Klassenkampfsport: Was hält unsere Gesellschaft eigentlich noch zusammen?

Die Fußballnationalmannschaft als gesellschaftlicher Kit?

Die Fußballnationalmannschaft als gesellschaftlicher Kit?

Die Bundespräsidentenwahl hat die Spaltung der Gesellschaft drastisch vor Augen geführt. Was hält uns eigentlich noch zusammen, fragt Clemens Neuhold.

„Sie kennen sich ja aus. Ganz ehrlich, da wurde schon getrickst, oder?“ Tag eins nach der Fotofinish-Wahl zwischen Alexander Van der Bellen und Norbert Hofer. Der Skeptiker ist ein Monteur. Nennen wir ihn Peter. Ein Liebling der Motivforscher, weil männlich, unter 29 Jahre (58 Prozent für Hofer), Arbeiter (86 Prozent Hofer), Lehrabschluss (67 Prozent Hofer). Peter und Hofer: „It’s a match!“, würde es auf Tinder heißen, der beliebten Dating-Plattform.

Während Peter schraubt, sprüht und klemmt, werden Wahlskeptiker wie er auf dem Kurznachrichtendienst Twitter verarscht. Eine Nutzerin, nennen wir sie Julia, schreibt: „Chemtrails über Wahllokalen gesichtet.“ FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache findet die Theorie der Chemikalien, die als Kondensstreifen versprüht werden, bekanntlich nicht ganz abwegig. Seine Gegner zerkugeln sich über die blauen Verschwörungstheorien.

Twitter ist eine Art interaktiver Teletext des moralischen Gewissens und Epizentrum für Empörungswellen gegen alles, was irgendwie rechts erscheint. Unter den politischen Twitterati haben Maturanten (73 Prozent für Van der Bellen) und Akademiker (81 Prozent für Van der Bellen) die Mehrheit. „It’s a match!“


Die Bundespräsidentenwahl als Aufwärmthema würde jedes Tinder-Date in eine Eiszeit verwandeln.

Hier die relativ sorgenfreien Kosmopoliten, die sich abwechselnd über Blaue lustigmachen oder sie als Nazis bezeichnen, dort Menschen mit Abstiegsangst, die sich von der sogenannten Elite verachtet und von den Blauen verstanden fühlen. Aufgrund simpler Wählerstatistiken könnte man meinen, es tobe ein neuer Klassenkampf entlang des Grades absolvierter Schulstufen. Motivforscher Fritz Plasser sagt nach der Bundespräsidentenwahl, er habe eine Spaltung der Wählerschaft „in dieser Schärfe noch nicht beobachtet“. Bei diesem sinistren Befund drängt sich die Frage auf, was uns eigentlich noch zusammenhält.

Nicht viel. Aber auch das macht eine Gesellschaft aus.

„Gesellschaft ist ein Kreis von Menschen, die voneinander wesentlich getrennt sind, während sie in der Gemeinschaft wesentlich miteinander verbunden waren“, schreibt Ferdinand Tönnies im Standardwerk „Gemeinschaft und Gesellschaft“. Gehandelt wird in einer Gesellschaft nicht per se für das Gemeinwohl, sondern für den eigenen Nutzen: Leistung, Gegenleistung. Peter repariert Julia die Therme, sie bezahlt. Sie benutzen dieselben Straßen, Ämter, Verkehrsmittel, viel mehr haben sie nicht gemeinsam. Die Bundespräsidentenwahl als Aufwärmthema würde jedes Tinder-Date in eine Eiszeit verwandeln.

Milieus, die neben-, aber nicht miteinander leben, nennen die einen Parallelgesellschaft, die anderen Pluralismus. Bei einer market-Befragung 2011 empfand jeder Vierte keinen Stolz mehr in Bezug auf sein Heimatland. Der Wert ist seither wohl kaum gestiegen. Der Staatswissenschafter Walter Manoschek sagt: „Jede Nation ist eine Fiktion. Das Konstrukt funktioniert, wenn eine überwiegende Mehrheit daran glaubt.“ Vielleicht ist Glaube „an dieses Österreich“ (Leopold Figl in der Weihnachtsansprache 1945) schon so verfestigt, dass es keiner Rituale mehr bedarf, um sich der Heimat zu vergewissern. Was wäre außerdem die Alternative? Wegen Alexander Van der Bellen ins stramm rechte Ungarn des Viktor Orbán auswandern? Bei der Lebenszufriedenheit liegt Österreich EU-weit auf Platz vier, Ungarn auf Platz 24. Die viel zitierte Spaltung verläuft zudem quer durch Länder, Bezirke, Gemeinden und Wohnzimmer. Die Trennung im Kopf wäre räumlich im Extremfall gar nicht umzusetzen. Selbst die zerstrittenen Wallonen und Flamen sind noch als Belgier vereint, obwohl die Grenze der beiden Regionen mitten durch das Land verläuft.


Wer oder was könnte das Österreich-Bewusstsein und die Immunkräfte gegen autoritäre Schübe stärken?

Dennoch: Ohne ein gewisses Gemeinsamkeitsbewusstsein ist eine geglückte Demokratie schwer möglich, hielt der deutsche Soziologe Max Weber fest. Bei der aktuellen Stimmungslage in Österreich hätte ein EU-Beitritt wohl keine Mehrheit mehr. Der Mittelstand ist ängstlicher als früher, die Kluft zwischen Arm und Reich wird größer. Die Macht der Sozialpartnerschaft, diese zu kitten, sinkt. Reallohnverluste und Arbeitslosigkeit schwächen das viel gerühmte Sozialsystem, traditionell ein sehr starkes Bindeglied. Auch die starke Zuwanderung zerrt daran. Wie Studien zeigen, sinkt die Bereitschaft, für andere zu zahlen, mit der Ankunft neuer Migrantengruppen. Der Streit um die Mindestsicherung für Flüchtlinge ist nur ein Vorbote. Die einstigen Großparteien ÖVP und SPÖ haben als Problemlöser abgedankt. Bei den Hofburg-Wahlen wurden sie „in einem unheimlichen Tempo zu Marginalien“, sagt Manoschek.

Der Staatstheoretiker sieht heute keine klassische Spaltung des Landes wie noch zu Zeiten Kurt Waldheims. Der Präsidentschaftskandidat im Wahljahr 1986 entzweite das Land aufgrund seiner dubiosen Wehrmachtsvergangenheit. Aber Manoschek sieht heute viel stärkere Fliehkräfte am Werk als damals. „Bei einer neuen Runde des Flüchtlingsstroms, gepaart mit einer Rückkehr der Finanzkrise, weiß keiner, was passiert.“ Dass Österreich dann in Richtung eines autoritären Systems wie in Ungarn oder Polen marschiert, hielte er „für gar nicht unwahrscheinlich. Die Wahl hat gezeigt: Fast 50 Prozent sind für einen autoritären Stil erreichbar.“

Wer oder was könnte das Österreich-Bewusstsein und die Immunkräfte gegen autoritäre Schübe stärken? Der neue Bundespräsident scheidet für 49,7 Prozent der Wählerschaft vorerst aus. Die Fußball-Nationalmannschaft hätte mit ein paar Siegen bei der Europameisterschaft in Frankreich schon deutlich mehr Erfolg. Stolz auf eine „gemeinsame“ Leistung verbindet, schließt nur leider alle Fußballmuffel aus. Keine kollektive Leistung sind die österreichischen Berge, Täler und Seen. Trotzdem verbindet drei Viertel der Österreicher der Stolz auf die Schönheit ihres alpinen Landes. So gesehen wird der Sommer uns wieder ein Stück weit versöhnen. Was den Patriotismus noch stark nährt: die nationale Küche.

Brauchtum und Tradition sind weitere Anwärter für Top-Plätze, taugen aktuell aber nicht als Klammer. Als die Hofer-Fans bei der ORF-Liveschaltung ihrem Hurra-Patriotismus mit „Österreich“-Rufen frönten, lief den Van-der-Bellen-Anhängern ein kalter Schauer über den Rücken. So mancher Jung-Wähler des Grünen Professors fühlt sich einem afghanischen Flüchtling näher als einem Fan des Volks-Rock’n-Rollers und Berufs-Machos Andreas Gabalier. Dass in so manchem Afghanen wiederum, was das Frauenbild betrifft, ein Turbo-Gabalier steckt, spielt in der demonstrativen Ablehnung alles „Volksdümmlichen“ durch linke Urbanisten keine Rolle.


Ich stelle mir vor, wie sich Peter und Julia auf diesem Konzert treffen und beim Gespräch über Flüchtlinge Brücken bauen.

Eine Stufe über der Volksmusik klappt die Wiederannäherung schon besser. Wähler von Hofer und Van der Bellen haben ihre Liebe für die klassische Musik beim Gratis-Sommernachtskonzert der Philharmoniker in Schönbrunn Schulter an Schulter geteilt. Das ist bei 100.000 Besuchern trotz eines Überhangs an Van-der-Bellen-Wählern statistisch gar nicht anders möglich. Auch die Gratiskultur verbindet offenbar. Das könnte der neu gewählte Bundespräsident aufgreifen: freier Eintritt zum Konzert in der Hofburg – Hauptact: Andreas Gabalier, Vorprogramm: der Rapper Nazar.

Ich stelle mir vor, wie sich Peter und Julia auf diesem Konzert treffen und beim Gespräch über Flüchtlinge Brücken bauen. Er könnte ihr von seinem serbischen Freund erzählen, der im Garten vor der ungarischen Grenze 60 Pässe aus aller Herren Länder fand und warum er seither Medienberichten vom gut gebildeten, syrischen Flüchtling vor dem IS misstraut. Sie könnte Peter Videos vom zerstörten Haus ihrer fleißigen syrischen Schützlinge in der IS-Hochburg Rakka zeigen und ihn damit zumindest für Einzelschicksale erwärmen. Sie könnte weiters ihre Erasmuszeit und Liebe zu Europa ohne Grenzen schildern, die sie auf sommerlichen VW-Bustouren entdeckte. Er könnte ihr von der Liebe zu seinem Grätzel in Favoriten erzählen und begründen, warum er lieber alle heiligen Zeiten seinen Pass an der Grenze herzeigt, anstatt eine willkürliche Zuwanderung in sein Grätzel zu akzeptieren, wo schon genug arbeitslose Männer herumhängen.

Vielleicht springt ein Funke Verständnis über. Und wenn sich die beiden dann noch über Facebook connecten, drischt sie womöglich weniger undifferenziert auf die „braunen“ Blauen ein; und er verkneift sich das eine oder andere ungustiöse Hassposting gegen anonyme Flüchtlinge, weil er an Julia und ihre Flüchtlings-Videos denkt. Das bringt weniger Applaus von der eigenen Gemeinschaft, hält als Gesellschaft aber zusammen. Und spannender ist es obendrein als der immer gleiche digitale Schrebergarten.