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Junge Muslime in Österreich: „Ein Drittel steht dem Islamismus nahe“

„45 Prozent sind Islamismus-affin“: Diese Studie über junge Muslime in Deutschland sorgte für Entsetzen. Lässt sich das Ergebnis auf Österreich umlegen? profil hat beim Soziologen Kenan Güngör nachgefragt.

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45 Prozent der jungen Muslime im Alter bis 40 sind Islamismus-affin. Sie fühlen sich zum Islamismus hingezogen, wollen Scharia statt Verfassung und haben starke antisemitische Vorurteile. Dieses Ergebnis einer repräsentativen Studie für das Bundeskriminalamt, durchgeführt unter 1200 Muslimen, sorgte in Deutschland für Entsetzen. Politiker sprachen von einer gesellschaftlichen  Zeitbombe.

Lässt sich das Ergebnis auf Österreich umlegen? profil fragt beim kurdischstämmigen Soziologen, Kenan Güngör, nach. Er pendelt zwischen Wien und Köln. In Österreich erforscht er laufend die Einstellung junger Muslime. Hierzulande kommt er auf 30 bis 40 Prozent, die islamistisch denken, 15 Prozent gefestigt, der Rest mit einer Affinität zum Islamismus.

Unter Islamismus versteht der Soziologe den Wunsch nach einem islamischen Staat mit religiösen Regeln und Gelehrten; die Ablehnung der westlichen Demokratie mit ihren liberalen Werten; den expansiven Drang, dass am Ende alle Menschen Muslime sein sollten. Wer islamistisch eingestellt ist, will ein Leben, das sowohl privat wie auch öffentlich von islamischen Normen durchtränkt ist.

Warum der Wert in Österreich niedriger ist

Die islamische Landschaft sei in Österreich und Deutschland gut vergleichbar. Beide Länder seien geprägt von der türkischen Zuwanderung ab den 1960er Jahren und der Flüchtlingsbewegung aus dem arabischen Raum ab 2015. Warum setzt Güngör den Wert um zehn bis 15 Prozent niedriger an als in Deutschland? Weil er die Ergebnisse anders bewertet. So seien die hohen Werte in der deutschen Studie stark von der Frage geprägt, ob die Befragten den Islam als einzig wahre Religion ansehen. Wer mit Ja antwortet, gilt als Islamismus-affin. Güngör ist hier weniger streng, weil alle Gläubige dazu neigen würden, die eigene Religion als absolut zu stellen. Das bedeute aber noch nicht automatisch, dass sie andere Religionen ablehnen.

Syrer, Afghanen oder Iraker, die seit 2015 nach Europa flüchteten, sind deutlich religiöser als frühere Zuwanderergruppen. Dadurch ist auch der Ausschnitt jener Muslime gestiegen, die islamistisch denken. Bei diesem Befund gibt es zwischen Deutschland und Österreich keine Abweichungen.

Clemens Neuhold

Clemens Neuhold

Seit 2015 in der profil-Innenpolitik, davor bei Wiener Zeitung, Migrantenmagazin biber und KURIER. Seine Recherchen beschäftigen sich vor allem mit Zuwanderung, Bildung und Gesundheit.