Reportage

Ischgl: Das unbezwingbare Skigebiet

Vor vier Jahren wurde Ischgl zum europäischen Verteilerzentrum für COVID-19. Die Kritik an den Tiroler Behörden und dem Wintertourismus war hart. Den Erfolg der Region hat das offenbar nicht beeinflusst. Ein Lokalaugenschein.
Eva  Sager

Von Eva Sager

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Vor Niki's Stadl hat jemand die Verpackung einer orangen Elf Bar vergessen. „NC600 Tasty Freak 20 mg“. Sie liegt genau unter dem riesigen Hirschgeweih, das an der äußeren Hausfassade befestigt ist, direkt hinter dem Skiständer mit der manisch grinsenden Gämse drauf. Die sieht man hier in Ischgl überall. Sie trägt Schibrille, hat überaus menschliche Zähne und wirbt für den lokalen Schiverleih, „Ski – Board – Schuh – Bike.“

Es ist ruhig im Ort. Zu Mittag sind die meisten Gäste des Skigebiets bereits auf der Piste. 239 Pistenkilometer, 515 Hektar Pistenfläche, 45 Bergbahnen und Lifte; eine Tageskarte für Erwachsene kostet 72 Euro. Vereinzelte Nachzügler watscheln mit ihren klobigen Skischuhen noch Richtung Pardatschgratbahn, ein Großteil der Après-Ski-Bars hat noch nicht geöffnet, das Kitzloch bedient seine Besucherinnen und Besucher um diese Uhrzeit ausschließlich auf der Terrasse unter den Heizstrahlern. Tausend Flügerl (Red Bull und Wodka) kosten hier 3000 Euro, der Bestell-Rekord liegt laut Karte bei 1111.

Kitzloch wie damals

Das Kitzloch kam zu Beginn der Pandemie 2020 nicht mehr aus den Schlagzeilen, nachdem sich dort Gäste mit COVID-19 angesteckt hatten.

Das Kitzloch, Sie erinnern sich vielleicht. Die Après-Ski-Bar und ihr infizierter Barkeeper markierten 2020 den Beginn einer monatelangen Diskussion rund um den Ausbruch der COVID 19-Pandemie in Österreich. Es war das erste Lokal im Ort, das behördlich geschlossen wurde, nachdem man Ischgl-Urlaubende positiv auf das Virus getestet hatte. Weltweit ließen sich Corona-Fälle auf die Tourismusdestination zurückführen, die Gemeinde wurde zum „Risikogebiet“, musste zusammen mit dem gesamten Paznauntal in Quarantäne, kam nicht mehr aus den Schlagzeilen. profil berichtete.

Ischgl wurde von deutschen Forschern zum „Ground Zero der Coronavirus-Pandemie“ in Mitteleuropa erklärt, musste sich wochenlang für sein verkorkstes Management erklären und brachte auch das unrühmliche Kunststück zustande, dass der reichweitenstarke deutsche Satiriker Jan Böhmermann dem Tiroler Ort nicht nur eine Sendung, sondern auch einen eigenen Song widmete – mit dem eingänglichen Refrain: „Husti husti husti heh!“

Die für Tirol besonders wichtige Zielgruppe der deutschen Touristen konnte all das nicht nachhaltig irritieren. Man sei froh, dass es schnell wieder normal geworden sei und man wieder normal arbeiten dürfe, sagte der Kitzloch-Wirt vergangenen April zum ORF Tirol. Die Umsätze seien beinahe wieder auf dem Niveau vor der Pandemie.

Schatzi-Bar

Auf der Homepage der Apres-Ski-Bar steht: Die beheizte Open-Air-Eisbar ist DER Treffpunkt nach dem Abschwingen in Ischgl. Beste Sicht auf den Prennerhang, garantiert schlagerfreie House Music und Drinks in guter Gesellschaft – be there or be square.

In den Ischgler Après-Ski-Bars wird also nach wie vor gefeiert. Das beweist auch die Schatzi-Bar, auf deren Barhocker bereits um 12:30 Uhr die ersten Gäste ihre Getränke bestellen. „Kartenzahlung mindestens 30 Euro“. Wenn man durch die verwinkelten Straßen an den riesigen Hotelkomplexen vorbeiläuft, vorrangig vier Sterne, an den Zimmer- und Parkdeck besetzt-Schildern, wird klar, Konsequenzen für den Ort hatte die Ischgler Corona-Causa keine. Zumindest keine schwerwiegenden, wenn man sich die Übernachtungszahlen und Ankünfte ansieht. Zielgruppe sind nach wie vor gut situierte internationale Gäste, ein Zimmer im Vier-Sterne-Hotel kann hier schließlich schon um die 500 Euro pro Nacht kosten.

„Wir haben aktuell eine recht gute Buchungslage und die Prognose bis Ostern scheint recht zufriedenstellend. Aufgrund des frühen Ostertermines ist heuer mit einer komprimierten Saison zu rechnen, das heißt der April wird eine Herausforderung“, sagt Thomas Köhle Geschäftsführer des Tourismusverband Paznaun – Ischgl. Man wolle Veranstaltungen nutzen, um auf den „Spring Blanc“ („so nennen wir den April“) hinzuweisen. „Trotz allem werden wir aber unbedingt entsprechend viele Sonnenscheintage, insbesondere an den Wochenenden brauchen um ein ähnlich gutes Ergebnis wie im letzten Winter zu erreichen“, so Köhle.

Relax, if you can

Zu Mittag tummeln sich die meisten Gäste des Schigebiets auf der Piste. 239 Pistenkilometer, 515 Hektar Pistenfläche, 45 Bergbahnen und Lifte. 

Wahrscheinlich stehen in Ischgl deshalb schon ein Haufen Plakate für das Konzert von Schlagersänger Andreas Gabalier im April. Oder von Deutschrapperin Nina Chuba. Oder von der Band The BossHoss. Man sieht sie in Kreisverkehren oder in Auslagen. Fast genauso oft wie die Gämse mit der Schibrille.

profil hat einige Hoteleigentümerinnen und Hoteleigentümer nach einer Einschätzung der aktuellen Tourismuslage gefragt; Zunächst wollte sich niemand äußern, ein Hotelier erklärte: „Aufgrund der intensiven und außergewöhnlichen Berichterstattung über Corona und Ischgl, ist das Thema für uns abgeschlossen. [Wir] bitten Sie jedoch wohlwollend über unseren schönen Ort zu berichten.“

Nach Redaktionsschluss trudelte bei profil dann doch noch eine schriftliche Antwort ein: Arnold Tschiderer, Geschäftsführer und Inhabern des Schlosshotels Ischgl, schreibt: „Der Winter 2023/24 sieht derzeit sehr vielversprechend aus. Der November und der Dezember waren bereits stärker als im Vorjahr, die Vorschau für Jänner, Februar, März und April sieht ebenfalls stärker aus.“ Aus heutiger Sicht, vier Jahre später, habe die Berichterstattung rund um Ischgl in 2020, bezogen auf die Auslastungszahlen, keine Auswirkungen mehr. „Ich sehe unserem alpinen Winter- und Sommertourismus sehr positiv entgegen. Die Herausforderungen einer zukunftsweisenden Weiterentwicklung auf allen Ebenen, natürlich auch in Bezug auf die Nachhaltigkeit, sind groß.“ Die Ischgler Bergwelt kombiniert mit ihrer Hotellerie und Gastronomie hätten dafür aber die idealen touristischen Voraussetzungen.

Eva  Sager

Eva Sager

schreibt über Gesellschaft und Gegenwart.