Kolumnist Jeannée: „Du musst polarisieren“

Michael Jeannée.

Michael Jeannée.

Michael Jeannée personifiziert alles, was viele Menschen an der „Kronen Zeitung“ hassen. Er provoziert gekonnt. Ein Gespräch über sein Medium in Zeiten der Führungskrise, Christoph Dichand als „weniger harten“ Blattmacher und wen er alles für „Trotteln“ hält.

Eines kann man Michael Jeannée nicht vorwerfen: dass er ein Duckmäuser ist. Während andere "Krone“-Journalisten bevorzugt keine Interviews geben, sitzt Jeannée locker in seinem Büro, Füße auf dem Schreibtisch, Zigarre im Mund und erzählt über das Boulevardgeschäft. Dabei haben er und sein Blatt in den letzten Monaten wieder viel Kritik einstecken müssen. In der Flüchtlingskrise fiel die "Kronen Zeitung“ mit mehr als umstrittenen Texten auf - darunter auch die "Post von Jeannée“. Die Wut der "linken Schickimicki-Partie“ treibt den Kolumnisten erst so richtig an.

INTERVIEW: INGRID BRODNIG

profil: Herr Jeannée, neulich haben Sie überrascht. Nach den Anschlägen von Paris riefen Sie zu Mitgefühl für Muslime auf - und warnten vor Hass.
Michael Jeannée: Warum überrascht Sie das? Glauben Sie, ich hasse Moslems?

profil: Weil man von Ihnen einen deutlich härteren Tonfall gewohnt ist.
Jeannée: Stimmt, aber ich habe an mir selbst die Gefahr erkannt, dass wir die falschen Schlüsse ziehen. Im noblen Wien-Döbling gibt’s auch Flüchtlinge, bei einer Kreuzung stehen drei vermummte Frauen. Natürlich beschäftigt einen das. Nur dürfen wir den Terroristen nicht den Gefallen tun, dass wir dann sagen: Bloß weg mit denen, egal ob Männer, Frauen oder Kinder. Das wäre inhumaner Unsinn.

profil: Gehört dieses Mitgefühl zum Boulevardjournalismus? Zuerst teilt man kräftig aus, und dann ist man einfühlsam?
Jeannée: Mit Boulevard hat das nix zu tun. Das ist meine Art, zu schreiben. Meine Kolumne lebt von der Polarisierung. Ich polarisiere - aber ich bin niemandem wurscht. Was Besseres kann man über einen Journalisten nicht sagen. Wen interessiert das, wenn einer hochgebildet und hochintelligent irgendetwas daherschreibt? Du musst polarisieren. Nach dieser Kolumne haben mir Leser geschrieben: "Was ist los mit Ihnen? Haben s’ Ihnen die Eier abgeschnitten?“


Mir ist zwar meist bewusst, was einige aufregen wird. Aber was soll’s?

profil: Sie wollen also bloß niemandem egal sein?
Jeannée: Ich bin einfach so. Sie kennen sicher meine Aussage über einen 14-jährigen Bankräuber: "Wer alt genug ist zum Einbrechen, ist auch alt genug zum Sterben.“ So etwas fließt spontan aus mir heraus, wenn ich an der Schreibmaschine sitze.

profil: Sie überlegen gar nicht, mit welchen Worten Sie am meisten Empörung auslösen?
Jeannée: Nein. Mir ist zwar meist bewusst, was einige aufregen wird. Aber was soll’s? Meine Kolumne wird von der Rechtsabteilung gelesen - zumindest alle Texte über politische Akteure. Da wird immer geschaut, ob das eh keine Ehrenbeleidigung ist.

profil: Würden Sie diesen Satz über den Einbrecher noch einmal schreiben?
Jeannée: Ja, natürlich.

profil: Was wollen Sie mit Ihrer Kolumne bewirken?
Jeannée: Sie ist eine Zuspitzung meiner journalistischen Arbeitsweise. Ich war zwölf Jahre Chefreporter bei der "Bild am Sonntag“, ich war in Kriegen. Ich habe die Welt immer aus meiner Sicht beschrieben, das hat meinen Erfolg ausgemacht. Die Kolumne ist die Zuspitzung: Ich sage Sachen, die sich andere nicht trauen würden zu sagen oder zu denken.

profil: Als Amnesty International heuer Traiskirchen besuchte, nannten Sie die Beobachter "Arroganzlinge“ und meinten, dass ihr Bericht "unser Land besudelt, diskriminiert und verleumdet“.
Jeannée: Der Hintergrund war: Amnesty International kommt aus London, steigt vornehm im Hotel ab, fährt ein paar Stunden nach Traiskirchen und erzählt uns Dinge, die wir eh schon wissen - dass in Traiskirchen Leute am Boden liegen. Und weil die aus London kommen, sollen wir uns fürchten. Das hat dann aber nicht gestimmt, dass die aus London kamen. Das war mein Fehler. Den habe ich in der zweiten Kolumne richtiggestellt. Wobei die Geschichte weitergeht: Die klagen mich jetzt auch noch.

profil: Vor dem Presserat liegt der Fall ebenfalls - wie auch andere Texte der "Kronen Zeitung“ in der Flüchtlingsdebatte. Etwa Christoph Birós Leitartikel, wonach Flüchtlinge Sitze in der ÖBB aufgeschlitzt und ihre Notdurft darin verrichtet hätten.
Jeannée: Das hat aber mit meiner Kolumne nix zu tun.

profil: Sie kennen das Blatt zumindest gut. Provoziert die "Krone“ hier bewusst?
Jeannée: Nein. Ich bin Teil dieser Redaktion und ein leidenschaftlicher Boulevard-Journalist. Da kann es passieren, dass man mal über das Ziel hinausschießt. Und natürlich passiert es jeder Zeitung, dass man auch Falschinformationen aufsitzt. Das ist aber nicht geplant, wie das die linke Schickimicki-Partie behauptet. Ich bin auch schon übers Ziel hinausgeschossen. Einmal hab ich die Frau Heinisch-Hosek ein "Polit-Furunkel“ genannt. Das war tatsächlich überspitzt. Die Bezeichnung als "Unbildungsministerin“ hätte gereicht.


Ausgerechnet die größten Schreier nach Toleranz sind die Intolerantesten - nämlich die Linken. Die schwingen dauernd die Faschismus-Keule. Ich kenne diese Keule gut genug. Ich war mein Leben lang kein Linker.

profil: Wie würde die "Krone“ berichten, wäre Hans Dichand noch am Leben?
Jeannée: Vielleicht ein wenig härter. Vielleicht. Der Christoph Dichand ist sicher weniger hart in der Sache als sein Vater, der Erfinder dieser Zeitung. Aber das ist jetzt schwer zu beantworten. Ich jedenfalls hab kein Problem mit meiner Zeitung. Keiner hier ist ein Rassist. Das ist Schwachsinn. Man kann aber konträrer Meinung zur gängigen Gutmenschen-Philosophie sein. Ausgerechnet die größten Schreier nach Toleranz sind die Intolerantesten - nämlich die Linken. Die schwingen dauernd die Faschismus-Keule. Ich kenne diese Keule gut genug. Ich war mein Leben lang kein Linker.

profil: Das hätte Ihnen niemand vorgeworfen. Finden Sie es eigentlich lächerlich, wenn sich Menschen über die oberösterreichische Landesregierung aufregen, die nur aus Männern besteht?
Jeannée: Feminist bin ich auch keiner.

profil: Auch das hätte Ihnen niemand unterstellt.
Jeannée: Um auf Ihre Frage zu antworten: Die krähende Frau Heinisch-Hosek, die nach der Frauenquote im Parlament ruft, die stört mich. Die Zeit, in der Frauen diskriminiert wurden, ist vorbei. Frauen sind auf der ganzen Welt in führenden Positionen. Wenn die jetzt nicht in Oberösterreich vertreten sind, wen interessiert das? Mich regt das jedenfalls nicht auf, wenn irgendwo zu wenig Frauen am Ruder sind.

profil: Was sagen Sie zu dem Vorwurf, dass Sie ähnliche Texte verfassen wie die Hassposter im Internet?
Jeannée: Das ist ein Blödsinn. Meine Kolumne ist aggressiv, aber nicht von Hass geprägt.

profil: Wo ziehen Sie da die Linie?
Jeannée: In mir. Das weiß ich, ohne darüber nachzudenken.

profil: Sie haben im Jahr 2010 in einer Kolumne den "Hegeabschuss“ von "Kurier“-Chefredakteur Helmut Brandstätter gefordert. Geht das nicht zu weit?
Jeannée: Wissen Sie, was ein Hegeabschuss ist? In der Jagdsprache heißt das: Ein Jäger erschießt ein Tier, das krank ist, das blind ist, das hinkt. Das Tier muss von dieser Situation befreit werden. Ich wollte signalisieren, dass es wie ein Hegeabschuss wäre, wenn man den Herrn Brandstätter als Chefredakteur entfernt, der kann das einfach nicht. Dass das ein Aufruf zum Mord sein soll, das ist lächerlich.

profil: Warum ist das lächerlich? Sie haben den "Kurier“-Chefredakteur mit einem verwundeten Tier verglichen, das abgeschossen gehört.
Jeannée: Nein, ich habe in Jägersprache klargemacht: Der gehört als Chefredakteur entfernt.


Sie sind im Presserat? Ich hab gedacht, dort sitzen nur alte Trotteln.

profil: Der Presserat hat Sie damals dafür verurteilt. Kein anderer Journalist ist so oft vom Presserat verurteilt worden wie Sie - insgesamt sechs Mal.
Jeannée: Gut.

profil: Wie stehen Sie denn dem Presserat gegenüber? Der Transparenz halber sei angemerkt, dass ich auch Teil des Presserats bin.
Jeannée: Sie sind im Presserat? Ich hab gedacht, dort sitzen nur alte Trotteln. Aber wen interessiert der Presserat schon. Die haben keine Entscheidungsbefugnisse. Ob die mich verurteilen oder nicht, kann mir wurscht sein.

profil: Auch technologisch sind Sie unbeirrbar. Noch immer schreiben Sie Ihre Texte auf der Schreibmaschine. Wie funktioniert das im Jahr 2015?
Jeannée: Gleich wie vor 40 Jahren: Ich schreibe meine Texte in Kleinbuchstaben auf der Maschine und diktiere sie der Sekretärin. Die tippt das dann fehlerfrei. So mach ich das noch heute.

profil: Warum?
Jeannée: Fragen Sie mich nicht. Jetzt ist es zu spät. Ich habe eine Aversion gegen Computer. Bis vor vier, fünf Jahren wusste ich gar nicht, was dieses Internet ist, was twittern ist, was Facebook. Es hat mich nicht interessiert. Diese ganze Technik ist mir ein Gräuel.

profil: Nicht nur ein Teil der "Krone“-Journalisten ist alt - auch Ihre Leser sind das. Haben Sie eigentlich Angst, dass die "Kronen Zeitung“ an Bedeutung verliert?
Jeannée: Ich bin 72 und bezweifle, dass ich die Bedeutungslosigkeit der "Krone“ noch erleben werde. Die nächsten zehn Jahre wird gar nix passieren. Und was danach ist? Ich weiß es nicht. Ich glaube, Print wird überleben. Aber vielleicht irre ich auch.

profil: Was wünschen Sie der "Krone“, wenn Sie einmal nicht mehr unter uns sind?
Jeannée: Was nach mir ist, ist mir grundsätzlich wurscht. Aber natürlich wünsch ich der Idee der "Kronen Zeitung“ nur das Beste ad infinitum. Ich hab die größte Zeit meines Lebens hier verbracht, ich bin zwischendurch in Ungnade gefallen, das gehört dazu. Die "Krone“ ist die meistgelesene und wichtigste Zeitung des Landes. Deswegen haben die Linken den Schaum vor dem Mund. Und das gefällt mir.

Michael Jeannée, 72,
wurde in Olmütz (heute Tschechien) geboren und wuchs in Wien auf. Er schrieb für das Wiener Boulevardblatt "Express“, die "Bild am Sonntag“ und jahrzehntelang für die "Kronen Zeitung“. Seine größte journalistische Leistung war wohl, dass er den britischen Postzugräuber Ronald Biggs in Brasilien aufspürte. Von 1993 bis 2003 war er "Adabei“-Reporter der "Krone“, fiel dann aber in Ungnade - laut Hans Dichand, weil sich Kolleginnen über seinen Umgangsstil beschwert hatten. 2007 durfte Jeannée zurück ins Blatt - seither schreibt er die Kolumne "Post von Jeannée“.