Der Geist vom Brunnenmarkt

Die Feuerwehr bei der Reinigung des Tatortes

Die Feuerwehr bei der Reinigung des Tatortes

profil-Redakteur Clemens Neuhold über Francis N. und das Ende der Leichtigkeit am Ottakringer Brunnenmarkt.

Wir kannten ihn alle, jetzt kennen wir einen Mörder. Francis, N., 21 Jahre alt, Kenianer, seit sechs Jahren illegal in Österreich. Diese Details entnehmen wir den Medien, ihm selbst hätten wir sie nicht entlockt. Dafür war der Obdachlose, der zum Inventar des Brunnenmarktes gehörte, für die Marktgemeinde zu entrückt.

„Alles klar?“ Beim ersten und einzigen direkten Kontakt vor einem Jahr sprach ich ihn halb mitleidig, halb Nase rümpfend an und suchte seine Augen, die sich hinter dem Dickicht an verfilzten Haaren versteckten. Vergeblich. Er hielt den Kopf gesenkt. Die Tore zu seiner Seele blieben verschlossen. Er zuckte kurz mit dem Kopf und ich deutete es als stummes „Lass mich in Ruhe.“ Vielen ging es so. Selbst Sozialarbeiter werden wohl irgendwann schulterzuckend aufgegeben haben.

In den Monaten danach fragte ich mich, ob dieser völlig verwahrloste Mensch mitten in der Öffentlichkeit sein Geschäft verrichtet. Denn das Auffälligste an ihm waren seine vor Dreck steifen Hosen, die in den Kniekehlen hingen. „Nein, so etwas macht er nicht. Ich habe ihn öfters gefragt, ob er eine Hose braucht. Die Marktstandbesitzer da drüben haben ihm eine geschenkt. Aber er hat sie abgelehnt“, erzählte mir eine Kellnerin eine Woche vor dem Mord. Francis N. hatte sich vor ihrem Lokal positioniert, war dort wie üblich in sich zusammengesackt und verharrte wie eine wankende Statue, die für alles steht, was schief läuft in der Welt. Mich interessierte, wie die Kellnerin mit dem Anblick des wirren Dauergastes in der Auslage ihres Lokals umging. Es war schön zu sehen, dass dieser völlig verwahrloste Mensch in der Marktgemeinde überhaupt noch Gefühle von Mitmenschlichkeit provozierte - ja, noch als Mensch wahrgenommen wurde. Mir schien er längst mehr Geist als Mensch zu sein, versunken in einer Welt, in der grundsätzliche menschliche Regungen wie Ärger, Hass, Freude, Trauer längst nur noch als schwaches Echo aus vergangenen Tagen nachhallten. Ein seelisches Wrack ohne Hafen. Was war passiert zwischen dem Aufbruch in Kenia und dem Absturz am Brunnenmarkt?


Francis N. konnte seiner Apathie wohl rascher entschlüpfen, als wir alle es für möglich hielten. Er hat alle getäuscht, vielleicht auch sich selbst.

Ich erinnere mich an die Worte einer türkischen Marktfrau, die neben seinem zweiten Lieblingsspot handelte: „Der ist eigentlich harmlos. Nur wenn ihm die anderen Drogendealer etwas zu rauchen geben, dann wird er komisch.“ Dass sich in diesem verstummten Vagabunden ein tödliches Gemisch aus abartigen Regungen zusammenbrauen konnte, das Energien für zehn Hiebe mit einer zehn Kilo schweren Eisenstange freisetzte, hätten wir beide nie vermutet. Als einen amtsbekannten Dealer und Gewalttäter beschreiben ihn Zeitungen und Polizei heute. Der Kontrast zwischen den Berichten und dem Erlebten macht noch immer sprachlos. Francis N. konnte seiner Apathie wohl rascher entschlüpfen, als wir alle es für möglich hielten. Er hat alle getäuscht, vielleicht auch sich selbst.

Die Gerichtspsychiater werden tief graben müssen, um Antworten zu finden. Zurück bleibt die Familie des Opfers, der 54-jährigen Maria E., die er nach allem, was wir wissen, zufällig ausgewählt hat. Eine Wienerin aus einfachen Verhältnissen, die mitten in der Nacht in die Arbeit geht, damit das Wettcafé zumindest so lange sauber ist, bis Zocker wieder zerknüllte Wettscheine auf den Boden schmeißen. Der Typus Frau, der sich für andere abrackert und nicht viel darüber klagt. Mit dem Opfer kann sich jeder am Markt identifizieren, der vor der Dämmerung aufsteht, um die Stände mit Gemüse und Obst zu drapieren oder nach Lokalschluss über den Markt heimgeht.

Diese emotionale Nähe zum zufälligen Opfer, die so viele Wiener spüren, unterscheidet den Mord vom letzten großen Vorfall im Grätzel. „Kroate schießt Serben halben Kopf weg!“, titelten die Gazetten im November. Die grünen Tatort-Markierungen am Yppenplatz waren rasch verwischt von den Reifen der Kinderwägen, die Jungeltern auf dem Weg zum Chai-Latte schieben. War ja nicht der erste Mord auf der Balkan-Meile. Und meist bleiben die – so blöd das klingt – in der Familie. Daran hat sich der Wiener gewohnt. Bei diesem Mord aber konnte die Distanz zwischen Opfer und Täter größer nicht sein. Der Mann, der aus der Ferne kam und die Frau von nebenan erschlägt. Eine von uns. Ausgewählt nach dem Zufallsprinzip. Es ist das Unberechenbare, das Angst macht.

Man muss den Fall Francis N. isoliert sehen, sagt die Vernunft. Die Tat eines Irren. Er war kein falscher Asylwerber, der 2015 den großen Flüchtlingsstrom ausnutzte und illegal mitschwamm. Er war auch keiner der üblichen schwarzen Street-Runner, die seit einem Jahr mit einer verstörenden Offenheit zwischen Brunnenmarkt und U6 Gras verkaufen und in 5er-Gruppen von Deal zu Deal sprinten, deren Gewalttaten aber bisher ebenfalls in ihrer „Familie“ blieben. Oder die sich um die Familie der Tschetschenen erweiterten, wenn diese auf eine kleine Massenkeilerei vorbeischauten. Francis N. war anders. Ein Sonderfall.


Die Leichtigkeit ist schon lange aus dem Viertel verschwunden.

Und trotzdem schafft es die Emotion nicht, all das zu trennen. Wieviele Menschen leben so wie Francis N. als „U-Boote“ in Österreich und gleiten – ohne Andockstation an die Gesellschaft – in den Wahn ab? Wie viele kommen als Drogensüchtige, Kriminelle oder völlig Traumatisierte, die nicht wissen, wann sie emotional explodieren? Wie viel Psychologen braucht es, um das zu entschärfen?

Die Leichtigkeit ist schon lange aus dem Viertel verschwunden. Sie ging, als die Dealer kamen und den Markt selbstbewusst besetzten, die mit ihrer Körpersprache klar machten: „Wir sind gekommen, um zu bleiben. Gewöhnt euch dran und kauft.“ Vom Kind bis zum Greis zischeln sie und bieten sich an - wie Prostituierte am Straßenstrich.

Bedroht muss man sich nicht unbedingt fühlen. Gibt es neben Zucchinis eben auch Gras am neuen „Hot-Spot“ oder in der neuen „No-Go“-Area Wiens. Ja, auch dieses Label hat der Brunnenmarkt inzwischen. Wenn die Kinder in der Früh in den Kindergarten spazieren oder sich am Samstag Vormittag die Nachzieh-Wagerl stauen, lacht man darüber. Wenn dir am Samstag Nacht zwischen Gürtelbögen und Brunnengasse 20 Dealer den Weg verstellen, willst du ihnen nur „Fuck off!“ entgegenschleudern und ärgerst Dich, wie schnell Staatlichkeit, die du mit der Hälfte deines Gehalts finanzierst, kollabiert.

Es ist das ungewohnte Selbstbewusstsein der neuen Marktbewohner, das alle gewohnten Hierarchien durcheinander würfelt. Die Unterwelt präsentiert sich im grellen Licht der neu installierten Sicherheitsbeleuchtung. Bei ihrer ersten Anmache entschuldigte ich mich noch für meine Zurückweisung, so perplex war ich über die offensive Art - als dealten sie nicht mit Gras, sondern mit Greenpeace-Mitgliedschaften.

Das Marktgleichgewicht ist längst gekippt. Ein junger Bursch, der ein TV-Kamerateam begleitet, will wieder wegziehen. Nach einem Jahr. Den Umzugshorror nimmt er offenbar in Kauf für die Rückkehr in die Normalität. Mit Familie hier wohnen bleiben? Wie geht es Vätern, deren pubertierende Töchter in der Nacht auf der Drogen-Meile heimspazieren und sich anzischeln lassen müssen?


Es riecht nach Bürgerwehr und ich bin schockiert, wie wenig mich das Szenario schockiert.

Ein türkischer Lokalbesitzer sagt mir, er will verkaufen. Das Lokal, der Markt war und ist sein Leben. Doch er spürt, dass seine Kunden den Markt und die Anreise über den neuen Karlsplatz, die U-Bahn-Station Josefstädter Straße meiden. Er hätte sich mehr von der Polizei und der Politik erwartet und fühlt sich nun alleine gelassen. Andere Türken erzählen mir, sie würden das „Problem“ gerne selbst lösen. „Wir sind viele.“ Da sind sie. Sie sind der Markt, denn ohne sie gäbe es den Markt unter der Woche längst nicht mehr. Sie sind immer hier, nicht nur auf die Länge eines Aperol-Spritz und wollen wieder ihre selige Ruhe. Sie haben nicht zugeschlagen. Denn sie haben Angst, dass sie im Gefängnis landen, wenn sie ihren Markt zurückerobern. Im Unterschied zu den Dealern haben sie noch etwas zu verlieren und sind für die Polizei leichter fassbar. Es riecht nach Bürgerwehr und ich bin schockiert, wie wenig mich das Szenario schockiert.

In einem Café am Yppenplatz präsentiert eine Köchin ihren Pfefferspray und führt die ideale Schussposition vor. Neben ihr zeigt ein Typ, der viel eher Van der Bellen als Norbert Hofer wählt, geheime Hand-Abwehr-Gimmicks vor, die von der Polizei nicht als solche identifizierbar sind. Welche Waffen haben Männer in weniger linken Cafés dabei?

„Schauen Sie doch auf den Brunnenmarkt“, entgegnete Bürgermeister Michael Häupl, als ihm ein Reporter vor der Wien-Wahl auf Ghetto-Tendenzen im Bezirk Favoriten ansprach. Der Brunnenmarkt, das Vorzeige Multi-Kulti-Viertel. Das ist es und bleibt es. Ist ja doch eine Großstadt. Da kommt es zu solchen Verwerfungen, sagen die, die viel in der Welt unterwegs sind und gerne relativieren. Doch: Man stelle sich den Satz heute vor: „Schauen Sie auf den Brunnenmarkt.“ Er hätte die umgekehrte Bedeutung und käme in den Tagen nach der Irrsinnstat von Francis N. einer Werbung für die FPÖ gleich. Hat die nicht davor gewarnt?

Der Brunnenmarkt steht heute für ein Marktversagen, weil er zeigt, dass im Ernstfall das Angebot an Sicherheit der Nachfrage nicht standhält. Das war schon an den EU-Grenzen und in Spielfeld so. Und er zeigt, wie rasch ein Grätzel wegen ein paar Dutzend Fremder kippen kann.

Francis N. saß nicht in einer geschlossenen Psychiatrie oder wurde von Beginn betreut. Er saß auch nicht im 30-Millionen Euro teuren Schubhaftzentrum in Vordernberg, das genau für Fälle wie den seinen gebaut wurde. Es steht leer. Die beiden Gummizellen wurden noch nie benutzt. Die Markt-Dealer sitzen anstatt im Gefängnis (eine andere Sanktion verstehen sie nicht, sagen Drogenspezialisten der Polizei) untertags in den Asylquartieren – alimentiert vom Staat und den NGOs – um sich vom Abendgeschäft zu erholen.

Der Geist des Brunnenmarktes ist weg. Auch ein bisschen der Spirit.