich „Mord-Bataillon“. In ihr wurde das Töten zum Kult gemacht. Die Thekenlampe ihrer Bar hatte die Form des Davidsterns, an die Wände waren Tötungsszenen gemalt, an der Eingangstür wurde die Zahl der Erschossenen in Strichlisten verzeichnet.
Einen besonders schaurigen Vorgang hat der Forscher in mehreren Aussagen gefunden: Demnach bot ein betrunkener Polizist den abgetrennten Kopf eines Opfers zum Kauf an. Die Goldzähne müssten nur herausgebrochen werden.

Des Nachts gingen Polizisten in Zivilkleidern zum Morden ins Ghetto. Mit der Behauptung, bei einem dieser Mordzüge sei einer seiner Polizisten von einem Juden verletzt worden, beantragte der Kompaniechef die Erschießung von 110 Menschen. Das ungeheuerliche Ansinnen muss laut Historiker Klemp wohl von Sammern-Frankenegg bewilligt worden sein.
Das Ausmaß des Tötens ist an Aufzeichnungen des Judenrats ablesbar: Von April bis Dezember 1942 sind dort 7.458 „Unfälle durch Schusswunden“ eingetragen. Die Verbrechen als Erschießungen zu vermerken, wagte man nicht.

Im März 1943 forderte Sammern-Frankenegg die Bevölkerung mit Prämien zu Jagd auf. Juden sollten „mit größter Energie“ gesucht und „der Gendarmerie zur Liquidierung“ übergeben werden.

An Erschießungsaktionen mussten Schutzpolizisten weder teilnehmen, noch wurden sie gezwungen, im Ghetto auf Menschen zu schießen. Historiker Klemp: „Der Wachdienst am Ghetto verdeutlicht zwei gegensätzliche Verhaltensmuster. Extreme Gewalt und Sadismus einerseits, Zurückhaltung oder sogar Menschlichkeit andererseits.“ Laut Marcel Reich-Ranicki erlebte man am Ghettotor Polizisten bereits als menschlich, „wenn es ihnen gleichgültig war, was die armen Schlucker, diese jüdischen Amateurschmuggler, mitbrachten“.
Ein ehemaliger Polizist gestand vor Gericht, wenn er an die Erlebnisse in Warschau nur denke, bekomme er Weinkrämpfe. Das war mehr als zwei Jahrzehnte nach der Auslöschung des Ghettos.
Am Eingang des neuen Museums in Warschau dient ein Ziegel aus dem Ghetto als Mesusa, die traditionelle Schriftkapsel für einen Thoraspruch. Das Museum ehre die Toten indem es daran erinnere wie sie gelebt haben, sagte Programmdirektorin Barbara Kirshenblatt-Gimblett bei der Eröffnung.

1) Stefan Klemp: „Vernichtung. Die deutsche Ordnungspolizei und der Judenmord im Warschauer Ghetto“; Prospero Verlag, 2013

+++ Lesen Sie hier: Marek Edelman, 2009 verstorbener Kommandant des Ghettoaufstands, über den verzweifelten Widerstand gegen NS-Massenmörder +++

Kommende Woche: Der Widerstand des österreichischen Feldwebels Anton Schmid.