Arbeiterhochburg Linz: Von der SPÖ-Stadt zum blau-grünen Biotop

Linz im Wandel. „Viele haben in der Industrie gut verdient und waren gewohnt, dass es bergauf geht.“

Linz im Wandel. „Viele haben in der Industrie gut verdient und waren gewohnt, dass es bergauf geht.“

Drei Spaziergänge in der SPÖ-Stadt Linz, die nun blau-grün ist.

Überraschend gute Nachrichten brauchen Zeit. Rudi Anschober, Grüner Landesrat in Oberösterreich, war am Wahlsonntag zuerst einmal ziemlich perplex, bevor er sich freuen konnte: In der tiefroten Arbeiterhochburg Linz, die in den vergangenen Jahren zum Aufmarschgebiet der Freiheitlichen geworden war, hatten über 60 Prozent Alexander Van der Bellen gewählt. Da waren die Wahlkarten noch nicht ausgezählt.

Linz ist das industrielle Herz Österreichs, eine Stadt, in der die Endstationen der Busse „Schiffswerft“ oder „Chemiepark” heißen. Die Logik der Produktion bestimmt die sozialen Verhältnisse. Industriearbeit ist hart, oft gefährlich. Man muss das im Kopf behalten. „Weil jeder Ausfall eine Katastrophe ist, entwickelte sich hier keine Kultur der großen Worte, sondern des Tuns“, sagt Harald Katzmair von FAS research. Ihr eignet ein antiintellektuelles und antidemokratisches Momentum.

Seit Ende des Zweiten Weltkrieges regieren in Linz SPÖ-Bürgermeister. Fast könnte das Votum vergessen lassen, wie sehr die Sozialdemokratie hier in die Defensive geraten ist. Drei aufschlussreiche Spaziergänge.

Erste Station, Tschickbude. In der Stahlkrise der 1980er-Jahre hat Linz gelernt, nach vorn zu schauen. Deshalb beginnt man den Rundgang am besten in der Tabakfabrik, einem Ort, an dem viel über die Zukunft nachgedacht wird. 2009 sperrte die „Tschickbude” nach 160 Jahren Zigarettenproduktion zu. Das Versprechen der Regierung, die Jobs würden nach der Privatisierung erhalten bleiben, löste sich in Nichts auf. Chris Müller, zuständig für alles Künstlerische, führt durch das Areal. Bagger schaufeln Schutt in Container.

Chris Müller, Leiter der Tabakfabrik Linz, über die Kultur der Arbeit

Inzwischen arbeiten hier wieder 350 Menschen, weitere 700 Arbeitsplätze sollen entstehen, viele offene Büros – coworking space, wie es heute heißt. Die Zahl der Ein-Personen-Unternehmen steigt, und damit wachse die Sehnsucht nach Gemeinschaft. Linz zählt zu den deutschsprachigen Städten, die mehr Arbeitsplätze (215.000) als Einwohner (200.000) haben. Die Aufstiegsgeschichte freilich ist zu Ende. „Wenn ich hart arbeite, fleißig bin, schwitze, und nebenan sehe ich eine menschenleere Halle, wo alles von Robotern gemacht wird, jagt mir das Unbehagen ein“, räsoniert Müller: „In diesen Spalt grätschen Parteien hinein. Statt zu sagen, dass Menschen von dem Ertrag der Maschinen leben und sich weiterbilden könnten, wenn es eine faire Verteilung gibt, spaltet man sie in Gewinner und Verlierer.“

Zweite Station, das Franckviertel der Roten. Die Zichorienkaffeefabrik Franck & Kathreiner gibt es längst nicht mehr. Doch immer noch heißt der Stadtteil, der im Süden bis zur voestalpine reicht, „Franckviertel“. Es gab sozialen Wohnbau, man ging ins Tröpferlbad und setzte sich danach in Badeschlapfen ins Kino. 1938 wuchs auf dem Boden des geschleiften Ortes St. Peter die Stahl- und Chemie-
industrie. Das Franckviertel hieß Glasscherbenbezirk, angeblich, weil es eine Glasbude gab. Tatsächlich landeten hier Junkies, Prostituierte, Stricher und Kleinkriminelle. Die Straßen wurden nach tüchtigen Ingenieuren benannt; das Gros der Bewohner wählte rot, und den Älteren gilt SPÖ-Altbürgermeister Franz Dobusch bis heute als Lokalheld. Er hatte als mittelloser, junger Steirer im Don-Bosco-Haus Kost und Logis erhalten; dafür trug er die Kirchenzeitung aus. Später brachte er den Bewohnern Sanierungstrupps, Fernwärme und ein Seniorenheim.


Mehr als die Hälfte der Bevölkerung glaubt laut Erhebungen der Linzer Meinungsforscherin Edith Jacksch, dass es den Kindern schlechter gehen wird als der eigenen Generation.

Seinen miesen Ruf ist das Viertel nie ganz losgeworden; doch wer hier einmal lebt, will nicht weg. Es gibt grüne Alleen; vor den Häusern trocknet die Wäsche im Freien. In der Kindheit von Jasmine Chansri, 36, wäre das unmöglich gewesen: „Die weißen Sachen waren nach zwei Stunden schwarz.” Die Luftqualität ist mittlerweile mehr als akzeptabel. Chansri wuchs hier auf, bis sie zum Studium nach Graz ging. Heute ist sie rote Parteivorsitzende im Franckviertel. Als 30 Flüchtlinge ins Viertel kamen, hetzte die FPÖ und sammelte Unterschriften: „Inzwischen hat sich die Aufregung gelegt“, erzählt Chansri. In den vergangenen Jahren bekamen viele Wohnhäuser einen Lift und Balkone; trotzdem hängen an einigen die Österreich-Fahnen der Unzufriedenen. „Viele haben in der Industrie gut verdient und waren gewohnt, dass es immer aufwärts geht“, sagt Chansri. Das ist vorbei. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung (55 Prozent) glaubt laut Erhebungen der Linzer Meinungsforscherin Edith Jacksch, dass es den Kindern schlechter gehen wird als der eigenen Generation.

Jasmine Chansri (SPÖ) und Philipp Schrangl (FPÖ) über das Frankcviertel und den Froschberg

Im Franckviertel schlägt sich der Befund besonders nieder. Bei den Gemeinderatswahlen 2015 kreuzten 42,8 Prozent SPÖ an; auf Landesebene hatte bereits die FPÖ die Mehrheit (36,1 Prozent). Vergangenen Sonntag sah man viele im Wahllokal, die seit Jahren nicht mehr gewählt hatten. Chansri war nervös, als die Stimmen ausgezählt wurden: 52,06 Prozent waren für Hofer, fast 48 Prozent für Van der Bellen. Für das Franckviertel eine Weltsensation, so Chansri: „Mehr als sechs Prozent haben die Grünen hier noch nie gehabt.”


Als er mit Anfang 30 eine Wohnung suchte, habe ihm nicht die SPÖ geholfen, sondern die FPÖ.

Dritte Station, das Franckviertel der Blauen. Viele Männer, die im Taxlertreff 69 ihr Bier trinken, sind hier aufgewachsen. Die Ausländer gehören „weg, das weiß doch jeder“, sagt einer; ansonsten sei es zum Aushalten hier. Manfred Gabriel, 44, hingegen stammt aus dem Hafenviertel. Mit 15 lernte er Schweißer in der Schiffswerft, so wie sein Vater, der in den 1970er-Jahren, als die Geschäfte mit den Russen prächtig liefen, manchmal Doppelschichten arbeitete. An Wahlsonntagen hieß es: „Aufstehen und SPÖ wählen!“ Maiaufmärsche waren Pflicht. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs brachen die Aufträge weg; Gabriel arbeitete im Containerterminal der Linz AG, als Leiharbeiter, wie viele andere: „Fixe Jobs gibt es kaum noch.“ Nun spielt seine Hüfte nicht mehr mit, derzeit lässt er sich auf Altenfachbetreuer umschulen. Als er mit Anfang 30 eine Wohnung suchte, habe ihm nicht die SPÖ geholfen, sondern die FPÖ: „Das ist dann meine Partei geworden. Man hat gesehen, dass sie nicht nur für die Studierten da ist und einen mit leeren Versprechungen frotzelt. Hier kann sich jeder alles hart erarbeiten.“

Inzwischen ist Gabriel blauer Stadtteilsprecher im Franckviertel. Die Bewohner kommen zu ihm, weil das Denkmalamt verbietet, Rollläden zu montieren, auf den Straßen gedealt wird, Sprayer die Hauswände verunstalten und „etwas gegen die Ausländer gemacht gehört“. Auf dem Brunnenplatz, wo früher die SPÖ ihre Feste abhielt, feiern seit Jahren die Blauen. „Es braucht uns, die Leute fühlen sich im Stich gelassen“, sagt Philipp Schrangl, FPÖ-Nationalratsabgeordneter aus Linz.

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