Verlorene Illusionen

Christa Zöchling zieht Lehren aus der Zeitungsgeschichte

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12/26/2021

Inserate, Macht und Meinung im Journalismus: Verlorene Illusionen

Ein Essay über die ewigen Seinsfragen des Journalismus: Verführbarkeit durch Macht, unabhängiges Denken, Passion und Geld. Damals wie heute.

von Christa Zöchling

Vor ein paar Jahren las ich auf Anregung von Franz Schuh, dem klugen und unbestechlichen Schriftstellerphilosophen, "Verlorene Illusionen" von Honoré de Balzac. Ich war hingerissen und gleichzeitig beunruhigt. Das Sittenbild des Journalismus, wie es sich vor 200 Jahren zeigte, kam mir bekannt vor.

Der Roman spielt drei Jahrzehnte nach der Französischen Revolution. Napoleon ist besiegt, die Bourbonen sitzen wieder auf dem Thron, das Bürgertum ist die kommende Macht und mit ihm ein korruptes Zeitungswesen, ungezügelt und wild, der Gier nach Sensationen, neuesten technischen Entwicklungen und schnellem Geld folgend. Balzac schildert Szenen von einer Opernpremiere in Paris, die sich heute genau so abspielen könnten, nur ohne Lorgnon und Riechfläschchen. Hofschranzen, Minister und Journalisten (die männliche Form ist hier durchaus angebracht) belauern und schmeicheln einander, versichern sich ihrer Bedeutung durch Blicke, Gesten und vertrauliches Geflüster. Die Intrige blüht. Wer nicht dazugehört, existiert gar nicht, durch den schaut man hindurch. Ich denke, ORF-Anchorman Armin Wolf hatte auch solche Situationen im Sinn, als er in einem Interview mit André Heller vom "Anschmiegen an die Macht" sprach.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es bereits Massenblätter mit Masseneinfluss. Große Verlagshäuser sowie Redaktionen residierten in Palästen. Der Erste Weltkrieg hätte nicht geführt werden können ohne die publizistische Anfeuerung und die literarische Anstachelung des Nationalstolzes.

Der Romanheld Lucien ist ein junger, auffallend schöner Mann aus der Provinz. Er verkehrt noch nicht lang in den Pariser Salons, aber er lernt schnell. Man sagt ihm: "Ein Journalist ist ein Akrobat, du musst dich an die Verrenkungen gewöhnen." Artikel werden gekauft, Freunde hochgeschrieben, Feinde vernichtet. So könne er sein Talent zu Geld machen. Der Besitzer eines Massenblatts erklärt ihm, er könne jederzeit die Haltung seines Blattes bestimmen, ohne dass es jemand merke. Er lasse seinen Journalisten die freie Wahl, ihre Meinung kundzutun; sie könnten ihre ganz persönlichen Freundschaften oder Feindschaften pflegen, solange sie seinen Interessen nicht in die Quere kämen. Das schafft eine Illusion von Freiheit. Aber das sagt der Medienzampano natürlich nicht. Die bei ihm in Brot und Diensten stehen, fühlen sich an den Hebeln der Macht. So reden sie auch: "Einfluss und Macht der Zeitungen stecken noch in den Kinderschuhen, werden aber rasch in die Höhe schießen. Heute in zehn Jahren gibt es nichts mehr, das sich den Zeitungen entziehen kann, die Kritik wird alles erhellen." - "Sie wird alles entblättern." - "Sie wird Könige machen." - "Sie wird Monarchien stürzen."

Das sind frivole Worte, vor allem, wenn man bedenkt, dass eine Generation zuvor mithilfe demagogischer Massenblätter die Französische Revolution so angeheizt wurde, dass sie in blutigen Terror mündete. Der Jakobiner Jean Paul Marat etwa hatte in seiner Zeitung "Freund des Volkes" dazu aufgerufen, Verräter der Revolution "niederzumachen", und dafür lange Listen von Namen abgedruckt. Napoleon, der in diesen Zeiten groß wurde, wird die Äußerung zugeschrieben, vier feindliche Zeitungen könnten mehr Schaden anrichten als 100.000 Mann im offenen Felde.


Der Journalist Egon Erwin Kisch, bekannt für seine literarischen Reportagen, hielt ein Jahrhundert später das Balzac'sche Panorama des Journalistenlebens für das Beste der Weltliteratur.

In österreichischen und deutschen Ländern war - im Vergleich zu Frankreich und England - das Pressewesen lange unterentwickelt und stand unter staatlicher Kuratel. Die "Wiener Zeitung", vormals das "Wiennerische Diarium", war von Anfang an ein Projekt von Kaiser Leopold I. gewesen, der im Krieg gegen Türken und Franzosen (zudem geschwächt durch den Zusammenbruch seiner Haus- und Hofbank) mit Hofberichterstattung im wörtlichen Sinn sein Image verbessern wollte.

Das Privileg, eine Zeitung zu drucken, verlieh er einem Wiener Verleger, und als dieser sich mit dem Hof verkrachte, bekam es ein anderer. Keine andere deutschsprachige Zeitung hatte diese Informationen: Wer mit wem auf die Jagd ging oder am Hofball teilnahm, wer kam und wer abreiste; hochpolitische Nachrichten, eminent wichtig, um die Tektonik der höfischen Macht zu lesen.

Die "Wiener Zeitung" besaß anfangs ein Inseratenmonopol, dazu kam später das sogenannte Amtsblatt-Pflichtveröffentlichungs-Recht, das ihr bis heute zwei Drittel ihrer Einnahmen sichert. Darunter fallen staatliche Ausschreibungen, Stellen im öffentlichen Dienst, Firmenbuchänderungen. Laut dem türkis-grünen Koalitionsvertrag, und beruhend auf einer EU-Richtlinie, wird dieses Recht im kommenden Jahr abgeschafft. Sofern es keine neuen staatlichen Finanzierungsmodelle gibt, wird die "Wiener Zeitung" still sterben.

Die Abhängigkeit vom Hof machte die Journalisten der "Wiener Zeitung" unfrei. Und doch existierte ein Kern von journalistischem Denken. Was man als wichtig genug erkannte, wurde auch gegen die Interessen des Hofes berichtet. So wurde in den Tagen der Französischen Revolution die Deklaration der Menschenrechte ins Blatt des Kaisers geschmuggelt. Nicht auf der ersten Seite, sondern im Blattinneren, unter einem harmlos klingenden Zwischentitel stand da plötzlich der Satz: "Alle Menschen sind frey geboren und gleich an Rechten." So wurden alle 17 Artikel der Deklaration im September 1789 erstmals in deutscher Übersetzung verbreitet. Ein sensationeller Coup. Der Chefredakteur musste gehen.

Im Journalismus scheint es ein ewiges Rotieren um die ewig gleichen Fragen zu geben: um die Nähe zur Macht; darum, wie man das Publikum gewinnt und mit Zeitungen Geld verdient; um Privilegien und Verführung; journalistisches Ethos und Leidenschaft; um die Rangordung von Journalisten in der Gesellschaft.

1857 übernahm die Regierung selbst die "Wiener Zeitung". Sie ist bis heute ein seltsames Zwitterwesen, ein Spiegel der Politik und ihrer Machtverhältnisse, aber auch ein aufklärerisches Produkt.

Journalismus ist subversiv. Journalismus ist eigensinnig. Er lässt sich nicht ausrotten. Eben so wenig wie die Öffentlichkeit. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es bereits Massenblätter mit Masseneinfluss. Große Verlagshäuser sowie Redaktionen residierten in Palästen. Der Erste Weltkrieg hätte nicht geführt werden können ohne die publizistische Anfeuerung und literarische Anstachelung des Nationalstolzes. Mit Zeitungen wurde Geld verdient. Nicht so sehr durch Abonnements und Kolportage, sondern mit Inseraten.

Die Inseratenkorruption, von der heute wieder verstärkt die Rede ist-günstige Berichterstattung gegen Inserate-,betrifft den öffentlichen Sektor. Doch schon um die Jahrhundertwende gab es eine Debatte über den ungeheuren Einfluss von wirtschaftlich potenten Inserenten auf die Blattlinie. Der deutsche Sozialdemokrat Ferdinand Lassalle wollte den Zeitungen generell verbieten, Anzeigen abzudrucken und sich dafür bezahlen zu lassen. Der konservative Intellektuelle Heinrich von Treitschke fand es schlicht "unnatürlich", den Auftrag der Presse mit dem Inseratengeschäft zu vermischen, eine Mesalliance.

Der Chefredakteur der "Wiener Zeitung" in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, Emil Löbl, warnte 1903 in einem flammenden Plädoyer vor dem Trampelpfad des Mainstreams. Mit der kapitalistischen Ausgestaltung des Pressewesens werde jedes Blatt auf dem freien Markt bemüht sein, sich an die jeweils herrschenden Strömungen zu halten. Weitere Fallen, in die der Journalismus nicht hineintappen sollte: "Die lebendige Berührung mit dem Volksbewusstsein und der wahren öffentlichen Meinung verlieren"-sonst werde eine Zeitung "das Erzeugnis eines kastenmäßig abgeschlossenen Standes". Auch sollte ein Journalist nicht leichten Herzens glauben, über alles und jedes schreiben zu können.

Chefredakteur Löbl konnte solche Überlegungen anstellen. Er besaß Zeit, Muße und die nötige Distanz. Er führte eine Zeitung, die nicht auf dem freien Markt bestehen musste-und schon gar nicht von Klicks und Algorithmen getrieben war, das heißt: von Aufregung und Skandal.

Im Journalismus scheint es ein ewiges Rotieren um die ewig gleichen Fragen zu geben: um die Nähe zur Macht; darum, wie man das Publikum gewinnt und mit Zeitungen Geld verdient; um Privilegien und Verführung; journalistisches Ethos und Leidenschaft; und die Rangordnung von Journalisten in der Gesellschaft. Es ist schwer, erhobenen Hauptes den Mächtigen gegenüberzutreten, wenn Gehälter und Honorare schlecht und unsicher sind und der Ruf unten durch; wenn immer mehr Menschen auf der Straße "Lügenpresse" skandieren.

Auch ein Begriff wie "Unabhängigkeit" wird oft im Munde geführt, doch er schillert. Franz Schuh sagte einmal zu diesem Stichwort: "Für Medienmenschen ist Unabhängigkeit nicht zuletzt ein subjektiver Begriff. Wer wirklich eine unabhängige Meinung hatte, wissen wir immer erst hinterher."

Die Nazis erfanden diesen Begriff, um dem politischen Gegner den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Wer heute "Lügenpresse" schreit, hat meist nicht die politische Macht hinter sich, sondern eine Echokammer im Internet. Das Misstrauen kommt von unten. Man behauptet, Journalisten würden die Wirklichkeit zurechtbiegen, nach ihrer politischen Ideologie oder der einer tonangebenden Elite. Die Quelle dieser Vorwürfe sind oft russische Trolle im Netz, die das Vertrauen in den westlichen Staat und seine Institutionen untergraben wollen. Die Möglichkeiten der Desinformation sind ins schier Unendliche gestiegen. 2020 glaubten 29 Prozent der Österreicher, dass an "alternativen" Wahrheiten aus dem Internet, dem "tiefen Staat" und Verschwörungen aller Art etwas dran sei. Inzwischen werden es mehr sein.

Egon Erwin Kisch, der große Reporter, hat im mexikanischen Exil 1942 über die Verführung zur Lüge geschrieben. Er gestand, wie es ihm als jüngstem Lokaljournalisten ergangen war, der 1906 für die Prager Zeitung "Bohemia" zu einem Großbrand geschickt wurde. Die anderen Reporter waren schon da, hatten ihre bewährten Informanten in Polizei und Feuerwehr. Kisch hatte nichts. Als er einen der Alteingesessenen bat, ihm ein paar Details zu geben, sagte dieser nur: "Es brennt." Und wies auf die Flammen: Sähe er da nicht Details genug? Kisch hörte schon das Hohnlachen: "Beim größten Brand unserer Zeit, als die Schittkauer Mühlen niederbrannten, war ein Reporter dabei - Kisch hieß er und wusste nicht eine Zeile zu berichten."Doch 150 Zeilen waren zu füllen. Und Kisch schrieb um sein Leben. Er schrieb "von den Flammen und wieder von den Flammen - ich ließ sie lodern, leuchten, züngeln, prasseln, aufflackern. Das Gebälk ließ ich knistern, krachen, bersten. Die Mehlsäcke ließ ich glimmen und platzen und qualmen und dampfen und rauchen. Die Wasserstrahlen ließ ich stehen wie Dolche und niedersausen wie Säbelhiebe. All das zusammen ergab erst zwanzig Zeilen." Kisch erinnerte sich, dass das städtische Nachtasyl in der Nähe der Schittkauer Mühlen lag. Kisch: "Mein Bleistift trieb nun eine Gruppe von Obdachlosen zum Brandplatz. Mein Bleistift sah, wie sie fasziniert sich gegen den Feuerherd vorschoben, mein Bleistift half ihnen, sich dem Kordon der Polizisten zu nähern, denen sie sonst eilig und in weitem Bogen auszuweichen pflegen. Die Polizei, von dichtem Dunkel umgeben, sah nicht, was mein Bleistift sah, sah nicht, welcher Art die sich heranwälzende Menge war. Nur wenn eine Feuergarbe ihr grelles Licht anstatt zum Himmel aufwärts seitlich warf, wurden die Gestalten sichtbar. (...) Mein Bleistift beobachtete in einem solchen Moment flammender Beleuchtung, wie ein Polizist und ein vierschrötiger Riese einander gegenüberstanden."

Ich habe eine Vermutung: Immer dann, wenn sich technische Revolutionen ereignen, in diesen ersten Phasen, in denen es keine oder wenig Regeln gibt, haben Gier, Skrupellosigkeit und platte Meinung die besten Chancen. Da wären wir heute mittendrin.

Kischs Reportage wurde eine Sensation und mehrfach nachgedruckt. Die Journalisten der anderen Blätter hatten brav berichtet, wann das Feuer ausgebrochen war, wer es als Erster gemeldet hatte, wie viele Löschmannschaften beteiligt waren. Richtige, aber langweilige Fakten. Kisch war ein früher Fall "Relotius". Der preisgekrönte Reporter des "Spiegel" hatte für seine Texte Personen und Schicksale erfunden, weil er die Leser und seinen Chef nicht enttäuschen wollte und weil er dachte, es würde seinen Ruhm mehren.

Kisch war nicht "Lügenpresse", Relotius hat nicht Schule gemacht. Viel entscheidender ist vielmehr die Frage: Was lernt ein Journalist, eine Journalistin - was fördert die Karriere? Wird man heute anders sozialisiert als Lucien in "Verlorene Illusionen"?

"In der journalistischen Hierarchie spielen die Verbindungen zu Machtzentren eine große Rolle. Je enger sie sind, desto höher vermag der Redakteur zu steigen, desto weniger ist er innerredaktionellen Konkurrenzkämpfen ausgeliefert", analysierte Franz Schuh in den späten 1980er-Jahren. Das hat sich geändert, aber nur zum Teil. Der Beruf ist weiblicher geworden. Wenige Frauen haben es nach ganz oben geschafft. Karrieren mit migrantischem Hintergrund - Diversität! - werden beschworen und finden kaum statt.

Ich habe eine Vermutung: Immer dann, wenn sich technische Revolutionen ereignen, in diesen ersten Phasen, in denen es keine oder wenig Regeln gibt, haben Gier, Skrupellosigkeit und platte Meinungen die besten Chancen. Da wären wir heute mittendrin.

In Diktaturen sind die Fronten klar. Nach dem jüngsten Bericht von "Reporter ohne Grenzen" wurden im laufenden Jahr 38 Journalistinnen und Journalisten getötet, 354 inhaftiert. Zählt man Helfer, Assistentinnen, Bloggerinnen dazu, steigt die Zahl der Opfer noch einmal um 134 Personen. In Diktaturen sind Journalisten und Journalistinnen, die im Investigativ-Bereich arbeiten, in Todesgefahr; in autoritär geführten Ländern sind sie mehr oder weniger großem Druck, in demokratisch regierten Ländern der Verführung durch vertrauliche Nähe zur Macht ausgesetzt.

Dem entgegen steht nur journalistische Ethik und Beharrlichkeit. Moriz Benedikt, Chefredakteur der "Neuen Freien Presse" vor mehr als 100 Jahren, nannte es die "Passion": "Die Passion ist das letzte, tiefste Geheimnis des Journalisten. Nur die Passion macht ihn zum Journalisten. Wer nicht in Schmerzen und Aufregungen die Freude am Berufe fühlt, ist keiner. (...) Wir verbringen unser Leben auf der Gasse, wir sitzen auf der Galerie des Parlaments, wir verrichten unsere Arbeiten vor ihren Augen, laufen, keuchen, schreiben bis zum Morgengrauen, und niemand hat eine Ahnung, was uns drängt und schiebt. (...) Eine Geißel ist diese Passion. (...) Aber niemals soll vergessen werden, dass ein großer Staat eine große Presse braucht (...) und dass es eine Sünde ist, das Ansehen der Journalisten zu schwächen."

Auch ein Begriff wie "Unabhängigkeit" wird oft im Munde geführt, doch er schillert. Franz Schuh sagte einmal zu diesem Stichwort: "Für Medienmenschen ist Unabhängigkeit nicht zuletzt ein subjektiver Begriff. Wer wirklich eine unabhängige Meinung hatte, wissen wir immer erst hinterher, wenn der Meinungsstreit und die wabernde Lohe der Interessen endlich weg ist."

Der gefallene FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache nannte im Ibiza-Video Journalisten "die größten Huren". Aber gefallen ist er erst durch die darauffolgende journalistische Recherche. Und nicht nur er.