Was bleibt von der Bewegung für Van der Bellen?

Tanzen für den neuen Bundespräsidenten

Tanzen für den neuen Bundespräsidenten

Eine parteiübergreifende Bewegung trug Alexander Van der Bellen in die Hofburg. Was bleibt davon übrig? Ein aufschlussreicher Besuch bei Mitstreitern.

Es war der letzte Akt eines Partyreigens. Kurz vor Weihnachten richtete das Team Van der Bellen für die namenlosen Helferinnen und Helfer des Wahlkampfs ein Fest aus. Alexander Van der Bellen zwängte sich eine halsbrecherisch überfüllte und dunkle Stiege hinunter, um als Überraschungsgast auf der Kellerbühne des Wiener Szenelokals „Wirr“ zu wiederholen, was er am 4. Dezember in den Sofiensälen in die jubelnde Menge gerufen hatte: „Wir haben gewonnen.“

Elfi Rometsch, 57, stand mit einem Astra-Bier in der Hand wenige Meter entfernt und passte den Moment für ein Selfie mit dem neuen Präsidenten ab, für den sie in den vergangenen Wochen Hunderte Telefonate geführt und in Wiener Außenbezirken Flugblätter verteilt hatte und den Kampagnenchef Lothar Lockl eben noch versehentlich-salopp „Sascha“ nannte. Am Eingang verteilte jemand „We did it“-Buttons; sie steckten wenig später an zahllosen T-Shirts und Jacken. Van der Bellen hätte nicht fast 54 Prozent der Stimmen geschafft, ohne diese vielen Gesichter einer Bewegung. Alle strahlen an diesem Abend.

Was bleibt von der Euphorie, wenn die letzte Party zu Ende geht? In den Tagen danach traf profil Männer und Frauen, die der Kampf um die Hofburg unvermutet politisiert hatte. Ziehen sie sich jetzt wieder ins Privatleben zurück, bleiben sie politisch aktiv? Und wenn ja, in welcher Form? Keine Geschichte gleicht der anderen, aber aus jeder lässt sich für künftige Mitmach-Projekte etwas lernen.
Gerda Frey, 80, führt auf dicken, weichen Teppichen in ein helles Zimmer mit Blick auf den Garten. Hier serviert sie Kaffee aus feinem Porzellan. Auf Antiquitäten stehen gold- und silbergerahmte Fotos. Freys ältester Sohn lebt in Amerika. Er war der Auslöser, als er in einem Mail den Ausspruch einer Freundin zitierte: „Ich möchte am 9. November nicht mit einem Präsidenten Trump aufwachen und mir vorwerfen, nicht alles versucht zu haben, um ihn zu verhindern.“ Frey ersetzte Trump durch Hofer und wusste in der Sekunde: „Das will ich auch nicht.“


Ein neues übergeordnetes Anliegen sei noch nicht in Sicht. Ihre Antennen aber sind ausgefahren.

Das Team Van der Bellens hatte eine Website eingerichtet. Gerda Frey klickte auf „Ich will etwas tun“ und stand kurze Zeit später – tadellos frisiert und mit Ohrschmuck – unter anderen Freiwilligen in der Mitmachzentrale in Wien, um Pakete mit Werbematerial zu verschicken und mit Freiwilligen im ganzen Land zu telefonieren. Nicht nur das: Frey bat Freunde und Bekannte im Bridgeclub und im Tennisverein um Spenden, klebte ein Van-der-Bellen-Pickerl an ihren Peugeot, bekniete ihren Mechaniker, den Professor zu wählen, und verschickte SMS an alle Handwerker in ihrem Adressbuch.

Als Vertreterin einer Frauenorganisation bei den UN habe sie erlebt, wie viel lähmende Sitzungszeit mit leeren Worthülsen verstreicht. Der Grassroots-Einsatz beflügelte sie: „Hier haben wir etwas bewegt.“ Als der Wahlsieg feststand, weinte sie vor Erschöpfung und Erleichterung. „I am so happy and proud to tell you …“, mailte sie an ihre Freunde in Amerika. War es das? „Nein“, sagt Gerda Frey. Die Antwort kommt schnell. Doch dann gerät sie ins Stocken. Für eine Partei lasse sie sich nicht einspannen, sagt Frey. Ein neues übergeordnetes Anliegen sei noch nicht in Sicht. Ihre Antennen aber sind ausgefahren.

Man muss die Stadt durchqueren, um Anton Degen, 71, zu besuchen. Die Wege der bürgerlichen Dame aus dem Villenviertel und des ehemaligen Christgewerkschafters hätten sich unter anderen Umständen nie gekreuzt. „Toni“, wie ihn die Van-der-Bellen-Mitstreiter nennen, lebt in einem Gemeindebau im Arbeiterbezirk Simmering, nicht weit entfernt vom Prater, wo er mit seiner Frau oft Nordic Walken geht. In einer Ecke des Vorzimmers lehnen Stöcke. Als Erhard Busek Parteichef war, wählte Degen verlässlich die ÖVP, unter Wolfgang Schüssel wurde er zum Wechselwähler. An den NEOS gefalle ihm manches; dass sie für die Sonntagsöffnung eintreten, störe ihn aber sehr. Ähnlich gehe es ihm mit den Grünen.


Jan Reitzi, 18, maturierte am Militärrealgymnasium in Wiener Neustadt. Seine Freunde waren mehrheitlich für Hofer.

Wie Gerda Frey raffte auch Anton Degen sich auf, „weil hinterher zu jammern nichts bringt“. Der 71-Jährige telefonierte mit Pfarrern in ganz Österreich. Kürzlich fragte das Van-der-Bellen-Team per Mail, ob er Lust habe, weiterzuarbeiten, und schickte Links zu allen Parteien, außer FPÖ und Team Stronach, die in der Mitmachzentrale nicht vertreten waren. Degen sagt, er wolle sich nicht fix binden. Für das „Spontane“ aber bleibe er offen. Es fällt ihm auch sofort ein Anliegen ein, für das er wieder aufstehen würde: „Die Mindestsicherung! Dass man die Armen ärmer macht, um den Abstand zu den Löhnen zu vergrößern, ist ein Witz.“

Das ist die vielleicht wichtigste Lektion eines politisch außergewöhnlichen Jahres: Zu einer Zeit, als Polarisierung und Verdrossenheit die Berichterstattung beherrschten und Journalisten sich die Haare rauften, weil es nach Aufhebung und Verschiebung der Stichwahl kaum noch Neues zu berichten gab, wurden – quer durch Österreich – die unterschiedlichsten Menschen politisch aktiv; viele zum ersten Mal. Jan Reitzi, 18, maturierte am Militärrealgymnasium in Wiener Neustadt. Seine Freunde waren mehrheitlich für Hofer. Er fand, es lohne sich nicht, dauernd mit ihnen zu streiten, und meldete sich als Freiwilliger beim Van-der-Bellen-Team. Am Wahlsonntag stand er unter anderen Jungen auf der Bühne der Wiener Sofiensäle und badete in dem „super Gefühl, gemeinsam etwas geschafft zu haben“. Nun ist Erholung angesagt. Im Jänner rückt Reitzi als Grundwehrdiener bei den Panzergrenadieren ein, danach will er Chemie studieren. Sollte ihm zwischenzeitlich ein politisches Projekt in die Quere kommen, das Sinn und Spaß verheiße, sei er „sicher dabei“.

Ähnlich ging es Herbert Kollar in Lilienfeld. Der 65-Jährige hatte hier einen Installateurbetrieb aufgebaut, den er vor einem Jahr seiner Tochter übergab. „Ich bin kein Grüner“, sagt er. Doch als ein befreundeter Baumeister aus Hainfeld eine Runde zusammentrommelte, um für „ein offenes Miteinander und Van der Bellen“ zu werben, war er dabei. Sie veranstalteten Radtouren, sangen einen selbst komponierten Song, verteilten selbst gemachte Flugzettel, hängten selbst gedruckte Plakate auf und wanderten von Hütte zu Hütte, um mit Leuten zu reden. Kollars Anliegen, „weg von der schweigenden Masse zu kommen“, hat sich mit dem Wahlsieg nicht erübrigt: „Viele, die bei uns mitgemacht haben, waren so wie ich eher unpolitisch und mussten sich überwinden, um mit Leuten zu reden.“ Das wolle man weiter treiben. Gut möglich, dass sich daraus das eine oder andere regionalpolitische Projekt ergebe.


Mein Wunsch wäre, dass wir nach dem Wahlkampf auch die Präsidentschaft mittragen, in welcher Form auch immer.

Wie aus dem Nichts poppten Chöre, Raves, Punschstände und Backrunden auf; Wirte spendeten, Bürgermeister, Jugendliche, Wirtschaftstreibende formierten sich. Im südlichen Burgenland stellte Christina Pernsteiner, 32, eine Facebook-Site online, die zu einem Knotenpunkt für Offline-Aktivitäten wurde. Auch in diesem Forum wälzt man nun Ideen, wie sich die Bewegung weiterentwickeln könnte, sagt Pernsteiner: „Mein Wunsch wäre, dass wir nach dem Wahlkampf auch die Präsidentschaft mittragen, in welcher Form auch immer.“
Eine Kampagne, die zum „explosionsartigen Mitmachprojekt“ werden kann, hatte Wahlkampfleiter Lockl bestellt. Martin Radjaby, Geschäftsführer der Werbeagentur Jung von Matt, Kreativchef Andreas Putz und die Grüne Kommunikationschefin Nives Šardi lieferten im Zusammenspiel. In der Nachbetrachtung des Trios geht es auch um den kontrollierten Kontrollverlust, der nötig war, um dem Kandidaten eine Mehrheit zu verschaffen. Radjaby vergleicht die Kampagne mit einem Theaterstück ohne feste Regie: „Wir haben für die Bühne gesorgt, für Beleuchter, genug Stühle und eine Kassa. An der Aufführung selbst aber hat das Publikum wesentlich mitgewirkt.“

Es half beim Ausbalancieren von fixen Vorgaben und Freiräumen, dass Lockl aus der NGO-Szene kommt und Radjaby als Ö3-Programmgestalter das Mitmachformat „Wundertüte“ erfunden und nach dem Hochwasser 2002 das Freiwilligencorps „Team Österreich” mitentwickelt hatte. Politik sei „in hohem Maße gesteuerte Fehlervermeidungskommunikation“, sagt er. Im Vergleich dazu war die VDB-Kampagne ein Ritt über den Bodensee, wenn auch ein absichtlicher.

In Deutschland wird heuer der Bundestag neu gewählt, in Frankreich das Staatsoberhaupt, in Österreich steht für 2018 eine Nationalratswahl an, vielleicht auch früher. Warum und wann entflammen angeblich unpolitische Menschen? „Die Frage ist in allen Parteizentralen angekommen. Jetzt rauchen überall die Köpfe“, sagt Werber Radjaby. So viel lässt sich schon sagen: Gefragt sind Anliegen, die über den engen Zweck einer Partei hinausreichen, gute Plattformen zum Andocken, Wertschätzung für Freiwillige und ein Rahmen für Spaß und Gemeinschaft.


Ich wollte die Extreme entschärfen, die in den Medien aufeinandergeprallt sind.

Traude Rochowanski, 33, studierte Astrophysik. „Energie kann man nicht vernichten, nur umwandeln“, sagt die Naturwissenschafterin auf die Frage, wie es weitergehen könnte. Nach dem Studium leitete sie ein Integrationsprojekt im 15. Bezirk, eine Erfahrung, die sie aus ihrer Blase katapultierte, wie sie sagt. Auf Facebook blieb sie unter ihresgleichen. „Ich muss raus!“, befand Rochowanski am 24. April, dem Tag des ersten Wahlgangs, und postete auf der Site des Grünen Julian Schmid: „Wo kann ich mich melden?“ Es gefiel ihr, dass man sie in der VdB-Lounge nach Ideen fragte. Ihre Vorstellungen waren präzise: Im Tostmann-Dirndl, das sie besitzt, seit sie 17 ist, wollte sie durch Österreich touren. Es kam anders. Die 33-Jährige stieg in der Telefonzentrale zur Schichtleiterin auf, schulte Neulinge ein und redete sich am Keplerplatz und an anderen städtischen Hotspots den Mund fusselig: Weder könne Hofer die Grenzen völlig dicht- noch Van der Bellen sie ganz aufmachen. „Ich wollte die Extreme entschärfen, die in den Medien aufeinandergeprallt sind“, sagt sie. 300 bis 400 Stunden hat sie am Telefon, auf der Straße und in sozialen Medien für die Vdb-Bewegung investiert: „Jede Sekunde war es wert.“

Eine überparteiliche Schiene für Aufklärungs- und Bildungsarbeit würde Rochowanski zusagen. Hier trifft sie sich mit Elfi Rometsch. Die gebürtige Oberösterreicherin hatte 1978 als Schülerin in Nacht- und-Nebel-Aktionen hektografierte Anti-Zwentendorf-Pamphlete in die „Sonntags-Krone“ geschummelt, sechs Jahre später war sie als Studentin bei der Besetzung der Hainburger Au dabei. Danach war für längere Zeit Schluss mit politischem Aktionismus. Dass sie als „Immer-noch-Linke“ ausgerechnet für einen wirtschaftsliberalen Mitte-Politiker die Ärmel aufkrempelte, betrachtet Rometsch als Ironie: „Letztlich zählt, dass Van der Bellen ein zutiefst überzeugter und überzeugender Demokrat ist.“ Nun sei ihr „persönlicher Hattrick“ perfekt: Zwentendorf, Hainburg, Van der Bellen – drei Mal habe sie sich politisch starkgemacht, drei Mal sei es gut ausgegangen. Etwas Ratlosigkeit bleibt zurück: „Mein Anliegen war es nicht, Hofer zu verhindern, sondern die Demokratie zu pflegen. Hier bleibt viel zu tun. Wie lässt sich Erwachsenenbildung mit Hinblick darauf organisieren?“ Eine von vielen Fragen, die unter den Nägeln brennt.