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Österreich
11/07/2017

Macher der Anti-Kern-Seite hat gute Kontakte zur ÖVP

Sebastian Kurz kennt er aus früheren Tagen persönlich.

von Jakob Winter

Die Seite "Die Wahrheit über Christian Kern" zählte zu den ungustiösen Auswüchsen des Wahlkampfes. Noch-Bundeskanzler Kern wurde auf der Page über Monate als "Mogelkanzler" diffamiert. Eine Fotomontage zeigte den Kopf des SPÖ-Chefs auf dem Körper des nordkoreanischen Diktators Kim Jong-un. Den SPÖ-Slogan "Hol dir, was dir zusteht" dichtete die Sudelseite um: "Hol dir einen runter".

Nach einer Anzeige forschte die Staatsanwaltschaft den Administrator der Fanseite über Facebook aus. Seit Anfang vergangener Woche ist klar: Hinter dem Dirty Campaigning steckt der ehemalige niederösterreichische ÖVP-Funktionär Boris F. Wurde er für seine schmutzigen Aktivitäten im Netz beauftragt -oder handelte er aus eigener Überzeugung?

Seit Jugendtagen ist F. politisch im Bezirk Scheibbs aktiv. Als Schulsprecher organisierte er 1993 Proteste gegen die Einstellung eines Regionalzugs - die Schüler besetzten damals die Bahngleise. Über die Union Höherer Schüler (heute Schülerunion) kam F. zur ÖVP und arbeitete sich schnell nach oben: Er war Bezirkschef der Jungen ÖVP in Scheibbs, später auch Jugendgemeinderat seiner Heimatgemeinde Göstling an der Ybbs und schließlich Bezirksobmann des ÖVP-Arbeitnehmerbundes. 2013 beendete F. seine aktive Parteikarriere und konzentrierte sich auf seinen Job als PR-Berater. Der ÖVP blieb er dennoch verbunden: Als zertifizierter Trainer der ÖVP-Parteiakademie hielt er Vorträge für Parteigänger. In einem Folder der Politischen Akademie der ÖVP aus dem Jahr 2015 wird etwa ein "Schlagfertigkeitsseminar" mit F. beworben. Der Begleittext verspricht: "Souverän unangenehme Angriffe meistern." Diese Fähigkeit kann Boris F. nun selber gut gebrauchen.

Bei der ÖVP war man nach der Enttarnung von F. um Abgrenzung bemüht: "Wir haben mit dieser Person seit vielen Jahren keinen Kontakt mehr. Seit dem Jahr 2013 ist er auch kein Mitglied mehr", erklärte die niederösterreichische Geschäftsführerin des ÖVP-Arbeitnehmerbundes, Sandra Kern. Auch F. selbst schwört, die Seite sei eine "Eigeninitiative von mir" gewesen.

Dass F. mit der ÖVP nichts mehr zu tun hat, ist allerdings nicht ganz richtig: Der Mann war Ende September beim ÖVP-Wahlkampfauftakt in der Wiener Stadthalle. Wer hat ihn dorthin eingeladen?"Ich hatte Zeit und bin einfach hingegangen", sagt F. Es gibt auch private Verbindungslinien in die Partei. F. war über mehrere Jahre mit einer ÖVP-Landtagsabgeordneten aus Niederösterreich liiert, der gute Kontakte zu Sebastian Kurz nachgesagt werden -inzwischen sind die beiden getrennt. Und: F. traf Kurz auch persönlich, zumindest drei Mal. 2011 besuchte der damalige Integrationsstaatssekretär den Bezirk Scheibbs, ein gemeinsames Foto von F. und Kurz wurde in einem Regionalmedium publiziert - die beiden ÖVP-Politiker propagierten Arbeitnehmerrechte. Auch als die JVP des Bezirks an einem Sommerabend zum Polit- Talk in kleiner Runde mit Kurz lud, war F. zugegen. Gegenüber profil gibt F. ein weiteres Treffen mit Kurz zu. "Vor circa einem Jahr" habe er ihn auf einer Veranstaltung getroffen. Das beweist freilich nicht, dass in der ÖVP irgendjemand von den schmutzigen Aktivitäten wusste -es zeigt bloß: F. verfügt über äußerst gute Kontakte in die Partei.

Bleibt die Frage, wer die schmutzige Seite finanziert hat. profil-Autorin und Digitalexpertin Ingrid Brodnig konnte nachweisen, dass für die Anti-Kern-Seiten Werbung auf Facebook geschalten wurde. F. will insgesamt "vielleicht 400 Euro" dafür ausgegeben haben, das habe er aus der eigenen Tasche bezahlt. profil bat den Seitenbetreiber, seine Abrechnungen mit Facebook offenzulegen. F. winkte ab: "Ich sehe keinen Grund dazu."

Auch wenn die Anti-Kern-Seite deutlich weniger Fans als die bereits im Wahlkampf bekannt gewordenen Anti- Kurz-Seiten hatte: F. betrieb die Kampagne gegen den Kanzler mit großer Ausdauer. Mitte September urlaubte F. für einige Tage in Kroatien -ein Segeltrip mit Freunden: "Verdammt, mein Arbeitsplatz wackelt", postete er via Facebook ein Foto seines Laptops am Schiff. Die Frage eines Nutzers, ob er denn auch im Urlaub arbeiten müsse, bejahte F. Eine profil vorliegende Dokumentation der inzwischen gelöschten Anti-Kern-Fanpage zeigt: Auch während des einwöchigen Kroatienaufenthalts von F. wurde die Seite fleißig bespielt.