Kardiologen schlagen Alarm: Wartezeiten für Patienten immer länger

Kardiologen schlagen Alarm: Wartezeiten für Patienten immer länger

Die Wartezeiten für Herzpatienten werden immer länger. Und gleich an drei Uni-Herzkliniken gibt es Probleme mit deutschen Chefärzten.

Die Wartezeiten für Patienten werden immer länger.Hamburg und Wien sind, gemessen an der Einwohnerzahl, vergleichbare Städte, beide zählen rund 1,8 Millionen Bewohner. Aber bei der kardiologischen Versorgung gibt es einen eklatanten Unterschied: In der norddeutschen Stadt werden pro Jahr etwa 6000 Patienten mit Herzrhythmusstörungen durch Eingriffe mittels Katheter ("Ablation“) behandelt. Im Wiener AKH erfolgen hingegen nur vergleichsweise dürftige rund 600 Ablationen, bei denen die für falschen Herzrhythmus verantwortlichen Stellen am Vorhof oder in der Herzkammer über einen eingeführten Katheter elektrisch verödet werden.

Die vier Katheter-Laborplätze am Wiener AKH sind voll ausgelastet. Ihre Anzahl hat sich freilich seit 1990 nicht verändert. Dabei ist die Zahl der Herzpatienten in den vergangenen Jahren steil angestiegen, und es gibt wesentlich mehr Möglichkeiten, Krankheiten via Katheter zu behandeln.

Daher schlägt eine Gruppe von Kardiologen in Österreich nun Alarm: Die Wartezeiten für Herzpatienten - abseits von akuten Notfällen - werden immer länger. Es fehlt an Personal und Geräten. Und gleich an drei Uni-Kliniken in Österreich gibt es in den Instituten für Kardiologie akute Führungsprobleme mit den aus Deutschland berufenen Vorständen.

Personalprobleme verschärfen Situation

In Graz wird noch immer ein Nachfolger für den nach Berlin gewechselten Kardiologie-Professor Burkert Pieske gesucht. In Innsbruck darf der Kardiologie-Chef Wolfgang-Michael Franz nach einem Expertengutachten keine Patienten mehr behandeln. In Salzburg ist die Institutschefin Uta Hoppe nach Vorwürfen, bei wissenschaftlichen Arbeiten gemogelt zu haben, angeschlagen.

Die Probleme mit dem Personal verschärfen eine ohnehin angespannte Situation. "Die Kardiologie wurde in den vergangenen 20 Jahren weltweit massiv ausgebaut“, klagt der Wiener Kardiologe Günter Stix: "Nur in Wien steht sie mehr oder weniger still. Und am AKH wurde sogar die Bettenkapazität mit Zustimmung des Institutsvorstands reduziert.“ Statt früher drei Stationen gibt es nur mehr zwei. Daher kommt es immer wieder vor, dass Patienten knapp vor lange vorher vereinbarten Operationsterminen im Herzkatheter-Labor wieder nach Hause geschickt werden müssen, weil akute Notfälle vorgezogen werden. Oft werden Herzpatienten wegen Platzmangels sogar aus der Notfallabteilung auf andere Abteilungen verlegt. Ein Programm zur Behandlung von akut lebensbedrohlichen Kammerrhythmusstörungen, wie es rund um Österreich üblich ist, fehlt laut Angaben von Stix ebenso.

Zwei-Klassen-Medizin längst Realität

Die Zwei-Klassen-Medizin ist in der Kardiologie längst Realität: Beim Einbau eines Herzschrittmachers gibt es in Wien eine Wartezeit von drei Monaten, bei Ablationen gegen immer häufiger diagnostizierte Herzrhythmusstörungen - bereits jeder vierte Österreicher leidet daran - bis fünf Monate. In Wien stehen außerhalb der Spitäler insgesamt nur 17 kardiologische Kassenordinationen für fast zwei Millionen Einwohner zur Verfügung.

"Ärgerlich ist auch das Abrechnungssystem in Österreich, bei dem Arzt und Spital bestraft werden, wenn sie mehr Operationen durchführen, also mehr Patienten behandeln“, klagt Stix. Schuld daran ist die fixe Punktevergabe für jede im Spital erbrachte Leistung durch das Gesundheitsministerium. So kommt es dazu, dass etwa eine Ablation von Vorhofflimmern an Unikliniken mit rund 6000 Euro abgegolten wird, an anderen Spitälern gar mit nur 3200 Euro, was nicht einmal die eingesetzten Materialkosten abdeckt. An deutschen Spitälern wird dieser Eingriff mit mindestens 9000 Euro vergütet.

Neue Behandlungsmethoden werden in den Katalog der zu vergütenden Leistungen nur nach jahrelanger Probezeit aufgenommen. Beispiel: der Herzohr-Verschluss bei Patienten, die übliche Medikamente zur Blutverdünnung gegen Schlaganfälle nicht vertragen. Dafür gibt es derzeit nur 1200 Punkte, was an Uni-Kliniken etwa 1100 Euro entspricht, an den anderen Spitälern nur 500 Euro. Doch allein der High-Tech-Stöpsel kostet zur Zeit 5000 Euro. "Durch solche realitätsfremden Abrechnungen werden neue Behandlungsmethoden, die in anderen Ländern längst üblich sind, bei uns extrem selten eingesetzt“, so Stix.

Der an der Innsbrucker Uni-Klinik tätige Kardiologe Florian Hintringer, spezialisiert auf Elektrophysiologie, beklagt das "extrem starre Verrechnungssystem in Österreich, das an die kommunistische Planwirtschaft erinnert: Es ist schizophren: Je mehr Punkte ich durch Operationen verdiene, desto weniger wert sind die Punkte. Durch das enge Finanzkorsett hat ein Spital gar kein Interesse, Leistungen auszuweiten.“

Gerade in der Kardiologie ist der technische Fortschritt in den Behandlungsmethoden eindrucksvoll: "Vor 25 Jahren wurde einem Infarktpatienten eine Infusion verpasst, und man hat gehofft, dass sich kein Gerinnsel bildet“, erklärt Hintringer. "Heute kann ich über Katheter direkt im Herzen nachschauen und eingreifen.“ Die Überlebenschancen nach einem Herzinfarkt sind damit deutlich höher, aber auch die Kosten der Behandlung.

Im Gesundheitsministerium verteidigt der zuständige Experte Gerhard Embacher das Punktesystem. "Wir erneuern die Kalkulation regelmäßig unter Beiziehung von Ärzten und Ökonomen. Und was ein Spital über das Punktesystem an Kosten nicht abdeckt, kann über einen zweiten, allgemeinen Topf abgegolten werden.“ Letztlich sei es damit gelungen, die früher steil steigenden Ausgaben im Gesundheitsbereich zu drosseln. Das gelang freilich nur, indem man Patienten die optimalen Behandlungsmethoden verwehrt hat.

Maurer weist Kritik zurück

Im Wiener Allgemeinen Krankenhaus weist der vergangene Woche emeritierte Kardiologieprofessor Gerald Maurer die Kritik zurück. "Die kardiologische Versorgung in Österreich gehört zu den besten in Europa“, so Maurer, der 23 Jahre lang die Kardiologie am Wiener AKH geleitet hat. Die Effizienz müsse angesichts der jüngsten Probleme mit der Wochenarbeitszeitsregelung für Spitalsärzte - wegen der Senkung von 60 auf 48 Stunden - gesteigert werden, was schwierig sei.

Maurer hält auch die Kritik des Kardiologen Stix für nicht zutreffend. Es sei möglich, im EDV-System des AKH im Rahmen der Krankenakte auch EKGs abzurufen, und es gebe auch ein Programm zur Behebung von Kammerrhythmusstörungen. Maurer zieht stolz Bilanz: "Bei Infarkten hat Österreich eine der niedrigsten Sterblichkeitsraten in Europa.“

Die Berufungsprozedur an den Unis sei grundsätzlich in Ordnung, so Maurer. "Man kann aber nicht immer vorhersehen, wie sich ein Kandidat zukümftig etwickelt.“ Dass zuletzt nur deutsche Kandidaten als Kardiologie-Vorstände an heimische Uni-Kliniken berufen wurden, sei problematisch. "In Österreich bewirbt sich oft nur die zweite Garnitur aus Deutschland, da die besten an deutschen Kliniken arbeiten wollen.“ Der Grazer Kollege Pieske, der an die Charité nach Berlin wechselte, sei allerdings erstklassig.

Auch wegen der Mentalitätsunterschiede täten sich deutsche Uni-Professoren hierzulande oft schwer. Selbst er, der damals aus den USA berufen wurde, habe sich mit den österreichischen Besonderheiten erst anfreunden müssen, etwa mit den "diversen Seilschaften“.

Im Wissenschaftsministerium wird zur Häufigkeit von erfolgreichen Kandidaten aus Deutschland betont, dass wegen der erforderlichen Kontakte mit Patienten die Beherrschung der deutschen Sprache Grunderfordernis für eine Berufung von Klinikchefs sei. Und seit einer Woche gibt es eine Neuregelung für Berufungen jüngerer Wissenschaftler ohne herkömmliche Auswahlverfahren.

Die Ausschreibung für die Nachfolge Maurers an der größten Kardiologie-Abteilung in Österreich am Wiener AKH läuft bereits. Insidern zufolge haben sich schon über 20 Interessenten gemeldet, die Mehrheit von ihnen kommt aus Deutschland.